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richten. — Darf ich mich nach dem Zustande deiner Gesundheit erkundigen?"
„Es ist immer beim alten. Ich werde zeitlebens ent Krüppel bleiben. Wer was ist daran gelegen!"
„Du denkst also im Ernst daran, deine soldatische Laufbahn aufzugeben?"
„Ich trage diesen Rock heute zum letzten Male."
„Es tut mir aufrichtig leid, daß es so ist. Du gedenkst nun dauernd in Reinswaldau zu bleiben?"
Herbert Rasmussen schüttelte den Kopf: „Rein. Die Stätte meiner Kindheit ist mir so gründlich verleidet, daß ich nur den endgültigen Abschluß der Untersuchung ab- warten wollte, ehe ich ihr fiir immer den Rücken wende. Du wirst mir, wie ich hoffe, gestatten, die Billa mit allem, was dazu gehört, meiner Nichte Dietlinde zum Geschenk zu machen, wie ihr nach meinem Tode ja auch alles andere zufallen wird, was ich besitze."
„Davon auch nur zu reden, ist viel zu früh. Dü solltest lieber daran denken, so bald als möglich eine Familie zu gründen und —" >
„Ich werde niemals heiraten. Leute meines Schlages taugen nur zum Meinsem. Meine Zukunftspläne stehen bereits fest. Ich habe eine lleine Villa an der ligurischen Küste erworben, die ich von einem früheren Aufenthalt her in angenehmer Erinnerung hatte, und ich werbe mich da mit meinem weiteren Leben abzufinden suchen, so gut oder so schlecht es sich eben tun läßt."
Er stand auf, um sich zu verabschieden. Noch einmal, wohl zum letzten Male tm Leben, reichten sie sich die Hände.
„Lebe wohl, Harro!"
„Lebe wohl, Herbert! Meine besten Wünsch« begleiten dich." i
Bis an J>te Schwelle gab er ihm das Geleit, und sie trennten sich in der Gewißheit, daß einer des anderen fortan ohne Groll-und Bitterkeit gedenken würde.
Auf dem Wege zu seinem Wagen aber sah Herbert Rasmussen sich noch einmal aufgehalten. Aus dem oberen Stockwerk herab kam eine schlanke Mädchengestelt in einfachem, dunklem Reisekleide, und wenn auch ihr Schritt stockte, als sie den Oberleutnant erkannte, so wandte sie sich doch nicht zum Gehen, als er ihr mit ehrerbietigem Gruß näher trat.
„Ich segne den Zufall, Fräulein Othmar, der mir vergönnt, auch Ihnen persönlich Lebewohl zu sagen. Der Brief, in dem ich es tun wollte, wäre noch heute an Sie abgegangen. Nun aber habe ich doch vielleicht die Freude, aus Ihrem eigenen Münde zu hören, daß Sie mir nicht mehr zürnen."
Margarete hatte gesehen, daß er aus der Bibliothek kam, und sie vergaß allen Unmut, der gegen ihn in ihrer Seele gewesen war, um der Ritterlichkeit willen, mit der er
S senbar sein bei ihrer letzten Unterredung verpfändetes ort eingelöst hatte.
„Sie haben sich mit Herrn v. Bardeleben ausgesöhnt?" fragte sie.
„/Ich habe seine Verzeihung erbeten und erhalten. Wir sind eben alle fehlbarc Menschen, Fräulein Othmar, die verurteilt sind, ihr Leben lang im Dunkel zu irren."
„Nicht unser Leben lang, Herr Rasmussen! Es wäre schrecklich zu denken, daß nicht für jeden von uns ein Tag kommt, an dem alles um uns her wieder licht und hell ist."
Mit einem wehmütigen Lächeln reichte er ihr die Hand. „Lassen Sie mich wenigstens von Herzen wünschen, mein verehrtes Fräulein, daß dieser Tag jetzt für Sie angebrochen sei. — Sie sind im Reiseanzuge. Es ist doch nicht Ihre Absicht, Klein-Ellbach zu verlassen?"
„Ich gehe mit Dietlinde auf einige Monate nach dem Süden. In einer Stunde schon werden wir reisen."
„Ja so — plit Dietlinde! Und Sie werden natürlich auch mit ihr hierher zurückkehren. Erlauben Sie mir denn. Ihnen alles Glück der Erde für diesen Tag der Heimkehr zu wünschen."
Margarete war heiß errötet, denn sie hatte den verborgenen Sinn seiner Worte sehr wohl begriffen. Wer es war eine so schlichte Aufrichtigkeit, eine so herzliche Wärme in ihnen gewesen, baß sie nicht imstande war, ihm zu zürnen.
„Ich danke Ihnen," sagte sie leise. „Und Sie? Werden Sie nun häufiger aus Klein-Ellbach erscheinen?"
Verneinend bewegte er den Kopf. „Auch ich verlass« Deutschland schon an einem der nächsten Tage — voraus
sichtlich auf immer. Darf ich hoffen, daß Sie mir ein freund liches Gedenken bewahren?"
Ich werde mich immer mit aufrichtigen! Dank d«r Freundlichkeiten erinnern, die ich von Ihnen erfahren."
„Und wenn Sie vollkommen glücklich sind', wenn all« Ihre Träume Mrllichkeit geworden sind und all« Ihre Hoffnungen sich erfüllt hÄ>en, werden Sie mir dann eine Mitteilung vergönnen, einen Gruß oder, wenn «S nichts anderes sein kann, nur ein einziges kürzes Wert? Für Ci« würde das ja am Ende nur wenig bedeuten, mir aber wäre es ein liebes, ein köstliches Geschenk."
,^Von Heiden gern will ich es Ihnen versprechen."
Sie ließ es geschehen, daß er seine Lippen heiß und lang« auf ihre Hand preßte, denn ihr Herz sagte ihr, daß er mit diesem Kuß schmerzlichen Wschied von einer seiner süßesten Glückshoffnungen nahm.
Als er sich wieder aufrichtete, war sein Gesicht ruhig und seine Haltung von mannhafter Festigkeit.
„Zum letzten Male denn: Leben Sie wohl, Fräulein Margarete!"
Sie sah ihm nach, bis er seinen Fuß auf den Wageutritt gesetzt hatte, und ihre gute» Wünsche folgten ihm, wie ihm die seines Schwagers Bardeleben gefolgt tvaren,
(Schluß folgt.)
vie Jüngsten.
, Bilder von der Aushebung.
Von Dr. Hans Wantoch.
Wien, Anfang Oktober 1914, '
„Die Jahrgänge 1894, 1893, 1892," heißt es in der Ein« berufungskundmachung. Die Amtssprache ist militärisch knapp, sie ist von einer lapidaren Uebersichtlichkeit, ein wenig unsinnlich allerdings auch. „Die Jahrgänge 1894, 1893, 1892": es ist neueS Menschenmaterial für die Schlachtfelder in Galizien und Serbien, so und soviel mal hunderttausend Stellungspslrchtige, au» denen man so und soviel mal Zehntausende Wassensähige erwählt, sy und soviele neue Bataillone, neue Regimenter und Divisionen formiert. „Die Jahrgänge 1894, 93, 92": man beginnt zu rechnen, unvorstellbare Geburtszifsern von unvorstellbaren Jahre», zahlen »u subtrahiere», unk zu wissen, was das ist, um es sich zu versinnlichen. Und schon tauchen Gestalten junger Burschen auf, noch halb kindliche Gesichter, auf denen kaum der erst» Bartflaum sprießt, gesunde, rote, reine und blanke Gesichter von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren, die von der Last des Lebens noch so wenig gesehen, vom Grauen des Daseins nichts erfahren haben und die bald, sehr bald Angesicht in Angesicht dem wunderbarsten, deni erhabendste», aber auch schrecklichsten Ereignis dieser Zeit gegenüber sein werden. Die Jüngsten ziehen in den Krieg.
Ich wollte sie sehen, just in dem Augenblick, in deni das Assenllerungswort „tauglich" das Schicksal spricht über das Leben ihrer nächsten Tage, Wochen, Monate, über die Gesundheit ihre» Körpers, die Geradheit ihrer Glieder, ja vielleicht über Leben uns Tod. Ich wollte sie sehen in denk Augenblick, der ihnen das Glück zuspricht, dabei zu sein und die einzige Arbeit zu tum die — Man spürt es inbrünstiger mit jedem Tag — allein »och Gültigkeit hat, Würde und Wert: für's Vaterland zu kämpfen)
Zwanzig Minuten vom Ring entfernt, auf der „Landstraße , liegt das AssentierungSlokal. Es ist in hem riesenhaften Gaste saal des Schwechater Bicrkönigs Anton Dreher untergebracht. Mt« Bräuche beharren immer irgendwie trotz verändarter Zeiten, trotz völlig veränderter Bedeutung des Vorgangs, trotzdem sie längst schon ihren Sinn bis aus's letzte Restcken verloren. So ist hier die uralte Verbindung: Wirtshaus und Werbung wieder ansgerichtet. An die fünfhundert Burschen sind hier, stehen herum, sitzen ach den Tischen vor einem Glas Bier. Jmnier neue strömen zü, strömen ab in's obere Stockwerk zur Kommission. Gestern ebenso, morgen wieder und noch viele kommcndc Tage. Vom I. bis zum 20. Oktober ohne Sonntagsruhe. Von 8 Uhr am Morgen bis spät in den Abend hinein nur mit einer halbstündigen PaE zu Mittag. Was für ein prachtvoller Reichtum an Menschenkrast wuchs und wächst noch in diesem Reich! Nein, wahrhaftig nein« noch ist „Polen nicht verloren". An die fünfhundert Burschen sind in dem Raum. Aber ihre Fülle verschwindet in der gähnenden Größe des Saales. Und die große Herbstsonne, die da draußen mit ganzer Helligkeit funkelt, reicht sür ihn nicht aus. Es dämmert drinnen. „Wie vor dem Ausgang einer neuen Morgenröte", dachte ich mir. Rauchwolken hängen in der Lust, Bierdunst schwebt, irgendwo spielt eine Mundharmonika den Marsch vom Prinz Eugen, und die Zinkspitzen der drei Polizistenhelme blitzen am .Eingang,
Es ist derselbe Saal, in dem früher einmal ich gestanden und alle, die in Wien mit mir zwanzig, einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre gewesen, Und wiederum sind junge Leute da, die zwanzig, einundzwanzig und zweiundzwanztg Jahr« zählen. Und doch ist es heute ganz anders. Denn sonst, was bedeutet sonst da»


