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Astrid wußte nichts zu erwidern. Hier tönte jn wieder mit dunkleni, klanglosem Schwirren jene zerrissene Saite in Gerdas Brust.
Und dann sagte die Schwester noch einmal:
„Ob unsere Mutter sich wohl auch einst so Gedanken gcniacht haben mag über uns und unsere Zukunft?"
Astrid hob die Schultern.
Da schloß Gerda schwer und ernst:
„ES könnte einen beinahe mutlos machen. Wie wenig können. Ivir doch im Grunde unseren Kindern nutzen, mit all unseren heißesten Herzenswünschen. Wir hegen und pflegen, und dann kommt daS Leben und bricht vielleicht in einer einzigen Stunde nieder, ivas >vir in langen Jahren mühevoll aufgebant haben."
Doch jetzt ergriff Astrid die Hand der Schwester.
„Nun ist's aber genug:, Gerda! Schäm' dich, so Trüb-, sal zu blasen. Muß es denn mit Genxilt immer schlecht nbgehcn? Hier, sieh mich an!" Und die liebenswürdig? kleine Frau stellte sich scherzend vor der Schwester in Positur. „Bekoinmt mir die Ehe nicht vorzüglich? Sogar zu gut. Ich muß nächstens mal ein bißchen Hungerkur! machen —> meine berühmte Taille ist in Gefahr. Eine Familicnkatastrophc! Klans sieht mich schon immer ganz tiefsinnig an. Denn das überlebt er nicht, wenn ich nial ' aus der Fasson gehe. Du weißt ja, er ist ganz aus eng-- lischen Geschmack eingeschworcn. Na, siehst du, Gott sei Dank! nun lächelst du ja schon wieder ein bißchen, lind nun komm: Laß uns ivieder fleißig sein. Sich dies Jäckchen —> wird es nicht einfach süß? Und nun stell' dir erst so ein rosiges, kleines Menschenkind darin vor —- freuen mußt du dich, Gerda, freuen!"
Mit einen: dankbaren Lächeln sah Gerda da zn der Schwester hin.
*
Dann war das Kind da —- ein Knabe.
Das Muttersehnen Gerdas lvar erfüllt, aber um schlvercn Preis. Eine endlose Nacht und ivieder einen langen Tag hatte sie um, ihr Leben gerungen. Flnchtbcrcit stand ihre Seele. «
Dann hatte die Kunst der Aerzte zwar noch einmal gesiegt: Gerda war dem Leben wiedergewonnen, doch nicht mehr mit der alten Kraft. Ein Herzleiden war zurückgeblieben, ein Leiden sehr ernster Art.
Ihr selber freilich Ivnrde die Wahrheit wohltuend ver bei inlicht Wenn Arzt und Faniilie auch jetzt, Ivo ja alles bängst glücklich vorüber >var, ihr noch immer so besorgt zur Schonung rieten, so hielt sie das für übertriebene Vorsicht. Mein Gott, ja die Geschichte hatte sie wohl damals ein bißchen mitgenommen, aber darum auch jetzt noch immer das ängstliche Behüten ivie bei einer Schwerkranken? Sie lächelte darüber. Blühten denn ihre Wangen nun nicht ivie der rosig lvie je zuvor? Strahlte es nicht sonnig ans ihren Augen in Mutterglück unb neugewonnener Gesundheit?
Auch.Heinz Keßler, den zuerst die Eröffnung des Sani tätsrats betroffen geniacht hatte, glaubte schließlich nicht mehr recht an den Ernst des Leidens. Gerda sah ja geraden glänzend ans. Tie Besorgnis der Aerzte lvar sicher übertrieben, znm mindesten jetzt nicht mehr begründet. Die elastische Natur seiner jungen Frau hatte sich offenbar von den: empfangenen Schlage inzwischen längst Ivieder erholt.
So hatte Keßler denn allmählich sein altes Leben wie der ausgenommen, wie er es vor dem Erscheinen des Kindes ^n führen sich angewöhnt hatte. Er lvar ja im Grunde -w so meinte er — jetzt auch recht überflüssig zn Hanse. Da drehte sich alles um das Babst. Gerda nährte selber, sie hatte sich das mit aller Gewalt nicht nehmen lassen. Diese höchste Mutterseligkeit, ivie sie sagte.
Er hatte dazu schließlich nur noch schweigend die Achseln gezuckt. Er seinerseits fand das entsetzlich altmodisch und lleinbürgerlich. Total gegen den guten Geschmack. Aber na
wenn es ihr nun einmal eine solche Passion >var, in Gottes Namen denn. Nur durfte sie ihm dann wirtlich keine Vorwürfe machen, wenn er sich auch sein Leben nach seiner Fasson einrichtete. Gerda ivar ja jetzt kann: noch für ihn zn haben.
So war Heinz Keßler denn »iel außer dem Hans. Fast jeden Nachmittag lvar er fort. Er ritt viel, machte größere Ausflüge in den Grnneivald, >vie ee Gerda sagte. Aber er bemühte sich, durch allerlei Ansnie» tsnmkeilcn seine Frau andcrloeit zn entschädigen. Kein Tag verging eigentlich, ohne baf’ «e ibr elwas ins Haus schickte oder >:>obt selber »eit-
brachte: Blumen, Sachen für ihren Toilettentisch oder auch erlesene Früchte.
„Verwöhnt n:ich Heinz jetzt nicht schrecklich?" sagte Gerda da gelegentlich zul Astriid. „Er ist doch gut. Aber ich mag das gar nicht, immer so viel Geld für mich ausziigeben. Ich hab'S ihm auch schoi: oft genug gesagt."
„Ja, er ist sehr aufmerksam," erwiderte die Schwester: doch sic hatte dabei ihre eigenen Gedanken. Sie lvar des österen zugegen gelvesen, lvenn Heinz seiner Frau solche Gabe» brachte, und sic halte sich jedesmal eines sonderbaren Gefühls nicht erwehren können: es lvar dabei so etwas Eigenes an ihm, so etwas Befangenes, Gedrücktes - saß, als ob er mit solchen äußeren Beweisen seiner Zuneigung ein geheimes Verfehlen gutmachcn, sich vor sich selber cnl- lastcn wollte.
Und Astrid sprach schließlich einmal darüber mit ihrem Manne.
„Hör' mal, Klaus, ich glaube, das tut gar nicht gut, daß Gerda ihren: Manne so viele Freiheit läßt."
„Wieso —? Meinst du etwa, daß Heinz das miß- brauchen könnte?"
„Ja, ich weiß nicht —i ich will ihn: ja nicht unrecht tun, aber er ist immer so merkwürdig. Ob ich nicht am Ende mal mit ihm rede? Natürlich ganz vorsichtig. Nur, cs lväre ja zn furchtbar, lvenn er wirklich —! Gerda verlvändc das ja nicht znm zweitenmal."
Klans Pctersen zuckte die Achseln.
„Eine heikle Angelegenheit. Aber immerhin, lvenn du dir das zntraust —"
„Sicher! Und es läßt mir auch keine Ruhe mehr. Ich! bi» das Gerda einfach schuldig. Sic hat gerade schon genug dnrchgemacht."
So benützte denn Astrid die nächste Gelegenheit, die >u1> ihr lbot, um ihrcir Schwager allein zu sprechen. Sie bc- gleitete ihn die Treppe hinunter, als auch sie die Keßlcrsche Wohnung ivie er selber verließ, und als er unten vorm .Haus sich von ihr verabschieden wollte, tat sie, als merkte sie es nicht, sondern trat an seine Seite.
»Ich gehe »och ein Stückchen mit. Wir haben ja denselben Weg. Tu wolltest doch zum Tattersall?"
Aber es klang ivtic ein geheimer Verdruß ans seiner Stimme: als störe sic. ihn mit dieser unerwarteten Begleitung in seinen Dispositionen.
„Ja — natürlich"
Es entging Astrid nicht, und ihr stiller Verdacht verstärkte sich da noch. Entschlüsse» sagte sic daher, was sic sich schon zurechtgclegt hatte:
„Heinz ich ivvlltc dich schon lange ellvas fragen."
„Und was denn?"
„Sag' mal - freust b i dich eigentlich über dein Kind?"
Er blickte sie etwas überrascht an. Doch dann lächelte er.
„Sonderbare Frage! Wie verfällst du denn daraus?"
.„Nun, sieh, Heinz aber nicht übel nehme», »ein? — Ich finde, man merkt dir eigentlich ziemlich wenig davon an."
Er lachte jetzt, wirklich belustigt.
„Tn lieber Gott! Verlangt ihr denn etwa von mir Verzückungen? Kinder, seid doch nicht komisch."
Aber die junge Schwägerin blieb diesmal merkwürdiger« lvcisc ganz ernst, >
„Ich glaube, Heinz, d» freust dich wirklich nicht. Sri einmal ehrlich."
Er schwieg einen Moment, dann sagte er:
„Nun ja — tzu dir will ich ganz offen darüber sprechen, Astrid, du bist sa eine vernünftige Fra» und wirst das Gerda nicht wisse» lasse». Also: ich will aus meinem Herze» leine Mördergrube machen — Paterglück? Nein, ich merke im! Grunde nicht recht was davon."
„Aber Heinz!"
Es tlang ehrlich entrüstet. Docl> er erwiderte mit gutmütiger Ruhe:
„Betrachten wir die Sache auch mal ohne jede Sentimentalität. Was habe ich im Grunde von so nem kleine» Schreihals, was jang' ich damit an? Das ist ja für euch Frauen natürlich was anderes. Begreif' ich vollkommen. Ihr seid dem kleinen Wesen eben unentbehrlich Aber nnser- einer? Ei» inniges Verhältnis zn seinem Kinde kann man logischerweisc doch erst dann >>aben, wenn sein Geig voll erwacht ist — also soundso viele Jahre später. Einstweile» aber ist cS einem doch nichts weiter als ein niedliche». Ileines


