Hut Rusen Pfeifen und betrachteten sich den Vorbeimarsch der dentsllzen Truppen Hie ljafceit weiße Fahnen auf ihre Häuser gesteckt und wissen nun. denn soweit kennen sie uns. daß ihnen und ihrer Have kein deutscher Soldat etwas tun mtft. Der Elnzetne^ hat sich als neutral erklärt und betrachtet damit dre S»che für sich als erledigt. Der Durck:- marsch der Deutschen ist für die belgischen Einipohner nur noch ein Schauspiel, das man gemächlich betrachtet. Das hätten dre Belgier Hachen können, wenn sie auf unfern Rat gehört Härten, als wir chnen zweimal so dringend die Neutralität anbvlen DaS ivollten sie nicht und horten auf die Engländer und Kränzchen. Und nun werden sie erfahren, dach für uns mit diesem Mangel an StaatSbewußtsein^ mit dresem Lossagen des Einzelnen vom Vaterland«. die Sache nicht abgetan ist. Der belgische Mangel an Staat sge fühl entbindet uns nicht von dem unserigen, und das Staats- efühl werden dre Belgier rvohl oder übel annehmen und egreifen müssen, dort, wo „die Bclgigue jetzt tverden deutsch". W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.
Die Zchmach von Löwen.
Tic alte Stadt Löwen hat das Höchste verloren, was ein Gemeinwesen zu verlieren hak — ihren guten Rui. Der snae Verrat, den ihre Einwohner an kämpfenden deutschen Soldaten verübt haben, hat ihrer Geschichte ein ewiges Brandmal aufgedrückr. uikd nun wird der nur zu berechtigle deutsäte Zorn wie Pech und Schwelet über die frevelhafte Stadt niedergeheu. Mkt tiefer Erschütterung blicht man aus das Schuksal dieses ehrwürdigen und berühmten Platzes. Wenngleich die Gegend, in der Löwe» liegt, jedes romantischen Lauches entbehrt — sie ist stach und ohne andere Reize, als die einer wMhestellten Ackerlandschrsr —, so umwittert doch die Geschichte von Löwen selbst schon von Alters her ein Hauch der Romantik. Man fühlt ihn, wenn man die weitläusigc alte Dackstein- mauer verfolgt, die in großem Bozen, immer in Büchsenschußweiic von dicken Türmen umragt, nach heute inn die Stadt lauft. Die Türme sind Versalien, die Mauern dienen nur noch als Spaziergänge, unf Löwen selbst ist im Mauerringc zusammcngekrochen, so das; zwischen der Stadt und den Wällen iveitgedcynle Felder und Gärten sich aniiedeln konnten. Ticic Besesiigung ist der.Zeuge der vielbewegten, kriegerischen Erlebnisse, die die Gejchiche von Löwen erfüllt. Schon cilwial hat sie die Stärkeres deutschen ?lrmes kennen gelerut — damals, als König Arnuls hier, an der stillslicßenden Dvle, die tief ins Land einqedrnngcnen normannischen Räuber auss Haupt schlug. Darnach wurde Löwen die Hauptstadt von Brabant — dem: sie ist die ältere und vornehmere Schwester von Brüssel. Im Norden der Stadl, am Mcchelner Tore, lag die Burg der Brabanter Grasen, >>eutc nur iwch ein .Hügel mit kümmerlichen Mauerrestcn, von dem au- man eine schöne Aussicht aus die so still gewordene «tadt genießt. Kaum kann man sich bei ihrem Anblicke noch vorstellen, daß sie einst eine von Leben und Menschen brausende Großstadt gewesen ist. Das war im 14. Jahrhundert und cs war die Tuchweberei, woraus ibre Blüte beruhte. Damals schätzte man die Einwohnerzahl von Löwen von 100 000 bis 150 000 Köpfe, und an Tuchwebereien zählte man nicht weniger als 2400. Wenn des Abends die Arbeiter.aus diesen Webereien nach Hanse gingen, dann ivard mit einer großen Glocke geläutet. damit die Mütter ihre Kinder von den Gassen holten, lveil sie in dem Gedränge hätten ums Leben kommen können. Löwen wurde reich und das Brabaitter Tuch ging durch die ganze Welt; aber die Tuchweber waren auch eine wilde, stolze und unruhige Bevölkerung, die immer von neuem blutige Aufstände hervorries, und einmal gar 13 adelige Ratsherren aits den Fenstern des Rathauses ans die Spieße der draußen darrenden Volksmenge beruntern»art. Dieser wilde Triumph der demokratischen Weber wurde der Anfang von Löwens Ende. Herzog Wenzel zog zur Bestrafung der unbezähmbaren Webcrstadt ans, bezwang sie und züchtigte sie furchtbar. Das war den Tuchwebern zu viel: .zu Tausenden wandelten sie aus — nach England hinüber, dessen Tuchindustrie damals mit den neu zngezogencn Kräften begründet wurde. Löwen aber wurde leer und still, und nie wieder hat cs den alten Glanz und Reichtum erreicht.
i Was aber die Stadt aus dem Gebiete des Gewerbeflcißes verloren hakte, das sollte sie bald aus einem anderen einbrinaen. Seit dem 15. Jahrhundert errang die Universität Löwen Welt- rus, Ihre Blütezeit war dann das 16. Jahrhundert, als 6000 Studenten sie besuchten und eine Reihe der gefeiertsten Lehrer, wie z. B. der spätere Papst .Hadrian VI., der Lehrer des Kaisers Karl V,, Und Justus Lipsius, Rubens' Freund, als Profenoren Trier wirkten. Nach wechselnden Schicksalen in den folgendcit Jahr- Inindertcn l>at die Nntveriftät Löwen vor 30 Jahren als 'Dtaatsei'n- ricktnng Mi bestehen aulgehört. und es besteht hier nur noch eine sogenannte freie, katholisckv Universität. Tie Stadt ober loard mehr und mehr Au einer stillen, fleißigen Bürgerstadt, von deren grosser Vergangenheit ni'r noch die glanzvollen Bauwerke sprachen, die Löweus Ruhm bilden. Am Großen Markte steht das vielgefeierte Rathaus, ein üppiges Bauwerk spätgotischen Stiles, prangend in Schmuckwerk, von einer gleichsam Lischt zu bändigenden architektonischen Phantasie von Stochveck zu Stockwerk
ihm nicht gegeben. Seine Stärke liegt devrnach nicht so sehr in der Frische der Erfindung, als in seiner Fähigkeit, durch die Mittel der musikalischen Kunst im technischen Sinne starke Wirkungen zn erzielen. Die einfachen Kinderlieder, die die Motive zu „Hansel und Gretcl" bieten, hat er mit seiner überragenden Meisterschaft ebenso in die Sphäre hoher Kunst hinausgcsührt, >vie er in allen seinen späteren Werken durch seine glänzeiche Kontrapunktik, durch bie glitzernde Ilnstinnnentierungskunst tiefere Wirkung hervorbringt, als etwa durch eigene Einfälle. Alles aber, was Humper- dinck schasst, gründet sich ans einen echt künstlerischen Geschmack urch steht im Dienste einer ernsten hohen Kunslübung. Tie Technik der Kunst veredelt sich in seinem Schassen zu einem ästhetischen Airkungselement erster Ordnung und bekundet den Sieg und die Uebcrzeugimgskrast gründlicher musikalischer Bildung, So ist uns Humperdinck der Bewahrer der guten musikalischen Traditionen, und wenn er auch den Errungenschaften der jüngsten musikalischen Zeit nicht gerade feindlich gegenübersteht, so muß man ihn doch in die Reihe jener Musiker stellen, denen vor allen Dingen Korrektheit und Stilreinhrit als oberstes Gebot künstlerischen Schaffens gelten, I, C. L.
— Schlachtfeldzer'tungen. Die französische Regierung hat die Erlaubnis erteilt, daß für ihre in Ostfrankreich kämpfenden Truppen eine „Armeezcitung" herausgegeben wird. Das ist kein gutes Vorzeichen. Denn als sich Russen und Japaner bei Mukücn Wochen hindurch lauernd gegenüber lagen, erschien aus russischer Seite ebensalls eine unter Aussicht des Großen General- stabeS herausgegebene Kricgszcitung „Ter Bote der mandschurischen Armee", Die Zeitung wurde in einem Eisenbahnwagen gedruckt und brachte anfangs z>oei- bis dreimal wöchentlich in russischem Sinne gefärbte Nachrichten, um den Mut der Truppen zu heben. Da die europäischen Zeitungen jedoch erst vier Wochen nach ihrem Erscheinen vor Mulden cintraseil, vermehrte der „Bote" bald seine Ausgaben und brachte auch täglich die Telegramme der amtlichen Telegraphenagentur, die jetzt nicht nur von den einsacken Soldaten, sondern auch von den Osstziercii und fremden Militär» attachees gelesen wurde. War man ansangs bemüht, den Truppen die eigenen Niederlagen zu verbergen und nur Teilerfolge und vereinzelte Heldentaten zu erzählen, so sickerte die Wahrheit allmählich doch durch, und die Zeitung mußte eine Zugang die ungeschminkten Tatsachen berichten, um nicht das oh ehin schon stark erschütterte Vertrauen der Soldaten durch Vertuschen von Mißerfolgen noch mehr herabzumindcrn. Ihre größte Tätigkeit entfaltete die Redaktion des „Boten" während der entscheidenden Schlußkämpfe. 5 bis 6 Extrablätter wurden täglich in der Druckerei des Eisenbahnwagens bergestellt und sofort von Kosaken bis in die vordersten Linien der kämpfenden Truppen gebracht, um diesen auch den kleinsten Eriolg an anderen Punkten des viele Kilometer langen Schlachpelbes zu verkünden. Doch selbst diese Extrablätter vermochten die endgültige Niederlage der Russen nicht auszuhalten.
in vibrierendem Leben bis zu den sechs schlanken Türmchen empor-
geführt, die den stellen 'Dachfirst überragen. Und ihr gegenüber ragt die Peterskirche, die an Adel der Verhältnisse wohl! von keinem Gotleshause m ganz Belgien übertrofsen wird und säum vor mehr als hundert Jahren Försters Entzücken erregt hat. Rnöw Schätze birgt sie, vor «Ilern das Abendmahls lenes prächtigen Dirck Bouts, der im 15. Jahrhundert hier als Stadtmaler wirkte. So nnindcrlich verschlungen nach der Weise alter Städte das Straßennetz von Löwen auch vrelsach ist, so weist doch der Lrtadt- plan deutlich die Hauvlzüge aut, die vom Tirlcinonter j.ore im Osten rum Brüsseler 'Tore im Westen, und wieder vom Na- murer Tore im Süden zum Mechelncr Tore im Norden führen Tuvckavändert inan aber diese Hauptstraßen und das Gewirr der Nebengassen, so trifft man überall aus merkwürdige Erinneruiz- gen und Baulichkeiten Da ist. hinter dem Rathause, die Universität. die einst der iTuckunachergilde als ihre Warennicderlage diente: da erinnern St. Joses und St. Gertrud air^ die 'Baulust der Lowener in den Tagen der Gotik, und maiiche sochauseite H<U noch die alten malerischen Formen erhalten. Und nun hängt die Strafe über der alten Stadt; und wenn man das Jetzt mit dem Einst vergleicht, so möchte man fast glauben, daß der wilde, zuchtlose Gern der alten Löwcner Tucktweber durch all die Jahrhunderts hindurch sich noch bis auf das heutige Geschlecht vererbt habe.
Einer unserer Leser schreibt uns:
In den Zeitungen wird von der ,,alteit_ Kunststadt Löwen" geschrieben, die mit ihren reichen Kunstschätzen nun ein Raub der Flammen geworden ist. Demgegenüber möchte ich auf das Hinweisen, was im Baedeker (die neueste Auslage erschien in den ersten Tagen der Mobilmachung!) über Löwen verzeichnet steht. Es heißt da; Löwen . . . war im Mittelalter berühmt durch seine Tuchwebereien uich Hauptstadt von Brabant, b e w a h r t aber außer dem Rathause und einigen altslandrischen Bildern in der Peterskirche wenig aus seiner Blütezeit, i Im l 4. Jahrhundert hatte die Stadt angeblich 100—150000 Einwohner, heute 42 000.)
Der Ltraßcniampf in Löwen.
,WTB.) Bcrlin, 29. Aug. (Privatteiegramm.) Ter Kriegsberichterstatter des „Bert. Lok.-Anz." meldet aus dem Großen Hauptquartier über den Straßerikamvf in Lölven; Die Stadt Löwen hat ihr Schicksal freventlich herausbeschworen. Bis zum 24. August abends herrschte völlige Rübe. Das Militär war einauarticrt wie in Lüttich und Brüssel und in normalem Verkehr mit der Bürgerschaft. Ter Bahnbetrieb war bis dorthin durchgeiührt und am Bahnhof der Ranipenbau fertiggcstellt für die Entladung ankommender Kolonnen. Am Dienstag, den 25. August, traf die Meldung über den Aussall starker Kräfte aus Antwerpen ein. Daraus gingen rasch aus Löweii Truppen nach Norden zur Zurückweisung des Aus» iallcs ab. Das Landsturmbataillon Neuß verblieb zum Bahnschutz und zur Sicherheit in Löwen. Auch der kommandierende General war im Krasttvagcn abgefahren. Die zweite Stassel des Stabes war im Begriff, aus dem großen Balinhossvlatze^auizu- setzen, dawurdeplötzlichanvielenStellenderStadt aus Bodenluken und Fenstern ein Feuer eröfsnet. Alle Pferde des Stabes wurden getötet und 5 O s - s i z i e r e verwundet. Ter Zusammenhang dieses ebenso ver- brecherismeu wie wahnwitzigen Uebersalles mit dem gleichzeitigen Ausiall aus A n t w e r p e n lag ossen zu Tage. Die Vorbereitung durch die allenthalben vorhandenen Massen war klar. Das Feuer ist natürlich sofort erwidert worden und jeder mit Waffen ergriffene Einwohner wurde erschossen, darunter zwei fanatische Priester, welche an die Einwohner Munition verteilt hatten. Der Kampf artete in eine s a st 24-stündigesrchlacht aus, die bis Mittwoch abend andauerte. Eine unserer Benzinkolo,inen ist in Brand geschossen worden. Ter Brand wütete an vielen Stellen und legte ganze Stadtteile in Asche. Die Zerstörung dehnte sich aus den nördlich gelegenen Vorort Herent aus. — Unsere guten Landsturmleutc und Trainsoldaten sind, keine Mordbrenner, und wenn sie die berühmte alte Stadt so verwüsteten, geschah es aus bitterster Notwendigkeit. Die Tollheit der Bürger Löwens ist nur dadurch erklärlich, daß sie, von der gewissenlosen Regierung über daS siegreickw Vordringen der Deutschen in Unkenntnis gehalten, meinten, daß sie den von den EnglLndern, Franzosen und Russen geschlagenen Feiird auch ihrerseits besiegen könnten. So fällt das traurige Geschick Löwens auf die Regierung des eigenen Landes zurück. Allen Versuchen des Auslandes gegenüber, uns als Barbaren binzustellen, muß dieses immer wieder sestgestellt werden.
Gerechtigkeit nach englischer Auffassung.
AuS unserem Gießener Leserkreise wird uns geschrieben:
Nach der Niederlage der englischen Truppen in Frankreich hat sofort der englische Ministerpräsident Asguith die Bürgermeister der Hauptstädte ausgcfordert, im ganzen Lande Versammlungen abzuhaltcn, um, wie er sagt, die Gerechtigkeit (???) der englischen Sache in diesem größten Kriege darzulegen. Welcher Ausbund von unverschämter Berlogenhcck und niederträchtigster Heuchelei mag da geleistet ivcrben, um in dem ungebildeten Teil der Bevölkerung Englands die seither inangelnde Geneigtheit crnznfckchen, 'durch den Eintritt als Söldner dem Kriegsminister Lord Kitchener das ersehnte Heer von 500000 Mann zu schaffen.
Was aber sogar in gebildeten Kreisen Englands als an- zustrebcnde Gerechtigkeit hingestellt wird, dafür im Auszug eine kleine erstaunlich offenherzige Probe. In der „Dailp News" schreibt der englische Schauspieldichter Bernard Shaw:
„Wir haben die Massen nicht ausgenommen, weit die belgische Neutralität verletzt wuroe: hätten wir es für vorteilhaft (!) geachtet, den deutschen Vorschlag anzunehmen, so hätten wir Gründe genug finden können. Unsere nationale Eigenart edler Würde ist im Kriege unverzeihlich. Lassen wir unsere Kriegslust aus das Schlachtfeld gehen und unsere Heuchelei zu Hause. In diesem Kriege geht es um der Machte Gleichgewicht sin englischem
Sinnet uird um nichts anderes.....Wir werden Preußen,
wieder zum Ruhm bringen, wennwirihmden Militarismus ausgeklopft und es gelehrt haben, uns zu respektieren. Ter preußische Militarismus hat uns schon 40 Jahre geärgert, und noch vor einem Monat glaubte weder Deutschland noch Frankreich, daß wir mithin würden, wenn es zum äußersten käme. Diese Ueberzcugung Hütte Frankreich von der Kriegserklärung abgehalten, aber Deutschland (?) trieb zu dem Kriege (da kommt die verlogene Heuchelei doch wieder zum Durchbruch!'. Wir hätten ohne Angst vor Preußen mid der preußischen Kriegsmacht sagen sollen: „Wenn ihr trachtet Frankreich zu vernichten, so werden wir beide euch vernichten. Wir haben gen u g gehabt von dem Deutschland Bismarcks, das die ganze Well verwünscht. Wir wollen sehen, ob wir das Deutschland von Goethe und Beetlzaven, das keinen Feind auf der Erde hat, nicht wieder belelien können: aber wenn ihr diesen Unsinn der eisernen Faust aufgebt und gebildete Bürger sein wollt, dann wollen wir euch beschützen gegen Rußland ans dieselbe gerechte (?i Weise, wie wir nun Frankreich beschützen llnsere erste Pflicht ist nun, Potzoam zu überzeugen, daß es Frankreich, England und Belgien nicht nicderlretei kann, inrd zum zweiter müssen wir Rußland überzeugen, daß cs keiner Vorteil daraus ziehen darf, wenn an Deutschland eine Lektion gegeben ist."
Also die an zu strebende Gerechtigkeit besteht in einer unbedingten Vorherrschaft Englands, das alles so bemessen will, wie es „ihm vorteilhaft" dünkt. ES ist Deutschlands erbittertster und erbarmungslosester Feind. Lagen doch die „Times" vom 12. August 1914: „Beim Friedensschluß must England allein das maßgebende Wort sprechen." . . . „England ist eine Dogge, die ihre Fanazähne nicht eher lockert alS die Beute nächst wehrlos am Boden liegt."
Gewiß ein offenes Eingeständnis der Falschl>eit nnd Grausamkeit! Darum lieber känrpfen „bis auf des letzten Manns Gebein" als in Englands Fangzähne zu geraten als Beute englischer Gerechtigkeit.
VolkSreden als englisches Hilfsmittel.
London, 29. Aug. lNichtamtliche Renternreldung.) Premierminister Asguith hat an die Lordmapors in London, Dublin nnd Cardiff und den Lord Provojt in Edinbnrgh ein Schreiben folgenden Inhalts gerichtet; „Die Zeit ist gekommen, in diesem größten Konflikte, in dem nnser Volk jemals gestanden hat, d-er öffentliche n Meinnng und der öffentlichen Betätigung eine O rg an i s a t r o u zu geben. Er schlage vor, daß in jedem Distrikt des Vereinigten Königreichs unverzüglich Versammlungen abgehalten werden, in denen jedermann klar gemacht wind', daß man von chm verlangt, daß er seine Pflicht tue. Ich selbst bin bereit, soweit ineine Amtsobliegenheiren es mir erlauben, ^nach besten Kräften mitznhelsen und werde gern an die Mitbürger Ansprachen richten. Ich weiß, daß ich in jedem politisch organisierten Distrikt aus die leitenden Persönlichkeiten zählen kann."
Ein Mahuwort an England.
Berlin, 29. August. Der englische Arbeiterfichrer John Burns, der ivegen seiner Gegnerschaft gegen den Krieg ans dem Ministerium austrat, hat am 14. August in der Albreckts-Hall in London eine Rede gehalten, in der er u. a. etwa folgendes ansführte:
Ter Krieg mit den Kontineiitalstaaten ist für England ein unmögliches Ding. Die englische Industrie ist aus den Kontrneiüal- exvort angewiesen. England hat seine Karte auf den französisch- russischen Sieg gesetzt. Was aber, wenn Englands Truppen mit den Franzosen gemeinsam geschlagen werden? Ein so kräfttges. seines Wertes voll beivußtes Volk wie das derttschc ist nicht in Fesseln zu legen. Mit beispiellosem Opsermut. und wenn der ärmste Tagelöhner seinen letzter Pieimig aus der Tasche ziehen- müßte, würde Deutschland, wenn seine Schisse von den Eng-' ländern vernichtet werben würden, eine doppelt und dreifach so große Flotte wieder erbauen, genau so wie im Jahre 1808 der Freiherr von Stein zur Unterdrückung Napoleons das VolkSheer ans dem Boden stampfte. Das deusiche Volk wird durch eine Niederlage aufgernttelt, und es wird nicht ruhen; und rasten, bis es in einem entscheidendeir Kampf gegm alle seine Feinde siegen wird. (Deutsche Tagesztg.)
Strasburgs Leiden und zreuden.
Aus Straßburg i.E. wird uns geschrieben:
Die letzten Wochen waren für die Bevölkerung der wv^t-^ verschönen Stadt bei weitem ernster als für andere Orte, di« fernab von der Grenze liegen. Schon die ersten Nachrichten von der Besetzung einiger Vogesenpässe durch französische Grenzschutztruppen hatten hier die Besorgnis erregt, der lvuchtig vordrängende Feind könne zwischen Colmar und Strastburg sich festsetzen und mit der Belagerung der ur- > deutschen Münsterstadt beginnen. Die großen Gefechte bei' Mülhausen und Sennheim und die siegreiche Zurückwerfung; der von Belfort und durch die südlichen Bogesenräler nor- gestoßenen französischen Älrmee hatten dann wohl vorübergehende Beruhigung gebracht, die Gemüter kamen aber gleich»i, wohl nicht zu völliger Ruhe, weil bald aus Markirch inr Lcbertal, bald aus dem Breuschtal um Schirmeck und Rothau Meldungen von erbitterten Grenzkämpfen eintrafen. Besonders die „Schlappe" unserer Festungsartillerie am D o n o n . dem alten Götterberg im Hinteren Breuschtal, die auch amtlich, bekannt gegeben wurde, hatte die Gedanken an eine möglichs Belagerung Straßburgs von neuem geweckt. Die Tapfersten beruhigten zwar die Kleinmütigen mit dem Hinweis auf die gepanzerte Feste Mn tz ig , die das Tal der munter fließenden Breusch gegen Straßburg völlig beherrscht und wohl keinen Franzosen lebendig durchlassen würde, im Volke wollten aber die Gespenster der Vergangenheit sich nicht so schnell verscheuchen lassen. Es war ja auch in den hellen Augustlagcn, alS anno 1870 von Scknltigheim nnd HcruSbergen die deutschen Granaten wie wilde Hcuschreckcnschwärme in die Stadt sielen und manches ehrwürdige Haus, nrancher vertraute, liebe Winkel in Scliiutt und Asche gelegt wurde. Die ältesten Bürger kramten ihre Erinnerungen aus, Erinnerungen an schauerliche Nächte in feuchten Kellern, an Lebensmittel- sorgen, an die entsetzlichen Geschoßbahnen, die am 28. August gleich feurigen Raketen das Dunkel über den wankenden Häusermassen zerschnitten.
Dann aber wurde es besser. Der erste deutsche Sieg bei L a g a r d e in Lothringen ließ die Bevölkerung Straßburgs aufhorchen. Da gab cs ja noch einen Kriegsschauplatz neben dem Elsaß, wo gekämpft und gestorben wurde! Sollte der Schlachtengott sich vielleicht dort einnisten und das blühend« Land zwischen Rhein und Vogesen verschonen?
Man hatte den neuen Gedanken noch nicht zu End« gedacht, als die Kunde von dem ersten gewaltigen Sieg auf den Linien von Metz zu den Nordvogesen nach Straschurg kam. Ein J?ichcln, ein tiefes Llufatmrn, die erste wirkliche Siegesbegeisteruirg lies durch die Menge. Das war ein ?lbend, wie Scraßburg ihn noch niemals erlebt hatte! Ltlle Gegensätze zwischen Altdeutsch und El- sässisch waren in: Nu verschwunden. ÄLan fühlte in tiefem Herzen deutsch, nur deutsch und rnachte die deutsche Sache zur eigenen. Diese herrlichen Heere, di« im Westen drüben sich für uns alle schlugen und uns vor Schrecklichem bewahrten! Diese Heldensölpie aller deutschen Stämme, die unter den beiden Kronprinzen der größlen Bundesstaaten den grimmig eingefallenen Feind lgesaßt und unter schweren Verlusten zurückgemorfen hatten! Immer weiter zurück, bis ins Welschland hinein!
Auf dem Broglie-Platz, unter dem Denkmal de? napoleo» nischen Generals Kleber, in der Meisengasse, dem altbcrühm» len „Bummel" Jung-Straßburgs, am Goethe-Haus bei den Gewerbslauben — allenthalbeu drängte und staute sich die Masse. Zum ersten Male seit Kriegsbegum sal> man wieder lachende Gesichter, sah man geputzte Menschen, die plaudernd sich ihre Eindrücke mitteilten. Und dann kamen die Fahnen, nicht die „offiziellen" wie an Kaisersgeburtstag, sondern Fahnen in allen Farben, von dankbaren Bürgern aus allen Fenstern gehäitgt. Das war ein Wogen bnnter Tücher in den größten Straßen und engsten Güßchen! Neben dem Schwarzweißrot der Reichsflaggc das härtere Weih-Rot der Elsässer, neben dem Weiß-Blau der Bayern das Gold-Jiot- lßold der Badener und das ernste Schwarz-Rot der Schwaben. Selbst schwarz-gelbe österreichische Banner mischten sich in die Farbeii-Spmphonic des frohen Augusttages. Einige besonders begeisterte Patrioten zündeten am Abend Lampions in den Fenstern an, die ihr rote-s und weißes Licht über die Staden und Uferbäumc streuten. Den schönsten Schmuck aber trug das alte Münster. Gar«, vben, wo der schlanke Turm in einer Kreuzblume endigt, hundertfünfzig Meter über dem Hüusermcer, hatte ein kühner Kletterer die Reichssahne aufgestcckt, und aus der Laterne unter dem Kreuz wehten vier wettere Flaggeir sin Abcndwind. Das jubelnde Straßburg grüßte hinauj zu dem schönen Symbol der deutschen Einheit und wurde nicht müde, iinmer wieder den Turm zu bestaunen. Seitdem weht von Straßburgs höchster Zinne das Flaggensignal in das beruhigte Elsaß Und hunderttausend heiße Wünsche steigen täglich zu rhvl empor für neue glorreiche Siege auf den blutigen Feldern der Ehre. H. S.


