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zweites Dlatt
Die„Gießener Familiendlätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das Areisblatt für den Ureis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
General⸗An
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
zeiger für Gberhessen
Freiherr v. Wangenheim 1.
Konstantinopel, 25. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Der deutsche Botschafter Freiherr von Wangenheim ist heute früh 6 Uhr 45 Minuten sanftentschlafen. Am Sterbebette waren seine Gemahlin, die Kinder und. 5 persönliche Freunde versammelt. Die Trauer 1 hier all⸗ 8 Der Sultan, der Thronfolger, die höchsten Beamten und diplomatischen Kollegen, sowie die deutsche Kolonie bewiesen während der dreitägigen Krisis beständig die innigste Teilnahme.
Mitten im Weltkriege, an dessen Gestaltung er einen so großen Anteil hatte, mußte Hans Freiherr von Wangenheim, das Zeitliche segnen. Er war kein Diplomat in jenem heut⸗ zutage fast anrüchig gewordenen Sinn der hochmütigen Zu⸗ rückhaltung und Heimlichtuerei, hinter der meist nichts an⸗ deres steckt, als Unsicherheit und Unvertrautheit mit dem Stoff. Er war äußerlich ein kräftiger, frischer Reiteroffizier und gab sich so. Groß, schlank und jovial in seiner Rede⸗ weise. Er haßte, wie Marschall der Süddeutsche, die Re⸗ präsentation als Selbstzweck. Sie war ihm ein notwendiges Uebel, das die Zeit wegfraß, und wo er nur konnte, eilte er noch im Frack aus den Diners und Empfängen hinweg in seinen stillen Arbeitsraum, wo er, die hagere Gestalt in den tiefen Ledersessel geborgen, die Nacht hindurch die Akten las. Fehlte der Sekretär, so erledigte er kurz entschlossen 197 5 das Geschäft mit der Schreibmaschine. Das Ziel und
ie Tat war ihm alles. Und von all der unermüdlichen auf⸗
reibenden Arbeit, von diesem Kampf mit den Tücken der Heinen und großen Objekte gab es für den Botschafter Wangenheim nur eines: das Klavierspiel, auf dem er weit über dem Dilettantismus zuhause war.
Was der verstorbene Freiherr während des Krieges am Bosporus geleistet hat, vom genialen Stückchen der Gewin⸗ nung der„Göben“ und„Breslau“ für die Türkenflotte bis zum Eintritt der Hohen Pforte in die Kette der Mittelmächte und zuletzt noch bei der türkisch⸗bulgarischen Einigung, das en wir hier, soweit bekannt, wohl nicht zu wieder⸗ holen. Soweit Wangenheims politisches Kunstwerk — das ist es, nichts anderes, was dieser bedeutende Mann aufgebaut hat— noch nicht voll enthüllt ist, muß sich die Presse zurzeit Zurückhaltung 1 Wenn die letzten Schleier fallen und die Geschichte dieser Weltkatastrophe geschrieben wird, steht sicherlich der Name Wangenheims auf dem Granitsockel unseres Endsieges. Wangenheim war keiner von denen, die ängstlich auf Instruktion aus Berlin harren, wenn der Augenblick eine wichtige Tat auf dem Felde der Diplomatie verlangt. Er hat in em Falle die ganze Verantwortung auf seinen Kopf genommen und nie zum Schaden des Valerlandes. Während seines kurzen Auf⸗ enthaltes in Tanger zum Beispiel— vom Juli bis Ok⸗ tober 1908—, als er für den rlaubten Dr. Rosen die Interessen Deutschlands wahrzunehmen hatte, bekannte sich 55 von Wangenheim zu der Ansicht, daß bei dem
onflikt 577 Fraukreich und Deutschland, soweit Ma⸗ rokko in Betracht kam, im wesentlichen die wirtschaftlichen Fragen in den e gestellt werden mußten, um das schlimmste— den Krieg— zu vermeiden. Er hat das Seine dazu getan, dieser Auffassung Geltung zu 1 obwohl sie nicht von allen in Betracht kommenden Stellen seteilt wurde. Als er damals schon nahe daran war, seine offer für die Heimreise nach Deutschland zu packen, in der letzten Septemberwoche, ereignete sich der Zwischenfall von C n nca, jener Streit um die Deserteure der Frem⸗ denlegion, der einige Wochen lang die bedenklichsten Formen annahm. Herr v. Wangenheim, der gerade in Berlineeintraf, als die berühmte Formel zur Beilegung des Konflikts ge⸗ sucht wurde, hat durch seine Darstellung des wahren Sach⸗ verhalts gewisse Trübungen aufgeklärt, die vielleicht— wir wollen nicht zurückprophezeien— schon damals zum Ausbruch des Weltkrieges hätten ühren können. Er nahm die Sache selbst in die Hand und führte sie einer günstigen e zu, um dann, im November, nach Athen e then war die Vor⸗ station zu Konstantinopel. In die Athener Zeit Wangen⸗ heims fallen die häufigen Besuche Kaiser Wilhelms auf Korf u. Wangenheim bam stets von Athen hinüber zu der Insel des Achilleion, und die Fäden, die damals zwischen dem griechischen Königshause und der deutschen Diplomatie
Dienstag, 26. Oktober 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
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esponnen wurden, haben sich nicht nur in den Balkan⸗ riegen als wertvoll erwiesen, sie bilden auch heute jenes unsichtbare, aber feste Band, dem alle Machenschaften des Vierverbands nichts anhaben konnten und das die Brücke bilden wird zum deutschen Endsieg auch auf dem Balkan. Was er in Athen vorbereitete, hat Wangenheim in Kon⸗ stantinopel zu einem glänzenden Erfolge gebracht, und es liegt eine wehmütige Tragik darin, daß dieser Plonier der 5 Zukunftspolitik im Orient die große Ernte nicht miterlebt.
Hans Freiherr von Wangenheim, der einer sehr verbreiteten thüringischen Familie entstammt, wurde am 8. Juli 1859 in Georgenthal geboren. Er ist aus der Offizierslaufbahn hervor⸗ egangen. Sein diplomatischer Beruf führte ihn nacheinander nach Nadrid, Stutigart, Lissabon, Kopenhagen, Konstantinopel, Mexiko, Tanger und schließlich nach Athen Seine Ernennung zum Loga⸗ tionssekretär datiert vom 10. Mai 1890, Legationsrat wurde er am 12. Dezember 1897. Gesandter in Mexiko war er vom 14. Juni 1904 bis zum Herbst 1908. Nach seiner Rückkehr aus Tanger erhielt er die Ernennung zum Gesandten in Athen, wo er am 8. Februar 1909 sein Beglaubigungsschreiben überreichte, und kam im August 1912 als Nachppige des Freiherrn Marschall als Bot⸗ schafter nach Konstantinopel. Freiherr von Wangenheim war seit 1902 mit der Freiin Hanna Hugo v. Spitzemberg vermählt, einer Tochter des 1880 verstorbenen württembergischen Gesandten in Berlin und Schwester des Kabinetts rats der Kaiserin.
Berlin, 25. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Zu dem Tode des Botschafters Freiherrn v. Wangenheim schreibt die„Nord⸗ deutsche Allgemeine Zeitung“: Aus Konstantinopel kommt die er⸗ schütternde Kunde von dem plötzlichen Tode des kaiserlichen Bot⸗ schafters Freiherrn v. Wangenheim. In ihm verliert Deutsch⸗ land einen seiner besten Diplomaten, der in der Stunde der Ge⸗ fahr, als es hieß, mit der ganzen Persönlichkeit und Energie für Deutschlands Interessen einzutreten, Hervorragendes geleistet hat. Herr v. Wangenheim hatte die Genugtuung, seine diplomatische Tätigkeit in der Hauptstadt eines Reiches, dessen Bündnis mit Deutschland seiner treuen Mitarbeiterschaft wesentlich mit zu ver⸗ danken war, von vollem Erfolg gekrönt zu sehen. Das erste Kriegsjahr in der Türkei und die nielen aufreibenden Verhand⸗ lungen, die der Verstorbene geführt hat, sind an seiner Gesund⸗ heit nicht spurlos vorübergegangen. Er mußte sich anfangs August zu einem längeren Erholungsurlaub nach Deutschland begeben. Ob⸗ wohl sein Leiden nicht ganz beseitigt war, veranlaßte ihn das Gefühl äußerster Pflichterfüllung, nach Konstantinopel zurück⸗ zukehren. Kaum auf seinem Posten wieder angelangt, traf ihn am Donnerstag ein Schlaganfall, an dessen Folgen er heute sanft entschlafen ist. Die Fürsorge seiner Gemahlin und seiner Umgebung, Oie verehrungs volle Liebe der deutschen Kolonie in Kon⸗ stantinopel und die herzliche Teilnahme der türkischen Regierung und des türkischen Volkes wurden dem Verstorbenen während der letzten Tage seines Lebens dargebracht. Diese Kundgebungen legen besser als alles andere Zeugnis davon ab, daß das Wirken des verstorbenen Botschafters eine über die Gegenwart hinaus blei⸗ bende Bedeutung gehabt hat.
Aus Hessen.
Die Nakionalliberalen und der Lebens⸗ mittelwucher. In Beantwortung des von der Geschäfts⸗ stelle der Freien en, Natio- nalliberaler in Mainz an den Geschäftsführenden Aus⸗ schuß der Partei gerichteten Ersuchens, gegen die ungerecht⸗ fertigten Preistreibereien in der Lebensmittelversorgung die nötigen Schritte zu ergreifen, ging der Geschäftsstelle ein von dem Abg. Dr. Friedberg unterzeichnetes Schreiben zu, in dem es u. a heißt:
„.. Mit Ihnen sind wir vollkommen einig, daß auch seitens der Nationalliberalen Partei in der e frage entschiedene 1 unternommen werden müssen. Wenn man davon abgesehen hat, seitens des Geschäfts⸗ sührenden Ausschusses eine Eingabe an die Reichsregierung zu richten, so geschieht es deshalb, weil bereits seitens der Reichstagsfraktion die Angelegenheit in die Hand genom⸗ men worden ist. Wie aus der letzten Nummer der National- liberalen Korrespondenz hervorgeht, hat inzwischen der Vor⸗ sitzende die Reichstagsfraktion nach Eise nach eingeladen, damit diese Stellung zu dieser brennenden Frage nimmt. Auch die preußische Landtagsfraktion ist nicht müßig ge⸗ wesen. Sie hat zusammen mit den anderen Fraktionen des Abgeordnetenhauses an den Reichskanzler das Ersuchen gerichtet, die Vorstände der Parteien behufs einer Bespre⸗ chung der Teuerungsfrage zu empfangen. Diese Besprechung wird am nächsten Mittwoch stattfinden, so daß wir in der Lage sind, dem Reichskanzler direkt unsere Be⸗ schwerden vorzutragen.“
Aus Stadt und Cand. Gießen, 26. Oktober 1915.
Wer Goldstücke abliefert, hilft mit zu unserer Stärte.
10.
Gold gestattet der Reichsleitung, nötigenfalls den Bundesgenossen die Wirtschaftsführung zu erleichtern, die in diesem Krieg unsere schwere Aufgabe mitlösen sollen. Dies ist nicht nur Kameradschaft, das ist auch eine Förderung unseres eigenen Wohlergehens: Sie zu stützen, 1 uns stark erhalten, heißt unsere Opfer mindern und das mörderische Ringen abkürzen. Wer das überlegt, kann unmöglich Gold tot im Kasten liegen lassen. Zum allgemeinen Besten muß die Reichsleitung aber auch in der Lage sein, nötigenfalls an das Ausland Gold abzugeben für Dinge, die ohne Gold überhaupt nicht oder doch nur erheblich verteuert zu erlangen sind. Das Gold zurückhalten, ist nichts anderes als das Einsper⸗ ren wichtiger Waffen im häuslichen Schranke zum Vorteil unserer Feindel Das ist gerade so, als wenn sich niemand an der Herstellung von Granaten beteili⸗ gen wollte. Man sollte meinen, es läge für jeden, dern sehen will, ohne weiteres auf der Hand, daß wir vielen kämpfenden Brüdern das Leben erhalten können, wenn wir die Möglichkeit haben, unseren Bundesgenossen mit Gold beizuspringen; denn je stärker diese sind, desto leichter haben wirs. Man soll aber auch mit der Ablieferung, mit dem Umtausch in Noten nicht warten, bis die Reichs⸗ leitung das Gold noch nötiger hat, als jetzt. Nur diese kann beurteilen, wie und wann es am meisten nützt. Und sie soll es an der Hand haben, ohne warten zu müssen.
II
Jeder kennt die Ausdrücke:„Das Geld ist knapp“,„das
Geld ist teuer“. Man hört das Tag für Tag in Zeiten eines starken Geschäftsganges von Handel und Industrie, in 9 größerer Kapitalumsätze mit lebhaftem Geld⸗
edarf und Hreditbegehr.(Das bare, harte Geld können wir nicht beliebig vermehren; dies ist nur möglich hinsichtlich der Ersatzzahlmittel, namentlich der Banknoten.) Hier setzt die Hilfe der Reichs bank ein. Die Geschäftswelt kann Forderungen, in die Form von Wechseln gebracht, bei der Reichsbank zu Geld machen. Diese gibt dafür Banknoten. Sie darf dies aber nicht ins Ungemessene tun. Denn be⸗ schränkt ist die Notenausgabe durch die selbstverständliche Rücksicht auf die jederzeitige Einlösbarkeit der ausgege⸗ benen Banknoten. Je mehr aber die Reichsbank Gold hat, desto mehr Banknoten kann sie dem Verkehr zur Verfügung stellen, und je mehr sie helfen kann, desto niedriger ist der Zins fuß. Reichen nämlich die Goldbestände für eine ungehemmte Notenausgabe nicht aus, dann muß sie not⸗ gedrungen den Zinssatz steigern, aber nicht etwa um Geld zu verdienen, sondern um die Ansprüche zu mäßigen. Geht sie mit dem Zinsfuß herauf, dann folgen so ziemlich alle anderen Banken und überhaupt die Gelddarleiher nach. Der Zinsfuß geht somit überhaupt allgemein in die Höhe. Man hört dann nicht nur sagen, das Geld ist teuer, sondern man spürt es auch am eigenen Leibe.
Wer hiernach Goldstücke der Reichsbank zuführt, der hilft: 1. vorsorgen für die Zeiten stärkeren Bedarfs an Geldzeichen in der deutschen Vollswirtschaft, 2. die Zins⸗ sätze niedriger halten, als sie sonst sein müßten, 3. Handel und Industrie späterhin in Gang bringen und in Gang halten, weil für sie das Geld eine wichtige Rolle spielt, 4. daß unsere Banknote und die deutsche Währung auch im Ausland als mit Gold reichlich gedeckt zum vollen Wert in Geltung bleiben, 5. daß die vom Ausland einzuführenden Waren vor einer Verteuerung aus Währungsgründen be⸗ wahrt bleiben, denn je mehr die deutsche Mark im Ausland gilt, desto mehr Waren kann man 117 diese Mark erhalten und umgekehrt. Und dies alles ohne eignes Opfer!
III.
Alle die, welche aufklärend wirken wollen, und alle die, welche bisher mit so großem Erfolge schon tätig waren, also die Herren Pfarrer, Lehrer, Rechner, Verwaltungssekretäre, Postbeamte usw., sowie alle, welche sich neu in diesen wichti⸗
en vaterländischen Dienst zu stellen geneigt sind— nament⸗ ich auch die Damen— mögen sich neue Werbeblätter kom⸗ men lassen; ich stelle solche gern und kostenlos zur Ver⸗
Uraufführung einer Mozartoper in Mainz.
Aus Mainz wird uns geschrieben: Die Aufgabe, der Ver⸗ gessenheit anheimgefallene Werke alter Meister zu neuem Leben erstehen zu lassen, ist nicht immer dankbar, wenn sie auch reizvoll sein mag, und oft erleiden die Neubearbeitungen erfahrungsgemä sehr bald das gleiche Schicksal, wie die Werke selbst. Die Ber⸗ gersche Neubearbeitung von W A, Mozarts lomischer Oper. „Die Gärtnerin aus Liebe“(La finta Giardiniera), be⸗ reichert aber unsere Opernliteratur um ein so sympathisches graziös⸗temperamentvolles Werkchen, daß ihm wirklich ein besseres Schicksal zu wünschen wäre. Es darf wirklich als ein Verdienst angesehen werden, daß dieses Jugendwerk Mozarts der Vergessen⸗ heit entrissen wurde und nach verständnisvoller Umformung eine bühnengerechte Gestaltung erhalten hat. Das wird nicht beein⸗ trächtigt durch die Feststellung, daß es sich hier beileibe nicht um ein Meisterwerk handelt. Die an sich harmlose Episode von der schönen Marchesa Violante Onesti, die dem Grafen Belfiere in eifersüchtiger Laune einen Korb gibt, sich aber dann in Liebe nach ihm bangt, als Gärtnerin verkleidet ihm nachreist i
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Interpret der Mozartschen Jugendkomposition, deren musikalische Feinheiten er richtig erkannte und verständnisvoll zur Geltung brachte. Seine Auffassung darf sehr wohl als Norm für Wieder- 11 gelten. Feines Stilgefühl und reifes Verständnis bewies auch die Regie des Herrn Direktor Islaub, die eine Reihe
5schöner und farbenfroher Szenenbilder geschaffen hatte, und die
im allgemeinen auch in der Rollenbesetzung eine glückliche Hand hatte. Die Darsteller fanden sich durchweg leicht in den graziösen Stil Mozarts und wußten durch recht gute n Leistungen und erforderlich frisches liebenswürdiges Spiel der anspruchs⸗ losen Handlung Leben zu leihen. In erster Linie gelang das Johanna Geißler, die als Serpetta erforderliche Tem⸗ perament im Spiel entwickelte, das ihrem Gesang von Natur eigen ist. Gertrude Lindemann schuf die Titelpartie, die sie gesanglich mit dem erforderlichen sentimentalen Hauch umkleidete. Den alten Podesta stattete Wilhelm Gom bert mit viel Humor aus. Das Publikum nahm die Neuheit mit reichem, willig gespen⸗ detem Beifall auf.
Uraufführung in der Schauburg in Han no⸗ ver. Aus Hannover wird uns geschrieben: Als erste Uraufführung der jungen Saison brachte am Mittwoch die Schauburg in Hannover Martin Frehsees kleines Spiel aus großer Zeit „Tante Tüs chen“ heraus, welches einen N stürmischen, sich von Akt zu Akt steigernden Erfolg errang, so daß die Hauptdarsteller und der anwesende Verfasser nach allen drei Aktschlüssen vor dem ausverkauften Hause wiederholt erscheinen mußten. 115 dieser neuen Arbeit des Mitverfassers des fröhlichen Spiels„Als ich noch im Flügelkleide“ vereinen sie in glücklichster Weise Ernst und Scherz zu bunten Reigen, das Leben, und damit auch dieses heitere Spiel zum Gedicht machend, dem über das Bedürfnis der Tagesunterhaltung hinaus bleibende Dauer zuge⸗ sy werden kann. Denn wenn der Verfasser auch der Aus⸗
lassenheit und der tollsten Lustigkeit sast unbeschränkten Spielraum haft, so läßt er doch das Ganze sich abheben von dem Glanze des Sieges bei Tannenberg. Ja man könnte fast sagen, die Haupt⸗ figur dieses Stückes ist, wenn sie auch unsichtbar bleibt, Hinden⸗ burg, Tante Tlls'chens Nöte und ihre Befreiung daraus sind
eigentlich Ostpreußens Nöte und Ostpreußens Befreiung, und wenn der Verfasser den schweren und schrecklichen Geschehnissen die lustige, heitere Seite abgewann, so tat er's doch mit jenem Humor, der seinen Urgrund im bitt Ernst hat, mit jenem Humor, der deutsch und frei und erlösend im innersten Kern ist. Tante Tüs'chen ist eine Nachbarin von Fritz Reuters„Mamsell Westfalen“. Und sie macht dieser Verwandtschaft alle Ehre. Sie ist ein fa⸗ moses, liebenswürdiges Geschöpf, das nicht nur die Lacher immer auf ihrer Seite hat, sondern mit manchem kräftigen Wort auch die ernsten Leute, die sie zu lauter Begeisterung hinzureißen ver⸗ mag. Darstellung und Regie unter Berthold Lehndorffs glänzender Leitung waren vorzüglich. Alexia von Olzewska als Wirtschafterin Tusnelda war eine kreuzbrave, ostpreußische Marjell mit feinem, gesunden Humor und Carl Sick der vor⸗ nehme, konservative Schloßherr. Auch alle übrigen Darsteller helfe ihr bestes, um dem Stücke zu einem vollen Erfolge zu ver⸗ fen.
— Ein Beethovenbildnis Waldmüllers. In der Ausstellung deutscher Kunst des 19. Jahrhunderts zu Leipzig befindet sich auch ein in dortigem Privatbesitze befindliches Bild⸗ nis Beethovens von der Hand G. F. Waldmüllers, das durch seinen Gegenstand, wie durch den Meister des Werkes gleicher⸗ maßen Aufmerksamkeit verdient und jetzt durch in der bekannten Seemannschen„Zeitschrift für bildende Kunst“ weiten Kreisen zugänglich gemacht wird. Das Bildnis stammt aus dem Jahre 1823 und nimmt in der Reihe der Beethoven⸗ bildnisse einen bedeutsamen Platz ein. Aeußerlich schlicht und don knapper Prägung, ist es, wie Hermann Voos über das Werk schreibt, voll innerer Kraft. Waldmüller gewinnt den überwäl⸗ tigenden Eindruck seines Beethoven ausschließlich aus dem kon⸗ isen, tektonischen Aufbau des breiten, mächtigen Kopfes, in dessen wee Masse die zusammengepreßten Lippen und der tief for⸗ schende Blick des Auges die geistige Belebung tragen. Kein Gegen⸗ satz kann stärter sein, als der zu dem bekannten Beethoden⸗ bildnisse Stielers, das ganz auf die äußerliche Wirkung gestellt ist und das besitzt, was man zu jener Zeit unter blühendem Kolo⸗ rit verstand. 8
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