818
eine kurze Ansprache, in der er erklärte, sie könnten stet« darauf rechnen, an ihm einen wohlwollenden und gerechten Vorgesetzten zu haben. Sämtliche Angestellten, mit Aus-, nähme des Obersteigers Mandlick und des Fahrsteigcrs' Oswald, traten darauf ab, und der Obersteiger holte aus einem Schrank die großen Karten hervor, welche das sogenannte Gruppenbild, vor allem die Horizontalschnitte durch die unterirdischen Grubenanlagen, enthielten.
„Hier ist das alte Grubenfeld," erklärte Geheimrat Kersten; „hier ist vor zwei Jahren das Feuer ausgebrochen. Zum Glück entdeckten wir es zeitig genug. Es lag in einem der tiefen Flöze, die von den oberen und unteren Flözen durch mächtige Sandsteinlagcr abgegrenzt sind. Wir waren in der Lage, die Wasserhaltungsmaschinen anzuhalten und das ganze Flöz ersaufen zu lassen. Wir haben es monatelang unter Wasser gelassen, dann die Gewässer abgesumpft und sind soweit vorgedrungen, wie es die wiederkehrenda Glut erlaubte. Wir haben dann durch die ganze Höhe des Flözes gemauerte Dämme aus feuerfesten Schamotte-Ziegeln gebaut, haben in einer Entfernung von zehn Metern einen zweiten Damm aus Ziegelsteinen gezogen und den Zwischenraum sorgfältig mit feinem Sand ausgefüllt. Dann haben wir in abermals zehn Metern Entfernung mit einem Zwischensatz von Sand eine dicke Mauer aus Bruchsteinen ausgeführt. Mau hat an dieser Mauer dann noch monatlang Hitze gemerkt. Jetzt ist, wie man wohl annehmen darf, das Feuer im Innern des Brandflözes erloschen, weil es keinen Luftzutritt hatte. Hier herüber aber muß die Verbindungsstrecke, der Querschlag zur Kleophas-Grube, gehen. Wir haben unter Beihilfe des Königlichen Revierbeamten, des Bergmeisters, lange beraten, ob wir es wagen können, den Ouerschlag quer durch das alte Brandfeld hindurchzutreiben. Wir haben es doch nicht gewagt; wir haben uns zu einer Umgehung^-entschlossen. Sie sehen hier diese Umgehungsstrecke bereits eingczeichnet. Sie führt beständig durch Sandstein, nur an zwei Steller, durch Tonschiefer, und der Stein ist so solide, daß wir zum größten Teil den Querschlag an der Firste (Decke) im Gestein wölben könnten und nicht mit Holz oder Eisen zu unterbauen brauchten. In deu nächsten Wochen kommen wir dichter als vorher: am Brandfeld vorüber. Dann erreichten wir aber unmittelbar daraus den Querschlag, der auch von Kleophas-Grube hierher vorgetricben wird. Reichen Sie mir doch die Grubenbilder vom neuen Feld herüber, Steiger Oswald! Hier sehen Sie, Herr Bergrat, den Vertikal-Aufriß des neuen Feldes. Sie sehen den Hauptschacht bis zur vierten Bausohle hinuntergetrieben. Seitwärts von der dritten zur vierten Bausohle geht ein sogenannter blinder Schacht. Dieser soll tiefer hinuntergetrieben werden über die vierte Bausohle hinaus, um die unten liegenden Kohlenflöze zu erschließen. Die Bohrung hat ergeben, daß dort sehr gute und mächtige Flöze liegen. Um aber eine gute Wetterführung zu erreichen, teusen wir gleichzeitig den Hauptschacht bis zum blinden Schacht auf die vierte Bausohle
f linuntcr ab. Mit der Vertiefung des blinden Schachtes ind loir bedeutend weiter als mit dem Hauptschacht. Haben wir genügende Tiefe, so wolle» wir eine Seitenstrecke bis unter de» Hauptschacht vortreiben und dann von unten und von oben gleichzeitig den Weiterbau des Schachtes betreiben. Wir haben hier verhältnismäßig wenig schlagende Wetter, aber sehr viel matte Wetter. (Die Lust in den Bergwerken nennt der Bergmann „Wetter". „Schlagende Wetter" sind explodierende Lust, „matte Wetter" stickige Luft.) Wir müssen daher auch den Wetterschacht im alten Grubenfelde weiter hinuntcrtreiben, um einen Wzug der Wetter im Bergwerk mit .Hilfe der Ventilatoren zu erzielen. Das alles sind ja keine Kunststücke, aber die Sachen werde» dadurch schwierig, daß sie mitten im Betriebe ausgeführt werden müssen. Wir sind mit unseren Hüttenwerken aus die Justi- nus-Grube angewiesen, denn ein anderes Bergwerk, dis Justinian-Grube, ist erst in der Einrichtung begriffen. Die verstorbenen Herren Gebrüder Buchwalo haben zeitig genug die Justinian-Grube in Angriff genommen, aber es haben sich Hindernisse mit schwimmendem Gebirge und unterirdischen Wasscrnicngcn unvermutet eingestellt. Ich fürchte, die Justinian-Grube wird überhaupt ein Schmerzenskind unseres Betriebes bleiben. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir jetzt in das Bergwerk hinunter."
Der Fahrsleiger Oswald führte Werner in einen An- kleideranm, wo ein Grubenanzug, bestehend ans einer kittel- artiaen Blust und einem Paar Beinkleidern ans schwarzem
englischen Leder, bereitlag. DaS kange Hinterledcr, daS Ehrenabzeichen des höheren technischen Bcaniten der Grube, lag ebenfalls bereit, ebenso eine lederne Kappe zum Schutz des Kopses. Auch der handfeste Stock mit einem Spitzenhammer als Grrff fehlte nicht, und nach zehn Minuten war Werner umgcklcidet. Unmittelbar darauf trat auch der alte Geheimrat aus seinem Ankleidcraum, und Werner machte die Beobachtung, daß der alte Herr doch noch recht frisch und schneidig in der dunklen Bergmannstracht aussah.
Aus gewaltigen eisernen Treppen ging es dann zur sogenannten Hängebank zun, Eingang des Schachtes empor, wo ununterbrochen die Fahrstühle (Schalen) aus und nieder gingen, um aus dem Innern des Bergwerks gefüllte kleine Wagen mit Kohlen herauszuholen und leere Kohlenkasten hinunterzubefördern.
Auf dem Fahrgestell begab man sich in die Tiefe hinunter, in welcher die Türme des Kölner Domes zweimal mit Leichtigkeit verschwunden wären. Auf der Grundstrecke des alten Grubenfeldes wurde Halt gemacht und der sogenannte Füllort, ein mit Maucrwert ausgeivölbtcr Raum, betreten. Von dort ging es ans die mit elektrischen Lichtern beleuchtete Grundstrecke, auf welcher man sehr rasch sort- kam. Nach ungefähr zehn Minuten schon bogen Kersten, Werner und Obersteiger Mandlick mit Fahrsterger Oswald in den neuen Querschlag ein, der sich mit geivalkiger Kurve um das alte Brandseld herumzog.
Werner begann zu fragen, um sich auf das genaueste zu unterrichten. Der Geheimrat, noch mehr aber der Obersteiger, gaben erschöpfende Auskunst. Nach ungefähr ein- stündigcm Aufenthalt im Bergwerk erklärte jedoch Werner:
„Ich dulde es auf keinen Fall, Herr Gehcimrat, daß Sie noch länger hier bleiben. Die anderen Einrichtungen kann ich mir unter der Führung des Herrn Obersteigers ansthcn. Besonders in den Tiefbau sollen Sie nicht hinunter. Es ist schon eine übermäßige Anstrengung für Sie, daß Sie mich so lange begleitet haben."
„Ich hoffe auch, Sie werden weiter ohne mich fertig, werden," meinte Geheimrat Kersten: „die Sache wird doch recht anstrengend für mich. Ich bin seit Monaten nicht im Bergwerk gewesen, und das fahren fällt mir schwer. Ich fürchte auch, die heißen nassen Wetter unten im Tiefbau tun meiner Lunge nicht wohl."
(Fortsetzung folgt.)
Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher -Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
2. Kapitel.
lieber den Steinwall der Kugclbake bei Cpxhaven rollten die Wogen und tanzten dann in zierlichen Sprüngen in das Grinl-
mershörn.
Die Bojen an den Seebädern hoben und senkten sich und rissen an den Seilen.
Am Strande war wenig vom Badeleben za spüre», denn der Vordeich bis zur Dilne toar ein langer, schmaler See, und immer neue Wellen sprangen züngelnd über die Zcmenlböschung und trieben das Stamvasser langsam aber sicher den Damm hinauf.
Die Strandkürbe wurden bis zum Damm herausgezogen und umgelegt. Ein stciser Wind blies landwärts und hob einzelne fürwitzige Wellenkämme, die sich zu keck über den Rücken der Mcereswogen aufgebäumt hatten, in die Lust und zerstreute sie wie Regen über den Strand.
Am tollsten aber ging es an der „Alten Liebe" her. Die Wogen rüttelten mächtig an dem riesigen Bolltverke und versetzten den alten Holzbau in mäßiges Schwanken. —
Aus dem oberen Stocktverke drängten sich viele Menschen und schauten elbaufwärts. Man erwartete den Tribünendampfer „Kaiser" aus Hamburg, der wohl viele Menschen an Land setzen nnlrde, da der Semaphor vier Arme zeigte, also siebe» bis acht. Windstärken, die von Helgoland genieldet worden toaren. Ein« kleine Dampfpinasse schoß, wie ein tvildes Roß sich bäumend, aus dem Hasen. Sie brachte die Mittagspost an Bord des Minenleger- „Albatros", der etwa einen Kilometer vom Land vor Anker lag.
Jnztvischen war auch der Zeitball gefallen, und von der Kascrnenbattcrie löste sich der Mittagsschuß, allen Schissern im Hasengebict 12 Uhr der niitteleuropäischen Zeit verkündend.
Endlich kani auch der „Kaiser" in Sicht. Er stihr weit dritbeu, als wollte er gar nicht anlegen, aber in einem riesigen Bogen dreht« er bei und fuhr dann ruhrg und sicher am Anlegehöst vor.


