Ausgabe 
(4.6.1915) 129. Zweites Blatt
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fuß mit den Leibern

n nur im Feen Schenna

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Erscheint täglich urtt Ausnahme des Sonntage.

DieStetener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ tragen erscheinen monatlich zweimal.

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105. Jahtgang

Kriegsbriefe aus dem Westen. Von unserm Kri i Die englischen Schützengräben vor Ypern. Großes Hauptquartier, am 27. Mai. Auf einem Gange über das Gelände vor Mpern, welches uns unser letzter großer Angriff hat gewinnen lassen, lernte ich die monatelang so heißumstrittenen Orte Westroosebeke, Poelkapelle und Kersselaere mit der Straße nach St. Julien hin kennen und kam dann auf der Straße gegen Bixschote bis über Langemarck. Ich sah die mit einer Zähigkeit ohnegleichen gegeneinander ver teidigten und schließlich auf Gesprächsnähe gegeneinander vor⸗ gerückten Stellungen unserer Feinde und unsere eigenen, die Gräben, in denen die Wintermonate hindurch das gelbe Grund⸗ wasser gegurgelt hat, oft mit Strömen warmen, dunkelen Blutes marmoriert. Ich sah Zwischengelände, auf denen jeder Quadrat⸗ deren zugedeckt werden könnte, die hier ge⸗ fallen sind. Und ich sah vor allem Truppen, die hier in den neuen Kampf zogen, die vom Sieg oder vom einstweilen unentz⸗ . zurückkehrten, und wurde Zeuge davon, wie die endlose, immer noch nicht zum letzten Abschlusse gelangte Ppern⸗ schlacht auf die Stimmung der Mitkämpfer wirkt.

Auf etwa 60 Schritte Entfernung sind sich an einer der am schärfsten umkämpften Stellen deutsche und englische Schützen- gräben genähert. Beide durchschnitten eine geraden Weges nach führende Straße, die nun wieder ausgeflickt ist. Aber mit welchen Hagelwolken von Eisensplittern und Bleikugeln die Luft schwanger gewesen ist, das läßt sich an den Bäumen ablesen. zen meisten haben Granaten die Gipfel gekappt. Ganze Reihen steben umgeknickt, mit zerfaserten Riesenpinseln als Köpfen, au⸗ dere gespalten und zersplittert. Die Rinde der Stümpfe ist von beiden Seiten mit Infanteriemunition gespickt. Namentlich die Bäume zwischen den beiden Gräben sind von beiden Seiten mit Granaten und Schrapnells angesägt und behobelt worden, bis sich schließlich die Gräben so nahe gerückt waren, daß die Artillerie nicht mehr arbeiten konnte, weder die eigene, noch die feindlichen Die Gräben sind nun, seit dem Vorrücken, verlassen, zum Teil auch aufgeräumt. Bei den unserigen war das kaum nötig, denn unsere Unterstände sind so ordentlich wie unterirdische Kasernen-

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Munition, die Ablösung der Ermüdeten nur der auch dann nicht ruhenden feindlichen möglich war. Auch die Bestattung der Ge⸗ Schutze der Dunkelheit erfolgen. Eine dicht an der Stellung, unter den zer⸗ ssenen aufgeworfen, so daß die Namen der enen den Ueberlebenden täglich vor Augen blieben, die Toten denen, die ihren Kampf fortsetzten, wie treue Sgeister, welche keine irdische Wunde mehr treffen konnte, * standen. Schwerer kann das Heldentum des Stellungs⸗ nirgends empfunden worden sein als hier, auf diesem be⸗ Hemmend engen Raume, wo keine Hoffnung auf baldiges sieg⸗ reiches Vordringen es beflügelte, wo es nichts gab, als das trotzige, verbissene Ausharren von Ablösung zu Ablösung.

Wenige Schritte ein Knabe könnte einen Stein über den kurzen Raum des Zwischengeländes schleudern, dann beginnen schon die hinter jetzt zerschnittenen Stacheldrahtverhauen liegenden englischen Stellungen. Die vorderste Grabenreihe scheint aus einer Zeit zu stammen, wo auch der Feind die Eigenheiten des f schen Bodens noch nicht genügend kannte. Denn die Engländer hatten sich hier einfach in den Boden gegraben. Die Hoge war, daß der Grabenersoff Dann haben auch die Engländer ihre Deckungen über der Erde aufzubauen begonnen und haben hierzu außer Sandsäcken namentlich kleine, gleichförmige Schanzkörbe verwendet, die sie in unerschöpflicher Menge bereitgehalten haben müssen. Eine Eigenart der englischen Gräben sind die in die Gra- bensohle eingebauten, aus jenen kleinen Schanzkörben zusammen⸗ 1 Brust⸗ und Seitenwehren für jeden einzelnen Schützen,

Darin, völlig gedeckt und von seinen Nachbarn beiderfeits ab⸗

chlossen, wie in einer kleinen Festung für sich sitzt. Die Unter⸗

in einiger Entfernung rückwärts der Gräben eingerich⸗

tet und mit ziemlich wenig Sorgfalt erbaut. Einzelunter⸗ ständen errichten die 3. solche für ganze Abteilungen.

Als wir die englischen Stellungen einnahmen, starrten diese von Schmutz und Unrat und diejenigen Teile, an welche unsere Auf- räumungskommandos bisher noch nicht gekommen sind, bieten einen Anblick dar, der jeden Beschreibungsversuches spottet. Von einer von ihren 1 in kopfloser Flucht verlassenen Erdstellung wird man selbstverständlich nicht erwarten, daß es in ihr aussieht wie in einem Jungfernstüblein nach dem Staubwischen. Aber darum bandelt es sich hier nicht. Der Augenschein beweist vielmehr, daß die Engländer die ganze Zeit über in ihren Gräben zwischen allen Abfällen, verfaulenden Speiseresten und ihrem eigenen Kote ge⸗ wie die Ratten in einem Müllabfuhrplatze; in einer

ing, von der man bisher angenommen hat, daß sie für den Geruchsinn eines Europäers unerträglich sein müsse. Denn zu den Atemkrampfe verursachenden Verwesungsdüften kommt der pest⸗ 3 Leichengeruch, der von den Plätzen ausströmt, wo die un⸗ igten Toten sich aufgelöst haben, bis die kaum noch durch

5 ein paar lahle Skelettknochen und braune Tuchfetzen

n Lei von unseren Truppen beerdigt wurden. In den Gräben selbst an Plätzen, wo die Tritte der Lebenden

die Engländer ihre Toten flach verscharrt,

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material verwendet und nit einer dünnen i Erde 2

der Brustwehr benutzt, so daß die

bedeckt zur

Erhöhung eichname als Kugel⸗ sänge dienten Unserr Aufräumungskommandos haben diese Stel⸗ lungen smit 1 aber der 9 4 und han hat das idaß nie wieder und Blumen auf diesem schrecklichen mit Leichenfäften vergifteten Boden wachsen Lönnen. sah am glei Tage die ehemaligen Stellungen schwarzer zosen, die dem Geruchsinne auch einiges zumnten, ber nit dem entsetzlichen Zustande der englischen Grüben können sie nicht verglichen werden. Dieser läßt einen Rückschluß darauf 2 aus welchen Elementen der Londoner Großstadthebe bei den etzten englischen Rekrutierungsanstrengungen die Söldner zu- aummengebracht worden sind, was ja durch die Art der Gefangenen volltoutnten bestätigt wird. Mehr als einer hat ausgesagt, daß

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er sich nur habe anwerben lassen, weil die Fabriken still stehen und weil er in seiner Verzweiflung die deutsche Kugel dem langsamen Verkommen oder Verhungern vorzog.. Das Bild der Unordnung wird dann zu den letzten Möglich⸗ keiten durch die Ausrüstungsstücke gesteigert, die von den Fliehen⸗ den zurückgelassen und weggeworfen worden sind, Gewehre, Seiten⸗

gewehre, unter denen mir hier zum ersten Male die kurzen, dolch⸗

artigen Messer begegnet sind, Tornister, Patronengehänge, Klei⸗ dungsstücke, Verbandszeug, dabei auch gebrauchtes und mit Blut und Eiter beflecktes, welches man ebenfalls in den Gräben schon vor der Flucht herumliegen gelassen hatte. Die für den Montierungs⸗ fachmann wesentliche Frage, ob das aus Stoff geflochtene Gürtel⸗ zeug der Engländer praktischer sei als unser teueres Leder, dürfte für den, der die englischen Gürtel, Patronengehänge und Tornister nach einem Regen, vollgesogen wie Schwämme und verzogen ge⸗ sehen hat, endgültig für unser Leder entschieden sein. Aufmerk⸗ samkeit verdiente die in unerschöpflichen Massen überall in den Gräben und hinter den Stellungen herumliegende englische In⸗ fanteriemunition, denn sie bestand durchweg und ganz ausschließ⸗ lich aus Dum⸗Dum⸗Geschossen. Ich habe keine einzige andere Patrone gesehen, so wichtig die Feststellung angesichts der immer wiederholten englischen Ableugnungen gewesen wäre. Wie ich schon wiederholt beschrieben habe, besteht die neue englische In⸗ fanteriemunition aus einem weichen Bleikern, vor dem eine Spitze aus sprödem Aluminium sitzt; das Ganze ist mit einem Nickel⸗ mantel umgeben. Beim Einschlage preßt sich das Blei gegen das Aluminium, zerquillt in die Breite und zersplittert den Nickel⸗ mantel, wodurch schon eine Dum⸗Dum⸗Wirkung erzielt wird. Diese wird gesteigert, wenn der Schütze die harte Spitze abbricht, so daß einmal ein Hohlraum vor dem Blei entsteht, welcher zusammen⸗ gepreßte Luft in die Wunde hineinreißt und wobei ferner das Blei klumpig aus dem Halbmantel hinausdringt. Viele der Ge⸗ schosse zeigen die Trennungsnaht zwischen Spitze und Bleikern/ nicht äußerlich sichtbar. Es genügt aber, sie an einem englischen Gewehre, die bekanntlich ausnahmslos mit dem Zurichtungsappa⸗ rate für Dum⸗Dum versehen sind, zu probieren, und sofort bricht die Spitze ab. Uebrigens findet man häufig Munition, LieAuf Vorrat abgebrochen worden ist. Der ganze Unterschied, ob der Engländer mit abgestumpften oder mit spitzen Geschossen schießt, besteht darin, ob das Ziel näher oder weiter ist. Denn bei Halb⸗ mantelgeschossen ist selbstverständlich die Zielsicherheit sehr ver⸗ mindert. Schon auf kurze Entfernung muß sich dieses Geschoß in einen Querschläger verwandeln, genau wie jch das bei der französischen Dum⸗Dum⸗Munition von Longwy und Montmédy durch Versuche selbst festgestellt habe.

Poelkapelle, Westroosebeke, Kersselaere, St. Julien, Lange⸗ marck, die durch die monatelang, fast täglich wiederholte Erwäh⸗ nung der kriegführenden Mächte berühmt gewordenen Orte, sehen schlimm zerschossen aus, desto schlimmer, je näher sie dem Mer⸗ kanal liegen. Aber auch in den entfernteren war es zeitweilig nicht mehr möglich, in den beschossenen Häusern zu wohnen. Die Keller wurden durch starke Abdeckungen, namentlich auch durch geeignete Vorbauten aus Baumstämmen und Erde, splittersicher gemacht. Diese Vorbauten, die oft die Hausmauern oder deren Reste völlig zudecken, legen sich meterdick in die Dorfstraßen vor und ver⸗ engen diese.

Trotz der grenzenlosen Zerstörung kann man an den Resten von Langemarck sehen, daß der Ort recht wohlhabend gewesen sein muß. Zwischen ganz in haufen verwandelten Häufern sieht man solche, denen die Granaten nur die Vorderwand eriss haben, so daß man in die Wohnungen hineinsehen kann, wie in Puppenstuben hinter Schaufenstern. Ein Kloster, dem noch in seiner völligen Zerstörung die ni ische Sauberkeit seiner Räume geblieben ist, liegt vor dem Ort. Im Hose ist ein Klawier, dad durch eine Granate herausgeblasen wurde, kopfüber hingestürzt wor⸗ den, und die weißen Elfenbeintasten sind über das rote Ziegel⸗ steinpflaster gesät. Von einem Christus, der an der Wand hing, ist nichts übrig geblieben als der Kopf, über den die blutigen Tränen der Dornenkrone perlen.

Das Schloß Langemarck muß ein schöner alter Besitz gewesen fein. Zwar vermag man in dem Trümmerhaufen kaum noch eine Form zu unterscheiden. Ein Türmchen, eine Freitreppe, ein hoch⸗ bogiges Fenster lugen noch durch ein Gewirr von Balken und Mauerbrocken. Zwischen den traurigen Resten klatscht der nasse Wind auf ein paar zerschlissene Oelbilder. Ueber einem verrosteten Kaminvorsatz hängt eine pergamentene Urkunde. Ein Kaufbrief aus dem 16. Jahrhundert, in dem zwei königliche Notare den Umfang der Herrschaft Langemarck bestätigen. In welches Königs Namen sie schrieben, ist nicht mehr zu lesen. Der Regen hat die verbräunten Schriftzüge weggewischt, wie der Eisenhagel das alte Schloß. Erst haben unsere und die österreichischen Geschnde ihr schweres Feuer darauf geworfen, dann, nachdem die Engländer unter unserem Ansturm den Ort ohne Kampf hatten aufgeben müssen, richteten sie selbst mit ihren jenseits des Kanals aufgestell⸗ 3 Batterien das Feuer täglich stundenlang auf diese Stelle. Daher ist das Schloß ringsum mit riesigen kreisrunden Granateinschlagslöchern umgeben, die sich später mit frischem Regenwasser gefüllt haben. Manche sind wahre Teiche, auf denen sich ein Entenvolk tummeln könnte, so groß. Gerade um die Stunde, als wir hier anlangten, beschoß der Feind das Vorgelände des Schlosses, den schon ganz zerstörten Park. Dieses ehedem sicherlich um diese Zeit in märchenhafter Maienpracht liegende Schloß hat heute keinen Platz mehr in seiner weiten Umgebung, der zum Bleiben einladen könnte.

Alle die Orte des Schlachtfeldes sind mit Friedhöfen umgeben, deutschen und feindlichen. Ich glaube, so viel Gräber wie hier auf dem blutigen Boden Westflanderns habe ich im ganzen Kriege noch nicht gesehen. Die deutschen Begrübnisstätten sind mit einem Sinne für Schönheit gestaltet, der dem fühllosesten Rohling zu Be wußtsein bringen muß, welch ein Geist brüderlicher Liebe das kämpfende deutsche Volk beseelt. Von der weihevollen Verehrung, mit der unsere Krieger die gefallenen Kameraden bestattet haben, wird jedes Grabschänders frevelnde Hand zur Ohnmacht gebannt werden. Auch den toten Feinden haben wir ein würdiges Begräb⸗ nis bereitet. Ich sah das Grab eines Schotten, dem ein deutscher n einen Vers auf das Kreuz geschrieben hatte, schl 4 gereimt, aber voll anständiger Achtung gegen den toten Feind.

Wir sind eben anders. Die Franzosen haben einem in ihren Stellungen gefallenen Deutschen auf das Grab geschrieben:Ci⸗ git un Boche. Saubere Helden, die ihren Mut mit der Beschimp⸗ fung toter Vaterlandsverteidiger kühlen. Wir sind anders. Wir bleiben halt germanische Barbaren.

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

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Die Kämpfe bei Radymno.

Berlin, 3. Juni. WTB. Nichtamtlich.) Ans dem Großen Hauptquartier erfahren wir über die Kämpfe bei Radym no: Die Korps des Generalobersten von Mackensen standen am 23. Mai abends in einem großen nach Osten gerichteten Bogen beiderseits des San. Am rechten Flügel beobachteten doperis dd Truppen die Nordwestfront der Festung Przemysl. Im Anschluß an die bayerischen Truppen standen deutsche Truppen zusammen mit österreichisch-ungarischen südlich des San vor dem stark be festigten Brückenkopf von Radymno. Weiter nördlich schlossen sich andere Truppen der Armee an. Der Brückenkopf von Radymno

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General⸗Anzeiger für Gberhessen

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Freitag, 4. Juni 1915 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen

Universitäts- Buch- und Steindruckerel. R. Lange, Gießen.

Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschastsstelle u. Verlag: S251, Schrist⸗

leitung: 112. Adresse sür Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

bestand in einer dreifachen Linie von Feldbesestigungen, aus einer mit Draht wohlversehenen Hauptstellung, die sich auf

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4 einmal a

den dem Dorfe Ostrow westlich vorgelagerten Höhen hinzog und

durch die San-Niederung hindurch zu diesem Flusse führte, dann aus einer wohlausgebauten Zwischenstellung, die mitten durch das langgestreckte Dorf Ostrow hindurchgelegt war, endlich aus dem sogenannten Brückenkopf von Zagrody, der zum Schutze der östlich Radymno über den Fluß führenden Straßen und Eisenbahnbrücken angelegt war. Flieger hatten alle diese Stellungen photographiert, die Photogrammeter die erhaltenen Aufnahmen ausgewertet und auf die Karte übertragen. Es galt zunächst, die feindliche Hauptstellung sturmreif zu machen. Hierzu begann die Artillerie am Nachmittag des 23. Mai ihr Feuer, das am nächsten Tage fortgesetzt wurde. Von den Höhen bei Jaroslau aus sah man das im Nebel liegende San⸗Tal, daraus aufragend die

Kuppeltürme von Radymno nebst den Ortschaften Ostrow, Wiet⸗

lin, Wysocko usw. Das Feuer der Artillerie war aufs äußerste

gesteigert. Die schweren Geschosse durchfurchten heu⸗

lend die Luft, entfachten im Aufschlag riesiga Brände und hoben gewaltige Erdtrichter aus. Die vussische Artillerie antwortete. erhoben sich die langen Infanterielinien aus ihren Sturm⸗ stellungen und schritten zum Angriff. Flieger meldeten,

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Um 6 Uhr morgens 10

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daß hinter den feindlichen Stellungen weidendes Vieh und Bagagen

zu beobachten seien. Der Feind schien an einen ernsthaften Angriff 4

nicht zu denken. Das Petrograder Bulletin hatte ja auch festgestellt,

daß die Kämpfe in Galizien an Heftigkeit nachgelassen hätten und

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daß die Verbündeten fast allenthalben zur Defensive übergegangen

seien. Um 6 Uhr 30 Min. morgens war die feindliche Haupt⸗ stellung ihrer ganzen Ausdehnung nach in der Hand der deutf 1 Truppen. Erschüttert durch das schwere Artilleriefeuer hatte den

Feind nur kurzen Widerstand geleistet; er war im eiligen Rückzug nach Osten. Aber gerade dorthin und nach Radynrmno hinein,

von woher die feindlichen Verstärkungen zu erwarten waren, hatte inzwischen die Artillerie ihr Feuer verlegt. Gewaltige Rauch⸗ wolken hüllten diese von der Artillerie in Brand geschossenen Ortschaften ein. Die Russen kamen auf diese Weise nicht dazu, sich in Ostrow zu setzen. Die Besatzung dieses Dorf kapitulierte, Hunderte von Gewehren und große Mengen Munition zurüclassend. Auf der ganzen Linie war jetzt die deutsche Infanterie im Vorrücken auf Radymno und die südlich an diesen Ort anschließenden Dörfer Skoloszow und Zamojsce. Mit jedem Schritt vorwärts mehrte sich die Zahl der Gefangenen. Eine Division meldete sehr bald dem Generalkommando, daß sie nicht genug Mannschaften habe, um die große Masse der Gen fangenen ohne Beeinträchtigung der Gefechts⸗ handlungabzutrans portieren. Das Generalkommando stellte nunmehr Kavallerie zu diesem Zweck zur Verfügung Bei Radymno war der Feind ins Gedränge geraten. Voreilig hatte er eine hölzerne Straßenbrücke über den San abgebrannt Mit dem Scherenfernrohr konnte man vom Gefechtsstandpunkte aus die lodernde Flamme und die durch aufgegossenes Naphta dunkel⸗ gefärbten Rauchwolken beobachten. Auch sah man lange ost⸗⸗

wärts flüchtende Kolonnen, die in regellosen Ho 3

fen die Straße nach Dunkowice bedeckten. Da die in Radymno versammelt gewesenen russischen Rekruten nur kurzen Widerstand leisteten, so ging auch diese Ortschaft und die gesamte Artillerie verloren, die sich durch die Ortschaft zum San retten wollte. Erst 5 von Y brachten die russischen Fahrer durch satz frischer, herangezogener Reserven den Angriff der Deuts im Stehen. 2 been Tae e

Siegesbeute von 7 gewehren, 52 ützen, darunter

Schlacht entwickelt. 8

Die stummen Glocken von Gorlice. N

Die helle Sonne Galiziens schimmert auf den Bergen von Gorlice, in den Tälern lastet bleichgelber Staub, der alles in seinen fahlen Schein hüllt. Der furchtbare Todes⸗ atem der Schlacht hat alles mit Leichenfarbe angehaucht.

Noch liegt das Feld, wo unsere heroischen Truppen die russische Eisenfront brachen, in demselben Zustand wie zur Zeit der Schlacht. Die Gräben des Feindes sind eingeschossen, die Unterstände verlassen, aus den Einschlupflöchern blickt das Dunkel. Der Boden ist übersät mit Granattrichtern, Uniformfetzen und Ausrüstungsstücke liegen herum. Patro⸗ nen in Masse, Gewehre mit den vierkantigen russischen Bajonetten starren nach den Stacheldrähten, die über un⸗ förmliche spanische Reiter gespannt sind. 2

Wie ein Wirbelsturm sind die Deutschen über den Feind

ekommen, der stumpf im vierstündigen Artilleriefeuer aus⸗ hielt, bis seine Nerven ihn aufpeitschten zum wilden Bajo⸗ nettkampfe. Wie die Teufel waren die Deutschen* estürmt, erzählten die russischen Gefangenen, wie die Teufel. Und die mit dem Nagel auf dem Kopf die preußische Pickelhaube das waren die schlimmsten. Das dumpfe Klirren der aufgepflanzten Seitengewehre liegt ihnen noch in den Ohren und schüttelt sie in Todesschauern bei dem bloßen Erinnern.. 9

Hier um Gorlice haben deutsche Garden und Linien⸗ Regimenter Schulter an Schulter mit handfesten Bayern die ruhmvollste Waffentat vollbracht, die diefer gewaltige Krieg gezeitigt. Man braucht nur die unabsehbaren Heerf* von Gefangenen zu sehen, die aufrecht und stark zu ihren Lagern marschieren. Welch ein Menschenmaterial, welch eine Fülle urwüchsiger Kraft wurde hier von unseren pracht⸗ vollen Truppen im heißen Atem der Feldschlacht fortge⸗ blasen. Dampfwalze hat man die Massen genannt, ein

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schwächlicher Vergleich für diesen furchtbaren Feind, der 0

wie eine Million blutgieriger Wölfe über die stillen Täler Galiziens herfiel. Wer diesem Höllensturm Halt gebot, ist der glänzendste Sieger aller Zeiten. 1 In überlegener Geistesarbeit war der Durchbruch vor⸗ bereitet, nicht an des Gegners schwächster Stelle sollten die deutschen Sturmkolonnen ansetzen, sondern dort, wo er sich besonders stark fühlte. Gegen die Höhen des Dungjee und der Biala, gegen das aufragende Gorlice und den jormidablen Pustkiberg, wo sich der Gegner sicher glaubte. Dorthin zielte deutsche Kühnheit. 5 Und deutsches Heldentum hat es vollbracht, der Feind hat eine furchtbare Blutsteuer bezahlt, er flieht und der lähmende Schrecken jagt hinter ihm her. Still liegt das Gebirge, über das die Schlacht brauste, Gorlice, das ruhige Landstädtchen, ist ein Trümmerhaufen. Hoch über dem zerschossenen Markt und den zu rotem Ziegelstaub zermahlenen Häusern ragt der Kirchturm auf, schlank wie ein venetianischer Campanile. Eine Graugte hal seine schlanke Seite aufgerissen, nachdem sie durch das Gestühl gefahren war. Die Glocken hängen in kraurigen 1

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Metallfetzen herunter. Ihre Stimme wird nicht mehr zur