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t 239

Zweit« Statt

164. Jahrgang

Erscheint täglich mS AnSnahm« beS Sonntag?.

Di«Kietzener Za»UIr>dlSttrr" werben d«in »Anzeigee' viermal wöchentlich beigelegt, da? Uieirblatt ffir den Kreis Kietzen" zweimal wöchemlich. Die .^»»«irtschasttichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhejsen

**-

Montag, 12. Oktober J9W

Rotatioe^druck und Verlag der Drühk'Ichen UnwersitätS» Buch- und Stcindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Dr u cker e i: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: ea®51. Redaktion: «^«8 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGicßen.

Lnegsbriese aus dem Osten.

« «rserem zum Ostheere entsandten Krieg sberichtrrstatt» ( Un b erech tigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Bilder und Episoden.

Armee-Oberkommanoo Ofi^ den 4. Okt.

Die S o l da ten stadt.

Um die Mittagsstunde geht der gebliebene Polizeinninn

- kleinen Stadt auf den Marktplatz und verkündet, daß annlugszüge bereit gestellt seien. Seine heisere Glocke

- illt durch die Stille. Aus allen Türen drängen sich

- kalten, die sofort wieder verschtmnden, um die paar . iseligkeiten zu packen. Die Läden werden geschlossen, v nerhalb von ein paar Minuten ist kaum ein Geschäft " dem ganze» Städtchen noch geöffnet. In einer Bierteb-

rd« sind die ersten Flüchtlinge an der Bahn, bald gelhk » kleiner Heereszug aus dem breiten Weg; Karren, Kinder- " jen, alles was Räder hat, mivd zum F-ortschaffen be­it, übrigens, um genau zu sein, auch Schlitten, riästig« ne Rodelschlitten in größerer Anzahl, llm 6 Uhr sieht man fast keinen Zivilisten mehr aus Straßen. Auf dem Marktplatz brennen ffackrichte Bi- kseuer. Die Funken tanzen unter den inächtigen Linden­ruten. schwere Schatten fliegen über die Häuserfronten, ob unsichtbare Hände ungeheure Geschichten auf die Del und Mauern zeichneten in einer Sprache, biz keiner steht.

Wen» Man in die Nebenstraßen geht und das Ohrs nnt, kann man ganz leicht einen Ton hören wie ferner an er.

Fuhrparkkolonnen rattern über das Pflaster und stellen aus dem Platz zusammen. Me Pferde stampfen unllg rauben.

Autos werden angeworfen und fahren in die Nacht aus, ihre Lichter blinken hell in der lastenden Dun- jeit.

Infanterie marschiert in Kompagnien durch die Stra- t. Sie haben eine Stunde Rast. Me Wohnungen sind! 7. Es ist niemaiid da, der einen Schluck heißen Kaffes en könnte. So suchen die Muskettere selber das Nötige aller Eike. Es geht nicht immer sänftiglich dabei zu, er, aber mir scheutt, daß es besser ist, wt'nn ein Land- Xrincmn eine Tasse warmen Kaffee bekommt, und dabei eine oder die andere Taffe zerbricht, als wenn die sfe ganz, aber der Kaffee ungetrunken bliebe.

Am nächsten Morgen stehen eroberte Geschütze auf dem crktplatz Gefangene mit hohen russischen Mützen und um geschundenen Kosakenpferden. Mannschaften, die ans er Gefecht kommen, erzählen, wie leicht die Schlacht die rdt hätte erreichen Wunen.

Es ist jetzt von den Bürgern niemand mehr zu schen. : Stadt ist Soldateustadt geworden. ,.

Sem freiwilligen AnkonrvVilkvrps.

Im Frieden hat man sich nach nicht guter, aber frsd- sender deutscher Sttte ein wenig mokiert. Da bekommen

Herren Ossiziersrang. Warum? Ihrer schönen Wagen, o im Grunde ihres Geldes wegen. Es wäre autzerordent- , lächerlich, solchen Gedankengängen jetzt zu folgen. Es rde auch niemand mehr solche Voraussetzungen übcr- rpt zugeben.

Das freiwillige Automobilkorps hat sich nach dem, s ich hören und erfahren konnte, glänzend bewährt, s ist ein zusanrmenfassendes Urteil) das keineswegs nur cch die persönlichen Berührungen mit den liebenswür- en und stets fahrtbereiten Herren entstanden ist. Es ist

trotz der guten und angenehmen Stunden, die gemeinsam waren, soweit objektiv, als überhaupt Objektivität in solchen Mngen vorhanden sein kann.

Wir sind im Auto durch Wege gefahren, die verzweifelte Aehnlichkeit mit ausgewachsenen Rtorästen hatten, wir sind durch Furier gegangen, daß das Wasser fast den Motor un­brauchbar machte, nur haben den Wagen alle SJfttmt schieben! Bahnböschungen hin au fb ekommen, die jeder erfahrene Automobilist als uneinnehmbar bezeichnet hätte. Vor dem Kttcge natürlich.

Bei Fahrten, bei denen Wichtigeres und Militärisches! auf dem Spiele stand, ist ^ttt Auto 20 Kilometer aus den Felgen gefahren. Es war nachher einigermaßen hin, aber die Meldung, auf die es ankam, konnte gemacht werden. Ein Auto sah vorn beim Motorkasten einem Sieb nicht sehr unäl)nlich, aber es lief noch. Es ist, als ob selbst die tote Maschine von dem ungeheuren Willen unserer Armee etwas mitbekommen hätte. Sie leistet liebe rmcncipnellcs", weil sie es leisten muß Der Offizier-Führer sagt: es geht< und es geht. Es kommt eben auch beim Auto nicht nur auf Reifen, Benzin und Wagen mi, sondern auf den, der von der Maschine den restlosen Gebrauch macht.

Wie die Russen kamen und gingen.

Ae Erzählungen sind vielfältig von dem Erscheinen der Russen. Sic sind meistgefärbt". Me Furcht ist ein schlechter Beobachter. Eine augenscheinlich wenig gefärbte Geschichte:

In L y ck standen ein paar Einwohner vor einem kleinen Kaffee, das Gesicht von dem naheliegenden Bahnhof ab­gekehrt. Es war gegen Abend und trübes Wetter. Am Vormittag waren noch deutsche Truppen dagewescn. Ein höherer Beamter, der in der Stadt geblieben war, sprach beruhigend zu den Leuten.Ihr Angsthasen, wenn die Russen kämen, tvürden doch nicht deutsche Soldaten in solcher großen Menge ankonrmen!" Und er zeigte mit dem Daumen halb über den Rücken nach dem Bahnhof, wo sich eben Militär zu Kompagnien ordnete.

Tie Besitzerin der Konditorei wendet den Blick. Sie er­kennt die Russen. Dje ist eine ziemlich resolute Frau. Doch sie kann nicht antworten. Der Mann vor ihr sieht ihr in die Augen. Es ist eine Weile still, säst eine Minute lang. Dann klingt ein Schritt, ein russischer Offizier legt die Hand an die Mütze uno sagt in gutem Deutsch:Sie verzeihen, wo ist das Rathaus?"

Uebrigens haben die Russen in ihrer skrupellosen Manier den Beamten mit forigefühtt, wie es überall ihre Völker- rechtswidrige Art war.

Wie die Russen gingen, ist für den Einzelnen beinahe noch mehr Erlebnis gewesen als das Kommen. Wir sind ja meist so eingerichtet, daß freudige Augenblicke stärker in unserem Gefühl haften als traurige. Uebereinstimmerrd in allen Erzählungen ist der Hinweis, daß! die russischen Sol­daten und auch die Offiziere kurz vor dem Fortgehen an­maßender und rücksichtsloser auftraten als vorher. Selbst Städte, die gewissermaßen von den Russen aus irgendwelchen Gründen verhätschelt wurden, wie Insterburg, hatten in den letzten Stunden der Russenherrschaft das Peinlichste zu leiden. Ich will hier augenblicklich nur von den vielen Ge­schichten, die schließlich doch.ein typisches Bild geben, eine kleine Episode Wiedersehen, die so gut in der Beobachtung ist, daß sie wahr sein muß.

Ein alter Gutsinspektor a. D. wohnte mit seiner Frau, einem siebzigjährigen, gebrechlichen Wesen, in einem Grenz­ort. Man hatte die Russenplage schon vierzehn Tage er­tragen, da kain ein deutscher Flieger über den Ort. Die Frau sprang zur Tür und sah, wie die russischen Soldaten an- legten. Sie ttafen natürlich nicht. Eben wollte der alte Mann

die Frau zuruckrcißen, da schtte ein Soldat:Das alte Weh ist an deni Unglück schuld," und erschoß die Greisin. Der Mann begrub die Gefährtin, nrit der er goldene Hochzeit ge­feiert hatte. Dann säfloß er sich in den Keller ein. er konnte keine russischen Soldaten mehr sehen Ern paar Lebensmittel nahm er nrit.

Aus der Luke sah er einen kleinen Ausschnitt der Well. Immer häufiger marschierten Soldaten vorbei in der um­gekehrten Richtung wie im Ausweg. Ganze Bataillone. Er sah die braunen Hosen und den Sputen an der Seite. Plötz- tich erblickte er Seitengewehre.

,Hch habe ha geweint," sagte der alte Mann,denn nun wußte ich, daß die Preußen da wären"

Der russische Stabskapitän Brandt.

Aus den Fahrten über Land, an Wegen, auf verlassenen Gehöften findet nran mancherlei Dinge, die nicht wichtig sind, Papiere, die kaum militärischen Wert l>aben, die aber Geschichten und Anekdctten erzählen in sehr lakonischer und eindrucksvoller Art.

Mckst weit von der Stelle, von der man vor einiger Zeit ein russisches Flugzeug hrrnntergxschvssen hatte, fand ich die Akten des russische» Stabskapitäns Brandt, Sie geben leine Enthüllungen, sic haben aber ein so echt russisches Gesicht, daß ich von ihnen erzählen möchte.

Also, der Kapitän Brandt stand bei den schweren Hau­bitzen in Wladiwoswck Er bildete sich, verniutlich 1307, znm Flieger aus und kam dann zum 22. Armeekorps (Finnland). Zedenaflls hatte er dort 1308 Zciß-FM>sdecher für die Flic- gerableilung zu besorge». Er tat das auch so gründlich, daß sich bei einer Prüfung 1303 herausstcllle, daß er entweder ein Glas zu viel angerechnet oder eins zu wenig bekommen! hätte, tzlegen diese Nachrechnung setzte sich der brave Kapitän energisch zur Wehr und erklärte schließlich, er könnte doch nicht mehr tun, als das fehlende Mas aus cigstner Tasche zu bezahlen. Gleichzeittg verwahrte er sich aber energisch dagegen, daß er es mit dem Preis, den seine Offiziere dafür hätten geben müssen, in Anrechnung bekäme. Denn die hätten zu dem Fabrikpreis 10 Proz. zuzahlen müffen für die Kasse der Ma»nsck>astsküche. Man könnte deshalb nicht von ihm verlangen, daß er siebenundfünszig ganze Rubel ersetzen solle.

Antwort des Regiments: Er habe die 57 Rubel einfach zu bezahlen, llcberhänpt, er solle zufrieden sein, daß die Sache endlich erledigt würde. Stabskapitäii Brandt kommt darauf anno 1311 darunr ein, daß chm die 57 :1Ludel alltt mählich vom Gehalt abgezogen würden.

Ms das Jahr 1314 heronnahte und die Kriegsgefahr akut wurde, wollte der Stabskapitän einen besonders tüch- ttgen Burschen haben und machte eine Eingabe an das Regi­ment. Eigenhändiger Vermerk des Obersten auf dem offi­ziellen Gesuch:Der Stabskapitän Brandt soll lieber endlich die 57 Rubel zahlen, die er dem Regiment noch immer schull- dig ist, anstatt sich mn Aurscheinrngelegenheiten Au kümmern. Abgelehnt."

Auf der Rückseite findet sich aber ein Vermerk des Adju­tanten, daß der Bursche designiert sei.

Ich fürchte, mein russischer Namensvetter ist in den

.Krieg gezogen, ohne die 57 Rubel für dasundcrzchligc", Zeißglas bezahlt zu haben. /

Man gebe mir zu, daß dieser lleine Mtenfund echt russi­sches Gepräge hat. ->

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter^

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In Rominten.

Armee-Oberkommando Ost, 6. Okt.

Wenn der Regen eine kurze Zeit aussetzt, glüht der Laubwald in gelben und roten Farben. Die Ahornbäumt

Neue Erinnerungen an Liszt.

Von ihren interessanten römischenTagen mit Liszt" indert Frau von Hegermann-Lindencrone, die ttin eines bekannten Mplomaten, in Harpers Magazine, cr von Hegermann war 1885 dänischer Gesandter am lienischen Königshofe, und da Liszt zu dieser Zeit in m weilte, kam er öfter in das Hans der Dame, die eine te Sängerin und zugleich sehr musikverständig war. In ichzeittgen Bttefen hat sie ihre Eindrücke von dem ißen Meister lebendig fesdgchalten.

Wir schwärmen letzt in Liszt," schreibt sic im Januar 1885, !om ist außer sich vor Freude über sein Erscheinen, und man ;t nichts unversucht, um mit chm zusammenzutteffen. Glücklich d die, die chn einmal zu Gesicht bekommen, und dreimal glück- i die, die ihn kennen und hören. Er ist der Fürst der Musiker,

I d wahrlich, cr wird behandelt wie ein Fürst. Stets hat er den rrang vor jeden, andern: selbst die Gesandten, sonst an en Rechten so zäh sesthalten, geben sie chm gegenüber ohne- u aus. Jeder ist froh, in ihm den Genius zu ehren. Wir traten i zuerst bei einem Diner, das der deutsche Gesandtschastssckrclär rr von Schlözer gab. Schlözer verabreichte ihm mit seinem ge- hnlichcn Takt ein glänzendes Mahl, die besten Weine und eine esenzigarre. Liszt ist nämlich ein großer Feinschmecker und ein oenscbastlicher Raucher. In den Gesprächen vermied Schlözer gsältig das WortMusik", aber er brachte Liszt zum Reden, und

! s war ganz im Sinne des Meisters, bis er schließlich sellst Haftes Verlangenach dem Klavier trug, als er sah, daß man rt chm keine musikalischen Leistungen erwartete.Svielen Sie i r etwas Dor," sagte er schließlich zu Schlözer.Aber nein!" twottete der.Das würde ich nicht wagen.'" Nun spielt.Liszt dst, und er spielt göttlich. Dann mußte Frau von Hcgermann gen. und Liszt begleitete sie; so geriet er in immer bessere »ne.Liszt wurde allmählich so ausgelassen, daß wir uns nicht oundcrt hätten, wenn er einen Jig getanzt hätte. Er schüttelte

I I seine langen Haare auS der Stirn, so daß sie wie vom Winde I vegt zurückilogen. Endlich schlug cr mit seinen Händen wie zum > wiest gewaltig auss Klavier und ries:Nichts mehr von mir,

er wir müssen Schlözer hören, bevor wir gehen." Also mußte I hlözer wohl oder übel spielen, und da er nur improvisieren rt», so saß Liszt neben ihm und spielte einen hilfreichen Baß c Begleitung."

Ein ander Mal war die Brieffchreibettn zusammen it Liszt und Grieg eingeladen.

Frau Grieg sang entzückende Lieder ihres Mannes, und Liszt, : Stirn in seine Hände gestützt, war in Gedanken versunken er schliei er gar? sagen wir: cr döste und schlug beim auiwachen seine Hände, loobei erBravo"! ries. Er war bald der Musi! »de und sragte, ob wir nicht eine Partie Whist spielen könnten, ttd schien cs ein Sakrileg, mit Liszt solch ein gleichgültiges Spiel svielen, zumal die Kriegs nicht mitmachien und unruhig im aal herumivondcrten. Liszt, aber war ganz begeistert von der arue. Er spül unzweifelhaft bcsicr Klavier als Whist, aber man

ließ ihn gewinnen, und so zog er stolz mit den vier Liren ab, die er erobert hatte. An dem Tage, an dem Liszt bei mir speiste, empfing ich einen seltsamen Brief von seiner Freundin, der Für­stin Wittgenstein, die mir genaue Vorschriften über die Ausnahme des Meisters machte: ,^hh bitte Sie, ja genau daran! zu acisten, daß er nicht im Zug sitzt und daß die Zigarre, die er raucht, nicht zu stark ist, und daß der Kaffee, den er trinkt, schwach ist, denn er kann sonst nicht einschlasen, und bitte, sorgen Sie dafür, daß er sicher nach Hause gebracht wird."

Ein andermal sagte sich Liszt bei Frau von Hegermann an, daß er mit ihr musizieren wolle. Bei ihren Freundinnen, die den Meister noch nie in einem Pttoatzirkel gesehen halten, entstand darob ungeheurer Neid, und sie bettelten darum, ungesehen zu­hören zu dürfen. Eine Anzahl Damen nmrden also in einem nebcn- gclegencn Salon hinter einem großen Wandschirm versteckt. Liszts Kunst aber versetzte die Hörerinnen hinter dem Schirm in eine solche Begeisterung, daß das schwankende Ding nach vorn stürzte und die ganze Gruvv« dem Blick Liszts darbot, der nicht böse wurde, sondern so lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liesen.

Zu Ehren der Prinzessin Friedrich Karl gab der deutsche Ge­sandte Herr von Keudell ein Fest, bei dem Keudcll und seine Gattin selbst in Anwesenheit Liszts dessenMazeppa" spielten.Ma- zeppas wildes Hinrasen über die Klaviatur ließ uns die Haare zu Berge stehen, aber der Meister versank in einen friedvollen Sckstummer und wachte erst am und schrie Bravo, als die beiden Klaviere, auf denen der Gesandte und seine Gattin gearbeitet hatten, nur noch von dem Nachschwingen der Saiten zitterten. Er bat dann die Prinzessin, zu pfeifen und begleitete sie dabei in der entzückendsten Weise."

Bei einer anderen Gelagenheü waren die Minghettis, Keu- dells, Schlözer und andere Intime um Liszt versammelt: Lenbach hatte die Einladung vergessen und kam erst lange nach dem Diner. Liszt war in der lustigsten Laune und improvisiette eine Taran­tella, worauf Frau Mcnghettc zu tanzen ansing, obwohl sie schon Großmutter war, und Schlözer als ihr Partner in die Hände llatschtc oder anstelle der fehlenden Kastagnetten mit den Fingern schnalzte. Auch die anderen drehten sich im Wirbel. Selbst Lenbach schaute interessiert durch seine Brillengläser und vergaß sein sar­kastisches Lächeln.

*

Deutsche Kriege im Spiegel der Münze.

Das Gesetz vom 1. Juni 1900 ermächttgt den Bändes- rat,Füns- und Zweimarkstücke als Denkmünzen in anderer als der gewöhnlichen Prägung Herstellen zu lassen". Man kann die wohl zeilgemäße Frage stellen, ob nicht der mit prachtvoller Krast und Einmütigkeit geführte deusiche Notwehrkrieg und Deutschlands über Erwarten starke sinan- zielle Rüstung einen Anlaß zur Ausprägung vonWelt­kriegsmünzen" bieten. Diese Frage anfwcrsen, heißt eigentlich sie bejahen, zumal dann auch der deutschen Münz4 kunst erwünschte Gelegenheit zn Taten geboten wird. Eine

solche Prägung würde an die großen Traditionen des Sie­benjährigen Krieges und der Jahre 1813/15 anknüpfen, wo es sich auch um Sc4n oder Nichtsein des führenden deutschen Staates handelte. Wie wenig eine solche Prägung vonWelt­kriegsmünzen" eine Neuheit in der preußisch-deutschen Münz­geschichte darstellt, mag nach den interessanten Studien des bekannten .Historikers der Münze, von Geh. Rät F. Fries- densburg nachgewiesen werden.

Tie preußischen Kriegsmünzen stammen aus der Epoche der friedcrizianischen Kriege, die gleich mtt einer wahren Hochslut von Prägungen einsetzt: an Geldstücken und Medaillen aus den ersten schlesischen Krieg besitzen wir etwa 40 verschiedene Stücke: der zweite ist mit 45 und der Siebenjährige Krieg mit 150 verschie­denen Prägungen vertreten, wobei natürlich wie überall die die Kriege abschließenden Friedensschlüsse eingerechnet sind. Ter Tesch­ner Fricke von 1778 siigte dann noch 50 weitere Denkmünzen hinzu. Es waren sreilich leine Muster hoher Kunst: aus Kupser oder Mes­sing, selten aus Silber hergestellt, roh geschwitten, einen falschen Namen so wird der große König einmal Karl Friedrich genannt und ein unrichtiges Datum nicht scheuend, rechnen sie auf die qrtt sritzischc" Gesinnung des Volkes, die es mit solchen Kleinig­keiten nicht genau nahm. Man erzählte sogar, Friedrich der Große habe die russische Elisabeth durch einen nachgcprägten Rubel ver­spottet, auf dem sie stattJmperatrix" (Kaiserin)Meretttx" (Buh- lettnt tottus Russiae genaimt wurde, worauf sie mit einem Taler geantwottet habe, auf dem ein Batt das Antlitz des Königs dem des bekannten Ephraim zum Verwechseln ähnlich machte. Unter dem Einsluß dieser beziehungsreichen Probleme trat 1762 Moses Mendelssohn mit dem Vorschläge aus, Ephraim sollte auf den Ecn- und Zweigroschenstücken die Taten Friedrichs verewigen; er selbst wollte mit Ramler und Mcolai die Darstellungen ausdenken, Mei sollte sie zeichnen, Ramler die Aufschriften entwenen. Der Plan scheitette aber, als Lesscng eine von Mendelssohn erfundcite Prä­gung als zu gelehtt verwarf.

Die Kriegsmünzen der Befreiungskriege waren be­scheidene Stücke in Zinn und Eisen: dazu kamen jene pfennig- großen Silberstücke mit der fliegenden Siegesgötttn, deren ständige Aufschrist:Gott segne die verbündeten Massen" aus der andern Seite durch die Angabe eines Sieges ergänzt wird. Aus der fol­genden langen Friedenszecl sind die aus dem durch einzelne krie­gerische Ereignisse ausgezeichneten Jahre 1849 ttammenden Frankfurter Dovpelguldcn erwähncnswctt, deren In- schriit:Friedrich Wilhelm IV.. König von Preußen, erwählt zum Kaiser der Deutschen" wehmüttge Erinnerungen weckt. Auch von dem Kriege von 1866 und vom deutsch-französischen Kriege besitzen wir Tenkniünzen, so von 1866 jene, aus denen sich zum erstenmal das ehnvürdige Haupt König WUhelms mit dem Lorbeer )d)müdte, nrtb die Toler von 1871, durch die fünf deutsche Staaten die Ausrichtung des Deutschen Reiches feierten, während ein sechster Staat. Baden, aus gleichem Anlaß einen itteuzer schlug, damit auch der Aermste eine Ettnnerungsarimze au die große Zeit sich ausheben köiutte.