W. 208
Zwetter Blatt
164. Jahrgang
Erscheint Uiglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Tietzcner Zamilieablätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, daS ^lreirdlatt fiir den Krtis Liehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zcit-
fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhejsen
Samstag, 5. September l9l4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfiläts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: essgül. Redaktion:«-^ 112. Tcl.-AdruAnzcigerGießcn.
war der Urieg für Amerikas Handel bedeutet.
Die ainerikanischcn Blätter beschäftige» sich eifrig mit der Frage, welche» Einfluß der europäische Krieg <ruf Handel und Wandel der Vereinigten Staaten besitzt, und die Ansichten stehen sich da schrojf gegenüber; die einen hoffen, Amerika werde nun den Handel der ganzen Welt an sich reisten können; die andern fürchten, daß letzten Endes dieser Krieg doch auch für die neue Welt einen schweren wirtschaftlichen Schlag bedeute.
„Unser Interesse an den: europäischen Kriege," bemerkt ein Platt, „hat seine breiteste Grundlage in der Tatsache, daß wir «w Volk von europäischen Auswanderern sind. Wenn auch die Hunderttausend« von Reisenden, die sich bei Ausbruch des Krieges in Europa befanden, am rmmittelbarstcn von den Schrecken dieses Weltkamvieü betroffen werden, so haben doch auch die von uns, die zu Hause geblieben sind und keine Freunde unterwegs besitzen, bereits hcrausbekonrmen, dast die Aussperrung Deutschlands aus den Weltmeeren für uns ein Weiterlcben olme Waren „Made in Germany" bedeutet und wir einer Knappbeit und Preissteigerung von jeder Art cingeführter Güter gcgcnüberstehen,"
Trotzdem wiegt vielfach) die Freud? vor, daß inan ,,sern vom Schuft" ist, „Die Bereinigten Staaten," sagt die New' Porker „Sun", „werden unzweifelhaft bis zu einem gewissen Gnade unter der Verwüstung und Zerstörung da draußen! leiden, aber sie haben die wohlbegründete Ursache, dafür zu danken, daß sie von all dem Furchtbaren abgeschlossen find," So sehen denn viele Zeitungen jetzt die günstige Gelegenheit, die Regierung uird die Geschäftsleute auf eine Erobe- rnng des Welthandels hinzudrängen, während Europa «iderwcitig auf dem Schlachtseld beschäftigt ist,
„Während die Kräfte und Mittel (broßbritanniens, Deutschland', Rußlands, Oesterreich-Ungarns, Belgiens und der anderen m Mitleidenschaft gezogenen Länder von der Kttegsführung ausgezehrt werden," meint die ,,sun", „müssen die Bedürfnisse der übrigen Welt weiter befriedigt werden. Unser Land steht in einer isolierten Stellung vollständiger Neutralität, Unser Handel und .unsere Fabrikation werden nicht unterbrochen sein. Es ist unsere .Pflicht sowohl wie imserc außerordentlich günstige Lage, allen sAnsordcrimgeu, die ou uns gestellt werden, voll und ganz zu ^genügen Amerikanrsche Fabrikanten können jetzt dauernde Handelsverbindungen gewinnen mit Südamerika, Asien, Afrika und .allen insularen Ländern,"
Auf welche Gebiete sich dieser durch den Krieg bedingte Aufschwung des amerikanischen Handels beziehen wird, das lführt ein sehr optimistischer Aufsatz-Ves New Jorker Handels- Plattes „Commercial" aus. Große Gewinne winken der Schutz ' und Textilbranche, Die Zufuhr von Flachs und Hanf urus Rußland, wahrscheinlich aitch die von Jute aus Indien wird während des Krieges aufhörcn: auch Wolle wird in viel gcriilgercn Mengen cingeführt werden, und so bleibt Dem Bammvollsiandel, von dem die Bereinigten Staaten; zwei Drittel in ihren Händen haben, ein weites Gebiet, Der Markt von Bauntwollsachen kann nach dieser Ansehamrwgj auf einen Absatz in Südamerika, Afrika, Asien im# Teilen von Europa rechnen. Auch für die Ausfuhr von Metallwaren bietet sich eine günstige Gelegenheit, und' das Gleiche erhofft inan für amerikanischen Weizen und für amerikanische Kohlen. Da aus eine Versorgung des Weltmarktes mit Brotgetreide durch Rußland und die Donauländer nicht zu rechnen ist, „ist Europa einfach gezwungen, unfern Weizen zu kaufen und Mittel und Wege zu finden, ihn zu bezahlen und zu transportieren," erklärt die „Evcning Post", Und der „Coimnereial" triumphiert: „Ein langdauerndcr Krieg in ,Mrropa gibt uns die Kontrolle über den Handel in der übrigen Welt und gewährt uns einen Vorsprung vor allen andern Ländern auf lange hinaus," Ein großer Teil des Handels würde dann auch vom Suczkanal auf den jetzt fast fertigen Panamakanal hinübergeleitet werden. Sodann reizt die Sicherheit des amerikanischen Marktes zur Anlage für fremde Kapitalien. „Das Kapital der Welt," glaubt die St,
Louis „Republic", „wird in solchen Mengen wie nie zuvor in den industriellen und Handelsunternehmungen unseres Landes angelegt werden, das 4000 Meilen entfernt ist von den gekreuzten Bajonetten Europas,"
Diesem grellen Licht steht aber freilich in der amerikanischen Presse auch tiefer Schatten gegenüber. Während die Exporteure jubeln, trauern die Importeure, „Das Aufhören der Wollzufuhr bedeutet hohe Preise für Kleider," sagt das New Parker „Journal of Commerce", und es fügt hinzu, dast ebenfalls Knappheit und Preissteigerung in Gummi, Kupfer und Zinn zu erwarten ist. Die Amerikanerinnen können sich nicht mehr nach der neuesten Pariser Mode kleiden, und die ganze Konfektion liegt tief darnieder. Selbst wenn der Krieg nur kurze Zeit währt, werden viele Industriezweige, die von der Ausfuhr nach Europa ab- hängen, auf das schwerste leiden. Die Standard Oil Company z. B, mutz ihre Produktion sehr einschränken, Außerdem ist mit cineni Arbeitermangel wegen der Abreise der vielen Reservisten nach Europa zu rechnen, „Die einfältigsten aller überflüssigen Schwätzer" nennt das Journal of Commerce die Vorlauten, die sich einen materiellen Nutzen von den« europäischen Kriege versprechen,
„Tie nmnittelbare Folgeerscheinung wird Mangel und Teuerung alles Notwendigen sein: die nächste Wiederherstellung der industriellen Nachfrage imo der Fabrikation: die letzte aber Unter- bung unseres ganzen Wohlstandes, Zerstörung der Märkte und Aufkonrmen künstlich hochgetriebener und rasch verschwindender Unternehmungen."
Ein großer europäischer Krieg ist nie und nimmer der „Bringer unrklichen Reichtums", faßt die Zeitschrift „Jron Age" diese pessimistischen Anschauungen zusammen, „Ein Land wie die Vereinigten Staaten mag vielleicht eine Zeitlang von der Not anderer Gewinn ziehen, aber im weitereir Verlauf werden die schweren Lasten, die die kriegfiih-rcnden Völker zu tragen haben, auch wenn der Friede kommt, eine Gefahr bedeuten, der kein Teil der Welt entgehen kann,"
wie ein Engländer sich die Zerstörung von Berlin aurmalt.
Der Engländer H, G, Wells, der bekannte Verfasser utopistischer Romane, hat seine Phantasie gerade in diesem Jahre an einein besonders zeitgemäßen Stoff versucht, indem er in einem Zukunftsbild den „letzten Krieg in der Welt" darstellt. In diesem Ronian, in dem eine glücklicherweise noch nicht erreichte Entwicklung der Flugkunst und Vervollkommnung der Explosivstoffe vorausgesetzt wird, findet sich auch ein Kapitel, das kühn überschrieben ist: „Die Zerstörung von Berlin". Hören wir, wie der phantasiereiche Engländer sich und seinen Landsleuten diesen Vorgang ausmalt, Ein junger Flieger „mit Kugelkopf und schwarzem, struppigem haar" stellt folgende Betrachtung an: „Nichts m der Welt kann uns davon abhaltcn, nach Berlin zu gehen und den Deutschen mit gleicher Münze heimzuzahlen," Die Westm ächte haben nämlich durch die Zentralmächte in diesem Zukunstskrieg eine schwere Mederlage erlitten, die die Flieger auswetzen sollen. Zwei Flugzeuge, mit Bomben ausgerüstet, fliegen los,
„Fern nordostwärts in einem See von dunstigem Licht und flimmernd in all seiner nächtlichen Beleuchtung lag Berlin, Der linke Finger des Steuermanns suchte Straßen und Plätze unter sich auf der Karte, die an seinem Steuer befestigt war. Da lag in einer^ Reibe von Seen die Havel; dort über jenen Wäldern mußte Spandau sein: da teilte sich der Fluß um die Potsdam- Insel, und rechts war Charlottcnburg, Weit dehnte sich der Tiergarten: dahinter erhob sich das kaiserliche Schloß, und zur Rechten jene großen Gebäude, jene reichbeslaggten und bemasteten Dächer, mußten die Bureaus sein, in denen der Generalstab Zentraleuropas hauste. Es war alles kalt, klar und wolkenlos in der Morgendämmerung, Er blickte plötzlich auf, als ein summendes Geräusch aus dem Licht aufwuchs und langsam lauter wurde. Fast über ihm zog ein deutsches Flugzeug seine Kreise, um ihn aus ungeheurer Höhe herauszufordern. Er machte eine Gebärde mit
dem linken Arm nach dem düstern Man» hinter ihm, packle daun mit beiden Händen das kleine Rad und schoß vorwärts. Er beobachtete aufmerksam und gespannt, aber ganz verächtlich ihre Versuche, ihn zu erreichen. Kein lebender Deutscher, das wußte er sicher, konnte ihn überfliegen, selbst keiner von den besten Franzosen, Mochten sie loie Falken aus ihn herniederstoßen, sie konnten cS nicht so schnell, daß er nicht fähig gewesen wäre, unter ihnen durchzuschlüpsen. Sie riesen ibn in Deutsch an durch ein Megaphon, als sie noch etwa zwei KUometer entfernt waren. Die Worte rollten zu ihm in einem^Getöse dumvscr Laute, Dann beunruhigt durch sein grimmiges schweigen, nahmen sie die Jagd auf und stießen nieder,^etwa 100 Meter über ihm und viele hundert Meter hinter
ihm. Sie singen an zu verstehen, Iper er war. Eine Kugel zischte durch die Lust an ihm vorbei, eine andere folgte. Etwas schlug gegen die Maschine, Es war Zeit zu handeln. Die breiten Straßen, der Park, die Paläste unten breiteten sich näher und näher vor ihnen aus, „Fertig!" sagte der Steuermann, Das hagere Gesicht hart bis zur Grausamkeit, nahm der Bomben Werfer mit beiden Händen die große Atom-Bombe aus der K i st e. Es war eine schwarze Kugel, zwei Fuß im Durchmesser, Zwischen ihren Handgriffen loar ein kleiner Zelluloidstist, und |u dem beugte sich sein Kops, bis seine Lippen ihn berührte». Er mußte hineinbeißen, um die Lust zu dem Induktor zu lassen, Ihrer Wirkung sicher, beugte er sich über die Seite des Flugzeuges und maß die Entfernung, Dann tvarf er sich rasch vorwärts, biß den Stift ab trnd schleuderte die Bombe, Wie ein purpurner Blitz leuchtete eS auf. Die Bombe siel in einer Flammensäulc durch die Luft wickelnd. Beide Flugzeuge flogen wie Federbälle hin und her, und der Steuermann socht mit blitzenden Augen und zusammengepreßten Zähnen in großen Kurven um sein Gleichgewicht, Der hagere Mann hing zusammcngekrümmt da: ein Glück für
ihn, daß er festangeschnallt uwr, Als er loieder herunter blickeit konnte, war es, wie wtznn er ans den Krater eines Vulkans sähe. Auf deni Gartcnplatz vor dein kaiserlichen Schloß schoß ein zitternder Stern mit schrecklichem Glanz enipor und goß Rauch und Flammen aus wie eine Anklage, Sie waren'zu hoch, um Menschen zu sehen oder die Wirkung der Bombe auf die Fassade des Bauwerkes zu beobachten, bis es plötzlich zusammenstürzte und sich auflöste, wie Zucker im Wasser, Der Mann starrte einen Augenblick hin, zeigte seine langen Zähne, und dann warf er in seiner zusammcn- gekrümmten Stellung die zweite Bombe, Die Explosion erfolgte diesmal fast direkt unter dem Flugzeug und schleuderte es aufwärts, wobei es fast senkrecht stand. Um ein Haar wäre die letzte Bombe aus der Kiste gestürzt: der Bombeniverscr crgrifs sie und biß mit plötzlicher Entschlossenheit den Zelluloidstist ab. Bevor erjic noch schleudern konnte, war der Flugapparat auf die andere Seite geworfen, und die heftige Bewegung riß ihm die Bombe direkt aus der Hand, Nun war auch sie explodiert, und um Steuermann, Werfer und Flugzeug flogen Splitter von Metall und Trovsen von Feuchtigkeit, Eine, dritte Säule blendender Glut stürzte in eineni Feuerstrudel hernieder auf die dem Untergang geweihten Häuser , , ."
Das sind die Bilder, in deren Ausmalung sich die Engländer vor dem Ausbruch des Krieges nicht genug tun konnten: der Untergang Berlins, der offenen, gegen keinen Feind geschützten Stadt erschien ihnen als Ziel. Heute, Ivo ihre Bor bereitungen sich als nicht genügend, ihre Lustwaffen als ohnmächtig zu solcher Zerstörung erwiesen haben, erheben sic die wildesten Beschuldigungen gegen die Deutschen, die mit der furchtbaren, vor dem Kriege von ihnen wie von den Franzosen immer nur mit Spott bedachten Waffe des Zeppelin der schwergeprüften Festung Antwerpen empfindlichen Schaden zusügten, Der Korrespondent des „Daily Chronicle" kann in einem Telegramm aus Antwerpen vom 26, August nicht genug Wort« des Abscheus über diese „tragischste Nacht des Krieges" finden — ein Beweis, welche gewaltige Wirkung unser Luftkreuzer ansüben konnte!
Papst Benedikt XV.
Rom, 3, Sept, (W, B, Nichtamtlich.) Sobald die Abstimmung des Konklaves beendet war, durch welches der Kardinal della Chiesa zuni Papst gewählt war, wurde Wonsignore Boggiani, der Sekretär des Konklaves, mit dem Zeremonienmeister in die Sixttnische Kapelle geführt, Ter Dekan des heil, Kollegiums, die Doyens, Kardinalpriestcr und Kardinaldiakone verbeugten sich vor dem Sitze des Kardinals
Ausstellung von Bildern Zostannes Manrkopfs im Aunftverein.
Gießen, 4 , Sept,
Die lkunst des Malers Johann M a n s k o p f zu Daubhansim du Westernmld ist schon manchem in Gießen, aber auch weiterhin, sogar in der Rcichshauptstadt, gekannt und vertraut geworden. Seine Bilder geben die schwere Lttmmung der düsteren Landschaft seiner Heimat in großer Ansiassnng wieder. Die großen Limen, im denen das Gebirge zieht, die Hockffläche der Heide, wuchtige Wolken darüber am weilen Himmel, sturm zersetzte Bäume, die a» den Nachthimm-l ragm: in Vorwürfen derart spricht'sich die heiße Liebe aus. mit der der Pfarrer der kleinen Hugeuottew- gemeinde im Westerwald seine schöne stille Heimat umfängt, nnü in ihrem eigensten Wesen versteht. So manchem von uns. der in fernen freien stunden die Natur sucht, wo sie durch Größe .Und Stille zu ihm spricht, der in ihr Ruhe wird von menschlichem Kleinkram des Tages, ist Manskops ein Mittler geworden. Und gerade die große, gewaltige, erhebende, aber auch schwere Zeit, in der wir jetzt beim Kampfe um unser deutsches Dasein leben, wird in Manskopis Bildern ihrem Ernst vernwndte Züge finden Der Künstler will sich großherzig ferner Bilder um ein im Verhältnis zu ihrem Werte Billiges entäußeru zum Besten unserer Kriegsfürsorge, Möge jeder, der cs nur irgend kann, die besondere Gelegenheit nützen, die diese Ausstellung in unserem Kunstvcrein bietet: er trägt mit denr wohlfeilen Erwerb eines Stückes bedeutender Heimatkunst einen unvergänglichen Wert in sein Heim und dient dcibei auch hier der Fürsorge für unsere kämpfenden Brüder,
Christian Ranch,
»
— Die Deutschen vor Montmödh 1870, Die französische Festung Montmsdy ist diesmal rasch in unsere Hände gefallen, nachdem die Besatzung bei einem Ausfall Jesangen genommen worden war. Im Kriege von 1870 ist uns die Einnahme dieses stark befestigten Platzes nicht so leicht gemacht worden, sondern nach einer vergeblichen Beschießung hat es zwei Monate gedauert, bevor Montmedy kapituliert«. Die wenig bekannte Episode der Kanonade von Montmsdy, die am 5, September vor 44 Jahren ausgeführt wurde, gewinnt für uns eine besondere Bedeutung dadurch, daß sie zeigt, wie die Kraft der Geschütze damals doch noch nicht zur raschen Niederlegung der Befestigungen ausreichte. Nach der Schlackst bei Sedan erhielt Prinz Kraft zu Hohenlohc- Jngelsingen, der Brigadekommandeur der Garde-Artillerie, den Befehl, die Festung Montmsdy durch eine überraschende Bescksteß- lntg zur Uebergabe zu zwingen, Ten Feldtrupven war es unmöglich, diese aus einem senkrechten Felsen ungeheuer steil gelegene Festung zu nehmen, Bon den umliegenden Höhen aus sollte nun einc
Beschießung versucht werden. Es gelang dem Prinzen, die Ar- tillerremasse von 35 Kanonen so in ihre Stellung zu bringen, daß inan es in der Festung nicht bemerfte. Die Lonne war herrlich aufgegangen, die Luft war klar, so daß man jede Schatte, jedes Geschütz der Festungswerke deutlich zählen konnte. Kein Lüftchen rührte sich, „Mit einem Male hotte man Signale in der Festung, man sah Truppen auf den Wällen, Bewegung, ein Schuß krachte, und ein immenses Geschoß sauste durch die Lust," So erzählt Prinz Hohenlohe in seinen Lebenserinne- rungeu, „Aber es flog nicht zu ums, es schlug oben auf dem Berg ein, links von mir, Ich sah dorthin und glaubte meinen Augen nicht zu trauen! Da war, während ich meine Truppen versteckte, der ganze Stab der Kavallerie-Division oben auf dem Berge, mit Aojntanten, Ordonnauzofsizierlm, Stabsordounanzcn und Bedeckung, eine ganze Menge Reiter, ausgestellt, um mttner (Spedition als einem Schauspiel zuzusehcn, Aus Langeweile waren die Herren, nachdem sie Montmsdy mft dem Fernglase betrachtet, abgesticgeu, um zu stühstückeu. So hatten sie in ihren buntest Unisorinen meine Anwesenheit verraten, und die so vorsichtig cingcleitetc Ueberraschumg war vereitelt," Hohenlohe war sehr ärgerlich, begann aber trotzdem di« Beschießung und brachte die seindlichen Geschütze bald zum Schweigen, Auch fingen die Gebäude im Innern der Stadt an verschiedenen Stellen Feuer, aber die weiße Fahne, nach der man mit den Ferngläsern spähte, wurde nicht aufgezogen. Nach zweistündiger Beschießung sing dem Prinzen an „die Munition leid zu tun". Er schickte den Bürgermeister eines kleinen französischen Ortes als Parlamentär in die Festung, doch dieser kam nicht wieder. So begann denn die Beschießung von neuem. Erst geritt die Präfektur in Brand, dann die Kasernen und Magazine, und alles brannte rasch ganz nieder, .Als 3812 Granaten verfeuett waren, hatte Hohenlohe das Gefühl, doch nichts zu erreichen und gab die Beschießung auf, „Später las ich", erzählt er, „daß der Schaden, der dem feindlichen FiskuS zugefügt war, vitte Millionen betragen hat, Auch hat die Garnison viele Verluste an Toten und Verwundtteu gehabt. Unter den Verwundtteu befand sich der Kommandant selbst. Er hat spät« behauptet, wenn ich nur eine halbe Stunde wttt« geschossen hätte, so würde « haben kapitulieren müssen. Ich glaube, das hat er nur so gesagt, uni uns zu ärgern, denn ich konnte keinen Grund zur Kapitulation sehen," Montmsdy hiett sich denn auch noch läng«e Zeit und «gab sich erst am 3, Nvvemb«,
— Ein Meister der Dechiffrierknnst. In Kttegs- zttten gewinnen Geheim- und Chiffreschriftcn erhöhte Bedeutung, so große, daß, wie bekannt, auch jetzt mied« sogar Annoncen unter Chiffren in den Ztttungen »«boten sind Chiffrebttesc und -karten ins Ausland sind dauernd veckoten während des Kttcges, Im deutsch-französischen Kttege vom Jahre 1870 spietten während der Belagerung von Patts die Chiffreschttften eine große Rolle, Bttefe,
die durch Ballons und Bneftaube» aus der belagerten Stadt hin- ausbesöck«! wurden, waren zumeist in Gcheimschttiteu abgefaßt, und dadurch kam «n Mann, den, es bis dahin sehr schlecht ergangen war, zu nnig« Geltung, Das war d« Schttststell« Gg, Belly, ein echt« und recht« Bohemien, der einige recht nette Bühnen - stückchcn verfaßt hat, von denen noch heute „Monsieur Herkules" und „Guten Morgen H«r Fischer" gegeben werden, Belly, der 1836 in Stolp in Pommern als Sohn eine- aus deni Engadin stammenden Kondidors geboren ward, war frühzeittg nach B«lin gekommen, wo er in Arsistenkreisen viel verkehrte: eist h«zensgut« Mensch, hatte « ebensoviel Freunde wie Schulden, und selbst d« Exekutor, d« bei ihnr aus und «n ging, hatte den guten Kerl so gent, daß « sich bei ihm zhr erkundigen pflegte, wann « ibn wohl zu Hause a »treffe, mir zu ditt« Zeit nicht zu ihm mit dem PsändungSbescht zu kommen. Im Jahre 1870 nun kam auch für dieseu Zigeuner «ne kurze Glanzzeit, in der « sogar fitt sich den Ruhm vindizieren konnte, seinem Baterlande manchen guten Dienst gelttsttt zu haben. Durch eine Spielerei war Belly aus das Entziffern von Gehcimschttiten gekonimen In jener Zttt war es vielfach Sitte, in Zeitungen in Gchttmschttften zu in- s«i«en. Liebende, die ein Rendezvous verabreden wollten, taten dies durch nn Jns«at in Chiffreschrift, Die Jnseratcicheilagen der B«lin« Blätt« wimmeltnr von chifftterten Annoncen, Und Georg Belly hatte sich darauf gelegt, sie zu entziffern. Man macht« eine noch so ungewöhnliche Zttchenschrift vereinbaren, Belly hatte sehr bald den Schlüssel dazu gesunden. Durch unausgesetzte Hebung hatte « dattn «ne kaum sonst non irgendseniand erlangte Meisterschaft auf diesem Gebitte «rttcht. Und was bis zum Jahre 1870 für ihn nur Spiel«« gewesen war, die niemanden nähren konnte, ward plötzlich für ibn und andere von Bedeutung, Er wurde zum Dechiffri«en d« ausgefangenen Bttese aus Patts benutzt, und seine bis dahin brotlose Kunst ward von den Behörden recht hoch bc-- wertet. Natürlich versank Belly nach dem Kriege nur zu bald wieder in s«n Zigcunettum, und «uige Jahre spät«, am 14, Juli 1875, ist « im größten Elend gestorben,
— Wichtige Entdeckungen int Karakorum Bon der Expedition des Italieners De Filivvi >n die Gletscherwelt des Himalaja ist aus dem Lag« von Depsauv folgende Aceldung vom 15, August «ngttrofsen: Die Expcdinon des Tr, De mlivvi hat chre Arbeft im Süden des Karakorum voll«chtt und zieht letzt durch Chinttisch-Turkestan Bei der Erforschung des Remo-Glet- schers wurde ttotz all« Behinderung durch andauerndes schlechtes Wett« das ganze Glttschcrbecken von unerwattetcr und großer Wichtigkeit und ungeheurer Ausdehnung in seltsamsten Landschaften entdeckt. Anschließend an die Gegend des Karakorum beffndet sich ein Becken, das völlig verschieden von allen gegenwättigen Karten- angaben festgestellt wurde. Alle Teilnehmer der Expckition sind wohlauf.


