Nr. \U Zweites Blatt
Erscheint täusch mii Ausnahme de? Sonntag?.
Tie „«ietzruer ZamiUendlätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöcheiulich bcigelegt, da? „Kr«i»»l«tl ffir den Xreir «leßew' zwemial wöchentlich. Tie ..randwirtschasttuhen Seit- sragen" crschenien inonailich zweimal.
l64. Zahrgang
General-Anzeiger für Gberhefsen
5reitag. ö \. 3u!i M4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität? - Buch- und Eteindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Exvedition und Druckerei: Schulstrabe 7. Expedition und Verlag: e©61. Redaktron:«-sKII2. Tel.-Adr.:AnzeigerG>cben.
Die unnötige Uriegrfurcht der Sparer.
Ter Ansturm »der — ivie der? schöne deutsckre Dort dafür lautet — der Run auf die Sparkassen hat ein wenig nachgelassen. Die anfängliche üopslchigkeil scheint kühler Uebcr- logung zu weichen. Tie Massensuggestion beginnt ihre Macht zu verlieren. Man darf auch nicht außer adft lassen, daß eine Ansammlung von einigen hundert Sparkas'senduck>-Jn- hadern vor einem Dparkassengebäude viel wirkungsvoller aussieht, als sie in Wahrheit bedeutet. DaM kommt, daß die Revorierphantasie ,n diesen erregten Zeiten viel eiiriger arbeitet als sonst. Ain TienSlag hieß es. sämtliche Nennen' Sparer hätten bei der städtischen Sparkasse Berlins ihre Guthaben abgehoben. An Wirklichkeit waren es am Montag 700*» und der gesamte abgehobene Betrag bclies sich aus 935 000 'KJ : am Tage darauf sank er aus 865 000 MJ. Was will diese Sunrmc gegeruider den fast 460 Millionen Mark Einlagen bei der Berliner Sparkasse besagen! Tie abergläubischsten Lorsrellungen waren unter den abholungs- lustigrn Leuten verbreitet. Die einen tneinten. der Staat lege, sobald ein Krieg ausbrechch aus alles Geld der Spar- lasse Beschlag. Andere wieder — namentlich altere Frauen wollten das mit eigene» Augen gesehen haben — schilderten, wie alles Geld der Sparkasse ..vernagelt" und verscharrt winde, damit keiner, vor allem nicht der Feind, herankönnle. Selbstverständlich sind alle diese Angabe» Hirngespinste, lächerlich^ Ängsterzcugnissc. (Hrnz abgesehen davon, daß jede vernünftig vcrivalteic Sparlassc möglichst schnell dafür sorgt, thre Gelder sicher und nutzbringend anzulegen (ime sollte sie denn anders die Zinsen gewähren, die Berwaltungskosten decken und noch für gemeinnützige Zwecke einen llebersciniß dcrauSwirtschasten? wird weder ein Staat noch eine fremde Macht Sparkassengelder nii! Beschlag belegen. Im zwan- zigstcn Ialirhundert gelten auch in »riegszcilen gewisse humane Grundsätze Bor allein schützen internationale Ab- nvaäui„gen das private Eigentum
Wie aber sollte der eigene Staat dazu kommen, das lsteld seiner Sparer mit Beschlag zu belegen. Bleiben wir einmal beiin Deutschen Reut, Rehmen wir einmal an, es würde in einen Htieg verwickelt, obgleich die lzeuligen halbamtlichen Meldungen aus Berlin. Petersburg und. Paris eine gewisse Entspannung verkniideii. Wie sceht cs da mit unserer stnanziellen Kriegsbereitschaft? Der >eyige Oberbürger- meisber Berlins. Erzellerv, Wermuth, kociir. als er in einer Unterredung mit unserm Berliner Korrespondenten, auf die Uuklughert der Lernen Sparer hinwies, mul» mif die finanzielle Kriegsbereitschaft zu sprechen. Er durste sich dabei, ohne ruhmredig^u werden, mis eine gewisse Erfahrung dank seiner früheren Stellung als Staatssekretär des Reichsschatzamts bcrusen. Er erklärte unumwunden, daß unsere sinaii- AreUe Bereitschaft in ernster Zctt die denkbar 'beste ist. Mit ckbsoluter Sicherheit setzen im gegebenen Zeitpunkt alle Maßnahmen — sowohl technische wie ivirtschaftlüiu: — ein, um in wenigen Dagcn die nötigen Summen für den Krieg aus- $ubnr»gcn. Die Fvasge, ob Deutschlands finanzielle Rüstung die Gewcchr bietet, daß sein Wirvschaststeben den Anforderungen eines Krieges gewachsen ist, muß unbedingt bejaht werben. Das braucht man nicht im Uederschwung patrio- lisäKN Gefühls zu versichern: das lehrt uns ei» nüchternes Rrckencxempel: Wer öster in die spalten des Handelsteiks unserer Zeitung geblickt har. ivird sich vielleicht mitunter gewundert haben, icher welch hohe Goldreserve unsere Reichsbank, die übrigens aus wohüveisliche» Gründen kein reines Staatsinstiml ish verfügt. Nach dem Ausweis für die dritte Juliwochc war ein Goldbestand von 1357 Millionen
im Besitz des Zentralinstituts. Daneben verfügte die Bank über 65 Millionen Reichskasscnscherne und außerdem »ocki über mehr als 250 Atitlionen Mark Metallwert. Sie hätte aus Grund eines Barbestandes von 1757 Millionen Mark das dreijachc in Banknoten ausgeben können: 5271 Millionen Am genannten Tag aber betrug der Notenumlauf nur 1891 Millionen Mark. Er hätte demnach sofort »m 3380 Millionen vermehrt werden könne». Docki haben wir dabei den KriogSi'ckiatz im IuliuSkurm, der seit der Zahlung der frmizösische» Kriegsentschädigung unbenutzt daliegt, und die neue KricgSrescrve. von der rund 85 Millionen vorhanden sind, noch außer acht gelassen. Beide Goldreserven werden im Kriegssall (die zn-cite ist es schon vorher) in die Benvalwuiig der Reichsbank gegeben. die diesen Zutvackrs an Gold durch Ausgabe von Noten gleichfalls verdreisachen kairn. Llus den rund 200 Millionen Esi>l-d ivürden also rund 600 Dtillionen Papiergeld, so daß —der Status vom 23 Juli zugrunde getagt — ein Plus von rund 4 Milliarden an Reickisbanknolen niöglich tvärc Damit ließe sich der erste, der sog. Angscbcdarf decken Geheimrat Rießer hat in seinem bekannten Buch ..Finanzielle Kriegshcrcitsckxist und Kriegs- fülxrung" die Kosten jür Heer und Flotte in den ersten sechs Wochen nach der Kriegserklärung auf 1800: de» Bedarf für Industrie, Handel und Gewerbe und Landivirtschast auf nicht weniger als 1500 Millionen geschätzt Rechnet man noch 600 Millionen dazu, die das Piiblikum aus seinem Guthaben, Sparkasseneinlage» »sw. zurückzieht, so sind im höchsten Fall 4000 Will. Mark <m Zahlungsmitteln auszubringen. Dazu ist die Reiclzstzank aber ohne weiteres in der Lage. Dazu bedarf es keiner „Beschlagnahme" der Sparkassen. Wo- ^u also die unnötige Angst, umsomehr, als ivir noch gar nicht in einen Krieg verwickelt sind. Ruhe und Besonnenheit sei also auch dem deutschen Pul'likum entpfohlen.
Aus Albanien.
Naheitvrr Friede in Albanien?
Rom, 31. Juli. Einer Bläitermrldung zufolge macht sich in Albanien seit Ausbruch de? österreichisch-serbiichen Konfliktes eine gewisse Berubigung bemerkbar. Die Aufständischen und Epiroien haben, wie man glaubt aus iremdcn Eiistluß, die militärischen Ovc- ralionen eingestellt. Mau ist der Ansichl, daß eine Versöhnung zwischen den feindlichen Parteien im Gange ist.
Durazzo, 29. Juli. Bei der Uei-errcichung des Ent« lassungSgesuchcs der holländischen Mission erklärte de Verr den, Fürsteil, daß die Holländer Albanien im gcgcnivärtigen Augenblick nicht verlassen, ledoch nach Kläning der Verhältnisse dies insgesamt tun ivürden. Morgen werden die beiden Ztinder des FüNten nach Sinaja gebracht.
rkirche und Schule.
5>. Lauterbach, 30 Juli. Gebern tagte hier die Synode des evangelischen Dekanats Lautcrbach. Sie nahm ihren Anfang mit einem (Gottesdienst, in denk'Stadtpfarrer Bo e ckn e r-Schlitz predigte. Es folgten im Konfirmandcn- saal die geschäftlichen Verhandlungen. Dekan Müller erstattete den IalzreSbericht des DekanatSauSschusses über das Jahr 1913. ES fei daraus Folgeiches bemerkt: Geboren umrden im Dekanat 532 Kinder, 88 weniger als im Vorjahr, Trauungen fanücu 189 statt, vier weniger als 1912. Kirchen- und Abendmahlsbesuch haben gegen das Vorjahr keine nennenswerte Acndcrung aufzuweisen. Für Werke der Wohltätigkeit wurden aufgebracht 31330 MJ., ein Mehr von 7000 MJ., wobei die Jubiläumsspende für die Mission inesentlich milgewirkt hat. — Es folgten sodann kirchliche Wahlen. 41 Abgeordnete waren anwesend. Als Landes- synodalabgeordnete wurden wiedergewählt Dekan Pdüllcr
mit 30 Stimme» und Geh. Justizrat Wahl-Schlitz mit 29 Stimme»: deren Slelwertretcr imirden Pfarrer Nauinanii- Nieder-Moos und Bürgermeister Rodemer-AngerSbach. In den DekanatSausschuß unirde gewählt Sladligarrer Boeck- nerSchlitz. — Pfarrer Gölten hielt sodann einen Vortrag über: „Die EKfahren des weltlickwn BcrcinswesenS uird,wie karm ihnen von Seiten der kirchlickien Organe an, beste» entgcgengetrcteii werden?" Schließlich fand folgende Ent- schließung Annahine, die dem Prälaten v. Fl ö ring Ü1>er- mittelt iverden >oll: „Euer Hockrgeboren haben bei der Beratung des LrdenSgcsetzcs in der Ersten -ianiniai- mit Nickhaltlöjer Entscknedenheit die Interessen der evangelischen »Nrche iind des protestantischen Staalsgedwikeiis vertreten. Wir wissen dies umsomehr zu schätze», da Sie als der Einzige die Grriildjätze vertraten, deren Wahrung diePssickit sämtlicher evangelischen Glieder der Ersten üUnrnier gewesen n>äre. Die heule in Lautcrbach tagende Dekaimtssynode sprickzt daniin Euer Hockuvürden als dein Vertreter Her Landeskirckie ihre Hockssänitzung und ihren Dank aus." ,—i 9iad> Schluß der Synode folgte ein geineinsaines Essen im Hotel Sckuitz. >
Sitzung -er Sta-tvcror-neten.
Gießen. 30. Juli.
Oberbürc,ermeißer Keller eröifnete die Sitzung um 4 Uhr und macht die Müteilung, daß der K a n i n ch e » z u <b t v e r e i» der Siadt für den gesiisteten Ehrenpreis zur AuSsteNiiiig in einem Schreiben gedankt habe.
Der Verband der ba u gew erb l i chen Interessenten bat beantragt, den städlischen Zuschlag zur Bcsitz- st c u c r und Wcrtzuwachsstcuer fallen zu lassen. Der Antrag wird dem' Ausschuß überwiesen.
Die P ! e rbe s chw e m m e ist von, Babnhos der Biebertalbahn hinter das Elckirizitätswerk verlegt worbe». Dazu ist eine Abänderung der Polizeiverordnung über das Schvemmen der Pferde in der Lahn irütig geworden, sie ivird genehmigt.
Das Baugesuch der Firma Julius Ni,vsentdal L Eo. für die Krosdorscr Straße und das Baugesuch' des Eisenbahiibetriebs- amles I zur Errichtung eines Ausentbaltsraumes aus dem Bahnhof wird von dem Ausschuß beiürivoriel und sinder die Genehmigung der Persaminluiig, Ebeiy'o da-.- Gesuch des Professors Dr. Pfeiffer zur Errichtung einer Blockhütte am Aulweg. Das Bau- gesuch dos Heinrich M enges für die Eichgärten wird zurückgestellt.
Zurückgewiesen wird das Baugesuch des 9 inrd 2. SBefrrnnt zur Errichtung einer Berkanfsanlage Ecke Friedrichstraße und des Wetzlarer Weges. Außerhalb der Tagesordnung wird die Ausstellung des Aiisstellnngspavilwns auf dcni Grundstück der Firma Sack & Jug Hardt genehmigt.
Die Ortsbausatzinlg »um Bebau irngsplan östlich der Marburoer Straße wird genehmigt. Auf dem Bebauungsplan südwestlich Schüjciiberger Weges bis zur Oberhcssischen Eisenbahn bcantruai. die Baudepulativn, die Straße, die an dem Kansmannschcn Grundstück projektiert wird, zu beseitigen. Die Bersmiimlnng ist mit dem Anträge einverstanden.
Das Gesuch des Karl Küchel und ftwir» Schmidt wegen Verlängerung eines Feldwegs am Nahrungsberg wird zurückgejzxllt.
Beim Bau der U mgchungs bahn bei Klein-Lniden ist eine neue Uedenührilug an der F-ranksurtcr wtraßc nötig. Der Ausschuß beomvagt, die UeberfL»rung in einer Breite von 25 Metern anzulegen und nrit einer stiamw zu versehen Cs soll eine eingehende Rück»pmä»e nrü der Eisenhahndirrktüm gciwin- men iverden.
Tie Stelle des Mannes, der die städtischen Uhren zu rntte« halten und zu bedienen hat, soll kimftig öffentliä» ansgeschriebnä
werden.
Das H y Po t h c ke n buch der Gemarkung Gießen Flur 7—19 und 40—6Ö soll erneuert werden. Die GesanriLosten betragen
Johann Spcrl f.
Johann Speel und Wilhelm Leibl — eine Malerfreundschast.
Die imrigc Freundschaft, die Tperl mit Leibl verband, ging aui recht alte Zeiten — bis ins Jahr 1865 — zurück und beruhte aus lies innerer Berwandtschoit der Kunst- und Lebcnsanschau- ungen. Leibt hielt aus Sperl ganz außcrordcmlich viel. I. Mayr, beider Freund, hat über diese Malcrsreundschajl einmal allerhand onztehendc Mitteilungen geinacht. Wenn Leibl im Atelier, Sverl draußen malte, so mußte dieser o»'t mitten in der Arbeit herein, um ein eben gemaltes «tück zu prüien: und wenn dann sein Uneil günstig aussiel oder gar das Wort „wunderschön" von seinen Livvcn kam, war der Meister hocherfreut und gewann wieder die Sichcr- beil des Selbstvertrauens. Sverls Urteil war sein Anker: „was wvert gut nennt, ist wirklich gut, darauf küniicn Sie sich verlassen", das war lein Dort War Sverl abwesend, so vermißte Leibt ihn ganz außerordentlich, und kein Bild LeiblS iil^ entstanden. ohne daß Spcrl in Rat und Tat mitgrwirkl hätte. Sverl hat Leibl über vietc Stunden der Schlasiheü und Mutlosigkeit hinweg- gedrachl: er hat den KraNmenichen in ruhige Bahnen zu lenken «erstanden, wenn einer lener „extravaganten Wutausbrüche" drohte oder feint Ungeduld sich zu stürmischem Drängen ,u steigern an- Ntnckle Seinen Tadel aber, mir dcni er nicht zurückhielt. wußte er »ur rechten Stunde und in der rechten Form anzubringcn. In dankbarer Würdigung dessen, was er an Sverl hatte, war Leibl um seinen Freund und sein Bcnnden innig besorgt. Denn er sich über etwas geärgert hatte, dann sagte er oft: „Sage dem Spcrl Nichts davon, er regt sich ain und das schadet ihm." Tic rührende -rorgsamkni SverlS für den KraNmenichen Leibl hat etwas Reizendes und komisches zugleich Er mochte LeiblS atbletischc Extravaganzen gar nicht sehr leiden: und als Leibl ihn nnmal ries, er solle sehen, wee er jetzt die schwere Eiienstange hebe, da ries roerl nnwüich zurück: „Das kann der Holmüller-Ochse^noch viel besser!" Jeden Abend rollte Sverl eine Zeitlang die Stange in den naben Bach und schlug von dem schweren Stein mit dem Eiicn- nnqr mit Aufwendung aller Kraft Teile weg — jeden Morgen zog --nM die Stange wieder aus dem Bache, aus den^Etein aber band rr als Ersatz für das Weggenonuuene kleinere Sieinc. Und das mng von beiden Seiten sttllichweigcnd ab. wie sie denn üderbauvt dkl größter Jnnigkeü des Emvnndcns wortkarg blieben. Leibl war '» Handgriiien nicüicns linkisch. Hantierte er mit einem Hamm», 'o Ichlug er sich: brauch!? er eine Säge, so zwickte er sich. Ta Ivrang dann Sverl, der beweglichere und geschicktere, immer biinu und Leibt konnte ohne den bedililichen Freund kauni noch bestehen. Be>anders groß aber war Sverl im Firnrisen. was idm Leibls ganze Bewinüxwung einttTug Sie haben übrigens auch eine Aneabl geninwamer Bilder gemacht: im ganren eximerrn neun dieser Art. und es iüs ihnen, als ob Sverls Bäume und Wiesen durch Leibls und Leibls Figuren durch Sverls Emvnnden dindurchge- wären So bilden diese Werke Urkunden eines Freund» , erhäüiüsses, wie es die Künsttergeschichu: nicht eben häusig
rennt.
wie entsteht ein Erdbeben?
Zu Zeiten, wo gewaltige Eichbcbenkatastrovben auftreten, um die Gemüter zu erschüttern, trrtt die F-rage nach der Entstehung dieser oit so furchtbaren Erscheinungen melxr oder weniger in den lBordergrund. Man wül wissen, welche Urlachen hier wirksam irnd, «rnd man möck»e ergründen, wie man sich etwa durch Vorzeichen warnen lassen köimte, U-enn Gcsahr droht.
Nun ist es aber durchaus nicht leicht, sich über-die Entstehung der Erdbeben klar zu werden! Das liegt vor allem darin begründet, dag wir über das Innere unseres Planeten nur wenig wisien, und dag wir darum aus mehr oder niindcr unsichere Hypothesen angewiesen sind
Besonders bctrcsfs des Innersten der Erdkugel herrschen ganz entgegengesetzte Anschauungen. Güniher nimmt an, dag'der Kern einen Ball aus Gasen darslellc, welche den Urzustand der Matenr bilden sollen. Demgegenüber vermutet Arhnson, dag das Erdinnere von einer stahl Hanen Masse gebildet werde. Beide Autoritäten stimmen allerdings darin überein, dag sic unler der testen Erdkruste ein sogenanntes Magma anncbmen, einen glutllüssigcn Brei, der gelegentlich bei vulkanischen Ausbrüchen an die Erd- oberllächc gelangt.
Nu» würde man ja vielleicht zur Erklärung der EiUstehung der Erdbeben der Kcnnmis des Erdkerns entraicn können. Sobald es sich allerdings um die Fonpslanzung von Bebemvellen handelt, tritt soiorl die Frage wieder aui, welche Stoße diese Wellen denn in der kreisten Tiefe antrefsen. Aber entstehen mögen diese Beben vielleicht doch mehr an der Außenserte, also in geringeren Dreien.
Aber wie wert sind wir denn bis jetzt ist die Erdkruste eurge- drungen? Noch bis vor kurzer Zeit fand sich in Büchern die Angabe. daß das tiefste Bohrloch der Erde in Parnschowitz in Ober- scklrsirn zu iinden sei, und dag dasselbe 2002 Meier messe. Gcgen- wärirg ist dieses Bohrloch allcrdrngs durch ein anderes überlrmnpn nwrden, welches sich bei Sverenbcrg, südlich von Berlin, beirndet. Aber bedeuicnd tiescr ist es auch nicht, und wrr müssen zugebcn, dag wir noch kaum mehr als zwei Kilometer in unseren Planeten hincingcdrungen sind!
Stellen wir einen Globus her, dessen Durchmesser etwa sechs und einen halben Merer berrägt, so würde ein Bohrloch von »wer Kilometer Ticic nicht mehr als rund — einen Millimeter m ferne Oberfläche reichen, wenn cs im richtigen Verhältnis bemessen würde. Daher bleiben wir eben auch dort aui Vermurungen: angewiesen, wo cs sich noch um Gebiete des Erdinneren handelt,
Ammerlnn kann man sich mir der sogenrnnren „Schrumvsungs- rheorie" gewiß beiveunden. welche die Erscheinungen der Erdbeben einleuchiend und zienilich ciniach erllän.
Sic gehr im wesentlichen davon aus, daß der Erdball sich obkühlc, und daß er sich dober zuiammenziehen müsse. Es ist za eine bekannrc Tatsache, daß berivielsweisc ein Stück Eisen, wetckes wir glühend machen, einen größeren köroerlichen Inhalt ausfüllt, als wenn es kalt geblieben rst. Und cs lassen sich aus diesen Zu- sammenzrehungen unschwer jent Elschevrungcn ablenen, welche wrr als Erdbeben ansprechwr. ,
Gern erinnert man hier an bas Bild eines ditrch Trockenhert zusammenschrumpienden Apfels. Allerdings ist die Ursache seines Kleincrwerdens nicht in eincr Abkühlung zu suchen: aber die Folgen der Schrumpfung sind für die Bctrachlnng irdischer LKrhäll- nisse sehr lehrreich. Gewöhnlich beobachtet man her cuiicm solchen Apfel, daß sich seine Schale mehr und mehr runzelt. Offenbar ist also das Innere verhältnismäßig rascher eingeschrumpst als die Hülle, welche ihn nun wie ein zu wert benressencs Gewand umhüllt, dos überall Falten wirft.
Und solche sFoltungen, solche „tektonischen" Beim gungen. srnden wir auch aus der Oberfläche misercs Planeten. Ott erfolgen sie ganz langsam, und es preßt sich dabei im Laus Ungemesscnrr .'jettest da tunü dort ein Gebirgsrücken als riesige :liunzel empor: biswetten ledoch treten diese Erschomungen so plötzlich aus, dag sie emc Katastrophe bedculcn. du- sich vielleicht tiescr in der Kruste der Erde vollzieht, die aber doch furchtbare Grüße heraussendet.
Nu» kann aber auch noch eine ganz andere Wirkung, der Abkühlung austrrten. welche ebenfalls aNcrlnrnd Erderschürterungen h-'rvorruscn rnag. Wenn der Schmied einen Reiten auf einem Rad befestigen will, so Echt er ihn bekanntlich heiß ans, und er rechnet dabei daraus, da» sich derselbe nachher beim Abkühlcn fest zusammenziehc und aufprrsse. Aber wir werden uns auch leichk vorstcllcn können, daß der Resten sehr wohl zerreißen mag, wenn er eine schwache Stelle auswcist.
Und ganz ähnlich iverden die Verhältnisse sir tmserer Erdkruste liegen. An der einen Stelle sollet sic sich, weil sic zu weit geworden ist: an einer andern zerreißt sie dagegen nnc ein Stück Zeug, das zu knapp bemessen wurde.
Nimmt man ferner mit Tammann an, daß die tiefer liegenden Schichten der Erdkruste in Form von Zellen ausgebant seien, so gewinnt man neues Erllärungsmateriol. Wie oft mag es Vorkommen, daß solche Zellenräumc in sich zutammenskür^n! Es lassen sich ja dafür die verschiedensten Veranlassungen denken. Der Druck beim Zusammenschrumpscn mag wirken; chemische Ern- slüsse haben einem Zerstörnngsprozeß vorgearbettet: das Wasser bar mir sttllem Nagen Grundfesten erschüttert, kurz, cs sällt nicht schwer, solche Einstürze für möglich und natürlich zu halten.
Finden nun solche Katastrophen dicht unter der Erdoberfläche statt, so bricht woht ein Teil derselben ern, und wir erleben «in sogenanntes „Einsturzbeben".
Und noch eine ganz andere Ursache kann wirksam werden! Wenn sich neue Magmaslüsiigkeiten in leere Zellenräumc ergießen, so wird dies kaum ohne Erschütterungen vor sich gehen, welche wir draußen dann wohl als gefährliche „vulkanische" Erdbeben wahrnehmen.
So droht mannigfache Gcsahr! Wenn die Katastrotchen nur nicht so plötzlich hereuibrächen! Und darum wird stille Furcht stets rn den Gemütern derjenigen wohnen, die ihre Zelte in den Gebieten der Erdbebenherde ausgeschlagen haben.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissenschaft. In Bad Aihling m Oberbayern ist der LandßhaskA- maler Johann Sperl im Mer von 73 J<chren gcstortzan.


