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Dritter Blatt
M. Jahrgang
Jxfcf)?iTrt tätlich nnt Ausnahme bti Somtiag«.
Eit „SIetze«r JanriRtirtlBltfr" wtrdtn dem .Bnittfler' 1 Bfermal wöchentlich beigelegt, das .«reikblatt fit den Krtfs Sietzei," zweimal
vöchentlich. Dit „ra»rwittschasllichtn Sell- ftagen" erscheinen menailich zweimal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesjen
Samrtag, 3. Mover
Rotationsdruck und Bcrlaq der Br ü Hachen Unwerstiäls - Buch- und Steindruckerei. R. Lang e, Gießen.
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstraße 7, Expedition und Berlag: e=83J 51. Redaktion: s^iiL Tet.-Adr»AnzeigerGleßen.
■SBB
Zeidpostbrief einer lNitkämpserz in Belgien.
Nachstehendes hochinteressante Schreiben stammt von ein Osfizierdiensttuer in Belchen. Er schildert in fesselnder isedieAbwehreinesAussallsvomAnmarsch zum Aufräumen des Schlachtfeldes.
I., 21. September.
---„Höchste Zeit, daß ich mich wieder einmal melde, sonst
ken Sie am Ende noch, ich »väre unter die Räder gekommen, i ja im Kriege nicht ausgeschlossen ist. Ich glaube, unsere« raßenkampf bei Ch.... habe ich Ihnen schon gemeldet, war höchst auftegest», aber ein Kinderspiel gegen d i e S ch l a ch t r d l i ch von L.. .. am 12. und 13. — Wie sie in der Gerbte genannt werden wird, ahnt meine Seele nicht: das Wolf- eau hat sie im generalstäblichen Lapidarstil lediglich als zuckgewiesenen Ausfall aus A.... bezeichnet. Das ,gt so harmlos, als ob Herr Schnitze Herrn Müller rausge- scn hätte, als Herr Muster Herrn Schultzes Garten betrat. t> doch — wieviel Blut. Tränen, Elend, Jubel, Wut, Tapferkeit, iterlist und Energie liegt in der kurzen Notiz! — Dos muß man >st gesehen und miterlebt haben, um es ganz ermessen zu kün- r. — Ich will mir Muhe geben, der Reihe nach zu erzähle». — Am 8. waren wir nach Süden abmarschiert (von B. ...)
, am 9. in Gr____(Richtung £....) etma. Ich war mit mei-
n Hauvtmann zusammen beim Cure einguartiert und halte mit er durch Hebung erreichten Fixigkeit seinen Weinkeller entdeckt, für einen einzelnen Pastor viel zu groß, für unseren Ossizicr- h aber gerade reichhaltig genug war. Es war 11 Uhr abends und : waren beim Sekt, als plötzlich das mit Recht so beliebte Alarm- >al durchs Städtchen schmetterte. Zwischen Lipp und Kelches- ,d ereignen sich bekanntlich viele Dinge. Wir fuhren im Rechts- opv in die Langschäfter und stürzten davon — wahrscheinlich größten Genugtuung unseres Cures. Los gings in die Nacht ein in einem recht anständigen Tempo. Der Sekt saß in den inen. Da ein Unglück nie allein kommt, war es nicht weiter aunlich, daß wir 24 Stunden lang mit verhältnismäßig kur- Pausen liefen, 65 Klm. zurücklegten und auf Umwegen am um 11 Uhr abends wieder in B. . .. anlangten. Unsere Kerls Uten kaum noch pusten, aber soviel hatten ste doch noch in sich,
! sie die rechts und links spalierbildenden B. . .er mit der icht am Rhein in das nötige Staunen versetzten. Einquartiert rden wir in der Sechstage-Rennbahn. Großartig, kann ich neu versichern. Die Holzvlanken der Bahn als Matratze, den rnister im Genick — sowas hat man nicht alle Tage, und um Ihr morgens nach vierstündigem Schlaf gellte das liebliche Ta- ti, ta-ta-ta-ta-ta-ta-taaa!! — Raus aus den „Federn" und weg.
ch weiteren 30 Klm. kamen wir in Lt... an. L_____ hm,
ist viel Quatsch geschrieben nwrden. Bon einer Zerstörung der rzen Stadt kann gar nicht die Rede sein. Dos wundervolle thaus steht unversehrt, desgleichen Hs der Stadt, nur dieMblio- k, die Straßen zum Bahnhof rrnd im Zentrum der stadt t> zerstört worden — und das von Rechts ivegen. — Wir beeil Biwak auf der Mittelpromenade eines Boulevards. — Um Ihr früh, am 12. September, —' den Tag vergesse ich nie — gs weiter Ich ließ begabtenoeisc meine Uhr hängen und rktc den Schaden zu spät. Nur wenrge Kilometer nördlich von . .. mochten wir Halt und froren im Chauseegraben.
Um 6 Uhr kam der kurze Beseht: „Dre Brigade greift !" Bor imS lag eine 2 Klm. lange Ebene, am Hinteren Rande c gabrik, auf die es losging. Rechts und önIS von uns ging »falls je eine Brigade vor. 200 Meter hinter der Fabrik: alt. Bolle Deckung!" Wir krochen zu beiden Seiten des Weges die Gräben. Endlich kam Näheres. Drei belgischc Drvi- oncn hatten ans A . . . einen Ausfall gemacht, ichtung L . . . Bor uns war eine belgische Division a» der . . ., einem steinen Nebenfluß der S. . ., au» unsere Brise gestoßen und lag mit unserem Gins in Kampf. Unser Regi- »t sollte angveifen und den Vorstoß des stark überlegenen Geg- •i zurückwerfen Dazu mußten wir über die B . . ., die dicht iter der ssabiik vorüberfloß, lieber den Fluß ging eine Ponton- ickc. dahinter ein Dorf, hinter dem Dorf langgestreckter Wald t dichtem Unterholz. — Borläustg lagen wir noch 200 Meter c der Fabrik und der Brücke. Die Brücke und die Fabrik lagen rk im belgischen Artisteriefeuer. — Um 8 Uhr kam der Befehl m Angriff. „Die Konrvognien gehen im Marsch-Mariä» über ■ Brücke!" Und los gings, Trapp, Trapp, Trapp, Trapp. Die nicke wackelte und dröhnte, ein Schrapnell platzte 20 Meter hts von uns, und dann waren wir drüben. Rein ins Dorf d dort auf weitere Befehle »varten. An die linken Häuserreihen »rückt, standen nur in der engen Dorsstraße nnd warteten. Die hte Häuserreihe »wir gefährlich. Ein heulendes Pfeifen dicht er unseren Köpfen, ein heller Krach, »cnd die Häuser auf der stten 2tias;enscite fpuckten rotgelben Ziegelstaub. Ein paar icher krachten imd schleuderten ihre Ziegel bis in unfere Reihen, ieder zischte es heran — ein Blitz und ein Knast — Päng —, saust die Hausmauer des gegenüberliegenden Gehöfts auf die raße — Das sind Granate»! und so warteten nnr eine halbe nndc lang. Anfangs verbeugten sich alle höstich, wenn die llc Lage über uns hinwegfaqte, aber bald gewöhnt man sich ran. — Endlich kam der Befehl zur Entwickelung. Gott fei ank! — Wir hatten von dem schweren Granatseuer reichlich ge- g, und viele hatte man schon hrnweggettugcn. — Das Aus- wärnren war fchiver: gruppenweis« gings durch die Häuser, nn durck, Efertenlond, dann über eine breste Mese, die mit hoher ‘de gegen ein Wäldchen abgeschlossen >var. — Auf der Wreie lugen * Schrapnells ein, alio Marsch-Marsch. Dann kam die ‘cke. Mit Seitengewehren wurde Bresche geschlagen, vorlichtrg scheu die Kerle durch, und dann standen wir im Walde. Ich bnete meinen Zug, 70 Mmm, intb ging butd)
u Wald. — Hui! — Hui! — Hui! — Achte krachen, ganze rum fronen purzeln herab, und Amschm den Bäum en pirfsen ck»rapnellkngrln ihr unheimliches Lied. In eurem nonpftgeu raben stöhnt ein Schwerverwarudeter. Mi werßeihm meine ckdilaschc zu und stürme weiter, meine Leute in breiter Front ntcr mir. Endlich werden die Baume lichter und «m breiter raben mit Brombeerbüscken liegt am Waldesvand. Rem m s Ding. — Es wimmelt von versprengten «oldoten. die im lalle ihren Führer verloren haben. Ich Reihe sie alle in meinen ug ein. Bor uns liegt ein bretter Ttnrzmker, mitten braut drer linier. Durchs Glas erkenne ich neben den Häusern unser n l iaior, m; allein. Doch müssen »vir hin. Da das Feld im lerndlubcn rtilleriefeuer liegt, lasse ich gruppenweise vorsprrngen. Nach ni Minuten stehe ich mit meinem Zuge, der mir 100 -nennt lgewachsen ist. hinter den drei Häusern in Deckung nnd melde ich bei dem Major, der gelastet aus »rriem Felde »teht und sich e Schrapnells um die Ohren sausen läßt
„Gehen Sie rechts ab in den Wald, stoßen Sie^vch und hen Sie zu, daß Sie Möglichst schnell in die vorderste —rme rinnen."
Ich lasse nach rechts abschweirken und gehe durch den Wald eberall Unterholz, das jede freie Aussicht nimmt. 200 Meter es bin ich schon drin, die Artillerie feuert aus diesen Wald man. nsanteric ist auch nicht da: man hört nur wett vorn Gewehr- uer. So schnell wie möglich gehen nur vor. Plötzlich »mgt es
uns um die Ohren, erst leise, dann immer heftiger — ssss—sich— pitsch! — „Stellung!" Platt liegen meine Kerle auf dem Bauch: zn sehen ist nichts, da überall dichtes Buichverk die Aussicht wehrt. Aber dort, 100 Meter halbrechts, bewegen sich die Sträruher und da knatterts auch. Ich rufe meinem Nebenmann di« Entdeckung zu, und der brüllt ste »oeitrr. schießen kann man aber nicht, da fein Schußfeld ist und da man vor allem «icht sieht, ob Freund oder Feind dort liegt.
„Vorwärts kriechen, Leute, aber nicht schießen?" Wir krabbeln wie Padden durchs Gras und halten die Angen auf. lieber unsere Kopse weg geht immer das unheimliche Pfeifen, und ttn Gras rascheln du Kugeln »vie Eidechse« Plötzlich kann man ein bischen sehe« Ich liege in einem dicken Busch und sehe durchs Glas, etwa 50—60 Schritt vor uns hinter Buschwerk verborgen, einen belgischen Schützengraben. Zu beschießen ist er gar nicht, da die Deckung zn gut ist. Da hr l f t n u r e i n B a j o n e t t- angriff. Die Spielmovs neben mir bläst das Signal: „Seitengewehr pflanzt auf!" inrd dann: „Aus, Marsch-Marsch, Hurra!)" Die Lust zitterte von wilden Hurras, und wie wildgewordena Büfscl stürzen meine Leute nach vorn. Rttsch! Patsch! Hni! — Ein paar fallen, noch ein paar, aber dann »virds drüben lebendig, und lauter blaue Fracks verschwinden zwischen den Büschen und wurden nicht mehr gesehen. — Elf Mann von uns waren liegen geblieben, die übrigen heil und frisch.
Wir gingen gleich weiter und kamen ungehindert bis an eine Lichtung, aus der hohes Gras »vuchs. Dahinter lag wieder Wald, und dort mußte viel los sein, denn es drang lauter Gefechtslärm herüber. — Mtt zwei Sprüngen ging cs über die Lichtung und »nieder in den Wald. — Richtig. Halbrechts vor uns lagen beiderseits bedeutende Kräfte im Feuer. — Ich beschloß, unsere Linie nach links zu verlängern und ging allein vor, mich zu orientteren. Auf einmal vsist mir cs »ssjcker um die Ohren». —, Platt auf den Bauch und beobachtet. — Dicht vor mir dichtes Ge- strüpp, aus dem offenbar geschossen »vurde. Da ich in einem ttesen Graben lag, der gute Deckung bot, vfisfich,undmeinc Leute krochen nach. Ich verteilte sie in dem ziemlich langen Graben und beobachtete weiter. — Nichts M sehen, trotzdem das Feiier auf uns immer lebhafter »vurde und dickst Wer unser« Köpfe hinwegsegte. Vorgehen war unmöglich, schießen auch, also „Volle Deckung!" — Die Leute legten stch platt in den Graben und nur die Gruppenführer und ich beobachteten. — 20 Meter vor uns zog stch dieses insame Gestrüpp hin, hinter dem hervor geschossen wurde. — Nachdem wir V< Stunde gelegen hatten, kam von rückwärts der Hauptnmnn unserer Maschinengewchr- kompagnie von F. . , mst ein paar Mann und einem leicht verwundeten Hanptmann von den . . ern. F . . hatte seine Maschinengewehre verloren, d, h, ste »varen im Walde reicht so schnell vorwärts gekommen, und nun irrte er solo durch die Geigend. Ich lotste ihn neben mich in den Graben, ebenso den verwundeten Hauvtmann von den . . ern, her einen Streifschuß am Köpft hatte. — Mittlerweile war drüben das Feuer immer heftiger ge- roorbeit; es war buchstäblich, als ob es Geschosse regnete, so dicht pfiff es Wer unsere Köpft. Wir lagpn platt im Graben und rührten uns nicht. Ein Spiclmainn, der bloß mal die Hand hob. verlor einen Mittelfinger. — „5>ct Aas is wag»", sagte er gelassen und verband sich mü seinem Verbondpäckche« •— Plötzlich ein heulender Ton, dicht vor uns ein Knall, und dann noch einer, noch einer «ad noch einer. — Unser« Artiklerie, die endlich von rückwärts dazwischen funkt.
Nach 5 Minuten saß in dem Gestrüpp kein Begier mehr. (— Vorwärts! — F. . . Hast feine Maschinengewehre finde« Wut Wer nicht, wo Le sind. 400 Meter vor uns schießen osseWar Maschinengewehre. — Er sagt: „Das können sie sein, vielleicht sind sie selbständig vorgegangen." — Wir pürscheu uns durch das immer dichter weckende Unterholz. — Plötzlich liegt ti. F.... platt da und winkt. Wir werfen uns ebenfalls hi« — Grade vor uns ist eine Lichtung, und mitten dranf eine belgische Batterie von 4 Geschützen. F. . . flüstert mir zu, daß wir sie im Sturm nehmen wollen. — Ein Wink au die Leute und mit „Hurra" gehts loS. — Aber kaum sind »vir 20 Schritt gelaufen, da ratterts los — Maschinengewehre, Im Umsehen verlieren »vir 8 Mann. Wir konnten uns eben noch hm- legen — „Z urü ckkrie chen!" — Auf allen Bieren in den nächsten Graben zurück, immer im »vilden Feuer. — Wir sind bloß noch 6 oder 7. — Im Graben sahen »vir die Bescherung. Die belgische Batterie hatte im Walde 2 Maschinengewehre als Bckeckung, die hatten uns paar Männchen aufs Korn genommen.
— Die Batterie protzte auf uitb verschwand, di« Maschinengewehre feuerten weiter. — Endlich sahen wir die Bulldogge« — Die belgischen Maschinengewehre werden von Hunden gezogen. — Also — Feuer auf die Bestien! — M»g, päng! Da lagen ste.
— Und dann vorwärts: ein Hauvtmann, ich und 6 Mann! >— Noch im Laufen schoß einer unserer Leute einen Bedfenungsmann an, der grade das eine Gewehr auf uns richtete. — Das war ihnen zu viel. — Sie liefen wie die Hasen, di« Maschinengewehre blieben liegen und wurden von unseren Leuten zurückgebracht. Nun sammellen v. F. . . unb ich einige 50 Versprengte, stießen, ohne Widerstand zu finden, durch den Wald und erschienen endlich in vorderster Linie.
Diese zog sich an einem bretten Bach hin und >var von . . er» und . . ern besetzt. — Jenseits lag die belgische Hauptstellung >— lange dichtbesetzte Schützengräben, die sich bis au ein im Hintergrund liegendes Dorf zogen. Wir gingen mit einem Sprung Ins an den Bach vor und füllte» unsere Schützenlinien auf. — lieber den Bach konnten nur zunächst nicht, da alles im heftigsten Feuer lag. — v. F. . . lag neben mir, hatte das Geivehr eines Ge- »allcncn genommen tmd slhoß mit. — Plötzlich kroch er oben auf die Böschung, um besser zu sehe« kam aber im nächsten Moment herunter gekollert — Bauchschuß! — Er riß sich den Rock auf. zog das Hemd hoch, legte stch daun hintenüber und murmelte: ^.Waidtoimd!" — Wir trugen ihn zniück. — Zwei Stunden später war er tot.
Für uns kam es tccktssch vor allem darauf au. Wer den Bach zn kommen, um dem Gegner ans den Pelz rücken zu können. — Auf der Böschung, hinter der nur lagen, staWen ein paar dicke Bäume. — Wir beschlossen, ste zu fallen, mit auf diese Weise eine Art Brücke M schlage« —< Ich ließ mir eine BeiLpstke geben, sprang hinter den nächsten Baum und fing a« zu hacke« Die anderen Bäume wurden ähnllch behandelt. — l U Stunde hackte ich, dann warf ich die Beilpicke dem nächsten zu und sprang zurück.
— In dem Moment bekam mein Säbel einen Schuß uttb einen schönen Knick, ich selbst blieb verschont. Nach einer Stunde konnten wir zwei Bäume vornüber kippen. Nun hieß es: .„Rüber!" Jaivohl! Das war nicht möglich, denn der Feind nahm die „Brücke" dermaßen unter Feuer, daß keine^ Maus hinüber konnte. Zudem bekamen wir plötzlich Flankenfeuer ans einem lmks liegenden Torf, das vom Gegner besetzt »vorden war. Dagegen war wieder nichts anderes möglich, als ein Bajonett- angrifs. Also wieder: „Seitengewehr pslanzt auf! Hurra, Marsch, Marsch!" Das Dorf wnrvc unter schweren Verlusten genommen, dann stießen wir durch, fanden eine Brücke und gingen hinüber. Nun saßen wir dem Feinde in der Flanke. Sprungweise gingen wir vor, nahmen einen Graben nach dem anderen und warsen die Brüder • raus Um 4 Uhr nachmittags war alles vorüber. Unser Batalllon hat 3 Hauptlöittle, 2 Leutnants, viele Unterofsiziere und netto 300 Mann an Toten und Ver- »vundeten verloren. Der Feind war nahezu dezimiert.
In einem brennenden Dorfe blieben wir über Nacht. Ich schlics sitzend in einer Ecke. Früh am nächsten »Norqen begami die Verfolgung. Wir stießen «och aus heftigen Widerstand und mußten mehrfach mit dem Bajonett Vorgehen. An einem Kreuz« lagen 83 tote Belgier, einige noch im Anschlag. Eine Grautve war zwischen sie gefahren und hatte alles getötet, waö dort lebendig gctvesen »var. Nachdem die drei seindliä«n Divisionen ssnlhtarttg nach A... znrückgcgangcn üxrren. ränntteu wir das Schlachtfeld auf. — Meine Herren! Sie, die Sic in Berlin unsere Siege feiern. Sie ahnen nicht die Bilder, die wir zu selten bekommen. Hier liegt ein Ofstzier, der krampshast einen Liebesbrief in der Hand häll, den er im Schützengraben noch einmal gelesen hat. Vielleicht »verden Sie das so nicht v>erstchcu, aber glaubeni Sie mir, was übrig bleibt ist Will, Witt auf die, die den Krfeg hcraufbeschworen haben, imd auf die, di« ihn mtt gemeinen Mitteln führen. — AlS ich am Tage nach der Schlacht auf Feldwache stand, wurde mir gemeldet, daß in einem Hause, 400 Schritte von meiner Feldlvoche, ein schwerverwundeter Belgier läge. Ich ließ zwei Krankenträger holen irud ging selbst mit. Wir fanden den Mann in einem Bauernhause. Er hatte einen hoffnimgslosc« Bauchschuß mid mir noch Sttinden zu leben. Trotzdem luden wir ihn auf die BWrc und trugen ihn zurück. Unterwegs »virrden wir plötzlich von seittvärts beschossen, und, obgleich wir die Fahne Mit dem Roten Kreuz sehen ließen, hörte das Feuer nicht ans. Mit großen Schvierigkerten gelang es uns, den Vernnrndeten und uns in Sicherheit zu bringe« Das hat man von seiner Nächstenliebe!
Ich habe Ihnen in aller Elle kein Stinimungsblld, sonder» einen tatsächlichen Bericht zu geben versuck-t. Zn St-.mnnin gsblldern fehlt die Stmrnruiig. — Wenn ich hell wieder nach Hanse komme. Null ich Ihnen gern Einzelhetten erzählen, aber jetzt nicht. Freuen Sie sich Wer unsere Siege und vertrauen Sic auf uns, die wir kämpfen. Wir werden den Zaun schon Pinsel« denn »vir wissen, »vas ans dem Spiele steht. Augenblicklich ist Ruhe. Die Einschließung A... s hat begonnen, uW »venn ssie beendigt ist, lverdeir wir wieder schwere Arbett bekomme« Ei» Vöglein hat mir gesungen, daß ich zum Eisernen eingeqeben bin: ob's Ivahr ist, ahne ich nicht, jedenfalls »vücke ich mich maßlos frrtie« - So, meine lieben Herren Kollegen, jetzt habe ich aber genug geklöhnt. Bei passender Gelegenhett »veckc ich wieder von mir hören lasse« Ms dahin seien Sie hcrzlichst gegrüßt von
Ihrem Dr. 8. v. St
Der deutsche Alb.
„Der deutsche Krieg" betitelt sich eine Gaminlnny von der Deutschen Verlagsanstalt herausgrigrbener Migschriften, in deren zweitem Heft Friedrich Naumann das Verhältnis Deutschlands und Frankreichs vo-r und nach dem gegenwärtigen Kriege schildert. Außer den politischen und ivirtschaftliche« Folgerung« die Nnnmamr dabei zieht, interessieren besonders die persönlich en Eindrücke »rnd Ett lebnisse dieses Parlamentariers, der «och toenige Movate vor Ausbruch des Kriegs Frankreich eine« längeoeu Besuch abstattete.
„Eines Tages, — so «tzäyll er — stch ich mk schönffe-n Frfe-
de»i in einem fWfvanzösischen Badeort, und mein Wirt imlßte gerade Stenern bezahle« ‘Da nahm er seinen Stenerzettcl, hielt ihn mir vors Gesicht und riest: ^Zch zahle für Euch.^ Ich habe > den Gcfühlsausbruch des sonst ruhi«c» M««eS verstanden, den« ich hin Völlswrrtfchafkfer gennq. um de» Kern von Wahrheit z« begrersen, der in diesem Worte war. Die französischen Steuer» waren zu einem garten Dell Krftgskosten für einen vergangenru und einen zukünftigen Krieg. Niemand fast zahlt so nngerne für den Staat als der sparsame lleine Franzose. Hinter d« vieterkel Staatsauflagcn sah er den Preuße« Mr ihn war 1870 nichls Vergangenes, sondern etwas Gegenwärtrgrs, Fortwirkend^. Hnn- dett lleine Merkzeichen erinnerten ihn an das ttaurige Jahr. Noch in den Ostertagen sah ich Grabmäler in RettnS: „Ersch>j>sn von den Preußen!" Das »var noch cvoas anderes, als was im bwszen Wort Revanche liegt: er konnte vor sich selber nichk nned« ganz in Ordnung kommen, »penn er mit diesen Preußen nicht abrÄhnete. Für wette Kresse des frarizössschen Volkck war eine Art von Verso lgmrgswahn übrig geblieben: die beständige Angst vor dem Gespenst jenseits des Rheins. Ich bin in Zeiten parta- mrntorsscher Wahlkämtft drüben gewesen und habe die Mauer- anschläge und Ven'amanlmigsbcrichte der nationalistsschcn Parteien gelesen: „Der diwhendc prcuMche Ueberfall!" Das »var natür- iid» übertrieben, wie es bei Wahlen M sein chlegt, aber es hätte nicht mtt so großen Lettern an allen Ecken stehen käuuen, trteirn es iricht zu einem beträchtliche» Telle geglaubt worden »vüve. Dev Franzose im allgemeinen glaubte nicht au unsere Friedensliebe und dachte, daß »oft uns in mssever Politik ebenso beständig mit dem zukünftigen denssch-ftrinzössschen Kriege beschäftigten, »oft et es tat. Unsere >vach»ende Spanmcng gegenüber England hat der Dunhschnittsftanzose nicht in ihrem Wesen erfasst, noch >or- niger die langsam hcraWämmerndc Ainsemandersetzung zw-ssche» lftrinanen und Slawei. Er blickte gebannt ans die Vogesen und dachtt, daß sich dft Welt noch inrmer auch für ims um Metz und Straßbuoq drehte. Eimgc weitblickende kluge Franzose» haben die Aenderung zwar völlig crngefthen, am tiefsten »vohl Iran Jaurös, der Märtprer der dcussch-französsschcn Frredensüiee.
Mit Fairrös war Naumann crnf der Baseler Friedenszusammenkunft der deutschen und ft-rnzösischen Abgeordneten Freund geworde« Er nennt ihn ettren Idealisten in seiner Lebensauffassung^ dessen praktisches Erkeinien geschichtliche Vorgänge an Msmarckschen Datsachensinn erinnerte. Jaures nmßte, daß die laicklLnsige BorstMnng von den deutschen Absichten falsch war, beim er karrntc Deutschland aus Studium nnd Erfahrung. Gr hielt uns nicht für harmlos, aber er wußte, daß wir anders beschäftigt waren, »als mit der Rheingrenze.
Naumann fragte ihn jn Bafel: „Sagen?*e mir ohne Umschweife, warum Sft »ns zn dieser Besprechung eingeladen haben! Daß »vir gekommen sind, nachdem wir eingelllden »vurden, ist selbstverständlich, den» für uns ist jede Abschioächiarg des ftan- zösischen Krieyswillens um erwünscht: aber weshalb Sre die Eervolitischc Last dieser Frfedensbesprechung auf sich nehme« ist mir nicht ebenso klar." Daraus sagte er etwa: „3rf> bekämpft die Ruinierung Frankreichs durch die jetzige falsche, militaristische Methode u»d verkündige dabei immer, daß Ihr Dcnsschc» den Krieg mit uns gar nicht »sollt Dazu aber muß ich Eu ch leib- haftig ikisserem Doll vorführen, weil sie es samt mir irud „ie uwn Freunden nicht glaube«" Das war der Sinn des beabiicpttgtrn Austausches der Abgeordneten in beiderseitigen BernäiiSlgungs- versanrniluugeu. Wer Jvurös nur für eine» moran aicn orickMs- eiqel gehallen hat und nicht für einen Politiker, der_ hat^dicfen festen und llare» Man» verkannt Er »var als trau; olliger Patriot überzeugt, daß wft bciderfetts ohne neue 23a ssenpcobc em gedeihliches gsschichtlichcs Verhältnis nicht » urde i könnten Ab er da zu wäre neben vielem anderem noch geraume Zell nötig genügen, und die blieb ihm nicht Der Zar war »chneller als Jaurtzs, und als der Zar ihm sein Lebensideal zertrat, da erlag er der Kugel emes ftrmzöfischen Tollfepscs."


