öweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. 0
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Nreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zeit-
ragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Zum zweitenmal auf der Fahrt zur Front!
Ein Gießener Feldzugsteilnehmer, der vor einigen Ta— gen zum zweiten Male nach dem Westen ausrückte, sendet uns von unterwegs eine Schilderung seiner Reiseerlebnisse, die namentlich ein anschauliches Bild von dem derzeitigen Leben in Belgiens Hauptstadt gibt:
Auf der Fahrt durch Metz sehe ich auf einmal am Himmel in der Ferne einen deutschen Fesselballon und merke nun, wie nahe ich eigentlich an der vorderen Linie bin.“
In Luxemburg, das ich mit planmäßigem Schnellzug in kürzester Zeit erreiche, benutze ich den Aufenthalt zur Besichtigung der Stadt. Ihre Lage auf beiden Seiten einer gewundenen, tief einschneidenden Talsenke macht sie anziehend. Weithin ziehen sich 3. D. neu angelegte, breite Prunkstraßen, die oft erst teilweise bebaut sind. itten in dem etwas gedämpft sich abspielendem Verkehr dieser vornehm sein wollenden Residenz tauchen deutscho Landsturmmänner auf. In meinem Helm und Leibriemen muß ich ein seltenes Bild abgeben, denn man gafst mich an und sieht mir nach. Vielleicht auch, weil ich Glas und Pistole bei min trage. Dieses Völkchen könnte eigentlich glücklich sein, denn mitten im Krieg genießt es tiefsten Frieden. Auffallend groß ist die Masse der Menschen auf der Straße, besonders der in wehrfähigem Alter. Hie und da sieht man einige luxemburgische Soldaten in ihrer kleidsamen, der österreichischen Uniform angeglichenen Tracht, mit ihren hohen roten, unkriegsmäßigen Kragen und eng an⸗ schließenden Jäckchen. Stolz schlendern sie vorbei und grüßen nicht im Gegensatz zu allen Polizisten und Zivilgardisten Luxem⸗ burgs und Belgiens. Diese Paradesoldaten sind doch ein Hohn, auf den Kriegszustand fast der ganzen Welt.
Trotzig zurückhaltend erscheint die fast durchweg deutsch spre⸗ chende Zivilbevölkerung; wenn man sie länger beobachtet, kann das harte Urteil eines deutsch gesinnten Gastwirtes begreifen der mir nach längerer Unterhaltung sagte, diese Gesellschaft ver⸗ diene die hohen Entschädigungen für Flurschaden und dergleichen wirklich nicht..
In 7 Stunden bin ich in Brüssel. Hatte man im Herbst noch überall zerstörte Brücken, in der Ausbesserung befindliche Gleise sehen können, so ist jetzt davon kaum noch eine Spur zu bemerken. Ueberall deutsche Schilder.„Fahrdienstleiter“,„Ein⸗ gang“,„Ausgang“ usw., überall blinkt die rote Mütze des Vor⸗ stehers; sogar die Bahnmeistereien sind abgeteilt und ihre Grenze unterwegs auf sauberen Tafeln angegeben. Ein Blick aus dem Fenster, wenn der Zug hält, auch diese weißen, tadellos gemalten
er und man glaubt, in der Heimat zu sein, besonders wenn ernem ein Schaffner die Stationen in die Ohren schreit in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran läßt, daß er nicht weit von Frankfurt zuhause ist.
Brüssel. Ist hier Kriegszustand? Nur ein paar Wachen und auffallend wenig Soldaten in den Straßen; auf dem großen Bahnhof Landsturmposten. Aber wo hätte man im Herbst zur Zeit der großen Schlachten und Transporte Zivilisten, deutsche und eingeborene, auf der Bahn gesehen? Aus meinem Zug steigt eine große Zahl gutgekleideter Zivilpersonen aus, sicher nicht alles Deutsche. Sofort entsteht ein großes Gerenne nach dem Ausgang, besonders ber den Nichtdeutschen. In ihrer lebhaften Art haben sie nicht lange Zeit, bei der Paßkontrolle zu warten, und darum * der erste sein.
dem Bahnhof ein Treiben, das echt romanisch ist und einem beinahe südländisch anmutet: die Zeitungsjungen, die Kartenverkäuferinnen und Zündholzbuben überfallen mich, den Neuangekdommenen, förmlich, und die Landsturmposten lachen in sich hinein, als sie sehen, wie ich nur mit Mühe diese dreck⸗ mäulige Gesellschaft abschütteln kann, aus der sich mir unter Plärren und Schreien, bald bittend, bald aufdrängend, die unge— waschenen Hände entgegenstrecken. Oberttalienische Bettler und Verkäufer sind im Vergleich hierzu noch anständig. Lief mir doch ein Kartenjunge eine ganze Weile nach und bot schließlich seine 24 Karten für nur 70 Pfg. an statt vorher 80 Pfg. Um ihn endlich los zu werden, versprach ich ihm, wenn ich überhaupt kaufte, dann seine zu nehmen bei meiner Rückkunft. Nach eswa
eine ganz andere Ecke des am Rockzipfel? Derselbige! kaufs- und Prunkstraßen eihe nach die jetzt mit deut⸗ die einstens so belebte Börse, das Rathaus mit seinem ihmten Turm, dem gotischen Saal und gemäldereichen Galerien, die städtische Diener schweigend zeigen. In den Verwaltungsrät geht das Leben seinen alten Gang weiter, ebenso in dem daf dtbild weithin bestimmenden Justizpalast. Während in den Seitenräumen Richter und An⸗ wälte in feierlicher Tracht, mit eine rnehmen Pose, im schwarzen Talar und weißen Bäffchen einhergehen und mit Klienten und Parteien verhandeln, sitzt in d Prunkraum des Palastes, im großen Schwurgerichtssaal, eine Kompagnie. Das Bild vom Leben dieser Feldgrquen will sich nich hiclen in den Rahmen dieses lichtarmen, mit seiner wuchtige kasse erdrückend wirkenden Raumes. g Wichtiger aber als das Leben etwas Geschäftsmäßiges hat, ist de auf der Straße und in der K scheint einer äußeren Ruhe gewis Interesse für andere, je nach B lässig und nichtachtend als Mitg! gehen sie durch die belebten Str man Abbildungen des Königspaare allen möglichen Zusammenstellun Farben anzubringen. Nun ist es
der Geschlechter: Männer und K
oder ein Bändchen im Knopfloch selten auffällig. Unter den Fraue man kaum eine, die nicht in irgen zum Ausdruck brächte, ser es
Stunden komme ich ahnungsl. weiten Platzes,— wer hat mich
Ich solge den breit angeleg
t diesen Gebäuden, das immer Verhalten der Bevölkerung Die frühere Aufgeregtheit nm zu sein. Emsig und ohne mund Gewerbe, oder stolz, r der besseren Gesellschaft, In allen Läden fast findet und des belgischen Heeres; in sucht man die belgischen chnend für das Temperament en tragen vielfach eine Schleife mit den Nationalfarben, aber und Mädchen dagegen findet velcher Form ihr Belgiertum Bändern, Schleifen, Schär⸗ in solcher Form und Größe, inheitlichen Bau des Kleides ing oft kaum noch verträgt. s in den Kirchen; in ihre ben. Auf den mit prachtvollen altären findet man Sträuße mit Kathedrale und anderswo Fahnetüchern, große, sarko⸗ wie man mir sagte, Seelen⸗ werden. ge des geschäftlichen Lebens auch, vielleicht nur nicht n Warenhaus schreit mit un⸗ waschenes Vlamenweib mit — dix centimes!, ihr gesellen ungsjungen, Spargel⸗ und Belgien typischen Hunde⸗
Hallen scheint er sich geflüchtet zu h Blumen überreich geschmückten Mai schwarz⸗gold⸗roten Schleifen, in de sah ich, überdeckt mit belgischen phagähnliche Aufbauten, vor denen messe für belgische Gefallene gel Auf den Straßen geht das G weiter, wie in unseren Großst! ganz so laut. Vor einem gro nachahmlichem Tonfall ein schmutzig⸗gelbem Haar: la viole sich andre Blumenverkäufer zu, Apfelsinenhändler, es rattern die gespanne vorüber, einige beschäftigungslose Dienstleute mit ihren weißen Kitteln bilden die Staffa In der Nähe durchsucht eine Frau des ärmsten Volkes mit großen Eisenhacken den Mülleimer nach brauchbaren Resten. Aus einer nahelegenen, glasüberdachten Geschäftshalle, die Passage de la Reine, mit ihren blendenden Auslagen in Spitzenarbeiten, Edelsteinen usw. vertreibt mich 5 8 das in die Ohren gellende Geschrei der Straßen⸗ jändler. a Im übrigen macht Brüssel krotz des Krieges den Eindruck einer geschäftigen Großstadt, die wr etwas kurz gehalten wird an dem unfichtbar wirkenden Zügel der deutschen Verwaltung. Gegen Abend finde ich mich zum Bahnhof zurück. Im Warte⸗ saal deutscher Wirt und deutsche Einrichtung. Pünktlich wie kaum in Altdeutschland verläßt der aus belgischen Wagen zu⸗ sammengestellte Zug die große Halle. Aber der Unterschied: In meinem für Schnellzüge gebauten 2.⸗Klassen⸗Wagen befindet sich nicht mal ein Abort, die Türen kann man nur von außen öffnen, wenn man vorher glücklich die schmalen Fenster herunter⸗ gebracht hat; die Abteile sind zu niedrig und der Gang an der Längsseite des Wagens viel zu schmal. Nur einen Vorzug haben diese Wagen erhalten: sie sind jetzt gründlich gesäubert worden. In flottem Tempo rollt der Zug nach Südwesten. Die Land⸗ schaft wird eintönig, die langgestreckten Erdwellen werden immer
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Samstag, 10. Juni 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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flacher, schließlich kommt vollkommene Ebene, die hie und da von Baumgruppen und Heckenpflanzungen belebt wird; einzelne Wind⸗ mühlen tauchen auf, nur wenige sind noch im Gang, die meisten haben Helm und Flügel in den voraufgegangenen Kämpfen ver⸗ loren. Das schwarz⸗weiß⸗fleckige Rindvieh, wie man es im bergi⸗ schen Land, der norddeutschen Niederung, in Nordosteelgien und anderswo trifft, verliert sich; braune Herden tauchen auf in der Farbe unserer westerwälder und Vogelsberger Tiere, dazwischen tummeln sich schwere Fohlen. Hecken und Gewässer umgrenzen Koppel und Gehöfte.
— Spät am Abend lange ich an meinem Bestimmungsort an, am Ausgang wieder dasselbe Gerenne der Zivilisten, vor dem Bahnhof.— Deutsche Zeitungen vom gleichen Tag, Streichhölzer, Postkarten; ich komme glücklich durch den Schwarm der Verkäufer, und während ich auf der Suche nach einer Unterkunft dem Innern der Stadt zustrebe, klingt von dem scharfkantig und markig gegen den grünblauen Abendhimmel sich abhebenden Turm der Kathedrale rein und stimmenreich das Glockenspiel, ein Abend⸗ gruß im fremden Land.
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Heer und Flotte.
Die Marineingenieur-Laufbahn.
Berlin, 17. Juni. Wir erfahren, daß bei der 2. Werft⸗ division in Wilhelmshaven mit dem 1. Oktober d. J. wiederum Anwärter für die Marineingenieur⸗Laufbahn eingestellt werden. Die allgemeinen Bedingungen für die Einstellung als„Marine⸗ Ingenieuranwärter“ sind die wissenschaftliche Befähigung zum ein⸗ jährig⸗freiwilligen Dienst, eine 24 monatige praktische Tätigkeit auf Schiffswerften oder in Maschinenbau⸗ oder in Maschinen⸗ reparaturwerkstätten und das Bestehen einer Eintrittsprüsung. Die Marine-Ingenieurlaufbahn bietet jungen Leuten Gelegenheit zu einem ebenso interessanten wie abwechselungsreichen Beruf und darf auf Jahre hinaus inbezug auf die Beförderungsverhältnisse als günstig bezeichnet werden. Weitere Mitteilung über die Lauf⸗ bahn sind in einem Heft zusammengestellt, das auf Wunsch vom
der 2.. in Wilhelmshaven und auch vom NReichs⸗ Marine⸗Amt lostenlos abgegeben wird.— 7 Sol zur Zahnpflege
Eine gute Botschast auf dem Gebiete der Fußbekleidung. Der sog. Schweißfuß ist bekanntlich auf mangelhaften Blutumlauf, schlechte Hauttätigkeit infolge Verstopfung der Poren und un⸗ genügende Ausscheidung der Verbrennungsstoffe zurückzuführen. Die Behandlung soll sich, soweit sie dem Laien anempfohlen werden kann, darauf beschränken, die Auslösung der Ausscheidungsstoffe im Körper durch Anxegung der Hauttätigkeit zu unterstützen und die Verstopfung der Poren zu verhindenn.
Von sehr wohltuendem Einfluß haben sich bei Schweißfüßen die patentierten Fußhüllen„Laufwohl“ erwiesen, da sie beim Tragen äußerst angenehm sind, ein erfrischendes Gefühl ver⸗ leihen und die Füße gleichmäßig warm erhalten, ohne sie zu über⸗ hitzen. Es handelt sich bei dieser praktischen und— wie ärztlicher⸗ seits rückhaltlos zugestanden wird— gesundheitlich wertvollen, ein bequemes An⸗ und Ausziehen ermöglichenden Fußbekleidung um ein Mittelding zwischen Strumpf und Fußtuch. Da das Gewebe der Hülle— ein besonders vorgerichteter Leinen⸗ und Baumwollstoff — porös, alfo luftig ist, befördert es im vorzüglichsten Maße die Aufsaugung des Fußschweißes. Die Fußhüllen lassen sich allein oder über dem tragen. Strümpfe und Füße sind durch sie gegen Schmutz vollkommen abgeschlossen. Faltenschiebungen und damit Blasen oder Wundlaufen beim Gehen oder bei Märschen sind nicht zu befürchten. Diese mannigfachen Vorzüge machen die Lauf⸗ wohlhüllen nicht nur den mit Schweißfüßen behafteten, sondern auch allen anderen empfehlenswert. Tausende von Kriegsteilneh⸗ mern bedienen sich ihrer denn auch unter vollster Zufriedenheit. Näheres ist aus der Anzeige der Firma C. H. Müller, Reichen⸗ Raa V., Mechanische Leinen- und Baumwoll⸗Buntweberei, er⸗ sichtlich.
Eine klassische Verfolgung.
(Nach der Schlacht bei Belle-Alliance.) 4 In diesen Tagen, in denen wir nach der Durchbrechung der russischen Front in Galizien das gewaltigste Beispiel einer den. Erfolg bis zum äußersten ausnutzenden Verfolgung erleben, ist öfter auf die Ereignisse nach der Schlacht von Belle-Alliance, deren hundertsten Gedenktag wir gerade jetzt feiern, als das klas— sische Beispiel einer solchen Verfolgung, die den Sieg zur völligen Vernichtung Feindes gestaltet, hingewiesen worden. Die französische Armee war während der Nacht zum 19. Juni ständig weiter geflohen, jeder Zusammenhalt zwischen den Truppen, alle Ordnung und Disziplin schwanden, da die Preußen unter Gneise— nau nachdrängten, schnell dahin, und ber Genappe trat die völlige Auflösung ein. Die Franzosen warfen die Waffen fort, ließen Ge⸗ schütze und Fahrzeuge stehen und achteten auf keinen Befehl mehr; alle suchten ihr Heil in wildester Flucht. Eine packende Schilderung dieser Verfolgung haben wir in den Memoiren des Generals Lud⸗ wig von Reiche, der die Ereignisse als Ziethens Generalstabschey miterlebt hat.„Je näher man Genappe kam,“ heißt es da,„diesem ominösen Defilee, wo Napoleon noch einen Versuch machte, seine Scharen zu ordnen, um einigen Widerstand zu leisten, und durch Gneisenaus rastlose Verfolgung und die braven Füsiliere des 15. Infanterieregiments daran verhindert ward, desto mehr nahmen die Schrecknisse einer aufgelösten, in wilder Flucht begriffenen Ar- mee zu. Kanonen, Fuhrwerke aller Art waren hier ineinanderge— fahren und lagen oder standen zerstreut umher. Hier war es, wo die genannten Füsiliere 80 Geschütze und eine Menge Munitionswagen, den Wagen Napoleons und seine übrigen Equipagen, sowie die seiner Marschälle, Generale und höheren Militärbeamten erbeute— ten, auch über 2000 Gefangene machten, darunter mehrere Gene- rale. Alles, was bei dieser Gelegenheit von Beute gemacht wurde, erklärte Gneisenau für ausschließliches Eigentum des genannten Füsilierbataillons. Dasselbe ließ hierauf Mannschaften zurück, um die Beute zu beschützen. In jeder Kutsche saß ein Füsilier, was sich komisch genug ausnahm. Bei dem; Wagen Napoleons fanden sich die meisten Liebhaber und Neugierigen ein. Nachdem es nicht gelungen war, sich bei den Defilcen von Genappe zu setzen und der 3 Preußen Einhalt zu tun, hatte sich Napoleon eben in seinen Wagen gesetzt, um sich zu entfernen, als unsere Truppen mit einem Hurra eindrangen und den Feind vor sich hertrieben. Unpermögend in diesem änge, wo jeder Zuruf, Platz zu machen, umsonst war, mit dem Wagen durchzukommen, sah Napoleon sich veranlaßt, aus dem zu springen und auf seine Rettung Be⸗ zu nehmen. Den eben abgeschnallten Degen ließ er in der Eile im Stiche, sowie ihm auch im Herausspringen aus dem Wagen sein Hut abfiel, den er, um keine Zeit zu verlieren, auf der Erde liegen ließ, wo er nachher gefunden wurde. Beide Gegenstände der . und einzigsten Art von der Welt, schenkte König Friedrich ilhelm III. dem Kadettenkorps zu Berlin, wo sie als Andenken und Siegeszeichen aufbewahrt werden, zugleich die militärische Ju- . an die große Zeit des Befreiungskrieges zu erinnern und Nachwuchs im Offiziersstande für die Taten ihrer Vorgänger zu begeistern und zur Nacheiferung bei vorkommenden Gelegenheiten, Gott verhüten wolle, anzufeuern. Die Beute war unermeßlich;
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mancher Füsilier trug 2—3000 Napoleondor mit sich fort. Eine
fand sich in Napoleons Wagen vor, die das Bataillon durch seinen Kommandeur, den damaligen Major von Keller, Sr. Majestät dem Könige ehrfurchtsvoll zu Füßen legte, und welche von Allerhöchst⸗ demselben huldvollst angenommen und darauf dem Kronschatze ein⸗ verleibt wurde. Außerdem fanden sich in dem Wagen eine große Menge ungefaßter Diamanten, deren Geldwert nicht anzugeben ist, indem viele Hände dabei beschäftigt waren, auch manche umher⸗ geworfen und zum Teil vertreten wurden... Außer dem vielen Gelde und Geldeswert in dem Wagen befand sich auch ein in⸗ wendig mit violettem Sammet ausgeschlagener, auswendig schön verzierter Kasten, worin alle Ordenssterne, die Napoleon besaß, nebeneinander lagen. Außer den englischen und den altfranzösischen fehlte gewiß keiner. Die dabei befindliche Dekoration des preußi⸗ schen Schwarzen Adlerordens verlieh der König als eine besondere Auszeichnung dem General Gneisenau neben der Beförderung zum General der Infanterie. Viele drängten sich zu dem Wagen Na⸗ poleons, fast ein jeder wünschte ein Andenken daraus mitzuneh⸗
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Spießbürgertum im grossen Antwerpen. Man schreiht uns aus Antwerpen: Mehrere Antwerpener Künst⸗ ler, deren Tod in Friedenszeiten nicht unbemerkt geblieben wäre, sind seit Besetzung der Stadt gestorben, ohne daß man von ihrem Tode viel Aufhebens gemacht hätte. Frans Joris, der Schöpfer mehrerer Denkmäler der Stadt Antwerpen, der Land⸗ schaftsmaler Delathouver, der Altmeister der Antwerpener Ge⸗ schichtsmalerei Pieter van der Ouderae sind so unbemerkt aus dem Leben gegangen. Einen äber hätte es imehr als sie alle ge⸗ schmerzt, zu wissen, daß seiner Leiche nicht die ganze Stadt sölgte, emen, Ben man sornst auf Nosten der großen Schelde⸗ stadt begraben hätte, bei schwarzverschleierten Laternen, unter Bergen von Blumen, einen, der dieses Gepränge mit der Liebe eines prunkfrohen Künstlers liebte: Frans van Kuyck, der be⸗ deutende Maler,. Schöffe der schönen Künste, Rats⸗ herr, einer der„Sinjooren“, em kleiner König starb in ihm der Stadt Antwerpen. Und warum unterließ Antwerpen jede, auch die trotz des Krieges mögliche Ehrung seines großen und ver⸗ dienstvollen Bürgers? Nicht die Not der Zeit stellte sich in den Weg. Nein, es war nur nötig, sich mit der deutschen Verwal⸗ tung ins Einvernehmen zu setzen. Dann aber entsandten die Deut⸗ — unfehlbar eine Vertretung, die dem Sarge van Kuycks solgte, Den hätte es gewiß nicht verletzt, wenn man ihm ber Lebzeiten gesagt hätte, die deutschen Eroberer würden ihm zu Ehren hinter seinen Sarge gehen. Er zählte nicht zu den Klein- bürgern. Die Ratsherren der Stadt aber befürchteten, es könne min womöglich auch ein Mitglied der deutschen Verwaltung ster⸗ ben, und sie könnten dann gezwungen sein, deutsche Ritterlichkeit mit Gleichem zu vergelten Das durfte nicht sein. Diese edlen Seelen durften nicht in den Verdacht kommen, daß sie den Gegner achten. Die belgischen Blättchen, die im Auslande jetzt auf kleinerem Raum noch größere Niedrigkeit als früher zu—
sammendrängen, konnten von der Sache Wind bekommen und wie⸗ der einmal ihre Schimpfkübel über die„schlechten Patrioten“
ausleeren, weil die daheim mit den„Barbaren“ gemeinsame Sache machten. Und so wurde einer der ersten Bürger der Stadt ohne Sang und Krang der Erde übergeben. Was sagt Heme?— Aber die Katz', die Katz' ist gerettet! Os.
— Mode⸗Verdeutschungen. Die Berliner Han⸗ delskammer war am Montag die Stätte erregter Kämpfe. Eine durch das Modeamt des Vereins Deutsche Mode einberufene Sitzung befaßte sich mit dem Ersatz fremdsprachiger Bezeichnungen in der deutschen Herrenmode. Gewichtige Korporationen beteiligten sich an dieser Arbeit, u. a. die Arbeitsgemeinschaft für deutsche Herren⸗ mode, der Allgemeine deutsche Sprachverein, die Handelskammer, die Handwerkskammer, der Verband Berliner Spezialgeschäfte. Eine Anzahl von Sprachgelehrten unterrichtete die Versammlung über die Herkunft und Bedeutung der einzelnen Namen. Bekannte Schriftsteller, Fritz Mauthner, Dr. Poppenberg, Dr. Döge, F. W. Köbner, Frau Margarethe v. Suttner, Fräulein Elsa Herzog, Ola Alsen gaben wertvolle Erläuterungen für die neu zu wählenden Worte. Nach langstündigen Beratungen wurden aus einer Sammnr⸗ lung von mehreren hundert vorgeschlagenen Bezeichnungen fol⸗ gende endgültige Namen festgesetzt: Cutaway— Rock, Sacco— Jacke, Smoking— Abendjacke, Raglan— Keilmantel, Ulster— Mantel(Reise⸗, Sport⸗, Regenmantel), Paletot— Ueberzieher, Knickerbocker— Sporthose, Breeches— Reithose, Escarpins— Kniehose, Covertcoat— Sportüberzieher, Revers— Klappen, Sweater— Sportwams, Norfolk— Faltenjacke. In der Sitzung konnte man eine Reihe amüsanter und für viele neuer Einzel⸗ heiten über die Herkunft der einzelnen Kleidungsstücke erfahren, so, daß der Raglan seinen Namen dem englischen General ver⸗ dankt, der den Krimkrieg führte und ihn zuerst trug, daß der Havelock nach dem gleichnamigen amerikanischen General seinen Namen führt, der, weil er einarmig war, sich eines Pelerinen⸗ mantels bediente. Daß Ulster als nördlichste Provinz Irlands Ver⸗ anlassung zu der Bezeichnung„Ostpreußen“ gab, war ebenso be⸗ lustigend wie die Tatsache, daß Hindenburg, Ludendorff und Macken⸗ sen nicht weniger als in 80 Fällen zur Bezeichnung eines Klei⸗ dungsstückes herhalten sollten. Eine besondere Erörterung entspann sich um das italienische„Sacco“, das ursprünglich in deutscher Schreibweise(Sakko) beibehalten werden sollte. Hier bedurfte es erst einer namentlichen Abstimmung, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Die Verdeutschung, die jetzt auch durch die tätige Mit⸗ wirkung des Polizeipräsidenten v. Jagow tatkräftig gefördert wird, dürfte bald befriedigendere Früchte aufweisen. Jedenfalls hatte man in der zahlreich besuchten Versammlung in der Handelskammer den Eindruck, daß eine so planmäßig durchdachte Ausmerzung fremd⸗ sprachiger unnötiger Bezeichnungen für das ganze wirtschaftkiche Leben von größtem Wert ist.— Die„Köln. Ztg.“ vermerkt im Anschluß hieran das Ergebnis eines von einem Kölner Geschäft er⸗ lassenen Preisausschreibens, das dem Ersatz von faunf Fremd- wörtern der Damenkleidermode galt. Für die Stoffbezeichnungen Coverteoat, Cheviot und Frotts wurden die Uebersetzungen Leder⸗ köper, Rauhköper und Frieselstoff gewählt, für Saison Gezeit, fitr Konfektion Kleiderei— mit der Einschränkung, daß die letztere fte nicht alle Bedeutungen des Wortes Konfektion di sich
hließe.
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