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Nr. 202 Zweites Blatt

Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Tie«ictzencr Zaniilienblättcr" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigclegk, das ikreirdlall für den Nreir Sietzen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit­fragen" erscheinen inonatlich zweimal.

w. Jahrgang

General-Anzeiger für Oberhejsen

Samstag, 29. August 19J4

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversilätS-Btich- und Sleindruiterel.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e=gs>51. Redaktion: Tcl.-Adr.:AnzcigerGicßen.

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Die Lage im Osten.

Von einem militärischen Sachverständigen wird uns geschrieben:

Mrt Grauen und wärmstem Mitgefühl liest man von dem Vordringen der Russen in Ostpreußen, von dem Mon­den und Brennen dieser niodernen Hunnen, die eine Scho« tnrng von Eigentum, von Fragt. Greis und Kind kaum kennen. Es wird gefragt: Hätte dies nicht abgewendet wer­den können? Tic Antwort lautet: Wie die Lage zu Beginn des Deutschland und Oesterreich-Ungarn von den sieben ver­bundenen Mächten heimtückisch aufgczwungcncn Krieges war nein!

Ter gefährlichere und rascher bereitere Gegner war Frankreich. Es bat infolge des Patriotismus des Volkes und seiner Vertretung cs fertig gebracht, ein größeres Heer bereit zu stellen wie Deutschland Trotzdem es nur 40 und wir über 60 Millionen Einwohner zählen und trotzdem unsere Bevölkerung kräftiger ist wie die französische! Frankreich batte feine Grenzen durch umfangreiche Befestigungslinien, und Festungsgruppen verstärkt und seine Bahnen sorg­fältig für eine rasche Versammlung an unserer Grenze aus gebaut. Italien war so schamlos, seine Bundeshilfc zu per weigern, obgleich^ von einer ernstlichen Bedrohung dieses Landes von der J?e her gar nicht die Rede sein kann. Eng land zieht kein Schiff aus der durch unsere Flotte bedrohten Nordsee, Und zudem haben die Italiener nicht auch Küsten­kanonen und Minen? Kann man weiter wie etwa 12 Kilo­meter vom Schiss aus schießen?

Ta bandelte es sich für Teutschland vor allem darum, seine Hauptkraft gegen Frankreich zu wenden, um diesen ge­fährlichsten Gegner zuerst niederzukämvscn. Dank der Ent­schlossenheit und Tatkraft unserer Regierung, die sich nicht binhalten ließ, dank dem Vorgehen durch Belgien, zur Rie- derworsiinq von dessen Festungen der noch im Vorjahre per lrumdcte und beschimpfte Krupp im yvivimen die ls .stuki- merer Kanonen bereitgestellt halte, drn.! der unvergleichlichem Tapferkeit unserer durch die Tc-.ueckratenblätter und den Simplizissimus »wl angegriffenen Heeres ist es denn auch gelungen, die Franzosen im ersten Ansturm niederzuwcrsen. Ein beispielloser Erfolg! Wer hätte das für möglich gehalten, daß wir sofort an alilen Stellen siegen würden! Man hoffte, die Mehrzahl der Schlachten zu gewinnen und dann Miß­erfolge an anderen Stellen mit den siegreichen Armeen aus­zugleichen aber alle Schlachten wurden geioonnen! Tenn das Bordringcu der Franzosen im Elsaß nach der von ihnen verlorenen Schlacht bei Mülhausen war für die Franzosen nur ein Schaden, sie schwächlen sich dadurch an der ent- scheidenden «teile. Mit den geschädigten elsässischen Pro­testlern und ihren Mitläufern braucht man dabei kein Mit­leid zu haben. Jetzt werden sie sich ihrer angestammten deut­schen Gesinnung angesichts der französischen Mißerfolge bald ,erinnern!

lind diese Schlachten wurden mit Minderheiten er­rungen. denn wir hatten von unseren an sich schwächeren Kräften einen erheblichen Teil im Osten stehen lassen und batten noch die englischen Truppen, die als vier'Armeekops zu veranschlagen sind, gegen uns. Rußland verfügt in seinem europäischen Teil im Frieden bereits über 32 Korps, Oestex­telch Ungarn ist sehr wesentlich schwächer, da ist es nicht wunder, meint Rußland in Ostpreußen vordringt, zumal Ser­bien und Montenegro in Rechnung gezogen werden muß, Oesterreich hot vier russische Armeekorps geschlagen. Dringt es energisch weiter vor, so kann dies auch einen Einfluß aus Ostpreußen ausübcn. Groß kann dieser aber bei den ge­

waltigen in Frage kommenden Entfernungen (über 300 Kilo meter) nicht sein.

Wir tonnen also nur hassen, daß wir bald durch Neu- formaiioncn, den ausgebotenen Landsturm und wiederum durch die Geschicklichkeit unserer Heerführer und vor allein durch die Ausopserungssähigkeit unserer Truppen es fertig bringen, das Vordringen der Russen so lange auszuhalten, bis Truppen an der Westgrenzc frei werden. Daß die Russen dabei bis an die Weichsel und auch darüber hinaus kommen können, varf nicht erschrecken.

Eine andere Frage ist: Hätten wir nicht durch recht­zeitige Vorsorge uns genügend Truppen schassen können, um auch de» Russen genügende Kräfte entgegenznstcllen? Diese Frage kann man bejahen. Wir wollen jetzt nicht darum rech­ten, wen in erster Linie die Schuko trifft, Gott sei Tank ift ja die Vaterlandsliebe jetzt derart in Deutschland aus­geflammt, daß durch diese die früheren Versäumnisse aus­geglichen werden können. Eins muß ich aber doch sagen. Die Regierung hat keine Schuld, Von einem schwterigen und anfänglich widcrwilligeit Reichstag die letzte große Hccres- vorlage bewilligt zu erhalten, war eine großartige Leistung! Dabei wurde die Regierung vorher ausdrücklich darauf fest­gelegt, daß weitere Forderungen nicht kommen dürften. Da klangen denn leider die Mahnungen des Wehrvereins, der die Heeresvorlage schon ein Jahr früher erbeten halte, und dann die Ausbildung der noch vorhandenen 38 000 Voll-Dienst­tauglichen forderte eine Zahl, die sich leicht hätte ver­doppeln lassen , an taube Ohren, Aus diesen 38000 Mann waren vier Armeekorps zu bilden. Diese hätten im Osten viel bedeutet, Tie geschädigten Ostpreußen müssen sich nun bei den Friedensschwärmern und Schiappmachern und bei den einer Heeresvermehrung abgeneigten Teilen des Volkes und Reichstages bedanken. Die Leute, die aber auf den Wchr- vcrein, den Alldeutschen Verband und die politisierenden inaktiven Generale schimpften, sollen sich eine Lehre für die Zukunft daraus nehmen. Hoffentlich beherzigen dies auch gewisse Blätter und denken daran, wie oft betont wurde, daß rechtzeitige Rüstungen dem Frieden dienen, besonders bei einem Volke, das so reich ist wie da« unsere, Ties zeigt sich ja jetzt wieder, Deutschland hat die finanziellen Schwie­rigkeiten des Kriegsbeginns am besten überwunden. Kl,

Ein Megerbries.

DerTägt, Rdsch," wird folgender Feldbrief eines un­serer Flieger zur Verfügung gestellt:

Seit der drohendenKriegsgefahr" habe ich heute nach drc: Wachen mal endlich Gelegenheit, Tir genauer zu schreiben. Es ist nur schade, daß ich nicht frei von der Leber reden kann, weil dann der Brief nicht bciörderc wird, Ta« Sickzerstc ist: besten Gruß, ich lebe noch: viel mehr kann man kaum schreiben Wenn man nur sagt: ich bin heute von ,, , nach , , , geflogen, oder wenn bei dem Datum die Ortsangabe vermerkt wird, dann kriegt man die Karte bezw, Brie» zurück oder sic bleibt irgendwo liege:: bis in di? Puppen, sich habe sehr v:el erlebt und könnte ein dickes Buch über mcine Erlebnisse schreiben.

Man l;at eine erstaunliche Sicherheil und Wurschtigkeit (in ge­hobener Sprache Taoferkeitl. die selbst höheren Ortes anerkannt wird, sich iage mir immer, zu ändern ist ia doch nichts, wenn man im Apparat sink, Geschossen haben diese Hallunken aut uns wie wahnsinnig - die Infanterie und Kavallerie lange marschierende Kolonnen) suchen sofort beim Erscheinen eines Flugzeuges irgerid- eine Tecktrng auf, wenn möglich Waldrand, um ihre eigene Stärke nicht zu verraten, und feuern feste. Die Artillerie-Haubitzen ltelien mit, so daß man in allen Himmelsrichtungen um sich herun: weiße Sprengwolken sieht, sinwlge de« Propellergercüisches hört mau es nicht knallen, sondern man sieht nur. Da ich dabei eben die genügende Wurschtigkeit besitze und bei der .Knallerei ruhig weiter

erkunde, so habe ich bisher einen mächtigen Tuiek in be­zug auf Meldungen gehabt. Nur ein einzige« Mal sind w:r etwas abgetrieben worden und mußten unseren Kur« ändern, weil zwei französische Flugieuge wie wild uns hetzten. Das eine überflog uns und warf auf uns etwa drei- bis viermal spitze Pfeüe ctuts' Köchern, die etiva zehn bis zwanzig solcher Dinger enthalten: was dieser Quatsch für einen Zweck hat, weiß ich nicht: vermutlich, rechnen diese Lumpenhunde damit, daß zufällig einer von diesen Pfeilen den Propeller trifft dam, ist man natürlich erledigt. Das andere Flugzeug war etwa 300 Meter hinter uns und feuerte ganz blödsinnig aus einen! Maschinengewehr, Wir haben untere Pistolen gezogen,> Getan hat man uns nicht«. Einige Lower hat jeder von unseren Apparaten, darüber geht man eben cm Kriege stillschweigend zur Tagesordnung über. In Hause wirb der Rummel repariert oder, wenn die Kiste ganz kaputt ist, kriegt mau eine neue. Da« wirklich Gefährliche ist die sogenannte Batlon- abwehrkanone, die die Franzosen auch l»eiitzen, mit der sie aber vorläuiig »och nicht die nötige llebung haben. Gestern Kat drei« olle Kanone etiva 60 Schuß aus uns abgegeben, ohne bas Flug­zeug zu beschädigen.

Gestern war eine kolossale Schlacht, Lagardc ist natürlich nur eine Bagatelle dagegen. Der Erfolg: Sieg aus der ganzen Linie, Für mich der großartigste Tag im bisherigen Leben, das hat Spaß gemacht' Dreimal bin ich ansgesiiegen und haben den Dusel

gehabt, die ganze feindliche Stellung melden zu können. Der kom­mandierende General wernle beinah? vor Rührung über die Mel­dungen außer mir ist noch ein Genera lstabsoffizier boch-

gcgangen, der die Meldungen bestätigte und »och im Nachbar« absctnitt rumflog, Bo» einem Mitglied de.- freiwilligen Auto» mobilkorps habe ick ein Frühstück ü In Borchardt bekommen, wah­rend der Schlacht beim Generalkommando, Abgesehen von der Flugzeit war trh meistens beim Generalkommando, habe ern«

dicke Zigarre nach der andern geraucht, habe Schrapnells platzen: sehen, Abtransport von Verwundeten und Gefangene und bin int Auto rumgefahren. Von der Begeisterung hast Tu kaum eine Vor­stellung, trotzdem gerade im 2l, Korps unter den vielen Reser­visten und Landwehrleutcn iast nur Lothringer sind, Lieber. guter Karl, mau ist in einer Schlacbl ein ganz anderer

M c n s ck>. An Angst denkt kein Mensch, weil man dazu keine Zeit hat. Es uar herrlich! Ein ohrenbetäubender Lärm. Drcrnigegangen sind die Kerls wie blödsinnig, liniere Artillerie hat ganz brillant geschossen, sich habe in Schützengräben Hunderte neu roten Fron« -osen gesehen. An solchen Anblick gewöhnt mau sich mächtig schnell. Tote Pferde, explodierte Patronenwagen, Waffen uiw. habe ich haufenweise gesehen.

Viele Gefangene habe ich gesehen: 1300 wurden vorbeigeiübtt. sich war dabei, wie sie von 30 Gendarmen untersucht imirden, Tre Gefangenen machten zum größten Teil einen verkommenen Ein­druck - ich habe selbst mit einigen gesprochen. Viele sind ver­gnügt, daß sie gefangen sind, weil sie seit zwei Tagen nichts m-hr zu essen bekommen hätten und nun sich nicht mehr totichießen zu lassen brauchten. Das sagen die Kerl« ganz open. Auch mit fran­zösischen O s s i z i e r c n habe ich gesprochen : sie s ch i m p i? n aut ihre Artillerie und beteuern, daß sie den Krieg nicht geweilt hätten. Mas die Gefangenen für Mist bei sich batten, spottet jeder Beschreibung! U n s i t t l i ch e P o st k ci r t e n Hausen- wei>e, mit allem möglichen Quatsch vvllgeichricbene Notizbücher, >'oqar Schönheitsmittel. Trotzdem sahen die Kerls verboten aus. Es waren französische Infanterie aus Nizza und viele Alpenjäger aus Mentone, Tic letzteren machen einen guten Eindruck: auch die Artilleristen und Kavalleristen sahen vvrteilhaster aus. Es sind krästige Kerls nacki preußischen Begriffen darunter und nicht solche unterernährten Leute wie bei der französischen Infanterie,

Nach allem, was ich gesehen habe, kann man sagen:Lied Paterlaird magst ruhig sein" und wenn noch die Japaner und Bolokuden kommen,

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Itirdtc »tird Sclfirle.

Nom, 28. Aug, Tie beiden deuti.be« Kardinale, Erzbiicbcs Hart m n n u von Köln und Erzb,schal B c I l i » g e r von Münchc»- Frcismg, sind hier eingett offen.

Lublin und seine Geschichte.

Der Name der oltpolifischeu Bischofsstadt Lublin und des ganzen sruchtbareu Bezirkes, dessen Hauptstadt sie ist, wird nun Vlötzlicki in dcn Vordergrund des Interesses gerückt, denn nach dem aroßen Sieg der Oesterreicher fluten die getchiagcnen russischen Truppen in dieser Richtung zurück, und bald wird wohl die östcr- rcichische Fahne ans dem Rathaus dieses Ortes wehen, der der größte und schönste in Ruiiiich-Polen nach Warschau und Lodz ist Daun wir» in der non ihrer Höhe über die Biistrzpca hin- grüßcnden Stadt ecket Freude herrschen, denn sie ist zum größten Teil von Polen bewohnt, die das Joch Rußlands nur unwillig trugen: und nicht znm w-nigstcn wird man in der Unterstadt, in der die Juden ihr Heim auigeschlagen haben, erleichtert auf- atmeu, daß man nun vor allen ^.Regiernngstaten Väterchens", vor den Progromen sowohl wie vor de» schönen Versprechungen, gleich sicher ist. lieber das ganze reich gesegnete Land des Gou vernemcnts brandet aber schon jetzt die Sicgesireudc in hohen Wogen, über diese« liebliche Hochplateau mit seinen anmutigen Höhen, de» tieten Tälern und den vielen kleinen Flüssen und Seen, die io reizend das Bild dieser Landschaft beleben, Tenn in,der Gegend wohnen fast nur Polen, Juden und eine stattliche Raiseninsel umsaßt mitten darin gegen .15 000 Deutsche, die Nachkommen jener allen Ansiedler, die einst als Kulturträger einen Vorstoß hierher unternahmen, zur selben Zeit, da ibre Bruder die preußischen Lande dem Germanentum erwarben Ein Mittelpunkt de« Handel« ist Lublin stets gewesen, wie sich >a auch beule noch dort eine reiche sindustric und Geiverbetätigkeir cnl- 'allel, und io ward die ,2kadl auch früh ein Brennpunkt in der Geschichte de« Ostens,

Tie vrachivollen Baudenkmäler, die als ehrwürdige Zeugen der Vergangenheit noch beule über die modernen Häuser hinwegragen, sind dafür das beste Zeugnis, Ta hebt sich hoch über die anderen Kirchen, deren Zahl mehr als ein Dutzend beträgt, die alte Kathedrale, die dem 13, Jahrhundert entstammt: dg erzählt das alle veriallenc Schloß von den stolzen Polen Herrscher», die einst von hier au« über weile Länder geboten: die vier Tor?, von denen das Krakauische au« dcni Jahre 1312 stamnck, sind die Reste der alten Ringmauern, die die Stadt in der sia- gellonenzeit zur Festung machten, und in den Straßen scheuen stolz und prächtig die barocken Fassaden der Adclsgcichlechter nieder, in denen die Ezariorbrki, die Potocki und all die anderen berühmten Familien ihre glänzenden Feste feierten.

Als der polnische König Boleslaw III, 1139 daS von seinen Borfahren gcschajscnc Königreich Polen unter seine oier Söhne teilte und damit der jungen Gründung ein frühe« Grab grub, dg erbte der jüngste Sohn Heinrich Lublin und Sandomir, Eine eVit der Schrecken brockt für die Stadt und da« Land heran, Tie Datarenhcerc, die da« östliche Europa im 13, Jahrhundert über- fluteten, nahmen 1240 auch Lublin ein: erst Herzog, Heinrich der Fromme von Schlesien stellte sich den Unholden entgegen. Und hinter dcn Mongolen kamen die Russen, die von der Stadt Besitz ergrissen, Ter russische Fürst Tairiet setzte sich 1241 in Lublin fest und herrschte hier. Alz dem böhmischen König Wenzel II.

auch die Krone von Polen übertragen wurde, warf er mit Wafjc»- gewalt die fremden Eindringlinge aus dem Lande heraus und bc- freite Lublin 1301 nneder. Doch hatte die Stadt weiter schwere Gefahren durch die immer von neuem vordringenden Tataren zu bestehen: sic wurde 1344 von ihnen belagert und 1477 von ihnen sogar völlig niedergcbrannt. sin der Zwischenzeit aber, unter der Herrschaft der Jagellonen, hat die Stadt eine hohe Blütezeit erlebt: der große Handel mit Getreide und Wolle von Dodolien, Volhynien und Rußland sloß hier zusammen, und so wurde Lublin zum wichtigsten Handelspunkt de« Lande«, zur südöstlichen Haupt­stadt de« Königreich« Polen, 40 000 Einwohner bat cs schon damals gezählt: hier war der Sitz des alten polnischen Kontribunals, und Wunderdinge erzählte man in Deutschland von dem Glanze und dem Reichtum dieser Kulturstätte des Ostens, Seitdem waren Stadt und Bezirk auf das innigste mit den wechsclvotlen Geschicken des Königreichs Polen verknüpft: aus dem Lubliner Reichstag von 1569 war cs, daß Polen und Lithauen zu einem einzigen Staats- Wesen vereinigt wurden. Die Stadt war damals nach der Ver­wüstung durch die Tataren wieder aufgeblüht, aber ihre alle Be­deutung hat sic nicht wieder erreicht, auch nicht unter der Herr­schaft der Russen, von denen sie unter Kreutz am 11, November 1831 erobert und ihrer Freiheit beraubt wurde,

Lublin besitzt übrigens für den Kenner der preußischen Geschichte noch eine besondere Denkwürdigkeit. Auf jenem polnischen Reichstag zu Lublin von 1569 geschah der ent­scheidende Schritt, der den brandcnburgischen Kurfürsten die Erb­folge im Herzogtum Preußen sicherte, und so ist in dieser pol­nischen Stadl in einem gewissen Sinne Preußens Größe geboren worden. Der brandenburgiiche Kurfürst sioachim Ik,, der eine Tochter des Polenkönigs Sigismund I, zur Gemahlin hatte, kämpfte 30 Jahre unter mannigfachen Schwierigkeiten und Geldopsern um dies Ziel, Endlich setzte sein schlauer Kanzler Lamprccht Dicstel- meier 1563 die urkundliche Zusage vom Polenkönig durch, daß in Preußen nach deni Aussterben der Linie der sränkiichen Hoben zollern die Nachkommen Joachims II, als Erben folgen sollten. Dadurch wurde es möglich, daß bei der Belehnung des Herzogs Albrecht Friedrich mit Preußen die Bevollmächtigten des Kur­fürsten mitbclchnt wurden. Auf dem Reichstage zu Lublin ani 19, Juli 1569 standen sie hinter den fränkischen Markgrascn und dursten auch einen Zipfel der Lchntahne aniaiien An diesem Zipfel aber hing der künftige Besitz des Herzogtums Preußen,

Goethe in Longwu. Im August 1792 sind die Preußen, so wie jetzt nach 122 siakren, schon einmal als Sieger in die Festung Longnm eingezogen. Nach zweitägigem Bombarde­ment mußte sich der Ort damals am 23, August übergeben. und weitere Belagerungen des wichtigen französischen Platzes durch preußische Truppen folgten 1815 und 1870. sim deulschfranzö- iischen Kriege haben die Deutschen vom Monat November an vor Longnm gelegen: nach heldenmütigem Widerstand und nach langer Beschießung -öffnete es am 21. Januar 1871 seine Tore. Ter Ort, in seiner Oberstadt auf einem von Natur starken Berge liegerck, scheint ums Jahr 680 von einem austrasischen Fürsten gegründet worden zu sein, der dipse Neuschöpfung an die stelle des alt-

römischen Lagers setzte, das aus dem Titelberg zum Grenzschutz errichtet worden war. Diese aliiäniiirfie Beseitigung, die auf einer Anhöhe fünf Kilometer östlich von Longnm liegt, ist in jüngster Zeit jrtebrr ousgegraben worden, wobei starke gallisch-römische Mauern und wertvolle Altertümer ans Licht kamen, Longwy war im Mittelalter der Zitz eines unabhängigen Grasen, bis oie Prinzessin Mathilde den Ort für das Haus Luxemburg gewann, fr ater herrschten hier die Grasen von Bar, dann die Herzoge von Lothringen, und schließlich steckte 1670 Ludwig XlV, auf einem seiner Raubrüge auch diesen wichtigen Platz einfach ein und li"tz ihn durch seinen Befestig,mgskünstler Vauban mit starken Wällen und Forts umgeben, sin den Revolutionskriegen war die Einnahme von Longwy durch die Preußen eins der wenig glücklich«» Er­eignisse, die die Verbündeten zu verzeichnen batten. Auch Goethe, der seinen Her,zog Karl August, in den Krieg begleitete, ist in Longwy miteingczogen imd bat im« davon in semerKampagne in Frankreich" eine interessante Schilderung hinierlassen, an die setzt, da unsere Kriegeraut Goethes Spuren" Longwy mit stürmischer Hand genommen haben, wohl erinnert werden darf. Als Goethe am 23, August von Mainz an« ins Feld abging, wurde ihm schon unterwegs die Erol»ernng von Longwy triumphierend ver­kündet, Am 27, August longlc cr endlich im Lager von Pran« court an: bei den nirckubaren Regengüssen waren alle Wege aui- geweickrl und da« Lager selbst starrte so von Schmutz, daß er die Nacht in seinem Wage» zu verbringen gezwungen war.Seltiom mußte man es jedocli sinden, wie cr, obgleich nur etwa dreißr-» Tckrille von den Zellen entfeint, doch dergestalt unzugänglich blieb, daß ich mich Abends mußte hinein und Morgens wieder heraus tragen lassen," Am 28, August rill cr dann in die ge­nommene Feste hinein,So wunderlich tagte mir diesmal mein Geburtssest, Wir setzten, uns zu Pferde und ritten in die erobette Festung: daS wohlgebaute und beiestigle Städtchen liegt auf einer Anhöhe, Die Schicksale eines Hauses während de« Vombarde« mente waren höchst wunderbar. Mehrere Granaten hinter ein­ander fielen in da« Familienzimmer, man flüchtete, die Mutter riß ein Kind aus der Wiege und floh, und in dem Augenblück schlug noch eine Wranate gerade durch die Kisten, wo der Knabe gelegen hatte Znm Glück war keine de, Granate:! gesprungen, sie hatten die Möbel^zerichlagen, am Geläscl gesengt, und io war alle« ohne weiteren Schaden vorübergegangcn: in rien Laden war leine Kugel gekommen," Unter den Bürgern herrschte innerer Zwie- ivalt: die Königstreuen, die in den Prenpen ihre Befreier er­blickten, wurden von den Jakobinern unterdrückt, sin den Händen dieser Revolutionsmänner war auch der beste Gasthot, den Goethe daher au« Furcht vor vergifteten Speisen mied,Man deutet» aus einen geringeren als zuverlässig, wo wir uns denii oncb freund­lich ausgenommen und leidlich bewirtet toben, Nu» saßen wir alt« Krieg« und Garnisons-Kameraden traulich und trotz wieder neben und gegen einander: es waren die Liiizierc des Regiments, vereint mit des Herzogs Hoi-, .Hau« und Kanzleigenossen," Man plau­derte behaglich mitten in Feindesland, und am Abend tritt Goethe mit den Offizieren vom Regiment des Herzogs wieder ins Lager zurück. Auf seiner traurigenLazarettscchrt" zu dem crniarnen Erholungsausenthatt in Luxemburg hat cr dritn am 13, Okwbcr Longwy noch eimnal berührt.