Ausgabe 
(9.10.1915) 238. Zweites Blatt
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Nr. 238 i

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

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zweites Blatt

DieEleener Famlliendlätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Urelsdlatt für den Ureis Sleßen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Ist Serbien noch widerstandsfähig? Von einem militärischen Mitarbeiter wird uns schrieben: 5

Auf einer Frontbreite von rund vierhundert Kilo⸗ metern sind die verbündeten Truppen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns über die Stromschranken der Drina, Save und Donau in Serbien eingedrungen. Schon dieser Zahlenbegriff zeigt deutlich, wie wenig man hier von einem Nebenkriegsschauplatz oder von einer Demonstra⸗ tion sprechen kann. Kurz vor dem Lobruch der deutschen Offensive bei Semendria am 20. September hatten näm⸗ lich serbische Flieger auf französischen Maschinen Erkundungsfahrten bis fünfzig Kilometer nach Ungarn hinein gemacht undkeine nennenswerten Truppenzusam⸗ menziehungen gemeldet. Es handle sich wohl nur um einen Scheinangriff, eben eine Demonstration, meinten die

ge⸗

Blätter* Nisch. Heute stellt sich heraus, daß die serbi⸗ schen Pilöten durch geschickt angelegte Maskierungen ge⸗

täuscht und, wo sie doch etwas hätten sehen können, bei⸗ zeiten durch Abwehrgeschütze und Kampfflugzeuge verjagt

wurden. Aus der vermeintlichen Demonstration ist ein groß

angelegter, mit Wucht und Erfolg vorgetragener Angriff geworden. Es wäre aber voreilig und töricht, zu er⸗ warten, daß nun Serbien über Nacht durchrannt, besetzt und erobert werde. Es wird wahrscheinlich ein hartes, bitteres Stück Arbeit werden. Ungewöhnlich große Hinder⸗ nisse sind allein schon in der Lage des Landes und der Geländegestaltung zu überwinden. Die Marschleistungen für die Angreifer werden sehr bedeutend sein. Als seinerzeit die österreichisch-ungarische Heeresleitung ihren ersten kon⸗ zentrischen Angriff gegen den Nordwestwinkel Serbiens richtete der Karpathenkampf hat jene Aktion unter⸗ brochen, da wurde trotz der erfreulichen Erfolge klar, daß man es mit einem zur Verteidigung geradezu ideal eingerichteten Gebiet und mit keinem untüchtigen und feigen Feinde zu tun hat. Wir hassen und verachten die serbische Politik als die frevelnde Brandstifterin des Welt⸗ krieges, aber wir haben gar keinen Grund, auf den serbi⸗ schen Soldaten herabzusehen. Er hat in den Balkankriegen seinen Mann gestellt und im Weltkriege aus seinem Land von 80 000 Quadratkilometern mit 3600 000 Einwohnern eine einzige starke Riesenfestung gemacht. Der serbische Soldat ist Bauer, gewohnt an harte Arbeit bei allen Witte⸗ rungsverhältnissen. Wenn er neben seinem Proviantwagen einherschreitet oder das Ochsen⸗ oder Pferdegespann einer Hanone antreibt oder ein störrisches Büffelpaar zum Gehorsam zwingt, so ist er in seinem Element, denn er hat sich sein Leben lang mit ähnlichem beschäftigt. Genügsam, zäh, widerstandsfähig ist jeder einzelne, und wenn auch der Typhus monatelang in den serbischen Laza⸗ retten gewittet haben mag, die draußen und gesund Ge⸗ bliebenen sind ein gutes, ja vorzügliches Truppenmaterial, des angreifenden Feindes nicht unwürdig. Auch der ser⸗ bische Offizier wird von allen Fachleuten bei Freund und Gegner gelobt. Dazu kommt noch etwas anderes. Man hat im Laufe des Krieges so manches nebenher gehört von schauderhaften Zuständen in Serbien, von Verwahrlosung und Demoralisation, von Auflehnung und Zusammen⸗ bruch. Diese andeutenden Meldungen konnten sich aber wohl kaum auf den Zustand des serbischen Heeres und seinen gesunden Kern beziehen. Denn da ist man muß wohl sagen leider vieles noch in bester Ordnung und wird unseren braven Truppen zu schaffen machen. Man hat sich ja schon in den Balkankriegen gewundert, wie ein so armes Land wie Serbien, vom freien Verkehr mit der großen Außenwelt abgeschnitten, eine Armee, wie sie kein kein anderer Balkanstaat in gleicher Volllommenheit be⸗ saß, aufstellen und ausrüsten konnte. Die Serben hatten einfach alles, bis zum letzten Knopf. Ihre Gewehre, ihre Pferde, ihre Uniformen, ihre prächtigen Ochsengespanne, ihre Geschütze und Geschützwagen, ihr Sattelzeug, alles war neu und tadellos. Woher kam das viele Geld für die kostspieligen Anschaffungen in dem nächst Montenegro ärmsten Balkanlande? Sehr einfach ist die Antwort: na⸗ türlich von Rußland. Unbegrenzte Mittel flossen aus Petersburg nach Belgrad. Serbien konnte Geld und Muni⸗

Samstag, 9. Oftober 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

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straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrift⸗

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tion haben, soviel es wollte. Und während des Weltkrieges war es nicht nur die russische Unterstützung, die Serbien verhältnismäßig so widerstandsfähig machte, sondern über Saloniki kamen, wie man weiß, endlose Züge von eng⸗ lischem und französischem Kriegsmaterial ins serbische Land gefahren. Griechenland hat es zugelassen. Und wenn heute aus den Truppenlandungen des Vierverbands in Saloniki nicht viel werden sollte, so haben unsere Gegner doch Zeit genug gehabt, ihr serbisches Hätschel- und Sorgenkind bei kriegerischer Nahrung und Laune zu erhalten. Gewiß, poli⸗ tisch herrscht wohl jetzt in Nisch die größte Verwirrung, die Skuptschina, die Banken, die Staatsämter flüchten nach Pristina. Aber das serbische Heer wird wahrscheinlich nicht flüchten. Sein Widerstand, seine Stärke muß gebrochen werden, und wir können nur mit Stolz auf die gewaltige Aufgabe blicken, die unsere verbündeten Heeresleitungen nun auch im dritten Balkankriege übernommen haben.

Aus Stadt und Land. Gießen, 9. Oktober 1915.

* Stadttheater. Wie schon mitgeteilt, ist es der Direktion gelungen, trotz der schwierigen Verhältnisse guten Ersatz für die ausscheidenden Mitglieder zu gewinnen. Als erste Liebhaberin ist Frl. Ang. Rubens verpflichtet wor⸗ den, die dies Fach in den letzten Jahren am Bremer Schau⸗ spielhaus mit schönem Erfolg vertreten hat. Die Künstlerin, die, wie man uns schreibt, über glänzende Mittel verfügt, wird gleich in den beiden ersten Abonnementsvorstellungen Freitag, den 15., inErnst von Schwaben und Dienstag, den 19., inComtesse Guckerl in zwei größeren Aufgaben ernsten und heiteren Charakters beschäftigt sein. Als erste Naive wurde Frl. Else Burghoff vom neuen Stadttheater in Bremerhaven gewonnen, die sich bereits im Sommer in Bad⸗Nauheim die Gunst des Publikums in hohem Maße errungen hat. Eine junge und fesche erste Soubrette gibt das Magdeburger Stadttheater in Frl. Herta Zondervan an unsere Bühne ab. Das Fach der Väter wird durch Herrn Wilhelm Hellmuth vom Hanauer Stadttheater, das der jugendlichen Komiker durch Herrn Artur Eugens vom Danziger Stadttheater vertreten werden. Beide Herren haben sich bereits im Sommer in Bad⸗Nauheim aufs beste bewährt. Für Helden und Liebhaber wurde Herr Ernst Theiling vom Schillertheater in Hamburg verpflichtet.

* Oberhessischer Kunstverein. Die Verände⸗ rungen im Ausstellungssaal für die Unterbringung der Ge⸗ mälde der Dr. Hans⸗Bock⸗Gedächtnis⸗Stiftung sind soweit fertiggestellt, daß die Eröffnung der Ausstel⸗ lung bald 1 kann. Einladungen, die an sehr namhafte Künstler zur Beschickung der Eröffnungs⸗Ausstellung er⸗ gangen sind, haben schöne Erfolge gehabt, so daß dieselbe eine große Anzahl von hervorragenden Kunstwerken auf⸗ weisen wird..

** Wohltätigkeitskonzerte finden heute und morgen zugunsten der deutschen Gefangenen in Rußland im Kaffeehaus Amend statt. g

* Ersatz für Kupferkessel. Wir brachten in Nr. 231 desG. A. die Notiz eines Fachmannes über Ersatz für Kupferkessel, worin gesagt wurde, daß die Preise für Ersatzkessel bereits um 100200 Prozent ge⸗ stiegen seien und überdies befürchtet werden müsse, daß ein großer Teil der jetzt zur Verfügung stehenden Ersatz⸗ kessel im Gebrauch versagen werde. Dazu schreibt uns der Verband deutscher Eisenwarenhändler:Wohl sind die Preise für die hier in Betracht kommenden Erzeugnisse, wie für alle anderen Waren, während des Krieges gestiegen, weil nicht nur Roheisen und Kohle erheblich teurer geworden sind, sondern auch höhere Löhne gezahlt werden und überdies die ebenfalls gewachsenen allgemeinen Betriebskosten der Fabrikation jetzt auf eine wesentlich geringere Erzeugung verrechnet werden müssen; jedoch hat der Umstand, daß für beschlagnahmte Kessel Ersatz zu beschaffen ist, zu nennens⸗ werten Preissteigerungen bisher nicht beigetragen. Auch ist die Güte der Ware nicht geringer geworden. Trotzdem raten auch wir dringend, die Beschaffung von Ersatz, soweit er aus den Vorräten des Handels nicht gedeckt wer⸗ den kann, nicht allzu stürmischgeltend zumachen.

Die Fabrikanten sind bis zur Grenze ihrer Leistungsfähig⸗ keit beschäftigt, und eine Ueberspannung der Kräfte könnte allerdings zu Preissteigerungen führen. Man lasse deshalb dem Handel Zeit, so wird er Ersatz zu angemessenen Preisen und in guter Beschaffenheit bereitstellen können.

* Vom Bindfaden verbrauch. Gehen wir jetzt auch mit dem Unwichtigsten sorgsam um, so können wir dadurch an Roh⸗ stoffen sparen und beschränken bei den gestiegenen Rohstoffpreisen die Ausgaben wesentlich. In dieser Beziehung sei beispielsweise auf den Bindfaden verbrauch aufmerksam gemacht. Der deutsche Jahresbedarf an Bindfaden beträgt 25 bis 30 Millionen Kilogramm. Der hierzu benötigte Rohstoff hat einen augenblick⸗ lichen Wert von ungefähr 60 Millionen Mark. Diese Zahlen lasseun erkennen, welche Beträge für die Volkswirtschaft während des Krieges durch Sparsamkeit gewonnen werden können. Bisher finden diese Werte ihren Untergang zum großen Teil im Papierkorb, Kehrichteimer und Feuer des Kochherdes. So un⸗ wichtig Bindfaden an sich erscheint, so wenig kann er im Waren⸗ 98 entbehrt werden. Damit der vorhandene Rohstoff den Bedürfnissen des Krieges vorbehalten bleibt, und damit unser Wirtschaftsleben durch den Mangel an Bindfaden nicht erschwert wird, muß jeder einzelne sämtlichen Bindfaden zukünftig sorgsam sammeln und von neuem verwerten. Wir sind gewohnt, mit diesem unentbehrlichen Verpackungsmaterial im großen und ganzen ver⸗ schwenderisch umzugehen, wenngleich einzelne sparsame Hausfrauen schon immer die mühsam entknoteten Bindfadenenden für zukünf⸗ tigen Gebrauch auf Knäuel wickelten. Da Bindfaden durch den Gebrauch nicht verloren geht und durch Aneinanderknoten die ein⸗ zelnen Enden immer wieder zu neuer Verwendung geeignet ge⸗ macht werden können, so können beträchtliche Mengen Rohstoffe für wichtigere Zwecke Verwendung finden und außerdem nicht un⸗ bedeutende Werte für die deutsche Kriegswirtschaft gespart werden. Wenn daher zukünftig in jeder Fabrik, in jedem Geschäft und in jedem Haushalt sämtlicher Bindfaden gesammel⸗ und wieder von neuem zur Verwendung hergerichtet wird, so könen wir mit den augenblicklichen Vorräten noch auf sehr lange Zeit auskommen. Es würde sich außerdem empfehlen, daß die Spinnereien den Ankauf von gebrauchtem Bindfaden in die Wege leiten, um ihn wieder herzurichten und den Verbrauchern von neuem zuzuführen. Bei der bewährten Anpassungsfähigkeit unserer Industrie wird es den Bindfadenfabriken zur Ersparung von Faserrohstoff sicherlich gelingen, dessen Kern aus Hanf oder Flachs, im übrigen aber aus Papier hergestellt ist. Auch nur aus Papiergarnen hergestellter N ann in zahlreichen Fällen als Ersatz Verwendung. inden. 8

** Säet Spinat und Feldsalat! Man schreibt unss Noch ist es Zeit, Spinat und Feldsalat zu säen. denn im Laufe de oft warmen Oktobers bilden sich noch schöne Pflanzen heraus, die am besten überwintern und im Frühling schnell heranwachsen. Diese Winterkultur nimmt das Land zu einer Zeit in Anspruch, wo es für die empfindlichen Kulturen entweder nicht mehr oder noch nicht begehrt wird. Der Boden muß nach Möglichkeit ausgenutzt werden. Bekanntlich sind die beiden genannten Gemüse ihrer Eisen⸗ haltigkeit wegen sehr beliebt und begehrt.

Landkreis Gießen.

» Klein⸗Linden, 8. Okt. Aus unserer Gemeinde hat der Weltkrieg ein weiteres Opfer gefordert. Musketier Heinrich Adolph hat auf dem westlichen Kriegsschauplatz den Heldentod fürs Vaterland erlitten. Mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse wurde der Reservist Gefreite Wilhelm Adolph ausgezeichnet.

** Lollar, 8. Okt. Wehrmann Otto Krause, Teilhaber der Firma Jughard& Krause, erhielt die Hess. Tapferkeits⸗ medaille. 5

8 Bersrod, 8. Okt. In den letzten schweren Champagne⸗ kämpfen erlitten zwei junge Leute von hier, einstige Schulkameraden, den Heldentod, nämlich Unteroffizier Heinrich Find, Inhaber des Eisernen Kreuzes 2. Klasse und der Hessischen Tapferkeitsmedaille, und Musketier Wilhelm Schmitt im selben Regiment. Offizier⸗ Stellvertreter Philipp Schneider bei einer Maschinengewehr⸗ Abteilung erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse.

Kreis Friedberg.

Bl. Friedberg, 8. Okt. Anläßlich der Eröffnung des neuen Warenhauses der Firma Geschwister Mayer hat dessen Besitzer Alexander Levy dem Bürgermeister den Betrag von 1000 Mk. zur Verwendung für bedürstige Witwen und Waisen gefallener Friedberger Krieger überwiesen.

A Bad⸗Nauheim, 8. Okt. sind 21064 Kurgäste angekommen. 7. Oktober 1915 276 438 abgegeben.

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Bis zum 7. Oktober 1915 Bäder wurden bis zum

Neues über Karl Auguft und Goethe.

Weimar gilt uns Deutschen weit mehr als eine fürstliche Residenz, als Wohnstätte unserer größten klassischen Dichter; Wei⸗ mar ist uns ein Symbol deutscher Geistesgröße g.ein Stern, zu dem wir aufschauen in guten und bösen Tagen, der seinen Glanz in alle Ewigkeit nicht mehr einbüßen wird. Und auch in diesem gewaltigen Kriege, den man mit Recht den deutschen nennt, weil das Ziel unserer Feinde nicht nur die Niederzwingung unferes Vaterlandes, sondern die Vernichtung des Deutschtums ist, auch in diesem Kriege vergessen wir die Bedeutung Weimars nicht, vergessen wir sie so wenig, daß wir während des blutigen Ringens um unsere Existenz noch Zeit und Muße finden, uns mit der historischen Erforschung dessen, was sich uns in dem Begriff Weimar verkörpert, ernsthaft und gründlich zu beschäftigen. Es ist jedenfalls mit Freuden zu begrüßen, daß in Tagen entscheidender opferreicher Kämpfe und politischer Höchstspannung, wie wir sie gerade jetzt durchleben, ein Buch überhaupt erscheinen konnte, ja sogar allgemeinen Interesses von vornherein sicher war, obwohl es mit den Zeitereignissen in keiner Weise in unmittelbarem Zusammenhang steht, das den beiden bedeutendsten Persönlichkeiten Weimars gewidmet ist: Goethe und Karl August. Neben so vielen anderen ist auch diese Tatsache ein unabstreitbarer Beweis für die durch nichts zu zerstörende Kraft des deutschen Volkes. Von dem Herzog von Weimar, der bisher viel zu wenig beachtet wurde, besaßen wir bisher nicht einmal eine auf wissenschaft⸗ licher Grundlage beruhende Biographie. Umso wertvoller ist nun für uns das wahrhaft fürstliche Geschenk, das der Nachfahr Karl Augusts auf Weimars Fürstenthrone, der Großherzog Wilhelm Ernst, dem deutschen Volke darbietet. Aus Anlaß der Hundertjahr⸗ feier des Großherzogtums hat er den Auftrag erteilt zu einem zehnbändigen monumentalen WerkeKarl August. Darstellungen und Biiese zur Geschichte des weimarischen Fürstenhauses und Landes. Die wissenschaftliche Gesamtleitung sowie die Biographie hat Geh. Hofrat Prof. Dr. Erich Marcks übernommen, Heute liegt uns nun der ersle Band des großzügigen Werkes vor, der mit dem Brieswechsel zwischen Herzog⸗Großherherzog Karl August und Goethe die Reihe der Publikationen würdig eröffnet. (Verlag von E. S. Mittler und Sohn in Berlin.) Vor mehr als 0 Jahren sind diese Briefe zum ersten Male veröffentlicht worden, id zwar von dem Leibarzt des Herzogs, Dr. Carl Vogel. In⸗ n sind noch manche Briefe aufgetaucht und eine große

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Anzahl von dem neuen Herausgeber Hans Wahl in zeitraubendem, systematischem und glücklichem Forschen entdeckt worden; außerdem ist jetzt die Originalschreibweise beibehalten.

Bringen die jetzt neu bekannt gewordenen Briefe auch natur⸗ gemäß keine ungeahnten Enthüllungen, so bieten viele Einzelheiten in ihnen doch neues und wertvolles Material. In dem krausen Amtsstil des 18. Jahrhunderts wird am 19. Januar 1779 Goethe die Direktion des Land- Straßenbaues übertragen. In der Verfü⸗ gung heißt es zum Schluß:Wie Wir, daß auf diese Art und bey unterhaltenden guten Einverständniß das Geschäffte wohl und Un⸗ serer Intention gemäß zu behandeln seyn werden, gewiß versichert sind; Also begehren Wir hiermit gnädigst, Ihr wollet Euch nach dem was vorstehet, zur Erreichung jener Absicht, auf das genaueste achten, auch den hierunter an Euch gewiesenen Hauptmann Castrop überall mit erforderlicher Anweisung versehen. An dem geschiehet Unsere Meynung, und Wir sind Euch mit Gnaden gewogen. Kurz darauf wurde das Amt erweitert durch Uebertragung derAuf⸗ sicht über die um die Stadt gehenden Promenaden und die Direktion des hiefigen Stadt⸗Pflaster Bau⸗Wesens. Die Straßenpflasterung Weimars lag damals freilich noch sehr im Argen. Als Vorsitzen⸗ der der Kriegskommission nahm Goethe an verschiedenen Orten Aushebungen vor, wie er sie in einer Zeichnung selbst festgehalten hat. Bei einer solchen Gelegenheit schreibt er einmal aus Butt⸗ städt an den Herzog;Indeß die Pursche gemessen und besich⸗ tigt werden, will ich Ihnen ein Paar Worte schreiben. Es kommt mir närrisch vor, da ich sonst in der Welt alles einzeln zu nehmen und zu besehen pflege, ich nun nach der Phisiognomick des Rei⸗ nischen Strichmaases alle Jung Pursche klassifiziere. Doch muß ich sagen, daß nichts vorteilhafter ist als in solchem Zeuge zu kramen, von oben herein sieht man alles falsch, und die Dinge gehn so 1 daß man um was zu nuzzen sich nicht genug im menschlichen Gesichtskreis halten kann. Amtliche Geschäfte kommen zur Sprache in mancherlei Berichten, wobei Goethe Vorschläge un⸗ terbreitet über die Aufhebung des Verbots der Verehelichung un⸗ ter dem 24 Jahre und die Befreiung der jungen auswandernden Handwerksburschen von den gewöhnlichen Pässen sowie über die An⸗ fertigung einer genauen topographischen Karte durch den später berühmt gewordenen Wasserbautechniker und Geographen Wiebe⸗ king. Diese Harte wurde 1806 vom französischen Generalstab aus der Herzoglichen Bibliothek gestohlen. Am 9. März 1790 wird ein Commissorium für den Herrn Geheimen-Rath von Goethe all⸗ hier ausgefertigt, der sichsondern Zeit⸗Verlust nach Jena be⸗

geben und die Unruhen unter den Studenten, die mit dem Militär in Tätlichkeiten geraten waren, untersuchen und die Ruhe wieder⸗ herstellen sollte. Des Herzogs Briefe aus dem Feldzuge 1793 sind weit persönlicher gehalten; ganz freimütig spricht da der Freund zum Freunde, namentlich über den Prinzen Konstantin, der seiner Mutter und seinem älteren Bruder viel Verdruß bereitete.Daß meine brüderliche Liebe oftmals den Kelch absetzen würde, ehe er die Arzeney auch nur zu kosten wagte, habe ich schon anfangs Juli 1792 sehr deutlich bemerkt, weiter aber nichts ausgerichtet, als daß ich meinen Vorrath von Gedult noch um das Doppelte vergrößern, dann aber ihn wieder Metzenweise außmessen muste, um alle acht Tage auf ein Projeckt wegen der Teilnahme am Kriege zu antworten und es zu bestreiten, welches nichts taugte... Ich bin zu alt, und mein Heldenmuth ist zu sehr erloschen, als daß ich mir die Haare außraufte, wenn mein nächster Verwandter eben keinen außgezeichneten Heldentrieb an den Tag legt... Läug⸗ nen kan ich aber nicht, daß, wenn mein Sohn, hätte er das Kriegshandwerck ergriffen, soviele Bedencklichkeiten auffände, um vom Collegio practico seines Standes sich zu entfernen, ich sehr empfindlich seyn und mein graues Haupt sencken würde. Eine Reihe kleiner Handbilletts behandeln meist unwichtigere Angelegen⸗ heiten, wie sie der Tag brachte. Außerordentlich bezeichnend für das gegenseitige Verhältnis ist ein kurzes Schreiben vom 3. Sep⸗ tember 1803, dem Geburtstage des Herzogs:Tausend Danck, lieber Alter, für Deinen thätigen guten Willen bey einer Ange⸗ legenheit, die für uns sehr wichtig ist; und dann für Deinen An⸗ theil an dem heutigen Tage. Kürschner, der Petersburger Courier, kam, weckte mich heute Morgen mit der frohen Botschaft, daß die Verlobung des Erbprinzen in Petersburg vollzogen sey, der Key⸗ ser meinen Sohn zum General Lieutenant, Chef des Kiewschen Grenadier Regiments und Ritter des Andreas Ordens ernannt hätte. Leb wohl. Und als Gegenstück ein Briefchen Goethes, als Karl August seinen Geheimräten Goethe, Voigt, Fritsch. Schnauß und Schmidt vor dem feierlichen Einzuge der Erbprin⸗ zessin das Prädikat Excellenz verliehen hatte:Ew. Durchl. haben

Ihre geheimen Räthe vor der ganzen Welt für excellente Leute erklärt, wofür wir uns zu unterthänigstem Danck verpflichtet füh⸗ len. Was mich insbesondere betrift; so finde ich alle meine Wünsche

erfüllt, wenn Sie mich, bester Fürst, nur für leidlich halten wol⸗ len, solange ich noch in dem Ihrigen fortwirken, Ihre Befehle zu vollziehen und Ihren Wünschen vorzuarbeiten strebe. Mit frühern Gnaden und Hulden auch später empfehlend Goethe.

N. .

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