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Der Sieszener Anzeiger
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Erstes Blatt
164. Jahrgang
Samstag, 2. Mai 191.4
GNMrrDWM
General-Anzeiger für Oberhessen
Rofafionsöruif nn6 Verlag i>er vrühl'schr» llnia.-vilch- lind Stein-riickerei N. Lanae. Redakkion. Erpkdition »nd vruckerei: Schulftrahe 7. An^igmleg:' H? Bei".
Ve;uq4preiS:
monatlich 75Pf., vierteljährlich Mk. 2.20: durch Abhole- tu Z,veig''tellen monatlich 6^ Pf.: durch diePostMk.L.—Vierteljahr!. ausschl. Bestellst. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfenuiq. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für beit polit. Teil: Auq. Goetz; für .Feuilleton", .Vev luischtes" und..Gerichtssaal": Karl SHeuratb; für „Stabt und Land":
Die heutige Nummer umfaßt 20 Seiten.
politische woehenschau.
Gießen, 2. Mai.
Dienstag wurde im preußischen Abgeordnetenhanc moth einmal der bekannte gefälschte V.aifcrbricf nn die Landgräsin von Homburg zur Sprache gebracht, und zlvar glaubte der Zeutrumoabgeorducte Tr. Porsch alle Schuld vom Zentrum abivälzcu zu können. Es ist ihm aber nicht gelungen, und loenn nun die Akten über diesen Fall ge schlossen werden, so darf noch einmal festgestellt werdeit, iiaß die führenden Zentrumsmänner zum mindesten schtrwre lUnterlasfungssündeu auf dein Gewissen haben. Tic Dar Ztellung des Herrn Porsch, die „Rheinisch-Westsäl. Ztg." iyabc zuerst von dem »aiserbriese Mitteilung gemacht und nach seinem Verbleib gefragt, ist nicht richtig, denn der Brief >var vorher schon in einem Trierer Zentrumsblatt und in der Münchener „Allgemeinen Rundschau" ermähnt worden. Der ZentrumSreduer erklärte, leider seien zwei Blätter seiner Partei der „Rhein -Wests. Ztg." „i u d i c Falle gegangen". Das klingt sehr merkwürdig. Wenn diese beiden Blätter, nämlich der „Aachener Volks freund" und die „Allgemeine Rundschau" des RnchStags abg. Tr. Jäger, n a ch der „Rhein.-Wests. Ztg." noch mehr zu wissen Vorgaben und eben die Fälschungen produzierten, io muß das doch etwas anders bezeichnet werden. Der „Aachener BoilSjreund" hat inzwischen dem Abg. Tr. Porsch folgendes entgegnet:
„Schon vor sechs Jahren Ixit der „B a » rifchc Kurie r" den Uaiserbrief erwähnt und am 10. Dezember 1912 hat der „Deutsche SoltiTttunb", ein badischer Zcu- trumsblatl, sogar einen Sah ans dem gefälschten Brief vcr- ösjentlicht. Ter vermeintliche Briesinhalt war bekannt: das setze abzuürcitc», in ein n » tz l o > c s B c g i » n c n. Als der „Bolkssrcniid" die Angrlegenl>eit zur Sprache brachte, frei man Von alten Seiten mit Kennermiene ans b n Türen: sogar ber u in st,r i t t e n e Satz ivurdc bestätigt: io im „Bäueri
schen Kurier" Rr. 8kl. int „Badischen Beobachter-" Nr. 82, in der „Augsburger Postzcitnng" Nr. 13ö und in der Korrespondenz Erzberger. Er handelt sich also nicht um deu ettoa isolierten „Bolkssrcniid" und NM die „Allgemeine Rundschau", tvic letzt die Tialekiik seststellcn möchlc."
Höct.snvahrschcinlich waren die Ausstrruuugeit, die auch der Kultusminister v. Trott zu Solz nochmals als „schlimmste BruunenVergiftung' bezcichnete, schon niündlich in Kleriker- kreise» im Umlauf, bevor in der Presse überhaupt etwas davon erschien. Wer sollte ein JnterMsc daran gesunden haben, jene Fälschung zu ersinnen? Du Anfang war es, das wollen wir den Zentrumskreiseik gerne zugute halten, vielleicht lediglich ein Mißverständnis. ES tvor ettvas von dem Kaiserlichen Briese durchgesickert (zunächst ab.'r doch wohl nicht zu vrotestnntischen Cljreii); man war vielleicht enttäuscht darüber gewesen, daß der Kaiser siih nicht dirett als ein Freund und Verehrer des Katholizisinus bezeichnet hatte. Man weiß ja, tvie Klatsch zu entstehen pflegt. Ta genaueres nicht zu erfahren war — tvir können es Tr. Porsch ruhig glauben, daß Kardinal Kopp den Brief nicht aus der Hand gab —wurde ge munkelt und gctuschett, und aus einmal entstand das Gerücht, der Kaiser habe sich ab- sättig über -den Katholizismus geäußert. T-as mag dann auch dem katholisch-theologischen Mitarbeiter der „Rhein.- Wests. Ztg." zu Ohren gekomineu sein. Ter Zentrumsabgeordnete Tr. Jäger selbst bestätigt diese Auffassung in
Das Variete von der anderen Seite.
Von Peter Panter.
In der »cucslcn Nummer der „Schaubühne" (Herausgeber Siegfried Jacobsohn, Berlin! entwirft Peter Panter, dessen kritikch-bumorvollc Petraä lungen sieb seit langem einer ganz besonderen Beachtung erfreuen dürse», das nachstehende Bild „Hinter den Kulissen eines große» Berliner Varietes".
Neulich haben wir im „Wintergarten" hinter die Knlisten geguckt. Eigentlich möchte man ja den Tinge» ganz aut den Grund leben, möchte dabei sein, wie aus den Probebühncn dcr Artißen die Nummern zustande kommen, möchte sehen, wer Ivcn wie engagiert — aber inan sah auch io sckwn einiges.
Tic Kehrseite dieses ersten uird einzigen Berliner Varietes stebt in geradezu groteskem Gegensatz zu deni, was sich da vorne absviclt. Es ist da hinten kein leichtes arbeiten: die Bühne ist nicht sehr tiei, und man muß mit den Reguiiitcn vor »nd zurück und wieder zurück und wi'der, vor. Aber das besorgen die paar Arbeiter in ichlurck:ciiden Filzvantinen sehr gut, und das Ganze klavvt wie geölt. Oben aut dem Schnürboden Himmeln ein vaar, und da hinten hat alles ein sehr gemächliches a.cmpo.
Tie Hanskapellc schmettert die Ouvertüre, ein Potpourri aus Oiscnbach, »nd während vorn der Cancan hüvst nno^das Publikum murmelt, stehe» hinter einer straften, grobe» «oil’ leinewand — so sicht der Vorhang von hinten aus - Ezzentrics mit roten Nasen und blaue» Backen und treten l>ch zum Zeitvertreib aus den Bäuchen herum. T-ann klingelt jemand sehr scharf, der Regisseur cim Smoking' geht langsam von der Bühne, sagt mit Schwung: „Auf!" — und die Arbeiter oben brebeu den Vorhang in die Höhe. Ter Kunstmaler eooderttrom und ich, tvir dürscn an den Bühncnausgnck des Feuerwehrmannes treten „Aoh! Zick würde Sw zeigen eine fleinc_HnnitHuef Und schon kugeln sie schreiend übereinander her. -sic tchwitzcn nnler der Schminke, nnü ihre Augen sind durchaus nicht so iröhltch wie ihr Gebrüll. Im übrigen batten wir gerade Karwoche, und die Rcgicrungsräte liefen herum und paßten aut, da» auch alle hübsch fromm seien, und daß niemand mehr lachte, als es in Gemäßheit Lucas 23, 46 angemessen war. Nun gut, das Programm war denn auch entiprechnmo traurig, und bis out ein ^vaar Ausnahmen mußte der Regisseur den Humor beltreuen a.aS tat er denn redlich. Man denke sich einen mävtg gronen Raum von allerhand Gerünivcl erfüllt: aber das Gerümpel^entpuvM ttch bei Ramveulich, als strahlende Rcanisitcn, und Stuhle, Tuche, Holikeulen, Parageienkisigc lind nach einem wohlerwogenen Plan ausgebant. Ans irgend einem Grunde ist das alles entsetzlich traurig: die aniaelpanntcil Rückwandprospekte, die gewöhnlich einen sccn- battcn Saal oder irgend eine romantische Landschalt darttellen, zeigen sich hier als trübes Segeltuch, auf dem in dicken schwarzen
einer Schlußerklärung, die er an die Presse versendet. Es heißt darin:
Ich habe bereits in Nr. 13 der „Allgemeinen Rundschau" erklärt, daß sch meine Micteilungen von de»! verstorbenen Tr. Ä r» n i m K auic n erhallen habe, der selbst durchaus vertrauenswürdig sich am einen ebenfalls vertrauenswürdigen Gewährsmann ft ü den zu sollen glaubte. Nach dem Tcmenli der „Norddeutschen Allgemcin-'n Zeitung" habe ich dann in Nr. 16 der „Allgemeine» Rundschau" vom 18. Avril frei willig erklärt, daß der Beweis für die Richligteil des Inhalts des KaiscrbrieseS von mir nicht geführt werden kann, »nd daß ich daher meine Angaben in dieser Pcziebuna nicht aufrecht halte. Ich habe auch schon in beut ersten Artikel IN Nr. 13 der „Allgemeinen Rundschau" vom 28. März bezwciselt, ob meine Angaben den richtigen Wortlaut enthielten. Taß bei dcrartig-n Mitteilungen leicht II ebertreib n n gen und Entstellung e» unterlaufen, war mir klar. Entscheidend war sür mich ber Umstand, daß Kardinal Kopv etwa von 1902 ab den Brief an sich genommen mrd bis zu seinem Tode verwahrt lnittr Tos mußte bei mir und vielen anderen den Eindruck macken, als lägen wichtige, innere sachliche Gründe zur Gehcini- haltnn^vor. Ich bin nun von der oben erwähnten ersten zuständigen Stelle auch über diesen Punkt aufgeklärt morde». Tie Zu- rüclhaltnng des Brieses durch best Kardinal geschah »ick! wegen des Inhalts des Briefes an sich, sondern ivril der Kardinal fürchtete, daß bei der Slimmung, die damals best^tid, durch Wcitcr- tragcn einiger Stellen des Brieses von Mund zunliimd mißbräuchliche Auslegungen und Umbentungen stattsinden könnten.
TnS ist die Hauptsache: nxirum haben die sührendeu Zentrumskreise, die. verpflichtet waren, der Sache nactz- zugehen und die es gewiß auch getan chaven, die Fälschung solange verbreiten lassen, ohne dagegen ein- zuschreite»? Sie lvaren im Besitz des Briefes: wenn sie ihn natürlich auch nicht veröfsentltchen konnten, so mußten sie doch öffentlich erklären, daß an den falschen Behauptungen nichts wahres sei! Tamil wäre dem Kaiser sür sein stetes Wohlwollen und Interesse dem Katholizismus gegenüber wahrlich besser gedient gewesen, als mit den nachirägUchen. gewundene» Eiitschnldigungen. Was Tr. Jäger über die Gründe der Zilrücknattung des Kardinals Kopp sagt, ist nicht stichhaltig. Wenn damals rund heraus, wie es heute ja verspätet geschieht, erklärt worden wäre, es sei an dem Briet nichts für tvie Katholiken verletzendes, wer hätte dann noch „mißbräuchlichft Auslegungen" und „Uindeiitnngen" sich gestatten können? Mau hat aber der amtlichen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" das erste Teinenti überlassen u»d dabei vielleicht aus neuen Stoff und Anlaß gewartet, das interessante und beliebte Thema weiter aiiszudehnen. Bei der Frage nach den Gründen, die für die behagliche Zuschauerrolle der Zeiltrumsspstze» maßgebend waren, ist man natürlich aus Vermutungen angewiesen. Aber ist dabei nicht in Betracht zu ziehen, daß die Hüter des Geheimnisses der sogenannten „Berliner" Richtung angehör'en? Dieser tvar es vermutlich gleichgültig, ob in Rom und anderswo wieder einmal Mißtraue» gegen das protestantische .Kaisertum ges-i.-t wurde. Undenkbar ist es jedeiisalts, daß protestantische oder nationale Streif# irgend ein Interesse daran gehabt hätten, dem Kaiser solche Unannehmlichkciteii zu bereiten. Doppelt befremdlich wirkt diese Bruuiieuvergistung und ihre Tul- dung bei der Tatsache, daß der Kaiser so häufig. Tieneim der tatholischeu Kirche sein besonderes Interesse und Wohlwollen bewiesen hat!
Während das Hauplereignis in der auswärtigen Politik, die nierikanische Berwicklung, durch eine Pause, einen Waffenstillstand und den Versuch einer Vermittlung, unterbrochen worden ist, während Graf Berchtotd nach der cr-
Buchstaben „Imprägniert" steht. Dahinter quält einer. TaS ist der Mann, der vorhin mit seiner (leinen Pupp: und seinem redenden Bauch nach Vorne gegangen ist. Sie sind beide tvachs- gelb geichminit, und »UN singen sie sich eins. Ab »nd zu lachen die Leute, und das Ganze tut einem sehr leid. Tie Arbeiter unterhalten sich ilüstcrnd, der Clown geht ernst in der Kniebeuge spaziere», niemand achtet au» ihn. Tic Sache draußen ist soweit gediehen, daß der Vorhang fallen kann und sich tvicder und wieder über dem däntenden Künstler hebt. Ich dachte mir immer: !N solchem Augenblick ist der Mann von der „Tlallwachc" sprungbereit am Ausguck, um genau abznschätzcn, wir oft man noch heben und senken dürfe.
Das Programm wickelte sich ab. Wir standen zwischen de» KnUn'en. Ab und zu lies uns jenrand eine Kulisse in den Leib, und wir spähten ausmcrksam durch alle Ritzen. Wir sahen die weitaus beste Nummer dieses Programms: ?lrgentina, eine famose Tänzerin, die sich mit einem süßlich bewußten Lächeln an dos Publikum scstsongtc, es nicht mehr sestsaugte, es nicht Mehr los ließ »nd mit den Castagnctten lockte »nd anstacheltc. Sie stampfte ans ihren kleinen seftcn Füßen an der Rampe entlang, durch die Erschütterung stieg der Staub doch, vermischte sich mit dem Zigarettenrauch und umhüllte alles mit einem seinen gelben Tunst. Tie Ülrgcntina schob die Schulterknochen aus eine unerhörte Weise zusammen, sic tvar nicht sehr stark dekolletiert, aber sic züngelte leicht »nd war nackter als nackt.
Tann sahen wir ei» Stück Programm von vorn. Tic TeSmond trat ans »nd ihr Tan, sagte ununterbrochen: „Seht einmal, wie wenig ich anhabc! Nur ei» weißes Höschen, einen Büstenbalter aus Stoff und einen leichten Gazeschleier, dttrch den ihr hindurchsehcn könnt. .Herrgott, was bin ich nackend!" Und als wir dieses zimperliche Genrebild übcrstandcn hatten, und noch ein paar mäßige Nummern dazu, gingen wir wieder nach hinten, um das Schönste zu sehen, was dieser „Wintcrgartcil" bieten kann: die Girls.
Born auf der Bühne sang Papagei Lora das schöne Lied von nnscrS alten Kaisers Lieblingsblume, und die Tränen liefen einem nur io herunter vor Lachen. „Wollen wir das noch mal singen?" hörte man den Dresseur fragen. Und sie sangen es noch mal. Aber dann kamen aus ihren Garderoben die zwölf Sunihinc Girls, und sie schwatzten und lachten leise, und es war wie in einem Vogelkäfig. Sic sahen alle aus wie dicke, kleine, gelbe Lustballons, und sie ichlcppten gleichmütig das sinnlose Zeug zusammen — diesmal waren cs^Golsschläger — womit sie nachher Wunder verrichten würden. Sic sletschtcn den Regisseur frcundlich^an, die Verständigung war mangclhast, man stand sich also gut. Tie waren einander völlig ähnlich: es war Blasvhcmie, die eine auf dem Stuhl heimlich für hübscher zu halten als die anderen. Und dann rauschte draußen,dcr eBciso linder Vorhang -ging ans lind wieder herunter, der Regisseur sagte: „SchllUluß!", und «an trug Lora heraus, der
freuliche» Begegnitiiii in ?Ibbazia in einem verständlichen Optimismus schtvelql, steht Frankreich, das Land der Senso tionen, wieder einmal vor einer innerpolitischen Llbrech- »ung. Tie Ergebnisse der Kammerwahlen liegen vor. Ta der Ausgang von 2öO Stichwahlen abzuwarten bleibt, lann über die Bedeutmig dieser Wahlen noch nichts Feststehendes gesagt werden. Tie Linke, von Caillanx bis zu Janrös, er- Uärt, gesiegt zu haben, die Rechte, Barthou-Briand, trium s hiert, wie aus den Pressestimlnen hervorgeht, ebenfalls. Bei der gegemvärtigen Berschwommenheit der Parieis-är- bungen in Frankreich nimmt dies nicht wunder: man tvird erst klar sehen, wenn das Ministerium in der neu gewählten Kammer wieder einmal vor eine Vertrauensfrage gestellt sein tvird. Soviel läßt sich annehnien, daß fiir die 2lufrechi- erhaltung der dreijährigen Dienstzeit eine große Mehrheit erreicht ivorden ist. Wie es aber mit der Tecknng der Kosten, besonders der Frage der Einkommensteuer, bestellt sein wird, ist vorläufig dunkel gevlieben. In Paris selbst ist ein Ruck nach rechts sestzustellen: Tie konservativen Stim- »ie» haben zugenommen, von den 24 (Gewählten sind 14 Anhänger der Rechten. Im nllgemeiiicn tvird verniritlich die neue Kammer nicht viel anders aiisfeheu wie die alte. Vielleicht wird die bevorstehende Resorm des Wahlreckfts später einmal wieder klarere Parteiverhältnisse fdjoffctt. Tie Anhänger der Verhältniswahl haben nackt den vor liegenden Meldungen bei den Wahlen gut abgeschnitteu.
Die Universität Zrai'ksurt im preußischen
ribycorSnetenhaus.
I in p r e u ß i s ch e n A bg e o rdn e t e n h a u s kam ain gestrigen Freitag bei der Weiterberatung des Knltusvor- anschlags auch die F r a n k s u r t e r Universitäts- frage zur Sprache, Hierzu liegen zwei Anträge Winck ler (Kons.) und Dr. Friedberg (Natl.) vor, die beide die Errichtung einer theologischen Fakultät an der Universität Frankfurt fordern, die bekanntlich eine Pribat- stistiliig ist. Ter Antrag Winckler will hierfür erforderiichen- falls Staatsmittel bereitfteilcu, während der Antrag Fried berg verlangt, iurß dies ohne Staatsmittel geschehen soll. Ter Kultusminister ist der Verwendung von Staatsmitteln nicht abgeneigt, es frage sich nur, sägte er hinzu, ob der Finauzmiuister solche bereitstellen kann. Der Vertreter von Frantsurt, der Abg. Leser (Volksp.), behandelte die Angelegenheit mit gutem Humor, er kam zu dem Ergebnis, daß der Staat, wenn er einer Stadt eine F-alnltät ausztviilgeii tvill, auch die Mittel dazu hergebeu solle. Tie beiden Anträge werden au den Audgetausschuß vertviesen. Bon besonderem Interesse waren die Llus- führungen des sreikonservativeu Marburger M-geordneteu Dr. B re d l. Er erklärte u. a.: Selbstverständlich stehe ich auf dem Standpunkte, daß zu einer richtigen Universität eine theologische Fakultät gehört, aber wir müssen doch hier die Frage auswerseu, ob es sich bei der Frankfurter Universität ivirklich um eine Universität handelt. In der staatswissenschastlicheii Fakultät werden z. B. Tinge g? lehrt, denen mau eigentlich einen Ivissenschastlicheu Charakter nicht mehr zusprechen kann. Es sollen hier Bvrlesungen über WarenkalklUation, kaufmännisches Rechnen usw. abgehalten werden. TaS kann man als Wissenschaft aber unter keinen Umständen bezeichnen. Ich glaube, daß in Franks,irt gar nicht das richtige Milieu sür eine evangelisch-theologische Fakultät vorhanden ist. und sür eine latholisch- theologische Fakultät liegt sicherlich kein Bedürfnis Vvr, nachdem wir eben erst in Münster eine neue Fakiiltät errichtet
noch der Bauch bibberte. Und dann stieß mich Söderström an das Guckloch, und aus einmal waren die zwöls cuqlischen Sonnenschein» Mädchen ans der Bühne und standen in zierlichen Gruppen umher. Und dann trieb das Orchester sic an, „nd sie trieben das Orchester an, und sic schlkuderten ihre GolsschläIer und ihre Rackcts in die Lust Itznd dann, ja dann sangen sie. Sie sangen mit ihren kleinen Vogelstimmen ein dummes Lied, der Rcslektor überschüttete sie mit gelbem und weißem Licht, und ihre Augen waren vupve.nhast starr und sahen aus wie kugeliges Glas. Die taten nackt allerhand, dei Puder stäubte, und die Gesichter, die mitunter geschminkt und bewegungslos vor unfern Gucklöchern standen, waren bester Toulouse Lautrer. Und schließlich sormierten sic sich in eine einzige Reihe, die wir gerade herunter scheu konnten, und dann stürmten sie vor. so daß wir dachten, sie würden ins Orchester sollen, aber ein Trommelwirbel kommandierte ihnen Halt, und da standen sic nun in ihrer schmachtenden Schlußpose: kaltig, geschminkt, gevudert, bunt, slirrcnd, ein anbctungslvürdiges Stück Unnatur.
Große Berliner tt»nst<nlsstellung
Aus Berlin wird uns geschrieben: Am Freitag hat d>e große Knnstscha» am Lehrter Bahnhof ihre Psorcen geössnet. Ter Zahl der ausgestellten Werke »ach ist sie eher beträchtlich.-r als ihre Vorgänger: die manniasaltigcn Interessen, denen sic zu dienen hat. lassen eben eine Pcrmindcrung ihres UmjaiigS nicht zu, und es iß daher müßig, immer wieder dieselben Klagen zu erhebe». Wichtiger ist, daß man durch die Anordnung und Zu- sammensassung Don_ Gruvven die Uebertichtlichkcit zu erhöhen versucht Hai und daß der Ballast des völlig Unzulänglichen vermindert worden ist. Man hat die TchrcckenSkammern an der Pcrivheric mit Glück vermieden: überall iindct nian zwischen Beianglosent loicdcr ein Werk, das interessiert, und wenn ein Saal wie der dcr^ Münchener Künstlergenosienschast ganz aus- sällt, io liegt die Schuld an den Malern, die iich hier zusammen- sanden. Das allgemeine Niveau hält sich ans achtbarer Höhe, ohne Ucbcrraschungen zu bieten: die ?Naler, die man seit langem kennt, ein Kall morgen. Bracht, Lang Hammer, Loo- schcn, Tchnltc im Hof (mit einem Bildnis des Rcichskan;» lers', Bürger, Sandrock, Engel, Tettmann, Uth, Wildhagcn, A artig, Wendel und viele andere kommen io wieder wie man sie kennt: aus der alten Sezession ist nun auch Martin Brandenburg mit neuen Varianten seiner Mär- chenstosse heimqckehrt, und ebenso begegnet man mit einiger Uebcrraschnng Ludwig von Hosmann.
Als Auftakt Hai man eine „K u n st h i st o r i s ch e Abteilung" gegeben, deren Thema „Berliner Klinst der Zeit Wilhelms I." lautet. Leicht cinzusehcn sind die Gründe dieser Wahl nicht, obwoh! manch feineres Stück, io von Menzel, St cf-


