Ausgabe 
(28.10.1915) 254. Zweites Blatt
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163
 
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Ur. 254

weites Blatt

Euscheimi sãgllich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSlezener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Urelsblatt für den Kreis Sießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ ragen erscheinen monatlich zwennal.

Gießener

General⸗Anzeiger für Oberhessen

105. Jahrgang

N nzeiger

Donnerstag, 28. Oktober 1915

Rotattonsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwwersüäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.

Die militärische verbindung mit den Bulgaren hergestellt!

Wie bei einem Tunnelbau, wenn die Bohrmaschinen aufeinanderstoßen und hüben wie drüben der erste Zuruf der Berständigung frohlockend vernommen wird, so mag es den Offizierspatrouillen zumute gewesen sein, die, wie der deutsche Generalstabsbericht vom 27. d M. in der ihm eigenen militärischen Knappheit und Schlichtheit meldet, in Osubicevac an der Donau die unmittelbare Ver⸗ bindung mit der Armee des Generals Bojad⸗ kieff herstellten. Die militärische und politische Bedeutung dieser erfreulichen Kunde liegt auf der Hand. Ein Londoner Blatt die englische Presse ist jetzt zuweilen schon recht n hat die Bedeutung jenes Erfolges, nämlich

r damit hergestellten Verbindung zwischen den Armeen der Mittelmächte und den Bulgaren, erst unlängst gekenn⸗

ichnet, als es schrieb, daß, wenn Deutschland erst die Heu e über Serbien nach Bulgarien geschlagen haben werde, alle britischen Balkan⸗Unteruchmungen zu spät kämen, nicht bloß die Hilfeleistung für Serbien.

Weiter ist die Bedeutung der Tatsache, welche der deutsche Generalstabsbericht gemeldet hat, unlängst von Enver Pascha, demtürkischen Bismarck, gekennzeichnet worden. Als er in Konstantinopel den Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg empfing, stellte er ihn den türki⸗ schen Truppen mit den Worten vor:Die Anwesenheit des Herzogs Albrecht von Mecklenburg ist das Anzeichen der Ankunft der großen deutschen Armee. In der türkischen Kammer hat Enver Pascha es kürzlich offen ausgesprochen, welche weiteren Hoffnungen er an die Herstellung der Brücke über Bulgarien knüpfe, nämlichdie Sicherstellung des Bedarfs an Waffen, Geschossen und sonstigen militärischen Erfordernissen für die Türkei. Und noch ein weiteres deutete er an, indem er hinzufügte, er seider festen Ueber⸗ zeugung, daß eine Expedition gegen Aegypten 9 ist, und daß sie von vollem Erfolg gekrönt sein wird.

In der Tat kann die Bedeutung der jetzt geschlagenen, wenn auch freilich noch zu sichernden Landbrücke von den Mittemächten über Bulgarien nach der Türkei und so weiter gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Welche Bedeutung dieser Brücke beikommt, haben die Engländer gezeigt, als sie durch ihren verlustreichen und jetzt unverkennbar aufgegebe⸗ nen Ansturm auf die Dardanellen den Mittelmächten in Kon⸗ stantinopel zuvorzukommen suchten und als sie nach dem Scheitern des Dardanellenunternehmens den Saloniki-Bluff ins Werk setzten, um dadurch, da es ihnen an den erforder⸗ lichen eigenen Truppen gebrach, Griechenland und mit dessen Hilfe Rumänien zum Anschluß an den Vierverband zu zwingen. Jetzt, nachdem die deutsch⸗österreichisch⸗ungari⸗ schen und die bulgarischen Heere die Brücke zu einander gebaut haben, bann das Saloniki⸗Abenteuer, mag die En⸗ tente auch noch weitere Truppen dorthin transportieren und deportieren, als gescheitert 1918 955 werden eben⸗ so wie die Erpressungsversuche gegenüber Griechenland und Rumänien.

Den die Spuren schrecken. Das serbische Beispiel muß abschreckend wirken. Lord Landsdowne, der voraussicht⸗ 1 Nachfolger Sir Edward Greys, hat im Oberhause bereits von einemEntsatz Serbiens durch die Entente⸗ mächte gesprochen. Das heißt, er sieht ein, daß die Ret⸗ tung zu spät kommt. Aber derEntsatz, der nie kommen wird, kann denentsetzten Serben, die, von allen Seiten

eingeschlossen, ihre Sache als verloren erkennen, nichts

mehr nützen.

Dieser slavische Balkanstaat bildet ein bezeichnendes Beispiel dafür, was der Vierverband in der Verführung der Kleinen durch die Großen geleistet hat. Und dies Exem⸗ 85 hat bereits seine Wirkung auf die bisher noch entente⸗

eundlichen Kreise in Griechenland und auf die Russo⸗ philen Bulgariens ausgeübt. Die Erklärung des Kö⸗ nigs Konstantin und die Reise des Prinzen g nach

Saloniki zeigen deutlich, daß Griechenland nicht nur ent⸗ schlossen ift, dem Vierverband jegliche Hilfesdienste zu ver⸗ weigern, sondern auch gegen etwaige Versuche Englands, aus Saloniki ein zweites Gibraltar oder Calais zu machen, auf der Wacht ist.

Aber darf man sich wundern, der Neutralenfan richt i wenn sogar Albions Bundesgenossen bei dem Versuch, 8 auf dem Balkan zu e nicht mehr mit n wollen? Der italienische Bundes⸗

osse läßt sich zum Schluß lieber am Isonzo für eigene, l 85 Balten für fremde Rechnung schlagen. Er will den Briten nicht mehr die Balkankastanien aus dem Feuer holen, obwohl jene ihm mit der Verweigerung von Geld und Kohle drohen. Russen und Franzosen freilich hat John Bull noch an der Strippe. Jene hat er durch die dem Finanzminister Bark in London auferlegten Anleihebedin⸗ gungen völlig unter finanzielle Kontrolle gestellt, und diese laubt er in der Hand zu haben, solange er Calais und die kanalküste als Faustpfand besitzt. Allein die chronische Ka⸗ binettskrisis in Frankreich und Rußland ist das Anzeichen für die dort wachsende Erkenntnis, daß man bisher nur Großbritanniens Geschäfte besorgt hat, ist zugleich ein An⸗ zeichen, daß der gesamte Vierverband sich in einer allge⸗ meinen Krisis befindet. DerCorriere della Sera meldet, daß Sir Edward Grey bei Ausbruch des Weltkrieges ge⸗ weint habe. Wie wird er da erst bei dessen Ende weinen, wenn Greys Nachfolger die Bilanz des Weltkrieges zieht!

Briefe vom serbischen Kriegsschauplatz.

Telegramm unseres zum serbischen Kriegsschauplatz entsandten Berichterstatters.

[Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Der konzentrische Vormarsch auf Kragujevac. Kriegspressequartier der deutschen Südostarmee, 26. Okt.

Nach dem Eindringen der österreichischen⸗deutschen Armee in das Innere Serbiens von der Arias bei Visegrad, bei Semlin an der Save, bei Semendria und Bazias an der Donau folgte nun der Einmarsch auf serbisches Gebiet bei Orsova, der unter der glänzenden Mitwirkung der Pioniertruppen in musterhafter Ordnung durchgeführt wurde. Dieses Einfallstor liegt in der felsigen Flußenge der Donau, dort, wo dieser mächtige Strom, von den Felsen gedrängt, seinen Flußlauf bis auf 300 Meter verengt. Aus diesem Grunde und in dieser Voraussetzung, daß die Offensive der Verbündeten dort stattfinden wird, wo der An⸗ schluß an Bulgarien der allerkürzeste ist, erwarteten die Serben am Anfang der Offensive den Donauübergang. In der Umgebung des Berges Tekija wurden gewaltige Heeresmassen konzentrirt und eine zahlreiche schwere Artillerie bereitgestellt, um dem Ueber⸗ gangsversuch energisch begegnen zu können. Wie wir wissen, wurde war an dieser Stelle en demonstriert, doch der Uebergang er⸗ splgte an anderen Stellen mit schnellem Erfolg, und die serbischen Vorbereitungen fielen ins Wasser. Die serbischen Truppen wurden zum größten Teil abtransportiert, auch das schwere Geschütz⸗ material, wie vermutet wird, zum größten Teil gegen die Offen⸗ sive der Bulgaren, und an der Teilfront bei Tellia, bezüglich gegenüber Orsova blieben nur schwache Kräfte, 2000 etwa von bderselben Stärke, wie während der abwartenden Zeit der Winter⸗ monate. Auf dem ungarischen Ufer wurde inzwischen mächtig ge⸗ arbeitet, gewaltiges Pontonmaterial zusammengezogen, eine über⸗ große Artillerie aller Kaliber konzentriert, dann erfolgte am 22. der Einschuß der Artillerie auf die feindlichen Stellungen, fort⸗ sesetzt mit intensivem Wirkungeschießen am 23. in der Frith irch mehrere Stunden, und Punkt 9 Uhr früh setzte das erste Boot mit einer kleineren Infanterietruppe über den Strom. Durch das Wirkungsschießen wurde der Feind so erschüttert, daß er sich auf die rückwärtigen Höhen zurückzog, so daß unser Uebergang nun mit ganzer Energie und vom Feinde unbehelligt stattfinden

konnte. Unsere Verluste waren bei der ganzen Unterneh die minimalsten. Auf jeden Fall kann behauptet werden, da och kein über einen großen Fluß erfolgter Uebergang mit so ge⸗ ringen Opfern erkauft worden war Während des Wirkungs⸗ schießens machte sich die serbische Artillerie wenig bemerkbar, nur am Anfang des Artilleriekampfes versuchte sie unseren Ge⸗ schützen zu antworten. Als aber eine unserer Granaten voll in einen leichten Munitionswagen einschlug und dort heftige Ex⸗ plosionen verursachte, zog sich die Artillerie ganz zurück und ließ nichts mehr von sich hören. Die Spuren unferes Artillerie⸗

seuers sah ich heute nachmittag, als ich die serbi⸗ schen Stellungen entlang der Donau besichtigte. Die Wirkung unserer Geschütze war an dem ßen Teil der langen Front eine schreckliche. Schuß neben ß liegt in den

weilgestreckten Schützengräben und Hindernissen, und das Dorf Tekisa wurde von der Beschießung besonders arg mitgenommen. In den Trümmerhaufen der Häuser und den mächtigen Granat⸗ trichtern der schweren Granaten liegen noch die nicht geborgenen Leichen. Von Tekija südöstlich versuchte die serbische Artillerie sich nochmals zu stellen und die Infanterie durch ihr Feuer im Kampf um Sip zu unterstützen, doch wurde sie von unseren nun weiter vorgebrachten Geschützen bald zum Schweigen gebracht. Die steilen Bergwege sind in einem ganz unglaublichen Zustand, und bewunderungswürdig ist es, wie unverdrossenen Mutes un⸗ sere verbündeten Truppen in diesem schwierigen Gelände sich vor⸗ wärtsarbeiten, mit so frischer Kampfeslust, die ich seit vielen Mo⸗

9 naten nicht mehr so lebendig aufflammen sah wie gerade auf diesem

Kriegsschauplatz. Nun sind unsere Truppen in diesem Felsengebiet von Dobra Woda ein beträchtliches Stück weitergekommen, und die Entfernung von den bei Negotin vorgehenden bulgarischen Truppen

wird täglich kürzer, sodaß bald die letzten Bergesschranken über⸗ brückt sein müssen. Die im Morapatal vordringenden Truppen den Armee Gallwitz gehen in immer schnellerem Siegeslauf weiter und kämpfen bereits unweit südlich des Racatales undMarkovac, so daß die Entfernung nach Kragujevac kaum ein Drittel des bisher zurückgelegten Weges beträgt. Unsere Truppen müssen, wenn die Offensive in dissem Gebiet mit solcher Energie durch⸗ geführt wird, in wenigen Tagen im Vorgebirge von Kragujevac sein, wenn auch der Vormarsch sich infolge der natürlichen Hinder⸗ nisse bedeutend schwieriger gestalten wird. Die ganze Kan. A⸗ lage ist infolge der Erfolge der letzten Tage so, daß sich das kon⸗ zentrische Zusammenwirken der drei verbündeten Armeen an allen Kampffronten bemerkbar macht und so bald zu bedeutenden Er⸗ eignissen führen müßte. Der feindliche Widerstand ist im all⸗ gemeinen zwar nicht weniger erbittert, doch merklich kraftloser geworden. Eine Hauptrichtung des serbischen Rückzuges ist im allgemeinen Zuge das Gebiet westlich des Moravatales, etwa das Gebiet der Golisska⸗Morav.. Dr. Stephan Steiner, Kriegsberichterstatter. * Heer und Flotte.

Dresden, 27. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Der König be⸗ willigte dem Staats⸗ und Kriegsminister General der In⸗ fanterie v. Carlowitz, zurzeit im Felde, die erbetene Ent⸗ lassung von dem Amte des Kriegsmi nisters auf die Dauer seiner Verwendung in der Feldstellung unter Belassung des Titels und Ranges als Staatsminister. Der König über⸗ trug dem stellvertretenden Kriegsminister Generalleutnant v. Wils dorf unter der Ernennung zum Staatsminister die Leitung des Kriegsministeriums.

Die Griechen. 5

Wenn auch die Bevölkerung des modernen Griechenland

sich im Gegensatz zu dem überaus bunten Völkergemisch der übrigen Balkanhalbinsel verhältnismäßig rein zu erhalten und die vielen fremden Elemente, die immer wieder in das Land eindwangen, teilweise restlos zu assimilieren wußte, so kann man doch ohne Schwierigkeit zwei Schichten neben⸗ einander in dem Königreich unterscheiden, die eigentlichen Griechen und daneben die Albanesen. Es gibt demzufolge auch somatisch zwei Typen. Die Griechen sind dunkel⸗ haarig, mit gelblicher Hautfarbe, klein eher als groß, hager und körperlich wie sieh sehr gewandt und regsam, die Albanesen blond und blauäugig, von heller Hautfarbe, kräftiger, aber auch in jeder Hinsicht schwerfälliger. Am reinsten hat sich der erste Typus unter den Inselgriechen erhalten, während die Untermischung mit Albanesen auf dem Festland nicht nur eine viel stärkere ist, sondern sch auch darin äußert, daß in manchen Bezirken das Albanische die eigentliche Volkssprache ist. Einzelne Stämme heben sich durch Eigenart der Sprache und Sitte von den übrigen Griechen ab, so die Maniaten auf der Taygetoshalbinsel, die in Türmen statt in Häusern wohnen und Blutrache wie Brautkauf kultivieren, die Zakonen zwischen dem Paruon und dem Meer beide anscheinend ziemlich rein erhaltene Nachkommen der alten Hellenen, die Agrafioten am Pindos und andere. Die griechische Sprache, die am veinsten in Kalamata gesprochen wird, stammt direkt von der Sprache Altgriechenlands ab und zeigt daneben türkischen und ita⸗ lienischen Einfluß, während sie sich merkwürdigerweise fast ganz frei von slawischen Elementen hielt. Die Religion der modernen Griechen ist das orthodoxe Christentum, daneben gibt es in geringer Zahl Katholiken, fast keine Protestan⸗ ten, außerdem Mohammedaner und Juden. Der eigentliche Grieche ist intelligent, fast alle Gebildeten sprechen fran⸗ zösisch und englisch, sein Charakter stellt eine seltsame Mischung guter schlechter Eigenschaften dar. Auf der einen Seite finden wir eine an das Altertum erinnernde Gastfreundlichkeit, igebigkeit, Mut und hochentwickelte Vaterlandsliebe, auf der a Seite einen ausgesproche⸗ nen Hang zum Fanatismus sowohl in nationaler Vie religiöser Beziehung, Lügenhaftigkeit und eine stark ent⸗ wickelte Sucht 8 und Hinterhältigkeiten. Daß der vielgenannte izelos als Intrigant großen Stiles ein Mann nach dem Herzen sehr vieler seiner Landsleute war, kann einen Kenner der Verhältnisse nicht in Erstaunen setzen. Die Leidenschaft des Griechen ist Handel und Schacher⸗ Ueberall im Orient haben Griechen den Handel in der Hand, sie wollen sich im allgemeinen mir sehr ungern auf andere Weise ihr Brot verdienen, so daß die Industrie sich nie recht entwickeln will, Handwerk und Landswirtschaft seit je 1 stehen. Die Landwirtschaft leidet zudem noch unter den schlechten Bewässerungsverhältnissen des Bodens. Griechenland muß das meiste von dem, was es braucht, von außen beziehen, angebaut wird neben Weizen, Gerste und Mais, Tabak, Baumwolle und allerlei Südfrüchten, die, wie

Geibel in Griechenland.

In den im Verlag von Karl Curtius neu herausgegebenen Erinnerungen an Emanuel Geibel, die der Freund des Dichters im Todesjahr Geibels niederschrieb und 1889 erscheinen ließ, findet sich eine Schilderung von Geibels Aufenthalt in Griechen⸗ land, die im Jahre seines 100 jährigen Geburtstages aus d Vergessenheit gezogen zu werden verdient. Geibel langte im Mai 1838 im 920 der Hellenen an und zog nach Kephisia, wohin er als Erzieher der beiden Söhne des russischen Gesandten be⸗ rufen worden war. Ueber diese Lehrtätigkeit erzählt Curtius: Im Winter, in Athen, versah Emanuel sein Lehramt mit voller Gewissenhaftigkeit. Ter Gesandte lud mich wohl zu den Prü⸗ fungen ein, die mit seinen Söhnen angestellt wurden, und ich war Zeuge, wie ordentlich dieselben bei ihm lernten. Hat er doch auch später im Leben den Beweis geliefert, daß er vollkommen die Gabe hatte, Liebe zum Lernen in jungen Gemütern zu er⸗ wecken. Interessant sind die Aufschlüsse über die Bekanntschaft Geibels mit der Königin Amalie:Unsere philologisch⸗poetischen Studien e einen neuen Impuls, als Professor Brandis, der als Kabinettsrat und Lehrer des Königs immer weniger in Anspruch genommen wurde, den Auftrag erhdelt, der kunstsinnigen Königin alie Vorträge über Geschichte der griechischen Poesie

halten. Für diese Vorträge lieferten wir das Material an robestücken, und wir suchten besonders von der Lyrik der Griechen eine Anschauung zu geben, indem wir von den uns erhaltenen Bruchstücken solche auswählten, welche sich zu einem Ganzen ab⸗ 2 7 75 2 7 1 50 25 da 1 81775 5 5 5 1 eidene nzungen prüngli usammenhang her⸗ ustellen. Der Gedanke, in stiller Verborgenheit für die anmutige 0 75 Königin tätig zu sein, begeisterte uns bei unserer Arbeit. nächsten Winter vollendeten wir auch unsere poetischen Ueber⸗ etzungen. Sie waren in Verbindung mit den der Königin Amalie gehaltenen Vorträ entstanden; wir hatten also den Wunsch, 5 5 ickte 7 zu widmen Fräulein v. Norden⸗ ö sieheri nigin und Ehrendame, welche auch

zuweilen die Ruppsburg besuchte und sich von dem Treiben der deutschen Kolonie erzählen ließ, vermittelte eine Audienz. Ich war bis dahin nur bei evangelischen Gottesdienste mit der Königin in Berührung gekommen, der anfangs in ihren Ge⸗ mächern gehalten wurde und so einfach eingerichtet war, daß ich über ein Jahr lang die Begleitung des Choralgesangs auf dem

der] Flügel übernehmen mußte. Jetzt nahm sie unsere Gabe freund⸗

lich an, und Emanuel dichtete eine Elegie als Widmung. Es war eine Huldigung an die Königin Amalie, ein Gruß an das auf⸗ erstandene Hellas:

Schweb' auf rauschendem Flügel, o Lied! Nun kehren die alten

Zeiten zurück, und gesühnt ist der Unsterblichen Zorn.

Aus schwer lastendem Traum ist Hellas freudig erstanden,

Ueber den Gräbern des Ruhms wandelt ein freies Geschlecht. Neu erglänzen die 7 1 0 Athens, und in des Piräus

Prächtigem Golf ziehen stolz schimmernde Segel heran.

Griechisches Volk, Glück auf! Es entfloh die osmanische Willkstr,

Freue dich, Salamis! Frei jauchzt um die Felsen das Meer.

Schlaft in Frieden, ihr Toten Thermopyläs Nimmer versehret Frevelnden Muts der Barbar euren geheiligten Staub. Das war der Anfang der Elegie, die mit dem Manuskript im November nach Bonn geschickt wurde. Brandis war so gut, den Verlag zu vermitteln. So erschien im nächsten Frühjahr das kleine HeftKlassische Studien von E. G. und K. C. bei Weber in Bonn ein bleibendes Denkmal unseres treuen Zusammen⸗ lebens auf klassischem Boden.

*

Wie Schlachtenbilder entstehen. Wie in jedem Kriege befinden sich auch jetzt wieder zahlreiche Maler auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen, und manche bedeutende Leistung der bildenden Kunst ist schon während der Kriegszeit entstanden. Aber wirklich große Schlachtenbilder werden erst nach dem Kriege geschaffen werden, nicht nur dem künstlerischen Wert nach, sondern auch was den Gegenstand betrifft. Denn es ist dabei zu bedenken, daß die historisch wichtigsten, malerisch interessantesten Geschehnisse

sich nicht begeben, wenn Maler zugegen sind oder zugegen sein können. Die Entstehungsgeschichte eines der hervorragendsten Werke aus dem Stoffgebiet des Deutsch⸗Französischen Krieges von 1870, AdamsReiterattacke der Brigade Bredow bei Mars⸗la⸗Tour am 16. August 1870, das sich in der Nationalgalerie befindet, zeigt die Schwierigkeiten bei der Schöpfung solcher Bilder. Kaiser Wilhelm hatte das Bild bei Qam bestellt; dieser entwarf zwei Skizzen, die aber beide nicht den Beifall des Kaisers fanden, da er sie alsnicht geschichtlich treu bezeichnete. Nun wurde der Oberstleutnant W. von Bremen, der schon in früheren Jahren viel gezeichnet und gemalt hatte, beauftragt, eine Skizze zu entwerfen. Er studierte eifrig die Gefechtsberichte und entwarf darauf eine Skizze. Sie wurde Moltke gezeigt, und dieser äußerte: 1905 so kann es wohl gewesen sein. Nun wurde der Entwurf auch dem Kaiser vorgelegt, und auch dieser äußerte sich zustimmend. Beson⸗ ders befriedigt sprach er sich darüber aus, daß hier auch die Ulanen zu ihrem Rechte gekommen seien. Die Attacke wurde nämlich vom 16. Altmärkischen Ulanen⸗Regiment und vom 7. Magdeburgischen Kürassier⸗Regiment, den bekannten gelben Bismarckschen Küraf⸗ sieren, ausgeführt, und alle bisherigen Skizzen hatten wohl aus malerischen Gründen die schönen gelben Kürassiere vor den minder ins Auge fallenden Ulanen mit ihren blauen Kragen und Auf⸗ schlägen zu sehr bevorzugt. Hinter der anreitenden Kavallerielinis wünschte der Kaiser noch einige gefallene Pferde und Reiter mehr zu sehen, als Oberstleutnant von Bremen gezeichnet hatte. Nachdem ich die Skizze, so berichtet der Genannte selbst,so noch vervollständigt hatte, ging sie an den Maler, und ich hatte über das weitere Schicksal lange nichts gehört, als ich nach mehreren Jahren auf unserer großen Kunstausstellung, um die Ecke eines

Zimmers biegend, plötzlich meine Skizze als großes Bild vor mir

sah. Der Maler hatte sich aufs Genaueste an 1 7 5 Darstellung gehalten, war aber leider vor der gänzlichen Vollendung gestorben, so daß einzelnes darauf unausgeführt geblieben ist.

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