Ar. 54 Zweites Blatt
Die„Sie ener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sietzen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweunal.
rr
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Sur Aufklärung über die Kriegsanleihe. (Nachdruckerwünscht.)
Alle Zeitungen bringen jetzt die Aufforderung:„Zeich⸗ net die Kriegsanleihe!“ Aber diejenigen, die 155 Wert⸗ papieren noch nichts zu tun hatten und gewohnt sind, ihre Ersparnisse nur der Sparkasse anzuvertrauen, werden doch vielfach nicht recht wissen, wie dieses„Zeichnen“ vor sich geht und was es überhaupt mit dieser Anleihe auf sich
t. Darum hier ein paar Worte zur Aufklärung.
Zunächst ein Beispiel: Jemand hat auf der Sparkasse etwa 1000 Mark. Er weiß, daß er sie in den nächsten Mo⸗ naten wahrscheinlich nicht braucht. Um aber für alle Fälle doch einen Teil stets zur Verfügung zu haben, entschließt er sich, nur für die Hälfte Kriegsanleihe zu zeichnen. Die Zeichnung ist nur möglich bis Freitag, 19. März, 1 Uhr. Er f also an die Sparkasse und erklärt, er wolle für 500 Mk.
insprozentige(500) Deutsche Reichsanleihe kaufen.(Es kann auch weniger oder mehr sein, der kleinste Betrag ist für 100. Mk.) Die Sparkasse wird ihm dann Anfang April die nötige Summe von seiner Ersparnis herauszahlen, denn bis zum 14. April 1915 müssen kleinere 8 der Reichs⸗ anleihe(bis 1000 Mk.) bezahlt sein. Die Sparkasse wird auch den Ankauf auf Wunsch selbst besorgen, ebenso besorgt es jedes Bankhaus und jede Postanstalt.
Die Anleihe wird zu 97,500 ausgegeben, d. h. für 100 Mk. braucht man nur 98,50 Mk. zu bezahlen; also für ein Stück von 500 Mk. nur 492,50 Mk. An dem Wertpapier, das man erhält, sind sog. Kupons(d. h. Zinsscheine). Sie sind alle Halbjahre abzuschneiden, der erste am 2. Januar 1916. Jedes Bankhaus 4 dann den darauf stehenden Zinsbetrag. Dieser beträgt also für das Halbjahr bei einem Stück von 500 Mk. 12,50 Mk. Die Verzinsung ist also besser, als auf der Sparkasse, die nur 3 bis 4 Prozent zahlt. Auch ist das Geld ebenso sicher angelegt; denn solange das 55 Reich überhaupt besteht, wird es auch seine Zinsen
en. ö 5 Das Wertpapier selbst kann man— um es vor Dieben zu sichern— auch bei der Bank oder in der Berliner Reichs⸗ bank aufbewahren lassen. Das verurfacht keine Kosten. Die Zinsen erhält man dann von der Bank oder der Reichsbank⸗ stelle des Wohnorts. Bei der Zeichnung muß man diesen Wunsch äußern. Braucht man später einmal das Geld, so kann man das Wertpapier bei einer Bank vertaufen. Geht der Krieg gut für uns aus, so wird man es teuerer ver⸗ kaufen können als man es getauft hat. 4 Manche Leute meinen immer noch, eine Kriegsanleihe sei ein Geschenk an den Staat. Das ist ganz falsch. Das Geld bleibt dir; ebenso gut wie wenn du es auf die Swarkasse trägst; nur erhältst du mehr Zinsen.
Aber nicht die Hoffnung auf Gewinn soll uns zur Zeich⸗ nung veranlassen, sondern der Wunsch, dem Baterlande zu helfen. Denn zum 3 gehört Geld, sehr viel Geld, und deshalb nimmt das Reich jetzt diese Anleihe auf.
Aber man versäume die Frist nicht: vor Freitag, den 19. März, 1 Uhr, muß die Zeichnung erfolgt sein!
Aus der Geschichte der ukrainischen Frage.
Unter den Völkern, die in dem Joch des russischen Zaren⸗ reiches nach Befreiung seufzen und sich ihre frühere Unabhängig⸗ keit wiedererkämpfen möchten, sind die Kleinrussen oder Ukrainer die wichtigsten, obwohl man von ihnen im Deutschen Reich ver⸗ hältnismäßig wenig weiß. Sie kommen an Zahl gleich hinter den Großrussen und werden in Rußland allein auf 32 Millionen Seelen geschätzt, während in Oesterreich⸗Ungarn noch ungefähr 31 Millio⸗ nen leben. In einem inhaltsxeichen 1. von Dr. Adolf Grabowsky. Wochenschrift„Das neue Deutschland“ erörtert Dr. Hans Hartmeyer die Geschichte und Bedeutung der ukrainischen Frage, die in der Zukunft vielleicht noch eine große Rolle spielen wird. Die Ukrainer kämpfen gegen die russische Unter⸗
Freitag, 5. März 1075
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschäitsstelle u. Verlag: S l, Schrist
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
drückung, um alles, was einem Volle heilig ist, um ihre Natio⸗ nalität, ihre Kirche, Sprache und Schule. Sie stellen gegenüber dem Großrussentum das bodenständigere slavische Element dar, das nicht durch die Beimischung mongolischen Blutes verschlechtert wurde, und wohnen in ihrer Grenzmark— d. h.„Ukraine“— in dem Stromgebiet des Dnjepx und Dnjestr seit dem 5 nachchristlichen Jahrhundert in einzelnen Stämmen, die zunächst unter der Füh⸗ rung von Fürsten standen Besonderes Ansehen gewann das Reich von Kiew unter guten Herrschern, die bis ins 12. Jahrhundert machtvoll regierten. Dann trat eine Schwächung durch die Ab⸗ splitterung einzelner kleiner Teilfürstentümer ein, und damals vereinigte Wladimirko Galizien und Wolhynien mit der Hauptstadt Halytsch, während in Nowgorod und Pskow vollkommen selbständige Gebilde entstanden, die alle zusammen die spätere Grundlage des russischen Reiches darstellen. Das furchtbare Unglück der Tataren⸗ herrschaft, das Rußland nahezu zu einem Bestandteil Asiens machte, hat der Ukraine weniger seinen Stempel aufgedrückt, da Galizien⸗Wolhynien ihre Unabhängigkeit bewahrten. Später ging dann ein bedeutender Bestandteil der Ukraine an Litauen über und wurde im Jahre 1386 zusammen mit Litauen ein Stück des vol⸗ nischen Reiches. Aber der Versuch der Polonisierung der Ukraine rief eine leidenschaftliche Feindschaft zwischen Polen und Ukraine hervor, die über die Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag an⸗ dauerte. Damals kam das Kosakentum auf, das sich gegen die Polen mannhaft zur Wehr setzte, bis im Jahre 1648 der berühmte Kosakenhetman Bogdan Chmelnytzkyj die ganze Ukraine von Polen befreite. Der Hetman schloß dann mit dem Zaren Alexei Michaj⸗ lovitsch im Jahre 1654 den n Vertrag von Perejaslapl, in dem die Ukraine sich freiwillig mit Moskau vereinigte. Dieser Vertrag, den den erst Moskau zur Beherrscherin des großrussischen Kerngebietes wurde und der Grund für die Eroberung Peters des Großen gelegt ward, ist Anfang und Ende aller ukrainischen Politik eblieben. Die Freiheit und Gleichheit, die damals von den beiden Zertragschließenden als Bürgschaft festgesetzt wurde, fordern die Ukrainer noch heute nach Jahrhunderten der schwersten Unter⸗ drückung. Nachdem der letzte Aufstand der Ukrainen, der Versuch des Kosakenhetmans Mazeppa, mit Hilfe Karls XII. von Schweden sein Vaterland zu befreien, gescheitert war, wurde die Bedrückung immer furchtbarer, und die ganze kosakische Heeresorganisation wurde vernichtet. Die erste Teilung Polens brachte den polnischen Teil der Ukrainer an Oesterreich, und ebenso wurde die Bukowina mit den dort wohnenden Ukrainern dem Hause Habsburg ein⸗ verleibt. Die zweite Teilung Polens stellte dann die Aufteilung der ukrainischen Gebiete ungefähr in der Abgrenzung fest, wie sie heute desteht. Peter d. Gr. war der erste, der ukrainische Bücher verbot, und seitdem hat Rußland einen unbarmherzigen Ausrottungsfeld⸗ ug gegen die ukrainische Sprache geführt. Das Verbot der Feier es 100. Geburtstages des ukrainischen Nationalhelden und be⸗ deutendsten Dichters Taras Schewtschenko im März 1914 war die roheste Bestätigung des berüchtigten Ukas aus dem Jahre 1876, der die ukrainische Sprache offiziell beseitigte. Selbstverwaltung und Land— das sind die Forderungen, bie die Vertreter der Ukraine in den beiden ersten russischen Dumen aufstellten. Diese Hoffnungen haben mit dem jetzigen Kriege ihren Höhepunkt er⸗ reicht; von einer Niederlage Rußlands erwartet die Ukraine ihre Verwirklichung, und für diese Lösung der ukrainischen Frage ist der„Bund zur Befreiung der Ukraine“ unablässig tätig, der seinen Standort in Wien hat.
Aus Been.. Besetzung freiwerdender Stellen im Staats⸗ und Kommu⸗ naldienst.
An die Zweite Kammer der Landstände hat der Abg. Grünewald den Antrag gerichtet, bei Großh. Staats⸗ regierung zu beantragen,
daß die Besetzung während des Krieges freiwerdender Stellen im Staats⸗ und Kommunaldienst zurückgestellt und eine nur provisorische r ver⸗ anlaßt werde und daß diesbezügliche?
lassen werden.
In der Begründung heißt es:
Kriegsteilnehmer haben sich an mich mit der Bitte gewendet, an Großh. Staatsregierung die Vorstellung zu richten, daß solche Stellen im Staats- und Kommünaldienste, von denen anzuneh⸗ men zit, daß Kriegsteilnehmer sich um sie bewerben würden, wenn sie hierzu in der Lage wären, doch nur vorläufig und nicht
Belgische Kriegsliteratur.
„Das allmähliche Wiedererwachen des geistigen und wirtschaft⸗ lichen Lebens in Belgien spiegelt sich deutlich in den neueren Er⸗ schei des belgischen Buchhandels wieder. Als die Deutschen im Brüssel einzogen, stockte das buchhändlerische Leben vollkommen. Das erste„Werk“, das während der deutschen Besetzung erschien, war Mitte November ein kleines, nur 8 Seiten starkes Bändchen in Sedezformat der„Indicateur officiel des Chemins ⸗de⸗ Fer cir⸗ culant actuellement en Belgique sous l'administratton du gouver⸗ nement allemand“. Er enthielt den Fahrplan von sieben Eisenbahn⸗ linien, von denen jedoch nur eine einzige, die von Löwen nach Char⸗ lerdi, nicht von Brüssel ausgeht. Nach ihm brauchte man für die Fahrt von Brüssel nach Antwerpen, die in Friedenszeiten 35 Mi⸗ muten dauerte, über 7½ Stunden, und dem Reisenden wurde in einer Vorbemerkung empfohlen, sich auf alle Fälle mit Proviant zu versehen, da man auch für diese Fahrtdauer keine Gewähr leisten könne. Ende Februar ist nun eine neue Ausgabe dieses Kursbuches erschienen, die einen viel stattlicheren Eindruck machte: umfaßt sie doch bereits achtzig Seiten desselben Formats. Bier weitere Eisen⸗ bahnlinien sind hinzugekommen, auf den meisten Strecken ver⸗ lehren bereits mehrere Züge in jeder Richtung, und 120 Klein⸗ bahnlinien haben ihren Betrieb inzwischen aufgenommen Gleich⸗ zeitig mit diesem neuen Kursbuch ist eine* die zurzeit maßgebenden postalischen Einrichtungen, Frachtsatze, den Paß⸗ und Grenzverkehr erschienen. Sodann werden von den Brüsseler Verlegern seit einigen Wochen mehrere Sammelwerke herausgegeben, unter denen„Les Lois de la guerre“ an erster Stelle steht. Es bringt in kleinen Heften zu 10 und 20 Centimes Abhandlungen über das Schicksal der Kriegsgefangenen, die Lage der* in Kriegszeiten und beantwortet Fragen wie: Muß man im Kriege die Miete befahlen? Was ist ein Mora⸗ torium? Was darf der Feind im Lande tun und was muß er lassen? Weitere werke bringen die chiedenen Weiß⸗ Blau-, Grau⸗Bücher und andere Dokumente oder sie enthalten alle in Brüssel angeschlagenen„Veröffentlichungen des deutschen Gouvernemertts“, militärische und verwaltungstechnische Bekannt⸗ R Verordnungen und Verfügungen. Die vielen an⸗ deren Anschläge der Stadt Brüssel und der Vorortgemeinden sind in einem besonderen Werk„Brurelles et ses affsches de guerre“ ge⸗ sammelt worden. Ein militär⸗technisches Buch in Lieferungen gibt ein belgischer Hauptmann K. heraus; es nent sich„Sciences et Arts militatres“. 106 Doch damit ist die Kriegsliteratur bei weitem noch nicht er⸗
pft. Unter den Titel„Guide itinsrafre des Champs de Ba⸗ taille“ erscheint in Lieferungen ein Führer für die belgischen Schlachtfelder, dessen erstes Heft zu den vor den Toren Brüssels gelegenen Ortschaften Vilvorde, Eppeghem, Houthem und Perck führt, wo sich am 25. und 26. August die Kämpfe zum Entsatz Brüssels abgespielt haben Auch die Belagerung und die Ueber⸗ gabe von Antwerpen hat bereits ihren belgischen Historiker gefun⸗
den. Ein besonderes buchhändlerisches Ereignis ist aber, wie wir dem„Buchhändler⸗Börsenblatt“ entnehmen, das Weitererscheinen der führenden katholischen Monatsschrift„Revue générale“, in deren Januarheft der in Brüssel verbliebene belgische Staats⸗ minister Woeste einen Jubiläumsartikel zum 50jährigen Bestehen der Zeitschrift veröffentlicht, die er im Winter 1864/55 mit ei⸗ nigen Gesinnungsgenossen im Anschluß an dier ersten belgischen Katholikentage ins Teben gerufen Tatte. Auch diefenigen Werke, die ber Ausbruch des Krieges schon sertig boklagen, dann aber aus begreiflichen Gründen zurückgehalten wurden, tauchen jetzt auf; so vor allem Bücher geschichtlichen und kunstgeschichtlichen In⸗ haltes. Aus allem geht hervor, daß der belgische Buchhandel sich wieder zu regen beginnt, was umso bemerkenswperter ist, als er vor dem Kriege in hohem Maße von Paris abhängig war.
*
— Gedanken Beethovens. Eine warmherzige Ver⸗ teidigung Beethovens gegen seine Ankläger bietet Gustav Er nest in seinem Aufsatz der„Deutschen Rundschau“, in dem er die jüngsten Funde aus den Prozeßakten des Meisters kritisch be⸗ leuchtet. Dem unwahren und unklaren Bilde, das auh einer allzu juristischen Erörterung dieser unerquicklichen Rechtsstreitigkeiten gewonnen wurde, stellt er die wirkliche Wesenheit des großen Kom⸗ ponisten entgegen, der ein wahrhaft edler, guter und stolzer Mensch war. Dabei bekämpft er besonders die immer wieder aufgestellte Behauptung von der Unwissenheit und Unbildung Beethovens, die man aus dem schlechten Satzbau und der fehlerhaften Ortho⸗
wir in seinen Briesen auf Sätze von einer gedanklichen 8 und Wucht des Ausdruckes stoßen, die geradezu i Beethovens“ an,
rdnungen er⸗
definitiv besetzt werden möchten. Mir scheint es ein Gebot der Zweckmäßigkeit, in noch höherem Maße aber auch der G erech⸗ tigkeit zu sein, den Kriegsteilnehmern nicht die Möglichkeit zu nehmen, sich um frei werdende Stellen zu bewerben. Es wird aber auch nach dem Kriege eine große Zahl von Ganz⸗ oder Halb⸗ invaliden geben, denen man bei Besetzung gewisser Stellen— Bureau⸗, Rechner-, Wärterstellen und dergleichen— den Vor⸗ zug wird geben wollen. Die Regierung wird, wie ich annehme, für die staatlichen Stellen bereits entsprechende Anordnungen ge⸗ troffen haben, den kommunalen Verwaltungen ist noch keine Wei⸗ sung oder Anregung gegeben worden. Es bestehen zurzeit Va⸗ kanzen, so daß die Angelegenheit der Dringlichkeit nicht entbehrt. Eine Verständigung mit den geschaffen werdenden Zentral⸗ und Zweigstellen für Kriegsinvaliden(Berufsberatung und Stellen⸗ vermittlung für Kriegsbeschädigte) wird sich demnächst ergeben.
Die Unterstützung von Familien in den Dienst eingetretener
Mannschaften.
Abg. Leun beantragt, die Zweite Kammer wolle be⸗ schließen, Großh. Regierung zu ersuchen, im Bundesxrate zu beantragen, daß den Familien, deren Bedürftigkeit nicht an⸗ erkannt wurde, die Hälfte der durch Reichsgesetz vom 4. August 1914 festgesetzten Vergütung 05 wird, soweit das Vermögen die Summe von 20000 Mark nicht übersteigt.
Geriche saal.
X Han au, 3. März. Vor der Strafkammer in Hanau hatten sich zehn Bäcker meister, bezw. deren Frauen, von Schlüchtern zu verantworten. Vom Landratsamt war dort der Höchstpreis für 4 Pfund Weißbrot auf 55 Pfg. und für 5 Pfund Schwarzbrot auf 65 Pig. sestgesetzt worden. Bei diesen Verkaufs- preisen glaubten die Bäcker nicht existieren zu können. Sie richteten daher in einer Eingabe das Ersuchen an den Landrat, die Verkaufs- preise für das Brot zu erhöhen, andernfalls sie am 15. Dezember ihre Betriebe schließen würden. Obwohl ihnen vom Landratsamt mitgeteilt wurde, daß eine Erhöhung der Brotpreise in Erwägung gezogen werden sollte, warteten sie einen endgültigen Bescheid nicht ab, sondern setzten durch Bekanntgabe in der„Schlüchterner Zeitung“ das Gewicht für das Brot um ein halbes Pfund herunter und den Preis für beide Sorten um 10 Pfennig hinauf und verkauften auch nach diesen ihren eigenmächtig getroffenen Anordnungen. Ihr Vor⸗ gehen suchten sie gestern mit den hohen Mehlpreisen zu rechtfertigen, bei denen sie unter Einhaltung der behördlich sestgesetzten Verkaufs⸗ Höchstpreise hätten Geld zasetzen müssen. wies demgegenüber darauf hin, daß in der gegenwärtig schweren Zeit ein jeder Opfer bringen müßte, und verurteilte besonders scharf die Drohung der Angeklagten, den Betrieb einzustellen, wenn die Brotpreise nicht erhöht würden. Die Angeklagten wurden zu Geldstrasen von 10 bis 200 Mark verurteilt.
h. Frankfurt a. M., 4. März. Vor der Strafkammer 1
erzielte heute der Pfarrer a. D Wangemann einen Frei⸗ spruch. In der Uniform eines Gardeleutnants besuchte der Mann kurz nach Ausbruch des Krieges zahlreiche reiche Frankfurter Fa⸗ milien und sammelte bei diesen Unterstützungen für ein ausländi⸗ sches Waisenhaus.
und in Mainz 2500 Mk. beisammen. Von diesen Geldern bestritt
Wangemann nun einen Teil seines Lebensunterhaltes und geriet
dadurch mit dem Gericht in Streit. Die Verhandlung ergab, daß der Angeklagte Offizier war und auch in Bulgarien ein Waisen⸗ haus gründete, für das er bedeutende persönliche Opfer brachte
Der Gerichtsvorsitzende
8 einer Woche hatte er hier 5000 Mk. 12
Nur der Umstand, daß die Zeugen erklärten, sie hätten ihm auc
die Gelder gegeben, wenn sie seine Notlage gekannt hätten, rettete ihn vor der Bestrafung. So sprach ihn das Gericht auf 8 frei.
Odol
in hübscher Metall⸗Felddose J Flasche 85 Pfg.(idee dosee)
In allen einschlägigen Geschäften.(Porto 10 Pfg.)
Freude.—„Gottheit, du siehst herab auf mein inneres, der
kennst es, du weißt, daß Menschenliebe und Neigung zum woltun drin Haufen. O Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht gethan, und der unglückliche, er tröste sich, einen seines gleichen zu finden, der trotz allen Hi Natur doch noch alles gethan, was in seinem um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden.“—„Die Texte, die sie mir zusendeten, eignen sich wirklich am wenigsten zum Gesang: die Beschreibung eines Bildes gehört zur Mahlerey; und der Dichter kann sich hierin von meiner Muse glücklich schätzen, dessen Gebiet hierin nicht so begränzt ist, als das meinige, so wie es(das meinige) sich wieder in andern Regionen weiter erstreckt und man unser Reich nicht leicht er⸗ reichen kann.“ Das Eigenwesen der Musik, ihre Sphäre und ihre Umgrenzung, sagt Ernest,„ist 1075 mit einer Schärfe bestimmt, die der üppig wuchernden Musikästhetik einer kommenden Zeit wenig Neues hinzuzufügen übrig ließ“
— Englische Kriegsdramatik. Die Erfolge, die der englische Dichter Barrie mit seinem sonderbaren Kriegsstück„Der Tag“ errungen hat, haben einen andern bekannten britischen Dra⸗ matiker Stephen Phillips nicht schlafen lassen, und er hat ein Drama geschrieben, das als Titel das neueste englische Schlagwort für Kriegsgreuel„Armageddon“ führt und demnächst in einem Londoner Theater seine Uraufführung erleben soll.„Armageddon“ ist ein biblischer Ausdruck, über dessen eigentliche Bedeutung sich die Engländer nicht recht im Klaren sind; Phillips verknüpft es mit der Hölle und führt uns im Prolog in das Reich des Fürsten der Finsternis. Satan sendet den Schatten Attilas auf die Erde, um wieder Feuer, Blut und Tränen zu ihm herauf zu brin⸗ gen. Bei Ausführung seiner scheußlichen Pläne fürchtet der Herr der Hölle niemand anders als— die Engländer. Das sei ein freies Volk, das gegen jede Gewalt„den beturbanten Osten und seine sonnengeborenen Söhne“ ins Feld führen würde. Satan be⸗ fiehlt daher Belial, zuerst einmal„den Deutschen die große Lüge ins Herz zu legen“. Die erste Szene des eigentlichen Stückes spielt in einem Schloß, das auf einer Höhe oberhalb von Reims liegt. Ein deutscher General und sein Stab sitzen an einem Tisch, der mit Weingläsern und Papieren bedeckt ist. Ein Abb bittet für die Kathedrale von Reims. Aber sein Gebet wird nicht erhört, son⸗ dern die Deutschen richten ihre Kanonen gegen die Kathedrale. Der Höhepunkt des Dramas zeigt dann die Verbündeten, die in Köln eingezogen sind. Die französischen und die belgischen Generale schreien nach Rache und verlangen, daß dem Kölner Dom das
eiche Schicksal bereitet werde wie der Reimser Kathedrale. Aber englische General wendet sich im Namen der Menschlichkeit da⸗
n, und der Kölner Dom bleibt unversehrt. Dieses in den weichen 95 wohllautenden, aber charakterlosen Blankversen der früheren Dramen von Phillips geschriebene Stück, das besonders die Inder als die Kronzeugen für Englands Edelmut anführt, wird wohl weniger als Kunsvert denn als Zeugnis der alles auf den Kopf
stellenden englischen Lügenkunst fortleben.
Antrag 1
Herder en 1 ögen stand,
155


