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Zweiter Blatt
Erscheint täglich mit NuZnahme des Sonntags.
Die „Elches« Kamillesblötter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, daS „ttreirblott fSe de» Kreis Stehen" zweimal wöchemlich. Die „randwirtschaftlichen Zeft- fragen" erschemen monatlich zweimal.
*64. Zahrgang
ietzener Anzei
General-Anzeigrr für Sberheffen
Montag, !Z. Zun! 1411
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersitcuS - Buch- und Stciudruckerei,
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Cchul- ftraae 7. Expedition und Verlag: esg51. Redaktion: e^KII2.Tel.-Adr.:Anzc,gerGießen.
Die Revision der Grd.nsgefetzgcbung in Hessen.
Die neuen Beschlüsse des Ansschuffes.
.. eb. Darmstadt, 14. Juni. Zu dem Gesetzeiftwnrs, betr. «e Revision der Ordcnsgesetzgebung hat der Be« rrchterltottcr des Gcfttzgcbnngsausschuffes, Abg. Reh. einen neuen Alisscl>ußbcricht erscheinen lassen, in welchem über die neuerlichen Beratungen des Ausschusses betrcsfs der bei her Plenarberaiung geitcilten Abänderungsanträge aussührlich berichtet wird. Ter Ausschich hat, wie schon kurz mitgetcrlt, die ülbänderungsantröge Kvrcll-Jngel,)eim in Gcgcnwan der Regierung beraten und sic größtenteils abgrlchnt. Zu Art. 1, Pos. 1. der die Abänderungen für den Unterrichtsorden enthält, hatte Abg. .«prell beantragt, an Stelle der Worte „als es das Bcdürsins der dermalen vorhandenen lAnsialten erfordert", zu sagen „bis zu der Höhe des Bestandes am 1. April 1914". Weiter sollten die betr. Anstalten mindestens das ^gleiche Schulgeld erheben wie die örtlichen höheren Schulen des Staates oder der Gemeinde, und die aus früherer Zeit herrührendeu Privotmädchenschulcn in Alzen, Birkenau mch Neustadt i. 0. vom 1 April 1915 ab neue Schifte- rinnen nichts mehr aufnehmeu. Diese Anträge hat der Ausschuß mit allen Sttmmcn bei einer Siimmenthaltung abgclchnt, da- gegm «men Antrag Tr. Stephan angenommen, worin bestimmt wird, daß, den drei letztgenannten Schulen gestattet ist, „in ihre dermalen vorhandenen Anstalten neue Mitglieder aus- zunehmen, wcmi das Bedürfnis hierzu nachgewiesen ist". Wie der, Referent mitteilt', hat in den fünf Instituten der Englischen Fräulein in Darmstudt, Bensl>'im, Bingen, Mainz und Worms seit 1874 nur eine ganz unbedeutende Zunahme von Lehrschwestern stattgesunden: ihre Zahl ist von 41 aus 50 gestiegen und zwar in Darmstadt und Bingen von 4 auf 8, in Worms von 5 aus 7, während sie in Mainz, wo noch 27 Dienstschwestcrii beschäftigt sind, vom, 19 aus 18 zurückging. Zu Art. 1, Boi. 2 , betr. die Krankcnpflegevrden, hatte Abg. Kvrell ebenfalls verschiedene Abänderungsauttäge gestellt, die vom Ausschuß abgelehnt wurden, während er zwei Anträge Dr. Stephan hierzu an- natzm. Der Ausschuß ändert 'daruach den Art. 1 Pos, 2 dahin, daß die Pflege und „in den dazu geeigneten Fällen a u ch" die Leitung in Waisenanstalten, Armen- und Pfründner- Häusern, Retnrngsanstalten „Heimen" usw. vom Ministerium als Nebenlävigkeit gestattet werden kann. Weiter beschloß der Ausschuß folgenden Zusatz:
„Den männlichen religiösen Orden und vrdcnsähnlichcn Kon« gregatwnc», welche sich ausschließlich der Krankenpflege widmen, kann von dem Ministerium des Innern die Leitung von Heimen und Hospizen sür Arbeiter, Gesellen oder Lehrlinge gestattet werden."
. Zu Art. 1, Pos. 3, der sich ntit den S e e l s o r g c o r b e n beschäftigt, hat der Ausschuß die vom Abg, Korcll-Jngelheim gestellten Anttäge, wonach die Genehmigung durch das Ministerium „mit Zustimmung der Landstände" erfolgen solite, abgelchnt, dagegen die Anträge Dr, Stephan, wonach die Errichtung neuer Niederlaisungen einen „zweiten" (anstatt anderen) Orden „in Bens- Heim und Ofscnbach" bezw, „in Mainz, Bensheim und Osfenbach" gestattet sein soll, angenommen. Endlich wurde der Antrag Korell -pls Stteichung des Abs. 4 einstimmig angenommen Der Aus- ,chußberichterstatter bemerft zu diesen Abänderungen: Die in Pos. 3 vorgeschlagenen Abänderungen haben in protestantischen Dreisen ganz besondere Beunruhigung hervorgerufen. Man ist dort der Auffassung, daß nunmehr Hessen mit neuen Ordensnicderlassungen überschwemmt würde: daß
schließlich auch der Jesuftenordeu oder ihm verwandte Orden einmal zugelassen werden konnten und befürchten hieraus eine nicht zu unterschätzende Gefahr sür den religiösen Frieden. Der Ausschuß und die Regierung halten btejfe Bedenken für nicht gerechtfertigt. Die Regierung insbesondere bewitt, daß sie berufen und auch stets bestrebt gewesen sei, den religiösen Frieden zu erhallen und daß dies auch vornehmlich der Zweck dieser Vorlage sei: sie werde selbstredend an den gesetzlichen Voraussetzungen für die Mitglieder- und Niederlassung-Vermehrung und ganz besonders sür die Zulassung eines zweiten scclsorgerischen Ordens sesthiilten und deren Erfüllung streng übcrwack>cn, denn Artikel 4 des Gesetzes, weschcr die Staatsaufsicht über alle diese Nie - Idcrlassuugcn begründet, bleibe ja nach wie vor geltendes Recht: liefe Staatsaufsicht bilde auch eine nicht zu uuterschätzeude Echutzwehr gegen alle Ucbergrisfe und Versuche, die eine Störung des konscssioncllen Friedens herbeiführen könnten.
Ter Ausschuß billigte diesen Standpunkt durchaus und es wurde insbesondere hinsichtlich des Jesuitenordens und ihm verwandter Orden als übereinstimmend« Ansicht der Regierung und des Ausschusses folgendes sestgelegt: _
„Als Orden, die sich ausschließlich der Aushllse in der Seelsorge widmen, kommen die Orden der Kapuziner, Dominikaner, Franziskaner, Benediktiner und Oblaien in Betracht. A u s g e » schlosseII sind der Jesuitenorden und die ihm nach dem Ncichsgesctz, betr. den Orden der Gesellschaft Jesu, vom 4. Juli 1872 und Bundesralsbcschluß vom 20. Mai 1873 verwandten Orden. Jiisolange dieses ReichSgesctz besteht, sind der Jesuiten- uttb ihm verwandte Orden schon sür das Reichsgebiet, also auch sür Hessen ausgeschlossen. Würde aber das Rcichsgcsctz ausgehoben werden, daun tritt sür Hessen Art. 1 des Gesetzes vom 23. «lpril 1875, die religiösen Orden beirefsend, in Kraft, wonach neue Niederlassungen verboten sind. Wollte also die Regierung den Jesuiten- oder einem ihm verwandten Orden zulassen, so könnte dies nach der heutigen Rechtslage nur im Wege der Gesetzgebung möglich sein. — Um alle Zweifel bei einer Auslegung der Bestimmungen in Pos. 3 auszuschlicßen, wird vorstehende Feststellung in diesem Bericht uiedcrgelegt,"
Der Ausschußberichterstattcr bemerkt hierzu, daß der Jesuitenorden schon deshalb nicht in Betracht kommen könnte, weil der Ent- wurs 'nur von solchen Orden redet, die sich ausschließlich der Krankenpflege oder ausschließlich der Aushilfe in der Seelsorge widme», und der Jesuitenorden als Orden mit verschiedenen Ausgaben, insbesondere auch als Lehrorden, zu diesen Orden nicht ge« hört. Zudem kann nach dem Entwurf unrein weiterer Orden zu- gelasscn werden, mit dessen Zulassung die Zulassung jedes weiteren Ordens ausgeschlossen ist.
Aus dem preuhischen Abgeordnetenhaus.
Berlin, 13. Juni.
An der Spitze der heutigen Tagesordnung stand der Vertagungsantrag des Ministeriums, in dem der Landtag um die Zn- slimmung zur Vertagung vom 16. Juni bis zum 10. November ersucht wird. Eine Anzahl Ausschüsse werden ermächttgt, ihre Arbeiten während der Vertagung sortzusctzcn. Der Antrag wird angenommen Dann wurde die Genehmigung erteftt zur strafrechtlichen Ver- solqung des Abg. Hammer wegen Beleidigung. Herr Hammer hatte selbst den Wunsch geäußert, daß da» Verfahren ftaitsindc. Tic Smialdemokraten hatten besonders dagegen ausbegehrt, da sie glaubten, es solle ein Präzedenzsall geschaffen werden sür den gleich daraus zur Erörterung kommenden sozialdemokratischen, von den Fortschrittlern unterstützten Antrag, daß ein vor dem Ehrengerichts- boi der Rechtsanwaltschaft zu Leipzig gegen den Abg, Dr. L i e b - knecht schwebendes Diszivlinarvcrsahren für die Dauer der gegcn- württaen Session eingestellt wird. Der Abg. Schisfti-Magdeburg Natl > erllärte, daß seine Partei einer lleberweftung des Antrages «r den Geschäftsorduuugsauslchuß zustimmen werde, ober unter der
Voraussetzung,^ daß der GeschältsordnungsauSschuß sofort zu- sammentritt. In diesem Tirnie beschloß das Haus nach längerer Aussprache trotz des Widersttebcns der Fortschrittler und Sozialdemokraten, die sosorttge Versagung der Genehmigung forderten.
Tann ging es weiter in der Beratung des Fidcikommiß- gesetzes. Me gestrige Verhandlung schien das Interesse des Hauses ziemlich erschöpft zu haben, denn cs waren nur wenige Abgeordnete, die die Zuhörerschaft bildeten.
Nach Annahme eines Schlnßantragcs ersucht der Abg. von Ü c p d e b r a » d um Zurückziehung des Zcntrumsantrags, der die Berücksichtigung des bäuerlichen Besitzes in dem Fidcikommißgesctz verlangt. Der Antrag wird daraufhin zwar zurückgezogen, der Abg, v e r o l d (Zentr.) laßt aber keinen Zweifel darüber, daß das Zentrum dem Gesetz nicht zusttmmen würde, wenn die von ihm gewünschten Bestimmungen nicht eingeiügt würden. Me Vorlage wurde daun einem Ausschuß von 28 Mitgliedern überwiesen. Der Präsident beraumt hieraus die nächste Sitzung aus Dienstag an, lediglich damit der Fall Liebknecht noch erledigt werden kann. Das Haus Ivar damit einverstanden, wenn es aber geglaubt hat, sich durch dieses Entgegenkommen den Dunk der „Genossen" zu verdienen, |l> sah es sich darin alsbald getauscht. Denn Herr Mols Dossmann beantragte, am Montag und Dienstag noch die W a h l - r e ch t s s r a g e zu erörtern, andernfalls mache man sich einer Pro-' vokation des Volkes schuldig. Es wurde ihm entschieden erwidert: auch der fortschrittliche Abg. Lippmann-Stettin rückte deutlich ab von Herrn Hossmann und wollte mit dem sozialdemokratischen Antrag nichts gemein haben. i
Am Dienstag wird sich der Landtag, wie bereits erwähnt, auf den Spätherbst vertagen.
politische Tagesscha«.
Ukbcr die Aussichten einer neuen Einkommensteueinovelle in Preußen
gehen Nachrichten durch die Presse, die, wie man uns an zuständiger Stelle mitteilt, geeignet sind, Mißdeutungen entstehen zu lassen. Wie schon J-inanzmrnister Dr. Lenye im Landtag wiederholt erklärt Hot. läßt es sich nicht übersehen, wann eine neue Steuernovelle vorgelegt werden kann, es ist aber nicht die Absicht der Regierung, eine Novelle überhaupt nicht mehr vorzulegen. Der Gedanke, eine Neuordnung der Einkommensteuer vorzunchmen, ist nicht begraben. Die provisorische Neuordnung durch den Landtag ist viel zu sehr Vcrlegenheitsarbeit gewesen, als daß dieser Zustand auf ewige Zeiten beibchalten werden konnte. Die jetzige Art der Erhebung von Steuerzuschlägen und die Art der Stassclung lassen eine Neuordnung der Steuer als erwünscht erscheinen. Diese Neuordnung wird kommen, sowie sich übersehen läßt, wie die Wehrbeitragsefnschätzuna auf die preußischen Steuern in der Zukunft wirken wird und wie starke Verluste die Neuordnung der Reichsfinanzgesetze Preußen auserlegen wird. Bei einer Neuordnung der Einkommensteuer in Preußen müssen allerdings die jetzigen Erträge garantiert bleiben und etwaige Ausfälle aus der Zuwachssteuer usw., der Rückgang der Gebührenernnahmen müssen ausgeglichen werden. Die Finanzverwaltung legt keinen Wert auf die Erhebung von Steuerzuschlägen, sie legt aber den größten Wert daraus, daß ihr die 60 Millionen, die die Steuer- Zuschläge bringen, erhalten bleiben. Wan kann Steucrzu- schläge überhaupt entbehren, wenn eine neue Staffelung in der Einkommensteuer, die nebenbei auch bestehende Härten ansglcicht, so herbeigcführt wird, daß die jetzigen Erträgnisse garanttert werden. Die kommende Novelle wird eine neue Staffelung ohne Zuschläge Vorschlägen, die den Zweck verfolgt, bei Einftihrung lleinerer Stufen unter Wegfall aller Zuschläge die alten Erträge zu garantieren. Ob mit dieser Absicht der Landtag einverstanden sein wird, ist eine andere Frage.
Ein konservatives Witzblatt.
Wir lesen in der freikonservativen „Postz':
Die Konservativen hatten ein Organ, das im Sinne ihrer Weltanschauung die Dinge sah und belächelte, bislang noch nicht. Nun tritt ein Unternehmen aus den Plan, das vielversprechend beginnt: „Der wahre Michel", hinter dem der neu gegründete Verlag „Witz und .Würde" in Berlin- Steglitz steht. In einer programmatischen Ansprache an die Leser heißt es:
Im ganzen Deutschen Reich, in der weiten germanischen Welt gab es kein Blatt, das dm ftechm Spottvögcln mft gleick»er Münze heimzahltc. Wir beschrchlkten uns anr den grimmigen Emst, und wir bedachten nicht, daß Lächerlichkeit viel schneller lötet: wenn uns das z. B. nicht Zabcm lchtt, dann sind wir unbelehrbar. Wir haben gelernt, liebe Michel-Gemeinde, und so leiben wir cs denn geschaffen, das einzige dmlschc Witzblatt, den .KLahrcn Michet", dm Michel der Renaissance, wie er sich machtvoll erhebt, die hergebrachte Zipfelmütze mit der Wehrmanns- mütze tauscht, die Augen blitzend, die Bmst gesttafft, mit der Eichenkmle zum vernichtenden Schlage ausholend. Wir lassen unsere Ideale: dm altm Gott, dm angestammten Herrscher, das ganze große Vaterland, unser echtes Volkstum nicht mehr lächerlich mackscn. „Simplizissimus", „Ulk", „Wahrer Jakob", >a neuerdings sogar eine ständige Montagskarikatur des .Lforwärts" wetteifern darin miteinander, und wir werden sic zu tteffen wissen: den geisemdm Ironiker, dm seichte» Witzbold, den gemeinm Zotenreißer, dm sein eigenes Nest beschmutzendm Spottvogel, Der Purpur der Majestät, des Königs Rock, des Priesters Tatar, des Richters Robe — feine Breßmcute mehr soll uns diese wür- digm Oftwandungen ungerügt in den Stoub ziehen, und die Herren der Meute, der Snob und der Mob, in ihren gelungcnstm Exemplaren schon an sich tolle Karikaturm, welch mächtigen Bor- wurs geben sie doch ab sür das deutsche Witzblatt, das wir mft deiner Hilse, liebe Michelgemcrndc, schaffen!
Es wird auf die Ausführung dieses Programmes ankommen, ob man das neue Blatt ernst nehmen oder vielmehr witzig nehmen kann.
Au» Hessen.
Ter sortschrittl. Abg. Henrich manbatsmnde.
Die neueste Nummer der.hessischen liberalen Wochen- schrist" veröffentlicht vom Abgeordneten Henrich folgendes Schreiben:
In der „Hess, Londesztg." befaßt sich eine Zuschrift aus ,hürgcrkrcisen" mit meiner Person im Zusammenhang mit meiner ,jMandatsmüdigkeft". 'Der Zweck des Artikels, mich in Gegensatz zur hessischen Fortschrittlichen Bolkspartei zu bringm, um letztere bei der Wählerschaft in ein falsches Licht zu setzen, ist zu durchsichtig, als daß ich mich durch die verhält-, uismäßig wohlwollmde Behandlung meiner parlammtarischm Tätigkeit täuschen lassen könnte. Dem politischen Gegner wird man ,a — Mil einem Seufzer der Erleichterung — gerne gerecht in dem Augenblick, in dem er von der Bftdslache verschwindet. Mim
cs auch richtig ist, daß ich den dringenden Wunsch habe, von der Wiederau sstcllung sür den Landtag verschont zu werden — ich bin überzeugt, »«eine Parteifreunde werden sich meinen Gründen nicht verschließen, wenn ick, sic ihnen mittcilc — so muß ich doch ganz bestimmt der Begrüichung widersprechen, die _in der Zeitschrift an die „Hess. Laudcszlg." angcdeutct wird. So entscksteden falsch die unausgesetzt wiederholte Behauptung unserer Gegner von rechts ist, die hessische Fortschrittliche Bolkspartei sei — im Gegensatz zur Fortsitnift- lichcu Bolkspartei im Reiche — eine besonders radikal gesinnte Abart oder doch in den öänben „radikaler Fülwcr", sie begün- Mgc mft Vorliebe die Sozialdemokratie, so hinfällig ist auch die Annahme, ich befände mich im Gegensatz zur Politik der Partei. Als Mitglied des LandesparteivorstandeS trage ich jln vollem Umfang die Verantwortung für die Maßnahmen der Par- teileftung mtb ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich in meiner lMigjährigcn politischen Tätigkeit auch nur ein einziges Mal in Konflikt mft meinem Siaatsdiencrcid gekommen wäre, aus den tu der Zuschrift hiligcwicsen wird. Wenn ich auch, wie es mein Wmisch ist, aus der partamentarischen Tätigkeit ans- schcidc (die — nebenbei bemerkt — niemals demjenigen zur Befriedigung gereichen kann, der feinen „Ehrgeiz" in der prakiisckien Arbeit sucht, so brauche ich tvohl nicht besonders zu versichern, daß ich der Fortschrittlick>en Bolkspartei in alter Treue verbunden bleibe, und sic in dein immer schtvicrigcr werdenden Kampfe um ihre Ideale und um ihre Existenz auch fernerhin nach Kräften unterstützen werde, aus der Ueberzeugung heraus, daß die gedeihliche Entwicklung unseres Vaterlandes nur durch eine entschieden liberale und soziale Politik gewährleistet werden kann.
Mitgliederversammlung der Hess. Handwerkskammer.
rb. D a t nt ft a b t, 13. Juni.
Die Hessische Handwerkskammer hielt heute vormittag im Sitzungssaal der Stadtverordneten ihre 19. Mitgliederversammlung ab. Gewerberat Falk-Mainz als Vorsitzender begrüßte die zahlreich erschienenen Vertreter und von der Regierung die Herren Ministerialrat S ch l i c p h a k c und .Obcrregicrungs- rat Grass: cr gedachte sodann mft höchst anerkennenden Worten des verstorbenen ersten Syndikus Engelbach, den die Versammlung durch Erheben von den Sitzen ehrte.
Ministerialrat Schliephake übermittelte die Grüße der Regierung und die besten Wünsche sür die Entwickelung des Handwerks und der Handwerkskammer. Msdann erstattete der stellvertretende Selretär Schüttler einen Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes und die Tätigkeit bei den Ausschüssen sür Getoerberecht und Unterrickstswescn des deutschen Handlvcrks- und Gewerbekammertages. Die zur Regelung des gewerblichen Lehrlingswescns beschlossenen Neuerungen hätten sich gut eingcsühtt, und auch die Leitsätze für die Gewerbe-7ltuftickits» beamten hätten sich gut bewährt. Der Redner bespricht die Mp Fürsorge für die heranwackpende Jugend getroffenen Maßnahmen. die Vermittlung von Lehrstellen imd die Verhüttirftse im Gesellen- und Meisterprüftmgswrsen, sowie die Revrsionsiättg- keit der Beauftragten, den Stand des Jnmmgswesens usw. Das Vorstandsmitglied >iotadtv. S a m c s gab einen kurzen Rechen- sckxijtSbevicht über das Etatsjahr 1913, sowie den Voranschlag siir 1915, die beide ohne Erörterung nach den schon bekannten Vorschlägen genehmigt werden. Im Anischluß darim erfolgte die Wahl des neue» Sekretärs. Einstimmig wurde der bisherige stellocr- ttetende Sekretär, Herr Schüttler, gewählt und mft chm em sechsjähriger Dicnstvertrag vereinbart. Vorstandsmitgilied L'au tz bevichtclc alsdann, daß sich sin abgelaufenen Jahre zehn neu« Innungen gebildet haben und ven'chiedcnc neue ttzefellenans- schüsse gegründet worden l'inb. Als besonderer Handwerkszweig mit einer vierjährigen Lehrzeit soll die Chemigraphie anerkannt werden und ebenso sollen die Eisenhoch- und Brückenbaukonstruktchn, sowie die Sektkellerei als besondere Handwerkszweigc mit einer iaeijälzrigen Lehrzeit festgesetzt werden. Weiter berickstetc das Bor- stani^mitglied Sames über die 1913 vorgelegien Initiativanträge, betr. die reichsgcsetzliche Regelung des Sub- .missionswesens. Ter vom Reichstag dafür eingesetzte Aus- I schuß hat darüber einen Bericht erstattet, der in der Vorlage eines umsassettden Gesctzcntwurss gipselt. Der Redner betonte dabei, daß bei Submissionen das ortseingesessene Handwerk mehr bcrückiichttgt werden müsse und die Schmutzkoukurrenz feine Austrägc von den Behörden mehr erhalten dürft. Zum Schluß besprach der Redner noch Fragen der Handwerker-Arbeitgeber und -Arbeitnehmer.
In der 2lussprache hierüber wies Mitglied S ch ä n t h a l - Maiirz auf mancherlei Verhältnisse in Mainz hin: man j)abe sich dort schon seit zwei Jahren vergeblich bemüht, besttmmte Sätze sür Vergütung des Stundenlohnes sestzulegen. Man sollte mit der Erfüllung berechtigter Wünsche nicht so lange warten, bis gleich ein Lohnausschsag von 50 und mehr Prozent eintreten müsse. Mitglied K a h l - Worms betont die Unlust vieler .Handwerker, einer Organisation anzugehören, die in der Tatsachse zu finden sei, daß dies« Organisationen von den Behörden oft nicht genügend respektiert würden. Ein Mitglied aus Butzbach beklag! die schädliche, Konkurrenz für das Handwerk durch die Zcllensirasanstalt Butzbach. Vor- standsmitglied S a m es - Darmstadt tritt sür eine möglichst strafft Organisation und angemessene Preisberechnungen bei den Submissionen ein. Baurat Wagner gibt Erläuterungen zu verschiedenen, vom den Vorrednern berührten Fragen. — An Stelle des Vorstandsmitglieds Klingelschmitt gibt Sames- Darmstadt noch einen längeren Bericht über die Tätigkeit der Submissionsstelle der Handwerkskammer, die ein neues Glied in dem Bestreben der Kammer zur Beseitigung der Mißständc >m Submissionsweftti bedeute. Ein Mitglied teilte im Anschluß daran mft, daß die Militaroerwal- tung in Mainz sür Schrankarbeiten einem Meister nur 31 Mk. zubilligte, während die Militärverwaltung in Breslau für dieselbe Arbeit 47 Mk. bezahlte. Bditglicd Schönthal meinte, es sollte bei größeren Vergebungen stets ein Probestück hergestellt werden, dann wüiden auch die Anschläge von vornherein richtiger gemacht werden können.
Sekretär Schüttler berichtete daraus über die Tätigkeit der Eliizichungsstelte. Sie habe sich auch in verflossenem Jah:c günstig weiter entioickelt. Diese Stellen verbreiteten >ich im ganzen Reich immer mehr und trugen viel dazu bei, dem Handwerker ftin wohlverdientes Geld zu retten. Zum Schluß berichtete Sekretär Schüttler noch über die Ausstellungen in den Städten Darmstadt, Gießen und Dresden und emvfahl möglichst zahlreichen Besuch. Ueberden Bes uchdcrDarm städterund der Gicßener Ausstellung soll vom Vorstand der Kammer noch nähere Mitteilung an die Mitglieder ergehen. — Damit war die Tagesordnung erledigt.
A«r Stadt und Lanv.
Gießen, 15. Juni 1914.
Der Kleinkinöerspiclplatz.
In den beiden letzten Jahrzehnten sind sift die Heranwachsende Jugend recht viele gesundheitliche Maßnahmen geschasfen worden, die ihre segensreichen Einwirkungen schon deutlich erkennen lassen. So z. B. die Verbesserung der Ernätzrungsweis« der Säugllnge, Einrichtung von Kripvcn. Säuglingsheimen und Mütterberaumgssixllcn, In das schulpjftchttge Aller greftt die


