Nr. 258
Zweiter Blatt
164- Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Slcßeukr Familtenblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich bcigelegt, das „tkreiiblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „ran-wirlschafUichen Seit- sr«gcn" erscheinen monatlich zweimal.
Samrtag. November
Rotationsdruck nnd Verlag der Brühl'schen Universiläts - Bnch- und Steinüruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriltleitung,GcschäiIsslctle ».Druckerei: Schul-
straße7.Gcschäfisslcllcu.Verlaq:«^r8«dI,SchrlIt- leilung: s-^112. Äldresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gieren.
Der' heilige Atvieg.
L Z3LHnmZr°§cbgsb!L!- der Türken in’Ägypi'en.
Sultan MehmedV. hat Rußland, Frankreich und England den Krieg erklärt. Hat er auch den „HeiligenKrieg"derMohammedancr angesagt? In einer Pcotlamation, gleichzeitig mit der Kriegserklärung, spricht er die Erwartung aus, daß sich alle unter dem Kalifat stehenden Mohammedaner gegen die Feinde der Türkei erheben werden. Das ist eine politische Aufforderung, aber noch nicht der „Dschihad" (die arabische Bezeichnung für den heiligen Krieg). Um diesen Brand zu entfesseln, ist die Aufbietung des ganzen religiösen Apparats des Jslain notwendig, an dessen Spitze der Sultan als Kalif aller sunnitischen Mohammedaner steht. Jede Stunde kann idic Nachricht bringen, daß diese ILawinc ini Rollen ist. Aber man >dars sich darunter nichts falsches vor- lstellcn. Ucber den heiligen Krieg sind sehr viel unrichtige und politisch irreführende Ansichten verbreitet.
Nichtig ist, daß der heilige Krieg während des Tripoliskampfes und des Balkankriegcs nicht erklärt worden ist. Falsch wäre cs aber, anzu- vchmen,daß setzt die grüne Fahne des Propheten über den 300 Millio- nen Mohammedaner n des Erdballes entfaltet und damit etwa auch Deutschland (z.B. in Afrika),
Oesterreich und den neutralen Staaten Gefahr drohe. Es mar immer ein Trick der Engländer, den heiligen Krieg aus dem Koran zu erklären. Ein soeben erschienenes türkisches Eommuniquä erinnert daran, wie Gladstone schon 1894 im Unterhause auf den Koran geschlagen und gesagt habe: Solange dieses verfluchte Buch bestehe, werde die Welt leinen Frieden haben. Der Koran versteht allerdings unter dem heiligen Krieg schlechtweg den Ansroltnngskampf gegen alle Ungläubigen, gegen alle Nichtmoslems. Und da kern Unterschied zu machen fei, bedeut« der heilige Krieg den vollen nnd dauernden Kampf gegen die ganze nicht mohammedanisch.: Welt. Aber die politischen Schritte der heutigen Türkei nach dem Koran zu beurteilen, wäre ebenso kindisch und böswillig, als z. B. Maßnahmen der deutschen Regierung aus dem Alten oder Neuen Testament zu erklären. Daß die allen ehrwürdigen Sätze des Koran auch rein religiös-kirchlich umgcwandelt und abgemildert werden können, beweist schon die Tatsache, daß Mitte des vorigen Jahrhunderts die Koranbestimmung aufgehoben wurde, wonach in jedem Jahre eine Expedition gegen die llngläubigcn zu unternehmen sei. Genau so gut kann heute der Kalif bestimmen, daß dem heilige Krieg nur gegen ganz bestimmte Wlker und Staaten zu führen sei. Bor zwanzig Jahren soll Abdul Hamid nach einem Galadiner im Mldis zu seinem damaligen Gaste, dem verstorbenen König Oskar von Schweden, gesagt haben: Wenn der Kalif die heilige Fahne des Propheten entrollt, so eilen alle Mohammedaner, sich uin diese Fahne zu scharen, zu einmütigem Kampf: das ist eine große mächtige Waffe, die dem Kalifen gegeben ward, die besonders verhängnis-- voll für England werden kann. — Also schon Abdul Hamid hat in seiner Erinnerung an den heiligen Krieg an ein Land gedacht, gegen das sich der Zorn und die Rache der Mohammedaner ganz besonders richten werde, gegen unsere lieben englischen Freunde. Ebenso wird nun auch Mehmed V. die Spitze der Prophetenfahne nur gegen die Feinde richten, denen er politisch den Krieg erklärt hat.
Die politische Kriegserklärung der Türkei — es ist wichtig, dies fitr die nächsten Kämpfe und Truppenbewegungen festzustellen — erstreckt sich auf das Wilajet Konstantinopcl, auf Kleinasien mit den Wilajcts Brussa, Smyrna, Konia, Adana, Angora, Kastamuni, Sivas und Trapezunt, auf Ar- inenien und Kurdcstan, auf Syrien und Mesopotamien, also auf die Gebiete von Aleppo, Beirut, Libanon, Jerusalem, Bagdad, Mossul und Basra, in Arainen auf dcni Mutessa- riflik El-Hasa („Nedschd"), das Wilajet Hcdschas und den Jemen (Wilajcts Assir, Hodeida, Sana und Tais).
Die Erklärung des heiligen Krieges dagegen ivird sich auf Gebiete erstrecken, deren Riesengröße die menschliche Borstellung kaum umfassen kann. Nehmen wir, was wie gesagt vorauszusehen ist, lediglich die Gebiete, die von Rußland, Frankreich und England bisher beherrscht wurden, so ergeht der Ruf des Kalifen in den englischen Kvlonicn an rund 74 Millionen Mohamniedaner, in den französischen an 18 Millionen, mit Marokko sogar an 26 Millionen, in Persien werden 9 Millionen gegen Rußland mobil gemacht, dieselbe Anzahl vielleicht auch gegen England. In Aegypten und im Sudan werden 13 Millionen aufgerufen. In Afrika wird die Zahl der „heiligen Kämpfer" besonders schwer frstzu-- stellen sein, weil der Islam dort wie eine religiöse Riesend welle hin- und hcrwogt, bald mit dem afrikanischen Heidentum, bald mit den christlichen Missionen konkurriert. Und gerade der Krieg wird in dieser Richtung Umwälzungen Hervorrufen, vor denen das perfide Albion zittern muß. Deutschland hat von dem heiligen Krieg nichts zu fürchten, manches zu erhoffen. Der Sultan hält sein Wort nnd er hat als Kalif die Macht dazu.
Zu gleicher Zeit, als ein türkisches Heer die ruffische Grenze in, Kankasusgebiet überschritt und schon in verschiedenen Gefechten über die Russen siegte, ging ein anderes türkisches Heer von der Sinaihallbinsel aus gegen Aegypten vor. Me Türken überschritten die ägyptische Grenze und schlugen die Engländer bei El arisch wobei sie ihnen 4 Geschütze und viel Telegraphenmaterial abnahmen. El arisch ist eine ägyptische Grenzfestnng gegen Palästina und hat schon in den Kreuztzügen, damaü Larts genannt, eine große Rolle gespielt.
Die Zcimssi.
Die Erhebung der Senussi gegen die englische Fremdherrschaft in Aegypten ist deshalb von so großer Bedeutung, weil danrit die bedeutendste Militärmacht im heutigen Nord- asrika der Türkei zu Hilfe kommt. Wer unter den Beduinen der Wüste Nordafrikas gelebt hat, ist dabei ans Schritt und Tritt mit dieser geheimnisvollen politischen und geistigen Macht in Berührung gekommen, die der Hort des JKlam bis in die Sahara und die arabische Wüste hinein ist. Wie dev deutsche Forschungsreisende Ewald Falls in seinem Werk „Drei Jahre in der libyschen Wüste" berichtet, ist die Senussia eine mohammedanische Brüderschaft strengster Observanz, genannt nach ihrem Gründer Sidi Mohammed den Mi es- Senusi, einem Mgerier, der 1859 starb. Während sie zunächst nur geringe Bedeutung besaß, ist ihr Einfluß gewaltig <m- gewachsenchurch das Wirken des Sohnes des Gründers, des 1844 geborenen Sidi-Mohmnrned el-Bedr, der unter den, Namen des Mahdi im ganzen Osten von Nordafrika, namentlich aber in der Wüste, eine große Rolle spielte. Dieser „Scheich der Senussi" ist tatsächlich am 30. Mai 1902 in Gern gestorben, aber obwohl Lord Cromer seinen Tod ausdrücklich fcststellte, lebt er für die Beduinen weiter und erscheint seinen 'Anhängern hier nnd da, ermuntert sie, verleiht ihnen Kraft, ist plötzlich mitten in ihren Versammlungen, zuweilen an zwei Stellen zu gleicher Zeit. Auf einer weißen Hegine, umgeben von weißen Gazellen und Antilopen, so erzählen sich die Wüstensöhne, eilt er ungesehen durchs weite sandige Land. Und siehe! nun zeigt er sich dem sehnsüchtigen Blick seines demütigen Anhängers, nicht im Wahngebiw der Fata morgana, sondern zum sicheren Zeichen seines Lebens und seiner einstigen Wiederkehr. Die Leitung der Senussia hält diesen Glauben an die Existenz des Mahdi überall ausrecht, und bisweilen wird offiziell knudgegeben, der Scheich sei von einer geheimen Reise wieder am Hauptsitz des Ordens eingetroffen: er könne sich jeden Augenblick wieder an die Spitze der Bewegung stellen. So ist er denn der geheime Herr der Wüste geblieben, Sidi eb-Mahldi, der lebende Tote von Gern, und nun entfaltet der geisterhafte Führer wieder die Fahne des Propheten zum heiligenJkrieg. Die Jünger der Senussia bekennen sich durchaus als Sohne des Islam, den sie in einer gereinigten Form predigen. Ungeheuer ist die geistige Macht dieser Brüderschaft, die ihre Kloster weithin über das Land ausgedehnt hat und systematisch für den Nachwuchs an jungen „Mönchen" sorgt. Ihre Prediger durchziehen die weite Wüste dis zu ihren südlichen Rändern, gründen überall kleine „Zausen", Niederlassungen mit Schule und Moschee, in denen die Zöglinge der Senussia ausgebildet werden, und verkünden so den Ruf nach Besreinng von der Fremdherrschaft der Andersgläubigen. Die militärische Erziehung geht mit der geistlichen Ausbildung Hand in Hand, und so stellen diese „Äldaten des Propheten" nicht nur eine einflußreiche ideale Gemeinschaft, sondern mich eine große reale Macht dar. Der Islam' hat an ihnen heut seine beste Stütze, und für die Türkei ist ihre Hilfe von hücWpr Wich- tigkeit.
Letzte Nachrichten.
Die Franzosen über das deutsche Porgelpn in Flandern.
(WTB.) Berlin, 14. Nov. Dem rötnischen Blatte „Giornale d'Ftalia" wird aus Paris gemeldet, dort herrsch« die Ansicht, daß der Verlauf der Kämpfe in Flandern beweise, daß die Deutschen alle Kräfte gegen Norden konzentrieren, um Calais in ihre Gewalt zu bringen, das als Brückenkopf für den AngriffanfEngland dienen solle. London soll jetzt das Hariptziel der Deutschen sein. Vor Jahresende würden die deutschen Truppen noch eine entscheidende Aktion gegen England unternehmen. Hier aber müsse eine große Seeschlacht vorausgehen, die unvermeidlich sei. Die Sachverständigen sagen, daß die Deutschen eine solche Mtion erfolgreich unternehmen könnten, wenn sie sich Calais' als Stützpunkt bedienen könnten. — Auch der militärische Witarbefter des „Berner Bund" sagt, daß sich die Lage der Deutschen in den letzten Tagen gebessert habe. Sobald die Argonnen westlich von Verdun im Besitz der Deutschen seien, werde die Muassesiung einen Artillerieangriff über sich ergehen lassen müssen. — ®ie belgischen Truppen sollen in den letzten Kämpftn 16000 Männ verloren haben, die Engländer erheblich mehr.
Ein großer Sieg der Türken.
Konstantinopel, 14. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Aus dem Großen Hauptquartier wird folgende amtliche Meldung verbreitet: JIn dem Kampfe bei Köpriköj, der am 11. und 12. Nov. stattgefunden hat, würden die Russen! geschlagen. Sie verloren 4000 Tote, ebenso- viele Verwundete und 500 Gefangene, llnsere Truppen erbeuteten 10000 Gewehre und eine Menge Munition. Das steile Gelände, Nebel und Schnee erschwerten die Umgehungsbeweguugen unserer Truppen. Die Rückziugs- linie der Russen konnte daher nicht vollständig abgeschnrtteu werden. Die Verfolgung wird fortgesetzt.
Vordringen der Türken in Rußland.
(WTB.) K o n st a n t i n o v el, 14. Nov. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht des Großen Hauptquartiers. In der vergangenen Nacht haben unsere Truppen nach einem überraschenden Llngriff alle russischen Blockhäuser an der Grenze des Vitcyets Trapezunt besetzt, sind drei Stunden tvcü in das In- nere Rußlands in der Richtung ans Batum eingedruw gen und haben die Kaserne von Kurdoghlu eingenommen.
Das Vordringen der Oesterrercher in Serbien.
k. Köln, 14. Nov. Me „ffölu. Ztg." meldet ans Ofenpestt Das Blatt „Est" meldet aus Czernowitz: Die Russen beschossen vom linken Pruthuser dir Stadt gestern mit Schrapnells, ohne Schaden anzurichren. Sic wurden von unserer Artillerie bald zum Säpveigcn gebracht. — Laut Meldungen vom südlichen Kriegsschauplatz« leisteten die Monitoren in den Kämpfen der letzten Tage Vov zügliches. Die Serben haben einen fluchtartigen Rückzug nach Koceljewa und Valjevo angetrctvr, wo anscheinend alle Kräfte vereinigt werden sollen, um einen neuen Widerstand zu versuchen. Der Erfolg dieses Widerstarcdes kann nicht groß sein, da in dieser Gegend keine befestigte Stellung vorhanden ist. Unsere Truppen folgen den Serben von Krupanse nnd Schabatz aus und dürsten in den nächsten Stunden die Stellung bet Valjevo erreichen.
Schwülen und die Nordscesperre.
WTB. Stockholm, 14. Nov. (Nichtamtlich.) Die schwedisch« Presse beschäftigt sich fortgesetzt mit der Sperre der Nord- s e e durch England und findet die in den amtlichen englischen Berichten dafür angegebenen Motive nicht zuftiedenstellcnd. Me Stellung Englands befinde sich in scharfem Gegensatz zu der überem- stimmenden Meinung der schissahrttreibenden Kreise Schwedens.
England trauert.
Berlin, 14. Rov. (WTW.) Bei der Eröffnnngssitznmg des englischen Parlaments trugen. wie der „Dentscheu Tageszeitung' berichtet wird, fasst alle Mitglieder des englischen Oberhauses Trauer, da fast jeder einen Verwandten hat, der auf Frankreichs Erde gefallen ist.
Die Beute der Japaner.
(WTB.) Peking, 14. Rov. „Exchange Telegraph Company" meldet: Me Japaner erbeuteten in Tsingtau zwei Kanonenboote, einen Zerstörer und fünf Transportschisse. Man glaubt, daß es leicht sein wird, den gesunkenen österreichischen Kreuzer „Kaiserin Elisabeth" mittüs des Schwimmdocks wieder zu heben. (?i
Deutsche Minen in Tsingtau.
lWTB.) Tokio, 14. Nov. (Nichtamtlich) Bon den von de» DeMschcn angelegten nntrrirdrschen Minen explodierten elf, während sie von den Japanern entfernt werden sollten. Dabei wurden zwei Offiziere und acht Soldaten getötet und ein Offizier und 56 Mann verwundet. — Im Hospital in Tsingtau bcfimden sich 436 verwundete Deutsche.
Ein amerikanisches Panzerschiff vermißt.
i. Köln, 14. Nov. Von dem Panzerkreuzer „North Carolina" fehlen seit einiger Zeit alle Nachrichten. JMan vermutet nach cingegcmgeiren Meldungen, daß das Schiff in den türkischen Gewässern auf eine türkische Mine geraten und gesunken ist. Der Kreuzer hatte 14500 Tonnen Wasserverdrängung und eine Besatzung von 461 Wann.
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