0 F
Zweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famllienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Aus dem Reiche.
Kaiserliche Worte an die Stadt Aachen.
Aachen, 16. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Auf das aus Anlaß des 100. Gedenktages der Wiedervereinigung der Rheinlande mit der Krone Preußens seitens der Stadt Aachen an S. M. den Kaiser gerichtete Huldi— gungstelegramm sandte der Kaiser an den Oberbürger— meister Veltmann nachstehende Antwort:
„Schmerzlich empfinde ich es, daß der heutige für die Rhein⸗ lande und die alte Kaiserstadt Aachen so erinnerungsreiche Tag sich so anders gestaltet hat, als wie ich gehofft. Gern hätte ich heute inmitten der dortigen Bürger an historischer Stätte geweilt, um Treuschwur und Handschlag von neuem entgegenzunehmen und die zu dieser Feier geplante Krönungsausstellung zu eröffnen, deren mit Sorgfalt und Liebe geleiteten Vorbereitungen schon einen schönen Erfolg versprachen. Das Schicksal hat es anders be⸗ stimmt. Neid und Schelsucht unserer Feinde trachten danach, die deutschen Lande und das deutsche Volk zu vernichten, den Siegeslauf deutscher Kultur und Arbeit zu stören. Heutgilt es nicht, rückwärts zu schauen, der Vergangenheit dank⸗ bar zu gedenken, sondern in entschlossenem Willen dem Anschlag der Feinde zu begegnen, mit gepanzerter Faust die Zu⸗ kunft des Vaterlandes zu sichern. Der Heldenmut, der Opfersinn unseres Volkes, die in dem uns aufgezwungenen Kriege schon so wunderbare Erfolge gezeitigt haben, bürgen nebst Gottes Gnade für eine glückliche Ueberwindung der schwersten Heimsuchung, die je die deutschen Lande betroffen hat. In diesem unerschütter“ lichen Vertrauen sende ich meiner treuen Stadt Aachen meinen, 1 Gruß und danke für ihre freundliche Begrüßung.“
ilhelm R.. 165
Aus dem Budgetausschusse des Reichstages. Berlin, 15. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Der Bud⸗ 3 des Reichstages begann heute mit der Be— pr
echung von Klagen über vereinzelt vorgekommene un-
angemessene Behandlung von Mannschaften des Heimats⸗ heeres. Die Klagen richten sich vor allem nicht gegen Vor- ente aus dem aktiven Heere, sondern aus dem Beur- aubtenstand. Der Kriegsminister teilte mit, daß solche Kla⸗ gen sofort Anlaß zu ernsten Weisungen an die nachgeord— neten Stellen gewesen seien. Ein Mitglied des Ausschusses behandelte die Frage der Unsittlichkeit und des Bordell— wesens, ferner des Alkoholgenusses. Ferner klagte der Redner über eine Verhinderung der Verteilung konfessio— nellen Lesestoffes. Auch sei für die evangelische Seelsorge nicht so gut gesorgt wie für die katholische. Sodann lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Wohnungsfrage und erbat die Bereitstellung von genügenden Geldmitteln für die He⸗ bung der Kleinwohnungsfürsorge.
Der Krtiegsminister begrüßte alle Bestrebungen und Mittel zur Hebung der Sittlichkeit und betonte mit Nach⸗ druck, daß das Mimisterium es nicht an Eifer zur Bekämp⸗ fung der Unsittlichkeit fehlen lasse. Die Zahlen der Ge— schlechtskrantheiten würden weit übertrieben. Der 5 des Alkoholgenusses werde dauernd Aufmerksamkeit wendet. Den Vorwurf der konfessionellen dauerte der Minister.— Generalarzt (auch seinerseits, daß die Frage der Prostitution Gegenstand ernster Beratungen gewesen sei und dauernde Aufmerksam⸗ keit fände Ein nationalliberaler Abgeordneter besprach u. a. die Ausbildung der Jugendkompagnien im Schießen und richtete die Aufmerksamkeit auf die Erschwerung des Ver⸗ kehrs der Angehörigen verwundeter Soldaten mit diesen. Auch von allen anderen Parteien wurden zahlreiche Wünsche über die Soldatenbehandlung vorgetragen. Auf die Klage
eines Abgeordneten erwiderte der Kriegsminister, die Ver⸗ wendung von Kirchen zu unwürdigen Zwecken, z. B. als Pferdeställe, billige er nicht. Er könne nicht glauben, daß die Erteilung von Urlaub von der Einlieferung von Gold⸗ münzen abhängig gemacht sei. Er würde solches nicht billi⸗
Dem Gedanken einer Auslieferung von Waffen an die Jugendvereine stellte der Minister ernste Bedenken entgegen.
Der Ausschuß nahm dann einstimmig einen Antrag
an, wonach beurlaubten Soldaten freie Fahrt ur Heimat und zurück zustehen solle. Sodann wandte sich die Besprechung zu den gestern schon erörterten Wirt⸗ schaftsfragen zurück.— Ein fortschrittlicher Redner erörterte
1 g 14 5 Imparität be⸗ Schultz en betonte
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
die Frage, ob die von den Städten aufgespeicherten Fleisch⸗ vorräte jetzt auf den Markt geworfen werden sollten, um auf die hohen Fleischpreise zu drücken. Die Fleischvorräte dem Kleinhandel zum Verkauf zu übergeben, wie vielfach gewünscht werde, sei nur möglich, wenn gesetzliche Kontroll- und Strafbestimmungen diesen Verkauf durch den Klein— handel regelten. Der Ausdehnung der Höchstpreise auf Brot, Mehl, Kleie usw. stimmte er zu. Ein anderer Abgeordneter hob besonders die Wichtigkeit der Hülsenfrüchte für die Ernährung hervor und befürwortet für das kommende Jahr eine Erleichterung des Kartoffelbezuges für die Familien von eingezogenen Truppen durch Kreditbewilligung aus öffentlichen Mitteln und lenkte die Aufmerksamkeit auf eine rechtzeitige Einbringung der nächsten Ernte.
In der Nachmittagssitzung stimmte bei der fortgesetzten Beratung der Wirtschaftsfragen Staatssekretär Delbrück dem Wunsche zu, für die stark arbeitenden Kreise größere Brotportionen zur Verfügung stellen zu können. Unterstaats⸗ sekretär Richter stellte gegenüber laut gewordenen Zwei— feln fest, daß beabsichtigt sei, das Gefrierfleisch erst dann auf den Markt zu bringen, wenn auf die Schweinepreise ein Druck ausgeübt werden müsse. Die festgesetzten Höchst— preise für Kartoffeln müsse man auch nach der heutigen Kenntnis über die vorhandenen Mengen als durchaus rich— tig und zweckmäßig bezeichnen. Mit geringeren Höchstpreisen würde die jetzige Lage nicht so günstig sein.
Erzberger in Lugano.
Köln, 15. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Köln. Volksztg.“ meldet aus Lugano: Bei dem Tumult am gestrigen Abend wurde der in Rom weileude deutsche Reichs— tagsabgeordnete Erzberger im Automobil mit Stei—
nen beworfen. *
Berlin, 15. Mai.(WT. Nichtamtlich.) Der Vorstand des Deutschen Städtetages tritt am nächsten Mitt⸗ woch zu einer außerordentlichen Tagung zusammen. Anlaß dazu sind die gestrigen Verhandlungen des Deutschen Land— wirtschaftsrates. In städtischen Kreisen wird befürchtet, daß die Durchführung der dort gefaßten Veschlüsse den städti— schen Konsumentenkreisen, das Maß von Einfluß, das sie jetzt auf die Verteilung von unentbehrlichen Lebensmitteln besitzen, für die neue Ernteperiode kürzen, wenn nicht gänz⸗ lich entziehen wird. Das gilt besonders hinsichtlich der Vor— schläge, durch die die Kriegsgetreide-⸗Gesellschaft beseitigt werden soll. In den Städten herrscht die Ueber— zeugung, daß diese Gesellschaft, die unter opferwilliger Beteiligung der Städte zustande gekommen ist, ihre Auf— abe, wenn auch unter anfänglichen Schwierigkeiten, schließ— ich mit vollem Erfolge gelöst hat.
Ordentliche Sitzung des Ureistages des Kreises Gießen.
Gießen, 5. Mai 1915.
Anwesend: Großh. Reg.-Rat Hechler als Vorsitzender, 17 Mit- glieder des Kreistags, 4 Mitglieder des Kreisausschusses, sowie der Schularzt für den Landkreis Gießen.
Die Tagesordnung lautet:
1. Rechnung der Kreislasse und Verwaltungsbericht für 1913.
2. Voranschlag der Kreiskasse für 1915.
3. Erbauung einer Kreisstraße von Leihgestern nach Gießen;
hier Grenzregulierung.
4. Neuwahlen.
5. Mitteilungen.
Der Vorsitzende eröffnete um 10 Uhr die Sitzung und begrüßte die Erschienenen. Alsdann stellte er die rechtzeitige Ladung zu der heutigen Sitzung, sowie die Beschlußfähigkeit des Kreistages fest, wobei er mitteilte, daß die Kreistagsabgeordneten Bürgermeister Dörmer in Lich und die Kommerzienräte Emmelius, Klin g⸗ spor und Schirmer zu Gießen ihre Verhinderung zur Teil- nahme an dem heutigen Kreistag angezeigt und ihr Fernbleiben entschuldigt hätten.— Der Vorsitzende widmete sodann den ver⸗ storbenen Kreistagsabgeordneten, Geh. Medizinalrat Dr. Haber⸗ korn⸗Gießen und Bürgermeister Horst-Nieder-Bessingen einen ehrenden Nachruf.— Zu Urkundspersonen wurden die Kreistags⸗ abgeordneten Landgerichtsrat Neuenhagen und Bauunternehmer Winn(Gießen) bestellt. Zum Protokollführer wurde Kreisamts⸗
Kunst, Wissenschaft und Ceben.
— Bildhauer Josef Höffler 5. Dem unlängst in Ber n einem langwierigen Leiden erlegenen Bildhauer Josef Höffler widmet Woldemar v. Seidlitz in der„Kunstchronik“ einen Nachruf, worin er hervorhebt, daß die deutsche Bildnerei mit diesem Künstler einen besonders schweren Verlust erleidet, weil Höffler einer der wenigen Künstler war, denen ein durchaus eigenartig empfun⸗ denes Ideal klar vor der Seele schwebte, und der ihm auch einen voll entsprechenden Ausdruck zu geben vermochte. Von allen Tages⸗ strömungen und Ueberlieferungen verstand er sich frei zu halten. Höffler, der nur ein Alter von 37 Jahren erreicht hat, war Holz⸗ bildhauer. Er hatte die Holzbildhauerei bereits frühzeitig erlernt, konnte aber erst spät zur Ausübung seiner Kunst gelangen. Nach langen Wanderjahren entschloß er sich zum Besuche der Münchener Akademie; der Anblick der Werke Rodins bei einem kurzen Auf⸗ enthalte in Paris scheint ihm den entscheidenden Anstoß gegeben zu haben, ohne ihn jedoch von seiner Eigenart abzubringen. Von 1905 an war Höffler Meister in einer Möbelfabrik, und dieser Beruf, dem er bis zuletzt oblag, um sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben, hat ihm den größten Teil seiner freien Zeit genom⸗ men. Eigentlich hat er erst in den letzten acht Jahren seines Lebens für sich arbeiten können, und auch da nur abends, nach des Tages Mühe, und Sonntags. Lichtwark 8 sich seiner und seiner Fa⸗ milie väterlich angenommen, und auf seine Veranlassung hat Höffler 1908 die Büste des Grafen Götze und 1909 die Hagenbecks geschaf⸗ fen, die jetzt beide die Hamburger Kunsthalle besitzt. Während der letzten Jahre seines Lebens war der Künstler durch eine tückische Krankheit am Arbeiten verhindert. Im ganzen wird sich die Zahl 1— Schöpfungen etwa auf drei Dutzend belaufen— ein„
essen Umfang bei Höfflers unglücklichen Lebensumständen über⸗ raschen muß, zumal da sich mehrere nahezu lebensgroße Vollfiguren darunter finden. Den Kopf eines Jünglings! besitzt das Albertinum in Dresden; ein Jünglingskopf im Berliner Privatbesitze wird als ein Werk gepriesen, das sich den kraftvollen Schöpfungen Griechen⸗ lands vergleichen lasse. Die meisten seiner Arbeiten hat der Künstler in Lindenholz geschnitzt; neben seinen Bildnissen sind auch seine sehr lebendigen und zugleich monumentalen Tierfiguren hervor-
zu 5 — Kalbsleber als Mittel gegen Lungen⸗ schwindsucht. Der Umstand, daß die Leber reich an Lipoiden id Fermenten ist, welche eine antitoxische Wirkung haben, und
5 5 1 A
— Gtolittriund der Bildhauer. Hiolttt, auf dessen Persönlichkeit jetzt die Augen der ganzen Welt gerichtet sind, ist
ein Mann von sehr einfachen Lebensgewohnheiten, der in seiner piemontesischen Heimat Tronero gern zurückgezogen lebt, und sich nicht gerade viel aus Volkstümlichkeit macht. So wird denn auch von ihm berichtet, daß er sich ein einziges Mal habe dazu bereit⸗ finden lassen, einem Künstler zu seinem Bildnisse zu sitzen. Die Veranlassung dazu bildete die Bitte seiner engeren Landsleute, die den Ratssaal in Dronero mit seiner Büste schmücken wollten. Darauf entschloß er sich dann wirklich, dem Bildhauer Alloatti eine Sitzung zu ähren, über die vor einigen Jahren ein an⸗ sprechender Bericht erschienen ist. Giolitti zeigte sich auch hier als der einfache, natürliche Mensch, der er ist. Er scherzte und
Montag, 17. mai 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brü hl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse sür Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
gehilfe Schäfer ernannt und durch Handschlag an Eidesstatt verpflichtet.
Erster Gegenstand der Tagesordnung: Rech⸗ nung der Kreiskasse und Verwaltungsbericht für 1913.
Der Vorsitzende stellt fest, daß der Verwaltungsbericht den Kreistagsmitgliedern mit der Einladung zur heutigen Sitzung zu⸗ gesandt worden ist. Die Rechnung, die einen sehr günstigen Ab⸗ schluß aufzuweisen habe, sei von dem Kreisausschußmitglied Oeko⸗ nomierat Hoffmann ⸗Hof⸗Güll vorgeprüft worden; Anstände hätten sich hierbei nicht ergeben. Die Rechnung wurde ebenso wie die Rechnungsbelege zur Einsichtnahme aufgelegt und die Beschluß⸗ fassung über diesen Gegenstand bis nach Beratung des Hauptror⸗ anschlages für 1915 ausgesetzt.
Zweiter Gegenstand der Tagesordnung: Vor⸗ anschlag der Kreis kasse für 1915.
„Der Vorsitzende stellte fest, daß der gedruckte Voranschlag den Kreistagsmitgliedern ebenfalls mit der Einladung zur heutigen, Sitzung zugegangen ist. Er habe leider nicht vor Beginn des Rech⸗ nungsjahres aufgestellt werden können und man habe deshalb einstweilen mit dem alten Voranschlag wirtschaften müssen, wes⸗ halb Indemnität beantragt werde. Sie wurde erteilt.
Der Vorsitzende teilt weiter mit, daß sich der Voranschlag eng an den vorjährigen anlehne lediglich mit den durch die Kriegslage bedingten Abweichungen. Trotz des Kriegs und namentlich trotz der für Familienunterstützungen usw. aufzubringenden Beträge sei
eine Erhöhung der Umlagen nicht erforderlich ge⸗
worden. Eine Generaldebatte über den Voranschlag wurde nicht für notwendig erachtet und deshalb sofort in die Beratung der einzelnen Kapitel eingetreten. 8 Zu Kapitel III„Kriegsleistungen“ bemerkt nach erläutern⸗ der Darlegung des Vorsitzenden Kreistagsmitglied Beckmann, ihm sei bekannt geworden, daß bei Gewährung der Kreiszuschüsse nicht unparteiisch verfahren werde. Er habe leider keine Zeit gehabt, sich weitere Informationen hierüber zu verschaffen. Kreistagsmitglied Neuenhagen antwortet, die Mitglieder der Kommissionen, deren einer er angehöre, beurteilten die ge⸗ stellten Unterstützungsanträge in wohlwollender Weise. Daß die Anträge auf die Bedürftigkeit der Nachfuchenden geprüft werden müßten, sei gesetzliche Vorschrift und deshalb nicht zu umgehen. Es komme allerdings vor, daß Anträge abzuweisen seien. Dies geschehe aber nur dann, wenn Bedürftigkeit nicht vorliege. Daß
Ungleichheiten vorkämen, scheine manchmal nur so. Kämen Kla⸗
gen in dieser Richtung, dann würde sofort eine Nachprüfung den
Verbältnisse vorgenommen und berechtigten Klagen abgeholfen. Sollte das Kreistagsmitglied Beckmann der Kommission den Vorwurf bewußter Parteilichkeit habe machen wollen, so müsse dies eutschieden zurückgewiesen werden. g Kreistagsmitglied Grünewald bemerkt hierzu, daß er seinerzeit den Standpunkt vertreten habe, daß die Zuschüsse, die den Kreis zu den vom Reiche zu leistenden Beträgen zahle, nicht als Unterstützung, sondern als Ehrensold gegeben werden sollten. Die Gewährung von Zuschüssen solle auch in den Fällen nicht ab⸗ gelehnt werden, in denen die Nachsuchenden von den Arbeitgebern noch unterstützt werden. Die Arbeitgeber sollten schon aus sozialen Gründen nicht zur Zurückhaltung veranlaßt werden. Kreistagsmitglied Neuenhagen erwidert, er könne nur wiederholen, daß die Kommissionen bei vorliegender Bedürftigkeit die Anträge mit großem Wohlwollen behandelten. Richtig sei, daß in einzelnen Fällen die von Arbeitgebern gewährten Unterstützun⸗ gen bei Beurteilung der Bedürftigkeit hütten mit in Betracht
gezogen werden müssen; in solchen Fällen hätten aber die ganzen
Verhältnisse eine andere Beurteilung nicht zugelassen. Kreisausschußmitglied Hoffmann fügt hinzu, er könne als Mitglied einer Kommission die Ausführungen des Vorredners nur bestätigen. Vielfach seien die Unterlagen für die Beurteilung der Anträge unvollständig. Wo Vermögen vorhanden sei, müsse. dies selb stperständlich bei Beurteilung des Antrags berücksichtigt werden. Kreistagsmitglied Hirschhorn erklärt, daß er die Aeuße⸗ rung des Kreistagsmitgliedes Beckmann so aufgefaßt habe, als habe dieser den Kommissionen einen Vorwurf nicht machen wollen. Hin⸗ sichtlich der Gewährung von Zuschüssen an solche Personen, die von. ihren Arbeitgebern unterstützt werden, stehe auch er auf dem Standpunkt, daß solche bei Beurteilung der Bedürftigkeit nicht in Betracht gezogen werden dürften, denn die Unterstützung des Ar⸗ beitgebers solle nicht dem Kreis, sondern den Leuten zugute kommen. Kreistagsmitglied Beckmann bekundet, daß es ihm fern ge⸗ legen habe, den Kommissionen den Vorwurf bewußter Unpartei⸗ lichkeit zu machen. Er habe nur sagen wollen, daß objektive Un⸗ gerechtigkeiten vorgekommen seien. a 5 Der Vorsitzende erwiderte hierauf, daß er die frühere Aeußerung des Kreistagsmitgliedes Beckmann nicht anders ver⸗ standen hätte, andernfalls würde er den Redner zur Ordnung ge⸗ rufen haben.
spielte mit den Kindern des Bildhauers und plauderte mit diesen über alles mögliche— nur nicht über Politik. Alloatti selbst war durch die Züge. des greisen Staatsmannes aufs tiefste gefesselt. Sie sind voller Charakter, und besonders machen Giolittis Augen, die das ganze Gesicht beherrschen, einen mächtigen Eindruck. Sie wechseln, so bemerkt der Bildhauer, in und mit dem Gespräche unaufhörlich ihren Ausdruck; bald richten sie sich gebietend aur das Gegenüber, bald scheinen sie wie erloschen, und dann wieder funkeln sie wie Lampen unter den dichten Augenbrauen hervor. Man kann sich denken, daß die Wiedergabe dieser Augen dem Künstler keine geringen Schwierigkeiten bereitete. Giolitti, der ein Mann von hoher Bildung und ausgebreiteten Interessen ist, vlau⸗ derte mit dem Künstler auch über Kunstangelegenheiten und beson⸗ ders über die Bildhauerei, auf deren große Leistungen in seiner Heimat Piemont der Stolz war. Als Alloatti auf die Gegensätze im modernen Kunstleben zu sprechen kam, da machte Golittt in. seiner väterlich⸗schalkhaften Art eine Bemerkung, die gerade im gegenwärtigen kritischen Augenblicke ein eigenes Interesse hat. Er. sagte:„Die Kunst hat ihre Gegensätze wie alle Handwerke, wie, alle Aufgaben der Menschheit. Ich weiß auch ein wenig von Gegensätzen zu erzählen!“
— Der Tod John Bunnys wird aus New. York ge⸗ meldet. Einer der berühmtesten Sterne der Kinowelt ist damit vom Schauplatz abgetreten. Jeder Kinobesucher kannte den dicken Bunny, der ihn so oft zum Lachen brachte. Wenn er mit dummlichent Lächeln auf Liebesabenteuer ausging oder als verschmitzter Spitz⸗ bube alle hinters Licht führte, ob er als strenger Vater oder Onkel erschien, immer hatte er den gleichen Erfolg: das Publikum brach schon in Gelächter aus, wenn es sein bewegliches Gesicht, das jeden Augenblick einen andern Ausdruck zeigte, erblickte. Erstaunlich war es, wie er uns trotz seiner großen Korpulenz gelenkig die hals⸗ brecherischsten Abenteuer vorführte: im Auto, im Luftschiff, auf einer zu gut gebohnerten Treppe. John Bunny war Amerikaner: er hat ein Alter von 52 Jahren erreicht, und er war, wie so viele berühmte Komiker, im Privatleben ein sehr ernster Mann. Ur⸗ sprünglich hatte er als bescheidener Variétékünstler sein Leben ge— fristet; sein Glück kam, als er sich dem Film zuwandte und hier schnell der erklärte Liebling des Kinopublikums wurde. Seine Lauf⸗ bahn als Filmschauspieler begann er mit einem Gehalt von 160 Mark in der Woche, aber bereits nach 3 Jahren war er auf 4000 Mark wöchentlich gestiegen.


