Wnber-Ikrgiimlit.
Roman von OSkar Krauß mann. 'Nachdruck Verbote«.)
(Fortsetzung.)
Ats Dora vor wenigen Wochen aus dem Lockstein oberhalb Berchtesgaden fast und sich selbst gelobt hatte, zu glauben, zu vertrauen, hätte sie sestyalten sollen an ihrem Gelöbnis, und als sie bei der Rückkehr inS Hotel den schloeren seelischen Schlag empfing, den der Brief der Frau Wolf mit der Nachricht von dem Duell brachte, lmtte Dora sich treu bleiben müssen, sich selbst und ihrem Gelöbnis. Zweifel hätte sie ivolil hegen können, aber sie durste nicht, bevor sie den Zusammenhang genau kannte, in ihrem Innern Werner Verurteilen,
Ja, sie mußte wieder gut machen, und sie wollte Werner zwingen, ihr zu verzeihen. Alle Liebenswürdigkeit, deren ein Weib fällig ist, wollte sie aufbieten, um den beleidigten, zürnenden Manu zu versöhnen. Sie hatte sich früher diese Fähigkeit, diese Kraft gar nicht zugetraut: jetzt wußte sie, daß ihre Liebe auch diese Hindernisse übertvinden ivürde.
Der Brief, den sie vom Aeheimrat Kersten erhielt, war recht unangenehm und beschämend: oder er war nur eine Folge ihrer Handlungsweise und mußte auch ertragen wer- den. Selbstverständlich würde auch der alte Geheimrat eines Tages anders von ihr denke». Noch hatte sie vier Monate Zeck, »och hatte sie in ihrer Eigenschaft als Chefin Werbers so viel Gelegenheit, mit ihm zusainmen zu kommen und ihm zu zeigen, wie es ivirklich in ihr auesah, daß sie wobt hoffen drirfte, alle? wieder gutzumachen. Werner liebte sie ja, und >ver liebt, verzeiht. Gewiß litt er jetzt schtver, >vie sie gelitten hatte, und tvenn eS nach ihr gegangen wäre, «venu sie nicht alle Rücksichten, die Lebensart und Sitte vor schreiben, zu nehmen gehastt hätte, iväre sie zu Fuß durch da? Birkenwäldchen bis zu seiner Billa gelaufen, wäre ihn, »tm den hals gefallen und hätte ihm zugerufen:
„Mein geliebter Werner' Ich bin eine Närrin gewesen, und habe dir ivehe getan, hier bin ich. um dir zu sagen: ich will dein Weib sein und alles ivieder gutmachen an dir, U«a4 ich verschuldet."
Er liebte sie ja, und deshalb konnte er nicht auf die Dauer zürnen, wenn er sah, wie eS wirklich um ihre Gefühle stand,
Dora war so verändert, so ruhig, so heiter, daß Frau SchottelinS sie kopsscbölietnd betrachtete. Davon, daß Werner gekündigt worden war. wußte Frau SchottelinS nicht». Diese Ruhe und Heiterkeit Doras aber kamen ihr verdächtig vor. Eine neue Gefahr zog herauf. Dora hatte sich voll Entrüstung von Werner avgewandt, als sie glaubte, daß er eine andere liebe. Aber nun hatten sich die Berhältnifse vollständig verschoben. Frau Glover lwtte sich mit Lolbar Kersteu verlobt, Werner schien völlig unschuldig an der
jgaiizen Dueltaffäre, und jedenfalls war er kein liebender Verehrer der Frau Glover gewesen Das mußt« Dora erfahren haben, und deshalb nxrr sie wieder glücklich und ruhig. Nun galt es gegen den abscheulichen Bergrat Spal- dtng neue Minen zu legen, und Frau Schotteltus ivar nicht abgeneigt, ihr Werk fortzusetzen--
Die Fahnen flatterten auf allen Werken, die Theresien- hütte war in voller Flaggeirgala, selbst auf der Billa beS Bergrats war die schwarz-weiß rote Fahne aufgezogen Die JustiuuS-Grube hatte geflaggt, in Dorotheenhof standen Ehrenpforten, und alle .Häuser der großen Arbeiterkolonie tvaren dekoriert
AtS Dora, begleitet von Frau IchotteliuS, im Automobil anfttm, krachten die Böllerschüsse, und die Musik blies Fanfaren, heute war die Einweihung der von Dora neu errichtete» Mädchen-FortbildungSschule Sie hatte iu einem liebenswürdigen Schreiben Werner aufgefordert, die Gin- weihungsfeier zu leiten, da seiner Tätigkeit und seinen Bemühungen diese frühzeitige Eröfinuitg der Fortbildnngst- schttle zu danken sei Werner hatte ihren Brief als ein dienstliches Schreiben Vetracküet und hatte die Arrangements für das Fest so gut getroffen» als es glnq
Am Eingänge zu dem Grundstück, auf dem die neue Mädcheu-Fortbilduugsschule stand, hielte» Berg- und hllt- tenlente in Paradeuniform die Wache und bildeten Spalier bis zum Eingänge. Bor diesem erwarteten die Lehrer und Lehrerinnen, die Pflegerinnen des Kinderheims, der Architekt und eine Anzahl höberer Beamten, an deren Spitze Bergrat Spalding, die Besitzerin der Werke
Die Musik blies einen Ehoral und alle Häupter entblößten sich
Zum erstenmal stand Dora ivieder vor Werner. Sie sah an seiner rechten Kopfseite die breite Gasse im haar mit der brennend roten Narbe
Für sie hatte er sei» Blut vergossen, für sie hatte er sein Leben gewagt. Wenn dieser Mann doch geahnt hätte, tvas i» diesem Augenblicke in Doras Brust vorging, tvenn er geahnt hatte, ivas sie für ihn empfand, er hätte nicht so eisigkalt vor sim hingeblickt, er batte nuüt eine so abweisende feierliche Miene aufgesetzt gehabt.
Die Musik schwieg Werner trat vor mit dem Schlüssel zu dem Hause in der haud.
„Gnädiges Fräulein!" begann er seine Ansprache. „Der Bau, den Sie befohlen habe», ist vollendet. Die neu: Mäd klwn-Fortbildunasschule ist eingerlchtet und kann heute er öffnet iverden Zum Wähle der Bewobnerschaft, zum Wvhle der Kinder unserer Arbeiter haben Sie diese neue Stätte für Bildung unb Unterricht erstehen lassen. Möge Gottes Segen auf diesem Werke ruhen und möchte es alle die Früchts bringe», die Sie von ihm erboffeti. Ich iiberreiche Jhnerö den Schlüssel, damit Sie durch Oefftning des Hauses gleichzeitig andeuten, daß diese neue Lehranstalt mit dem heutigen Tage eröffnet ist."


