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Br. 188 Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme

des

Die«fthemr Zmmllenblätter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das KttisMatt fir den Krtis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLantwirtschastlichen Seit- sragen" erscheinen monatlich zweimal.

IH Jahrgang

encr Anzei

General-Anzeiger für Gberhejfen

Donnerstag, \ 3 . August

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen

Universiläls - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: s^51. Nedaktion:L-M>I12. Tcl.-Adr.:AnzcigerGicßem

Oesterreichs Vorgehen gegen Montenegro.

Es sind just eben zwei Jahre her, da am 8. Juni .1312 hielt S. M. Nikolaus I. von Montenegro,Nikita", seinen feierlichen Einzug in Wien. Man achtete den Zaun­könig einem Könige gleich, nahm ihn mit königlichen Ehren auf, und Kaiser Franz Josef der Erste ernannte »chn zum Oberstinhaber des 55. Infanterieregiments, llnd heute? Da wagt cs S. Dl. Mkita, Oesterreich-Ungarn btn Krieg zu erklären! Diesmal wirklich und mit vollstem Ernste, nachdem es 1911 nur die Absicht eines Feldzuges gegen Oesterreich zu erkennen gegeben hatte, um die Eui- verleibung Bosniens in das eigeneReich" zu erkämpfen und dessen Einverleibung in die Donaunrcmarchie zu ver- hwdern. Diese Kriegserklärung Montenegros kann man nur mit lderrugtuung begriißen. So ist wenigstens Klar­heit geschaffen und einen, Bandenkrieg vargÄcugt.

Schon immer eigentlich beunruhigt das kleine Monte­negro ja Europa. Man erinnert sich ja z. 58., sehr gut der Täfache, daß, während die Diplomaten der tempi passati! damals noch vereinigten und einigen Groß­mächte den Balkankrieg 1912 zu verhindern emsig sich mrMen, während sie noch die Antwort an die vier krftgs- küstxruen Balkanstaaten berieten, just deren kleinster den 'Krieg vom Zaune brach! Und wie oft hat Montenegro ,nuooil,siert"! So ist denn jetzt endlich der Augenblick ge­kommen, wo man mit diese,» Ländchen endgültig abzurech- ueu hat, das so oft schon Heu Friede,: Europas keck be- t-coht hat. Man kennt ja Nilitas und aller Montenegriner Traum: Ein Groß-Montenegro, ein groß-serbisches Kaiser­reich unter einem Petrovic Njegos, wie sich die Fürsten Montenegros nach ihrem Ahnenstammsitz nennen. G, roß- farbische Utopien, Wünsche und Hoffnungen sind es, die zu dieser .Kriegserklärung <m Oesterreich-Ungarn geführt hüben. Me serbischen Brüder soll dieses GroA-Serbftn der Zuknnft umfassen, und so eilt Montenegro denn den, be­drängten Serbien zu Hilfe, weil es hofft, Oesterreich so Streitkräfte gegen Serbien zu entziehen. Mm, Oesterreichs -cnlschloffenes Borgehen wird diese Hoffnungen zuschandeir werden lassen, und es ist zu erwarten, daß es sich nicht lange mit Montenegro aushalten wird.

Unmittelbar auf die Kriegserklärung Montenegros hat Österreich-Ungarn den ersten Schlag gegen Montenegro ge­führt: Sein einziger, wichtigerKriegshafcn" Antivari, eine Stadt im südlichen Montenegro, stark und modern be­festigt, dürste jetzt bereits in Schutt und Asche liegen. Dieser Erfolg der österreichisch-ungarischen Schlachtstotte ist umso bedeutungsvoller, als durch ihn die Zufahrt nach Montenegro vom Adriatischen Meere aus, von dem Antivari nur etwa ^Kilometer entfernt liegt, erschlossen sein durfte. Antivari, das übrigens erst 1878 durch den Berliner Frieden an Mon­tenegro gekommen ist und vordem, von 1571 ab unter tür- llscker Herrschaft gestanden hatte, hat in der Politik bisher eigentlich kaum eine Rolle gespielt. Aber man hat freilich auch schon früher von ihm gehört, wenn auch in einem ganz antz dcoen Zusammenhänge: Antivari war nämlich im Mai 1913 der Schauplatz eines sehr schönen montenegrinischen Hof- Dandals. Prinz Mirko, der zweite Sohlt des kriegerischen Ärigs Nikita, der Gatte der russischen Großfürstin Natalie ^konstant uw witsch, war nämlich damals in eine Skandal- affärc verwickelt, die in ganz Montenegro und zumal in dem nwutrargrinifchenOffizierkorps" die größte Erregung her­vorrief. Die Frau des Pächters des Hotels Marina, in dem er wohnte, hatte es ihm angetan. Die aber steUte die Gattew- treue selbst über eines Prinzen Gunst, und als er im stürmi­schen Liebeswerben ihr zu nähern sich vermaß, da versetzte He ihm nrst einem Tuche, das sie auf ihren Schultern trug, einen Schlag ins Gesicht, und damit nicht genug: Seine

Königlick Montenegrinische Hoheit erhielt noch ein paar kräf­tige Ohrfeigen dazu! Und als er noch immer nicht von der schönen'Äirlin lassen wollte, da erschien ihr Mann, der Wirt, und warf Seine Königliche Hoheit eigenhändig hinaus. Aber sonst hat dieses doch auch für einen Prinzen recht blamable Abenteuer für ihn weiter keine Folgen gehabt. Sicherlich wer­den wir jetzt weitere Heldentaten der 'Königlichen Hoheit Mirko, Prinz von Montenegro, russisch - großfürstlichem Schwiegersöhne, vernehmen.

Erfreulicherweise hat der österreichische Schritt auch auf einer anderen Seite des Kriegsschauplatzes gute Erfolge gegen Montenegro zu verzeichnen gehabt, die die montenegrinische Angriffslust wohl bald sehr dämpfen werden: nicht bloß Ni- kitas Sommeridyll Antivari hat an die Durchschlagskraft der Geschütze unseres Verbündeten glauben müssen, sondern auch an verschiedenen Greuzplätzen sind die Söhne der Schwarzen Berge" mit blutigen Köpfen heimgeschickt wor­den, und mehr als 200 Tote bedecken die Walstatt! Wir haben das vollste Vertrauen zu dem Offensivgeist der österreichisch­ungarischen Armee, sie wird mit diesem ewigen Störenfriede Montenegro sicherlich recht kurzen Prozeß machen. Fort mit dem Zaunkönigreich Montenegro!

Die Gärung in Indien.

Zur Beurteilung der schwierigen Lage, in der sich die Engländer in ihrer wichtigsten Kolonie, in Indien befinden, dienen zwei bedeutsame Aufsätze aus jüngst erschienenen Zeitschriften, die sich mit den Verhältnissen des Kaiserreiches beschäftigen. In einem Artikel derFortnightlh Review" behandelt der bekannte Schriftsteller William Archer den un­versöhnlichen Gegensatz, der zwischen Engländer und Hindu besteht. Wenn man in Bombay ankommt und nach einem Versammlungsort der Gesellschaft sich erkundigt, so werden einem der Jachtklub und der Bycullaklub genannt; der Name des letzteren bedeutet zwarzweifarbig", doch in beiden Klubs haben nur Engländer Zutritt, während nur der Orientklub auch Indier aufnimmt. Dieses Beispiel zeigt be­reits den Abgrund, der heute so stark wie je zwischen den beiden Rassen klafft. Er ist vielleicht heute durch einige äußere Höflichkeiten übertüncht, aber im Innern sind die Gegen­sätze unüberbrückbar.Man braucht nur in das Haus eines Hindu der höchsten Stände zu treten, um den Unterschied zu begreisen, der zwischen der indischen und der westlichen Zivilisation besteht: Schmuck, Luxus, Einrichtung, alles ver­letzt den Geschmack des Europäers. Es handelt sich hier um keine Frage der höheren oder niederen Kultur, sondern uttrt eine Wesensverschiedenheit, um die Unmöglichkeit einer Zu­sammenarbeit. Man fühlt, daß jeder Versuch einer Verständi­gung nur eine peinliche und mühsam vorbereitete Heuchelei sein kann. Die kultivierten Hindufamilien, mit denen der Verkehr möglich ist, sind nur Ausnahmen, die die traurige Regel bestätigen. Eins der ernsthaftesten Hindernisse für das geistige Verstehen ist das Kapitel der Frau. Der Hindu ver­achtet unsere Frauen und Mädchen als nichtverschleierte Ge­schöpft, die schamlos frei umhergehen." Archer erklärt, daß sich zwar die Haltung der Engländer gegenüber den Hindus seit der Eroberung gebessert habe, man sei höflicher und zu­vorkommender geworden, aber der Geist der Unduldsamkeit und der Unterdrückung herrsche noch immer.Zwei Rassen können nicht ewig Seite an Seite leben, ohne sich geistig und gesellschaftlich in einem gewissen Grade zu durchdringen. Aber wie kann man hier auf eine Durchdringung hoffen? Kein Hindu kann sichl, ohne das Ideal seiner Rasse zu ver­leugnen, mit einem Europäer in Freundschaft verbinden." Welch beständige Spannung und drohende Gärung in Indien herrscht, charakterisiert ein anderer Aufsatz, den Frau Bhikaji Rustomji Carua in der ZeitschriftBande Madaram" ver­öffentlicht. Der triumphierende Einzug des Vizekönigs in die

alle Hauptstadt von Hindustan Delhi am 22. Dezember 1912 wurde durch ein Bombenattentat gestört, bei dem zwei Per­sonen getütet wurden und der Vizekönig 20 Wunden erhielt. Das Volk jubelte diesem Vorgang ungescheut zu. Diese Kund­gebung der wahren Gefühle .Hindustans ist von immer neuen Gewalttaten der Inder befolgt worden.Eine große Anzahl englischer Polizeiofsiziere sind seitdem unter den Schüssen der Anarchisten gefallen. Trotz der besänftigenden Erklä­rungen ihres Gouverneurs ist die Verwaltung von Bengalen durch den Schrecken gelähmt, den diese Morde verbreiteten. 800 Stellen bei der Polizei sind nicht besetzt. Diese Posten bringen zu viel Gefahren mit sich, als daß sic selbst die Tapfersten übernehmen würden. Die Schuldigen sind immer den Nachsorschungcn entschlüpft; llnschnldige haben für sic büßen müssen. So besteht ein täglicher Guerillakrieg, bei dem die Regierungsbeamten sehr ernsthafte Verluste erlitten haben. Auch Europa und Amerika besitzt Mittelpunkte der terroristischen Bewegung der Hindus, Da die eingeborenen Richter die Bestrafung der Mörder von Polizisten offen­kundig verweigern, ist die Stellung der Engländer schwer bedroht."

Aus Hessen.

Die Landtagswahlen. rt> Darmstadt, 12. Aug. Die Erneuerungs­wahlen zur Zweiten Kammer, die für den 6. No­vember ds. Js. anberaumt waren, sind vom Grotzh. Staats- ministerium auf unbestimmte Zeit verschoben worden, da infolge der jetzigen KriegSvcrhäilnisse eine vollständige Er­neuerung der Wählerlisten erforderlich wird. Die Meldung von der bevorstehenden Einbcrusung deS hessischen Landtags wird uns von zuständiger Seite als unwahr bezeichnet.

Märkte.

ko. Wiesbaden, 12. Aug. Biebmarkt. Aui dem heutigen Biehmarkl waren ausgetrieben 83 Rinder (Ochsen 14, Bullen >1, Kühe 55), Kälber 117, Schase 9, Schweine 515. Geschäft mittelmäßig.

Ltmbnrg a. d. Lahn. 12. Aug. Fruchtmark!, Durch­schnittspreis uro Malter. Roter Weizen (Naffauffcher) 00.00 Mk weißer Weizen (angebaute Frcmdsorteift 00,00 Aich 5lorn 14.75 Mk., Gerste (Futler) 0,00 Mk., Braugerste 00,00 Aich Haler 12.500,00 SM Erbse» 0,00 Aich Kartoffeln 50 Kilo 5,000,00 Mk , Butter das Psund 1,001,10 Mk., Eier das Stück 89 Psg.

Airchliche Nachrichten.

Evangelische Gemeinde.

Wartburg-Verein.

Sonntag, des» 16. August, abends8 Uhr: Versammlung im Markussaale, Kirchstraße 9.

Israelitische Religionrgemeinde.

> Gottesdienst in der Synagoge (Süd-Anlage)«

Samstag, den 15. August 1914:

Vorabend: 7.15 Uhr,

Morgens: 8.30 Uhr.

Nachmittags: 4.00 U6t.

Sabbatansgang: 8.35 Uhr.

Israelitische Religionrgeselkschast.

Gottesdienst.

Sabbat sei er am 15. August 111 t: Freilag abend 7.20 Uhr.

Samstag vormittag 8.00 Uhr,

Samstag nachmittag 4.00 Uhr.

Sabbat-ÄuSganq 8.35 Uhr,

Wochengottesdienst: Morgens 6.00, abends 7.00 Uhr.

Aus der Geschichte der Festung Namur.

Namur, die zweite große Festung der belgischen Maaslinie, ist als wichtiges Eingangstor aus Frankreich nach den Niederlanden der Gegenstand häufiger Kämpfe gewesen, und ihre starken Wälle sind oft und lange belagert worden. Die Stadt war schon in frühe­ster Zeit beseitigt. Als aber dann die Niederlande m Ihren snccht- barrn Krieg mit Ludwig XIV. verwickelt wurden, erhielt die Stadt ein Schutz- und Schirmkleid von besonderer Stärke, das ihr der große Festnngsbaumeister der Niederländer, der Baron pan ,Coc Horn, annraß. Trotzdem unternahm Ludwig XIV. im Jahre 1622 in höchst eigener Person mft 46 000 Mann die Belagerung, und nun entspann sich um Namur ein Wettkampf der beiden größten Be- ftLnngotechnrker der Zeit vanCoehorn und dem genialen 58anban. Banülln als Meister der 58elagerungskunst leitete die Arbeiten, wÄwend der Herzog von^Luxemburg mit 60 000 Mann die Be­lagerung deckte. In der Stadt selbst kommandierte der Prinz von Broban^on die spanische Besatzung, die nur 8300 Mann zählte. In der Nachi vom 29. zum 30. Mai wurden die Lansgräben eröffnet, und am 6. Juni mußte sich die Besatzung, die zu schwach war, um die ansgedepnien Werke verteidigen zu können, in die Züadclle nnh in das »ach seinem Erbauer Coehorn beitanntc Fort zurückzichcn. Wer auch hier konnten sie sich nicht halten, und nach dreiwöchent­lichem harten Kampf kapitulierte zunächst das Fort, und am 30. folgte die Zitadelle, deren Verteidiger sich auf das hckdcnmütlgstc

a rt halten. Schuld an dem Verlust von Namur war eine ofigkeft der Engländer, deren König Wilhelm Hl., obwohl er dem Marschall von Luxemburg gegenüber im Felde stand, nichts E rnstl i che-, zum Entsatz unteriwnrmen hatte.

Snnuir wieder zu gewinnen, war nun das stete Streben der S&eöeri&töcr, und so rückten sic denn Anhang Juli 1695 vor die Stadt, dir die Franzosen unter Boutfslers besetzt hielten. Diesmal leitete Coehorn die Belagerungsarbeiten, aber in Ranrnr befand sich ein vorzüglicher Meister der Verteidigungskunst, der Marquis von Grftnp, nächst Vanban Frankreichs erster Ingenieur. Wieder­um mußte nach tapferem Widerstand zunächst die Stadt kapitu- lrerenz die Verteidigung der riesigen Werke mach« zu bedeutende Schwierigkeiten, und so zogen sich denn am 5. und 6. August etwa 1000 Franzosen in die Zitadelle zurück Die Leitung des Angriffes gegen die Burg wurde dem Kurfürsten Maximilian Emannel von Bmxern übertragen; aber der von ihm am 30. August mit großer Wucht unternommene Ansturm wurde zurückgeschlagen. Bevor noch ein weite r er Angriff dem tapferen Häuslein den Rest geben konnte, übergab Bvufslers am 1. September 1695 die Zftadelle und durfte mft allen kriegerischen Ehren abziehen. 5Die Stadt wurde dann durch denäfamerttroftat" 1715, durch den England den holländischen Generalstaaten zu ihrer künftigen Sicherheit den Besitz einer Reihe von Festungen in den spanischen Niederlanden gewährleistete, zuni Barrröreplatz erklärt und von den Holländern besetzt. Ae Fran­zosen haben jedoch Namur ftn 18. Jahrhundert verschiedene Wal« BBBRBBtmnen. Im Jahre 1746 erschienen sie unter Tlermour vor

Namur, dessen 9000 Manu starke Besatzung unter dem Befehl des 80jährigen General Colyar stand. Dieser Greis verteidigte die Stadt so jämmerlich, daß auch der bald an seine Stelle beruscne General Crommelin die Festung nicht hatten konnte, sich nach 14 Tagen in die Zftadelle zurückftehen und sich 10 Tage später auf Gnade oder Ungnade ergeben mußte.

1792 unternahm nach der Schlacht bei Jemappes der franzö- sische General Valence die Belagerung; kaum waren die Parallelen eröffnet, so mußte die Stadt auch schon verlaffen werden; in der Zitadelle leistete die österreichische Besatzung unter General Maielle tapferen Widerstand, ohne sich aber halten zu können Im folgenden Jahre mußten die Franzosen infolge der Schlacht bei Neerwinden die Stadt wieder räumen; aber als 1794 die Verbündeten den all­gemeinen Rückzug gegen die Revolntionsarmce antraten, übergab die schwache österreichische Besatzung die Zftadelle von Namur den Franzosen, ohne Widerstand zu leisten. Du Eroberer schleiften da­mals alle Werke, und so war Namur für lange Zeft seines starken Schntzgürtels entkleidet. Es war nun 20 Jahre lang, von 1794 bis 1814 die Hauptstadt eines französischen Departements. In dem Feldzug von 1815 gegen Napoleon war sie zum letztenmal der Schauplatz kriegerischer Ereignisse: am 20. Juni sa>ld hier ein sehr heftiges Rückzugsgefecht zwischen dem nach der Schlacht bei Belle-Alliance sich zurückziehenden Korps Grouchys und einem preußischen Armeekorps unter General Pirch statt. Blutige Kämpfe spielten sich in den Straßen ab. Seitdem ist Namur wieder außer­ordentlich stark befestigt nwrden. aber eine Hundertjahrfeier des Friedens wird es am 20. Juni 1915 sicherlich nicht begehen können.

*

Dichter als Samariter im Kriege.

Mehrere deutsche Dichter waren im Jahre 1870, da sie nicht mit in die Reihen der Kämpfer treten konnten, als Samariter in den Krieg gezogen und schildern uns in ihren Autobiographien ihre Erlebnisse. 58ei anderen finden sich auch Mederschläge der Eindrücke in ihren dicherischcn Schöpfungen. .Herinann L i n g g schloß sich kurz nach der Uckergabe Sedans einem Sanitätszuge an, der von München an die belgisch-französische Grenze ging, um in Libramout Verwundete anfzunckmen. Güterwagen waren mit Betten zur Ausnahme hergerichtet Wochen und dienten außerdem noch als Schlafstellen der Aerztc und Gehftfen. In Libramont gab es das 58Ud des Krieges.Ringsum ans dem Vorplatz", so scknldert der Dichter es,war es weiß von Scharpien, wie besät von Schnee­flocken, hier wurden die zweftcn 58erbände nach den ersten Not­verbänden ans den Schlachtfeldern angelegt. In den Nachmfttags- stnnden kcmcen^ in langer Reihenfokgp die Bauernwagen. ans denen sich die Verwundeten bestücken, ans Stroh gelagert und ans- stöhnend, wenn ine Bcwognng der Wagen über dm holprigen Wegen ihnen Schmerzen vernHactttc. 'Sic wurden vcrbundm und ftr die Eisenbahnwagen verladen, auch da gab es noch viel Avchzen und s chmerz liche Anssttxveic. An Labung und hllssbereften Hmckcn fehlte «3 nicht. Mancher wackere Scüdal drückte mft, wenn ich

ihn verbunden hatte, stnnkm die Hand oder sah nüch mft dank­baren Blicken an, viele seuftten nach der Heimat und wünschten sft noch zu erreichen" Ein paar Tage später begleitete Lingg einen Transport in die Heimat und übte sich dabei, wälnend der Fahrt an den Waggons hin und her zu klettern. Verbände zu erneuern und die Transporte nach den Spitalern zu leiten. Felix Dahn bat seiner Samaritertätigkeit die gewaltigste Er- rmierung sein«? Lebens zn danken: er hat die Schlacht ber Sedan mitgemacift, die er dadurch in einem Gedicht verhcrr- lichm konnte, von dem Scheffel sagt:Man spürt darin den Staub und das Blut des Tchlachxseldes an den Fersen und an den Versen." Jvrtgcrissm von Begeisterung riß er das rote Kreuz von seinem Arm, natm eines der voit Vcrmnndeteu ab- gelegtm Geioehre, ein Leutnant steckte ihm aus einer Pa- tronentasthe eine Hand voll Patronen zu und stürzte sich in den Kampf. Dafür hatte er dann das Glück, vmn Ehampagner Napoleons zu triicken. Man hatte den ltzüchenwagen des Kaisers abgefaßt.So hat mft noch mein Lebtag kein Trunk gewvltdet, wie dieser Kaiserwcin ans dem öden Heidemoor." aber,

als er im Lazarett tätig war, bekam er das Lazarcttficber und mußte ftr die .Heimat zurück. Aber auf dem Schlachtfeld hafte er die Eindrücke:So wogte die Erfüllung meiner Träume von Schlacht und Heldensckzaft rings um mutt! Und in welcher Voll­endung! Ans dem Boden des Erbseinds, in sieghafter ?ll»vehr fteveln Angriffs, von den vereinten Kriegern aller deutschen Stämme, mft dem nunmehr nnentreißbaren Ziele der Herstellung des deutschen Staates: denn >vahrliä> und wahrhaftig: während des röllckiden Ikvachens der Kanoiren, das manchmal den Atem stocken mackne, drängte sich mir aus tiefster Brust die Empfindung ans: So ist's rocht! Das sind die Salven, die das neue Deutsche Reich begrüßen!" Richard V o ß war ein im neiurzctnUimLebens- iahre stckender, kränllicher Jüngling, der rmtürlich nicht kämpfen konnte, aber doch nicht zu Hause bleiben konnte und uwchte. Nach Fvanfteich ging ich," so erzählt er,und tu Frankreich blieb ick» volle zehn Aftmate. Ich sah die S<t«lachtselder von der Saar bis zur Loire. Ich pflegte, so gut ich konnte; ich hals so gut ich vermochte. Des Elends, des Jamrners und des Fürchterlichen (war ein Meer und die Hilse des Einzelnen imr ein Tropfen. Auf den Schlachtseldeni, in den Feldlazaretten, an den Amputatftmstiichen, den Sterbebetten und Nlasiengräbern erschien mft das Antlitz der Kriegssurie wie das Haupt der tborgo: Etwas in meiner Seele erstarrte bei dem Anblick. Jede Stunde brachte ein Ercrgnis. Ae Erlebnisse einer Wockw hätten hingereichl, um ein Menschenleben voll imd reich zu niachen. Aber nicht nur das EnÜctzlfti»- und Gräßliche erfuhr trtt in dieser ungeheuren Zeft, auch unvergeßlich viel Gutes und Köstliches." Der schwächliche Jüngling wurde von den robusten, kräftigen Kmneochcn verzärtelt; während des ganzeir Feldzuges hieß er Unser Kleiner." ^