Kinderseele.
Roman von Rein hold Ortmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mer Dietlinde verharrte in einem starren Schweigen, das ctnws Unnatürliches und beinahe Unheimliches hatte. Ihre großen Augen blieben immer geradeaus ins Leere gerichtet, und keine Träne netzte ihre' Wimpern.
„Wenn sie doch nur anfangen wollte zu weinen," dachte Margarete, lzje in fieberhafter Aufregung kaum ihre Kleider finden konnte. Sie fürchtete bei dem sonderbaren Benehme» des Kindes nachgerade für seinen Verstand.
Doch ihr Wmnsch erfüllte sich nicht. Das schmale, bleiche Kinder.nitlitz behielt ferne maskenartige Unbeweglichkeit, und die Lippen blieben energisch geschlossen, bis sie sich au» schickte, zwischen Josepha und der Erzieherin über den Treppenslnr in das Schlafzimmer der Baronin hinüberzugehen. -
Das ganze Haus schien erfüllt von jener scheuen Verstörtheit, die ein unerwarteter Todesfall zu erzeugen Pflegt. In der offenen Tür des kleinen Gemaches, das nach der Treppe u noch vor dem Schlafzimmer lag, standen ein paar Mägde, ic wie ans Kommando inü dem Schürzenzipfel an die Augen saihrcn, als sic zurückwicheii, um der kleinen Baronesse den Durcl)gang frcszugeben. Der Eingang zu dem Ranni, in dem Frau v. Bardeleben ihren letzten Atemzug getau, war durch einen Vorhang abgeschlossen.
Als Joseph» ihn zurückschlug, sah Margarete, daß niemals) bei der Toten weilte als- Herr p. Reibnitz, der neben dem Bette kniete und das Gesicht in die bis auf den Boden hcrabhängende Seidendecke gedrückt hatte. Zu Däupten des Lagers brannten die Kerzen zweier fünfarmiger Kandelaber; die hohen Fenster aber waren nicht verhüllt, so daß das bleiche Licht des Novcmbertages ungehindert Zutritt fand. Es strömte über eine Fülle von Blumen, die wohl noch vor Tagesanbruch im Gewächshaus abgeschnitten worden waren, Um das Sterbebett der toten Schloßherrin zu schmücken, und es fiel mit kalter Helle aus die »vachskNeichen Hände unld das marmorne Antlitz der Entschlafenen.
Auch in den Tagen seiner holdesten Maienblüte konnte dies feine, regelmäßige Gesicht nicht schöner gewesen sein alS jetzt. Die Hand des Todes mußte in Wahrheit sehr sanst und weich darüber geglitten sein, daß sie nicht nur keinen der lieblichen Züge entstellt, sondern logar die markante Lcidcnslinie weggewischt hackte, die Margarete gestern an her Lebenden <u,(gefallen ivar. Wären nicht die Blumen und Kerzen gewesen und das schluchzende Geflüster aus dem offenen Ncbcngemach, so hätte man sich an dem Bette einer ruhig Schlummernden wähnen müssen, die der erste Zuruf veranlassen konnte, lächelnd die geschlossenen, langbewimperten Kid er cuiszufchlagen.
Josepha trat an das Lager heran, aber nur um mit harten. Griff den Arm des Kiiieenden zu erfassen und ihm zuzuraunen: „Stehen Sie auf! Da ist jetzt für keinen Platz als für unsere kleine Baronesse."
Wie in jähem Erschrecken hatte Reibnitz den Kopf erhoben, und nun richtete er sich auf. Mit seinem eingefallenen Gesicht, seinem zitternden Kinn und seinen ruhelos irrenden Augen hatte er fast das Aussehen eines Irrsinnigen, und seine schlaffe Gestalt schien sich nur mit Mühe ausrecht zu halten, während er dem Nebenzimmer zuschritt, in dem sich fast die gesamte Hausdienerschaft versammelt hatte.
Sobald er die Schwelle überschritten hatte, ließ Dietlinde die Hand der Erzieherin los und eilte auf da-s Kopfende des Bettes zu. Ein paar Sekunden lang blickte fit regungslos in das Gesicht ihrer Mutter; dann hob sie zögernd die Hand, und ihre dünnen Finger fuhren tastend über die Stirn der Toten bis unter die dicke, weiche Welle schtvlrr- zc» Haares, die inan tief über die Schläfe der Leiche herabgekämmt hatte, ganz so, wie die Baronin sich zu Lebzeiten zu frisiere» pflegte.
Margarete hielt das Beginnen des Kindes für eine letzt« schüchterne Liebkosung: die alte Josepha aber mußte darin wohl etwas anderes sehen, denn ihre Singen wurden enj- setzensstarr, und während sie — wohl halb unbewußt -*i mit harten. Griff das Handgelenk der Erzieherin packte, murmelte sie: „Alle guten Geister!--Das Kind! — Sehen
Sie nur das Kind!"
In ehrfürchtiger Achtung vor den heiligeren Rechten der Tochter hatten sie sich beide einige Schritte von vens Sterbelager entfernt gehalten; im nächsten Augenblick abep waren sie neben dem Bett und der am Boden liegende^ Kleinen. Denn ohne einen Laut von fick, zu geben, war Dietlinde plötzlich rücklings auf den Teppich uiedergestürzt.
Schneller und gewandter als die Alte, hob Margarete den leichten Körper der Ohnmächtigen auf ihre Arm« und trug sie der offenen Tür zu, die sie vor sich sah. Sie hatte den Raum ja nie zuvor betreten, aber nach der gestrigen Beschreibung Fonnis mußte es wohl eines von den beiden Zimmern sein, die der Baron während seines Hierseins gewöhnlich benützte. Außer einigen Sesseln stand nicht viel mehr darin als eine Ottomane, ein Schreibtisch und ein die ganze Längswand verdeckendes Bücherregal. An hilfsbereiten Händen aber war in diesem Augenblick hier gewiß kein Mangel, denn es hatten sich wohl sieben oder acht Personen in dem Zimmer zusaminengefunden, und sie alle umdrängten nun das Ruhebett, auf das Margarete die Kleine niederlegte.
Die eifrigste von allen war die hübsche Fanni, die auch gleich ein Belebungsmilsel vorzuschlagen wußte. „Man mutz Ihr ein paar Tropfen Kognak cinsiöhen," sagte sie. „Das hilft immer! Und wir haben ihn zum Glück bei der Hand. Da —- auf dem Schreibtisch des Herrn BaronS mutz ja stets eine stzaraffc stehen, wenn er sich ans Klein Ellbach aushält


