Wribrr-Nrgimrnt.
Roman von Oskar Klaußmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Werner suhlte sich Verpflichtei, dem Grasen, der sich ihm als so treuen und liebenswürdigen Freund erwiesen hatte, etwas von der Kündigung mitzuteilen. Es wurde ihm aber natürlich nicht leicht, über die Sache zu sprechen, da er nicht verraten wollte, wie es in seinem Innern aussah. Gras Muter bot ihni jedoch selbst die Gelegenheit, ihm die notwendige Mitteilung zu machen.
„Wissen Sie, lieber Freund," meinte der Graf, „Sie müßten jetzt untetk allen Umständen einen Urlaub nehmen; Sie müßten auf vier Wochen nach dem Süden. Ich habe gestern mit dem Geheimrat bersten darüber gesprochen, und der ist auch der Ansicht, Sie sollten jetzt abreisen, da hier nichts dringendes porliegt, und wenigstens bis Weihnachten in Italien oder Aegppten sich aufhalten. Dann würden Sie von allen etwaigen Folgen Ihrer Verwundung vollständig genesen. Geheimrat Kersten hat mich selbst auf- gefordert, Ihnen zu der Reise zuzureden, und meinte, betreffs des Urlaubs sollten Sie sich »ur keine Sorge machen, den würde er Ihnen ohne iveiteres beschaffen."
Werner lächelte so eigentümlich, daß dies seinem Begleiter auffiel, und entgegnete dann:
„Es ist vollständig ausgeschlossen, daß ich jetzt einen Urlaub nachsnche. Das würde sehr falsch gedeutet werden können. Warum soll ich Ihnen die Sache vorenthalten — ich habe vor einigen Stunden von Fräulein Buchwald meine Mndignng für Ende März erhalten. In vier Monaten bin ich ein freier Mann und kann gehen, wohin ich will. Ich lveiß auch bereits, wohin ich gehe, nämlich nach Nordamerika zurück!"
Graf Klinter lvar so verblüfft, daß er stehen blieb und Werner sprachlos anstarrtc.
„Ihre Kündigung?" fragte er.
Werner griff in die Brusttasche seines Rockes und sagte:
„Ueberzeugen Sie sich: hier ist der Brief."
Graf Minier biß sich auf die Unterlippe, las den Brief, faltete ihn wieder zusammen und übergab ihn Werner. Schweigend ging er neben ihm her und bemerkte dann in einem Ton, der Werner wirklich rührte:
„Es tut mir sehr leid, sehr leid, Sie zu verlieren. Wie hatte ich mich auf die nächsten Jahre gefreut, nachdem es Ihnen erst besser ging! Wie schön dachte ich mir den weiteren Verkehr mit Ihnen!"
Werner reichte dem Grafen die Hand und erwiderte:
,Lch kenne Ihre Gesinnungen, Herr Graf, bin Ihnen dankbar dafür und schätze sie außerordentlich hoch. Aber wir können, meine ich, auch in Verbindung bleiben, wenn
ich nach Amerika ge&e; lvir können uns wenigstens hin uird wieder schreiben, uno auf Lebenszeit bleibe ich ja nicht dort drüben. Allerdings die nächsten zehn Jahre gedenke ich außerhalb des Vaterlandes zu verbringen; vielleicht fünf Jahre in Nordamerika, dann gehe ich nach Australien, ulst die dortigen Berglverksverhältnisse kennen zu lernen, und daun ist es ja noch fraglich, ob ich im Vaterland eine Stellung annehmen oder ob ich im Auslande bleiben werde. Seien Sie aber überzeugt, Herr Graf, ich werde alle Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, die Sie mir besonders in den letzten Wochen erwiesen haben, niemals vergessen."
Die Sache ging dem Grafen sehr nahe. Er empfahl sich früher als sonst, und als er sein Auto bestieg, befahl er dem Chauffeur:
,/Nach Dasburg zu Herrn Geheinirat Kersten."
Graf Minier lvar empört über die brüske Art und Weise, in der man Werner vor die Tür gesetzt hatte, und mußte dieser Entrüstung irgendwie Lust machen. Er koimte sich nicht denken, daß Kersten mit dieser Kündigung einverstanden war, und wollte sich dort nähere Erklärungen holen.
Er traf den alten Geheimrat in seiner Wohnung, wohin er aus dem Sanatorium übergesiedelt lvar.
„Wie geht es Ihrem Herrn Sohn?" fragte der Grsf.
,-Gut, gut, lieber Freund. Nach der gestrigen Szene macht seine Genesung reißende Fortschritte, das können Sie sich ja wohl denken. Glück macht Menschen immep gesund."
„Ich lvünsche weiter gute Besserung," äußerte der Graf. „Aber ich komme wegen einer anderen Angelegenheit zu Ihnen, Herr Geheimrat. Wissen Sie, daß Bergrat Spalding von Fräulein Buchwald seine Kündigung erhalten hat?"
Der alte Geheimrat lvar mindestens ebenso verblüfft, wie es der Graf beim Empfang dieser Nachricht gewesen war.
,^Jch sehe es Ihnen an, Sie wissen nichts davon, Herr Geheimrat. Die Tatsache ist empörend. Ich meine, inan setzt einen so eminenten Fachmann, wie Werner Spalding es ist, nicht vor die Tür, vorzeitig, und man schickt ihm nicht die Kündigung, während er noch in der Rekonvaleszenz ist. Die ganze Art und Weise, wie man den Mann behandelt hat, ist so verletzend, so rücksichtslos, daß es mir ganz unverständlich ist, >vie Fräulein Buchlvald ihren Namen unter die Kündigung setzen konnte."
„Ich bin wie aus den Wolken gefallen," erklärte der Geheimrat. „Ich weiß natürlich von der ganzen Sache nichts. Ich sprach gestern nachmittag noch mit Dora und teilte ihr die Verlobung meines Sohnes mit Frau Glover mit; und sie sagte mir kein Wort. Es liegt auch gar kein Grund zu einer Mndigung vor."
„Das meine ich auch," antwortete Graf Minier, „lwd es tut mir um den armen Spalding leid, dem an seinem Renbnlince als Fachmann doch durch diese eigenartige Kündigung ein merklicher Abbruch geschieht,"


