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Nr. 88

Der Sleheuer Anzeiger

erscheint täglich, anher Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich öiehenerZomilirnblätter: zweimal wüchentl.Xreir: dUM für den Kreis ©iefjtn (Dienstag nnd Freitag); zn'eiinal monatl. LanL- wirtschaftliche Zeitfragen »lernsprech - Anschlüsse: iur die Redaktion 112. Verlag u. Expedition 51 Rdreffe für Depeschen: Anzeiger Ziehen. Annahme von Anzeigen (nr die TaqeSnummer bis vormittags 9 Uhr.

Erster Blatt

(64. Jahrgang

Donnerstag, (6. April (9(4

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationrtznxk und Verlag der vrühl'schcn Univ.-Vuch- und Steiudruckerci R. Lange. Redattion, Expedition »nd Druckerei: Zchulstrahc 7. n " rl 8e' bt ' f " 1 fn

VcziigSvrci»:

monatlich 75Pi.,»r-rlel- jährlich Alk. 2.20: l'arch Abhole- u. Zweigf^lleir monatlich 65 Pf.: durch diePost Mk.2.viertel- jährl. auSschl. Bestellq. ZeilenvreiS: lokal 15Pi., auswärts 20 Pfennig. Ehefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den volit. Teil: Ang. Goeg: für .Feuilleton", .Ber- unjchtes^ uud^Genchts- jnal": Karl Neurach; für »Stadt und Land-

Anzeigenteil: H. Beck.

Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.

wilsonr Zühnekrieg.

Huerta, immer noch Präsident der Republik Mexiko, soll keine Ueberraschunp und keine Besorgnis gezeigt haben, als *r rem der Mobilisierung der nordomcr,konischen Echlacht-- slotte hörte. Er denkt sich wohl, daß die Besetzung von Tam­pico mich di« Blockierung einiger anderer Häsen noch lange nicht die Eroberung des Landes bedeutet, daß man mit 15000 Mann Landungstruppen nicht viel erreichen kann und ) hie Bereinigten Staaten von Nordamerika auch jetzt ,eicht an eine Besitzergreifung Mexikos denken, das ihnen mrt seinen 14 Millionen farbiger (und unangenehmer) Mit­bürger sehr unverdaulich erscheint. Wer irgend eine »er* änderung des politischen Zustandes >vird bei Wilsons Sühne» krieg zweifellos herausspringcn. Vielleicht eineKubani- sicrung" des Landes, d. h. die Schassung eines Gegenseitig» keitsvertrages mit Vorzugs,Zöllen, oder eine Schutzherrschaft, die eine Sicherstellung gegen Freundschaft mit Japan be­wirkt, oder die Schassung einer mexikanischen Nordsüdbahn zur Verbindung von Texas mit Panama

Aber alle diese Pläne sind rein amerikanische Sorgen. Uns im Deutschen Reiche interessieren diesmal nur wieder die deutschen Werte in Mexiko, ihre Aufrechterhaltung und Sicherung, und es ist erfreulich, daß jetzt rasch uud prompt der deutsche Kre uz erDrcs den" zum Schutze der pieichsangchorigen nach Tampico beordert wurde. Man hat feit Woche» und Monaten so viel Trostloses und Entsetz­liches aus dem unglückseligen Lande der ständigen Revolu­tion gehört, daß der Zweifel nicht unberechtigt erscheint, ob es in.Mexiko zurzeit überhaupt noch deutsches Blut und Eigentum zu schützen gibt. Glücklicherweise darf man diesen Ztvciscl zerstreuen. In Mexiko besinden sich zurzeit n o ch etwa 300 0 Deutsche, mit Familien ungefähr 5000 Köpfe. Es ist der zehnte Teil aller in Mexiko lebenden Aus­länder. Eine beträchtliche Anzahl deutscher kaufmännischer Angestellter hat unter dem Druck der Unruhen und der Han» dclsdepression das Land verlassen. Unter der Stockung des Wirtschaftslebens, die teilweise bis zum Niederbruch sührte, baden eben leider auch die Deutschen schwer zu leiden gehabt. In der H a u p t st a d t M c x i k o selbst werden sich wohl noch 1000 unserer Landsleute befinden, von ihnen sind ein Drittel Frauen. Die Deutschen, die in Mexiko tätig sind, tvirken teils im Plantagenbau, am meisten aber in offenen Handels­geschäften, in der Eisen- und Kurzwarenbranche, im Drogrn- und Eheniikaliengesckßist, in Galonterietvaren-, Papier­waren-, Musikalien-, Uhren- und Möbellädcn. Wichtige wirt- schaftliche Posten versehen sie in der Elektrizitätsindnstrie und im Brauivcsen. Es sind meist nicht gerade Großkauf- lcute, aber Mitbürger von gutem Wohlstand, die in der ge­samten Bevölkerung tvegen ihrer geschäftlichen Zuverlässig­keit und der soliden Qualität ihrer Waren großes Ansehen genießen. Das größte offene Geschäftshaus der Hauptstadt ist von einem Deutschen gegründet und geleitet (Roberto Boecker u. Co.). Auch in den anderen Städten Mexikos be­herrschen deutsche Firmen den offenen Handel, z. B. in Vcra- cruz sechs, in Pucbla drei, in Guadalajara zehn Firmen. Bedeutende deutsche Geschäfte haben sich gehalten in Laxaca, Mazatlan, Guarrajuato, Durango, Chihuahua, El Paso. Tie großen deutschen Brauereien in Monterey, Toluca und Qri- zaba haben ihre Betriebe nicht eingestellt. Rur den Farmern ini Süden und Westscn des Landes ist eS mehrfach recht schlecht gegangen. Die deutschen Bankhäuser blieben im all­gemeinen gut gesicherte st« gingen sehr umsichtig vor und stießen alles Unsichere ab, bsicbcn aber genötigt, alles bar

einlausende Geld für kritische Momente zusammenzuhalten. In weit schlechterer Lage, so versichert ein vorzüglich unter­richteter Mexikvdeutscher, sind die französischen Häuser, die stark mit Bankkrediten gearbeitet haben.

Daß die Opfer an deutschem Gut und Blut tvnhrcnd der letzten Mexikowirrcn nicht größer waren, wird vor allein der Tüchtigkeit des derzeitigen deutschen ttzesandten bei der Republik Mexiko, Herrn v. Hintze, zugeschrieben, der immer wieder seine eigene Persönlichkeit zum Schutze seiner Landsleute eingesetzt hat. In den Tagen des tvildesten Straßenkampfes in Mexikos Hauptstadt hotte er die gefähr­deten Angehörigen der dortigen de»tsck>en Kolonie persön­lich einzeln aus ihren Häuser» heraus »nd sührte sic durch die von Fliutenkugeln und Kartätschen durchfegtcn Straßen hinter die sicheren Mauern der deutschen Gesandtschaft. Ebenso wurde durch die Entschlossenheit des Herrn von Hintze die deutsche Bevölkerung des TerritoriSmus Tepic in letzter Stunde aus dem Seewege über den Hafen San Blas vor der Massakrierung gerettet. Von diesen, man darf wohl sagen Heldentaten, wurde bisher iveit weniger Wesens gemacht als seinerzeit von einigen bureaukratischcn Ver­zögerungen in der Cavadongo-Ängclegcnhcit. Die reichen Entwicklungsmöglichkciten des Deutschtums in Mexiko sind durch die politischen Wirrungen zwar gehemmt, aber nicht vernichtet worden. Sache unserer Regierung ist es, in Wa­shington daraus zu dringen, daß nach der Aktion der Nord- amcrikaner das Ansehen des deutschen Namens in Mexiko und das Verständnis für deutsche Äülturlcistung von neuem besördert und befestigt wird.

Eine amtliche Erklärung aus Washington.

Washington, 15. April. Tic Regierung hat eine amtliche Erklärung erlassen, in der sie den Uebergrisf gegen die amerikanischen Matrosen in Tampico, die Zurück­haltung von Depeschen und anderes mehr aufzählt. Die Re­gierung gibt der Ansicht Ausdruck, daß die mexikanische Re­gierung, wenn ihr die ernste Wirkung der sich häufenden Zwischenfälle deutlich gemacht werde, einsehen würde, daß cs schicklich und notwendig sei, solche Beweise von ihrem Wunsche, diese Vorfälle zu mißbilligen und wieder gut zu machen, zu geben, die nicht nur die Vereinigten Staaten be­friedigen, sondern auch der übrigen Welt zeigen würden, daß sic ihre Haltung völlig änderte. Die de facto bestehende Regierung in Mexiko könne nichts von ihrer Würde ver­lieren, ivenn sie die Forderungen einer großen souveränen Regierung bezüglich der angcfiihrten Tatsachen anerkenne.

Washington, 15. April. Präsident Wilson erklärte Mitgliedern des Kongresses, falls Huerta der amerikauischeu Forderung nicht nachkäme, der erste Schritt der amerikani­schen Regierung die Besitzergreifung Tampicos und B c r a c r u j sei. Amtlich wirtz erklärt, daß zu de» Gründen für die Entsendung der amerikanischen Flotte auch die Tatsache zu rechnen sei, daß die Depeschen an den ameri­kanischen Geschäftsträger in Mexiko von den Mexikanern ausgefangen wurden.

Denn die gesamte Flotte in Tampico eingctroffen ist, wird sic aus ll der modernsten Schlachtschiffe bestehen. Tos Landungskorps aus den Besatzungen des Geschwaders wird 15 000 Mann stark sein.

Die letzte» Gefechte.

Iuarcz, 15. April, Nach hier eingegangcncn Meldungen hat General Villa nach einer neuniägtgen Schlacht die Regierunas­truppen bei S a n P c d r o im Norden von Torrcon geschlagen. Tic Verluste aus beiden Seiten werden auf 3000 Mann geschätzt.

Jnarez, 15. April. Nach einem Bericht des Gene­rals Villa hatten die Rebellen in der Schlacht bei San

Pedro 500 Vcrlvundcte und niachten 700 Gefangene Die Bundestruppen zündeten einen großen Teil der Stadt an, che sic sie räumten. Eine 1 ,'itcre Meldung besagt, daß von den Dundcstruppcn 3500 Mann getötet, verwun­det oder gefangen genommen worden seien.

TicTimes" melden aus Mexiko vom 11. d. Mts.: Die Rebellen lmben sich von Tampico zurückgezogen und ine Eiienbabn hinter sich zerstört. Weitere Angriffe werden erwartet. Brililchcs Eigentirm hat keinen ernsten Schaden erfahren.

Vas veratlingsmaterial -es Reichstags.

Angesichts der Frage, ob der Reichstag vor Pfingsten vertagt oder geschlossen iverdcn soll, ist es von Interesse, einen Rückblick aus die noch unerledigten Arbeiten des Reichstags zu werseu. Von Vor Io gen sind noch zu er­ledigen: der Voranschlag für 1011, der Entwurf über den Verkehr mit Leuchtöl, das Spionagegesetz, die Novelle zur Gebührenordnung für Zeugen und Sachverständige, der Ent­wurf über Errichtung eines KolonialgerichlShoscS, der Ent­wurf über die Wiederaufnahme eines Disziplinarverfahrens, die Novelle zur Gewerbeordnung über Wanderlager, das Sonntagsruhegcsetz, die Novelle zum Mllikärstrafgesetzbuch, der Enktvurf über das Erbrecht des Staates, Gis Jngend- gcrichtsgesetz, das .Konkurrenzklauselgesetz, die Besoldungs­novelle; all« diese Entwürfe lind von Ausschüssen beraten; sie enthalten fast alle KonfliktSstosf, da die Negierung die Ausschußbeschlüssc nicht annehmen ivill.

Ferner sind noch zu beraten und zwar in erster Lesung vom Plenum: das Luftvcrkehrsgcsctz, der Entwurs zur Be- kämpsuug der Schundliteratur, die Novelle zur Gewerbe­ordnung über Gastwirtschaften uud Kinos, der Entwurf über Ausnahme einer Getrcidestatisftk, der Entwurf über die Post- dampsschifssverbindungen mit überseeischen Ländern, der Vertrag zum Schutze des menschlichen Lebens aus See, einige lleiuere Vorlagen. Dazu komnit Anfang Mai noch der Ent- ivurf über die Altpensionäre und das Rennwcttgesetz. Dil meisten Anträge sind auch noch unerledigt, ihre Zahl be­trägt gegen 120.

Allein die noch unerledigten Vorlagen belaufen sich ans 30, von diesen sind 12 von den Ausschüssen so umge­staltet, daß die Regierung sic in der vorliegenden Fassung nicht annchmen wird, von den ncnvorgelcgtc» Entwürfen sind zwei nicht nach dein Wunsche der Reichstagsmehrheit, ihre Annahme ist also auch gefährdet.

Ende April ivird die Regierung dem Reichstage Mit­teilung machen, welche Vorlagen sic bis Pfingsten erledigt wissen lnsill, in der .Hauptsache sind es die BesoldungSiiovellc, das Altpensionärgesetz, das KolonialgcrichtSgesetz, das Spio- nagegejctz, das Sonntagsruhegesetz, das Konkurrenzllausel- gcsetz, das Postdampfergcsetz und der Vertrag zuni Schutze des menschlichen Lebens auf See. Cb der Reichstag vertagt oder geschloffen ivird, hängt vom guten Willen des Reichs­tags ab. Tic Aussichten, die übrigen Vorlagen im Herbst im Einvernehmen mit der Regierung zu verabschieden, sind sehr gering.

Deutsche» Seid».

Der Reichskanzler ist am Mittwoch nachmittag 2 Uhr in Brindisi aitgekommcn »nd an Boro des kleinen KreuzersBreslau" nach K o r s u wcilcrgereist. Der Reichs- lanzlcr ist um 8.20 Uhr in K o r s u cingelrofscn und von den Gesandten v. Trenller und Gras Qnadt empfangen worden. Er begab sich nach dem Achillcion.

Der E n t w tt r s, b c t r. st a t i st i s ch e A n s II a h NI c n der Vorräte von Getreide und Erzeugnissen der Ge­treide m ü t l e r e i, der dem Reichstage vorlicgt, gibt dem Bun­desrate die Ermächtigung, statistische Ausnahmen der Vorräte von

vom neuen Surgtheater-vireltor.

Was lange erwartet ward, ist nun vollendete Tatsache ge­worden: Hugo Thimig reiht sich als jüngster Letter des Burg- lheatcrs dem stattlichen Zuge Iiervorragcndcr und glänzender^Per sönlichkeitcn an, die vordem die Führung diejer klassischen Stätte dcuttchcr Bühnenlunst inncgehabt lioben. Er hat cs weit gebracht, der Sohn des Dresdener Handschuhmacbers, der doch ursprünglich ganz und gar nicht Tür den Sckauivielcrbcrut bestimmt war. Tenn Thimigs in Dresdenhatten das nicht nötig", sondern cs sollte ihr Hugo ein solider .Kaufmann werden, dem bei den günstigen Bermögcnsverhältnissen seiner Eltern von vornherein die sreund- lichstcn Aussichten winkten. Aber der Thcatcrtcusel! Was half es, den Jungen hinter den Ladentiich zu stecken und aui die vandels- atadcmie zu schicken, wenn man ihm nicht die Theaterleidenschaft austreiben konnte!

Die deutschen Klassiker wußte er bald auswendig, und bald litt es ihn (lud- nicht mehr er mußte sich wenigstens au, einer Licbhaberbühne versuchen. Das wurde sein Schicksal. Bei einer solchen Tiletlanlenvorsteltung sah ihn der Charaktcrkomikrr Ferdinand Tcssoir, und dieser Künstler ivar von Thimigs natür­licher Laune uud komischem Talente so betrossen, daß er ihm nicht nur riet, zur Bühne zu gehen, sondern auch selbst seine llnter- wcnüna übernahm. Es war, wie Amon Bcttelheim einmal erzählt bat eine eigentümliche Unterweisung.Junge." so sagte der Meister zum Schüler,ich kann dick mir lehren, was du aus der Bühne vermeiden sollst: was du dort machen sollst, kann dich nur der liebe Gott lehren". Dieser Maxime getreu, hielt Dessoir den Hingen Thimig denn auch nicht lange in der Lehre, sondern er schenkte ihm ein Paar Rittcrsticsel, ein Paar schwarze und ein Paar weiße Trilots, eine Straußcnscdcr und einen gehäkelten Rittcrkragen, gab ihm außerdem noch einen Empfehlungsbrief an den Theatcrdirektor Schiernang in Bautzen und hieß ihn gehen. Tbimig ging, soieltc in Bautzen als Antrittsrolle den Lancclot Gobbo ward enaagicrt und wunderte und spielte nun in Zittau, «amcnz und Freiberq hcruni. Volle 19 Jahre war er alt. als er dies Tchmicrcnlebc» ini Jahre 1873 Mil einem Engagement am Breslauer Stadt,heatcr vcrtaulchie Tort erweckte er bei ver­schiedenen urteilsfähigen Persönlichkeiten lebhaftes Interesse. Dazu uedörre der alte Volte,: dazu gehörte auch die kürzlich verstorbene Friederike Bognar. Die sah den wngen Thimig gelegentlich eines Gastspieles in der tzoloiernes-Parodie von Ncstroy, und unter, bcn assyrischen Hauptlentcn des grausamen Holofernes, siel der innac Thimig ihr duvck, natürliche Drolliqkeit so sehr aut, daß sie Dingelstedt, den sein Weg gerade nach Breslau führte, aus

ihn aufmerksam machte. Dingelstedt sah Thimig und gewann das­selbe Urteil, wie Holtet und wie die Bognar. Kürz entschlösse» engagierte er den jungen Menschen iürs Burgtheatcr, wo er als Verwunschener Prinz" uud alsSittig" sein Probegastspicl mit glücklichstem Erfolge absolvierte Joset Lewinskn hat später be­kannt, daß ihm, als er diesen ltzsährigen Menschen damals spielen sah, alsbald das Fertige, schon Abgerundete seiner Kunst als etwas ganz Ungewöhnliches aufsicl.

Das ist nun jetzt über 10 Jahre her und in dieser ganzen Zeit ist Thimig c.in großer Liebling der Wiener geblieben. Es vereinte sich bei ihm natürliche Laune und ungewollte Komik immer mit dem feinsten Takte und Geschmackc und allen seinen Rollen drückte eine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit einen besonderen Reiz auf. Als Regisseur Hai er sich im Lause der Jahre so vor- tresslich beivährt, baß die Mehrzahl der modernen Dichter, wie Hauvtmann, Schnitzler und Fulda, wenn im Burgthcaier Stücke von ihnen ansgesührt werden sollten, sich immer eigens Thimig als Regisseur ausbaten. Thimig ist ein seingcbildcter Mann, ein geschworener Büchcrliebhaber und Bücherfreund und mancher kleine Aussatz, den er vcrösfentlicht hat, legt Zeugnis ab von seinem feinen Geiste, von seiner schackhasten Beobachtnna und von einer Urteilskraft, die echt und falsch sicher zu unterscheiden, aber an Menschen und Dingen auch immer das Beste und Jrnchtbarstc herausznsinden weiß.

Sin mittelalterliches Altarwcrk in Zrantfurt a. Itt.

Cs wird UNS geschrieben: Wie ost liest man in den Zerrungen, daß dem oder jenem Museum wieder eine bedeutende Erwerbung gelungen ist, daß aus unbekanntem Besitz wieder einmal ein Werk onstauchte, ldas es nun in einem ösientlichen Künstinstitut zu genießen gibt. Die Gewohnheit macht einen flüchtig über solche Notiz hinweglcscn. Selten sind die Fälle, wo durch solch eine geheimnisvolle Erwerbung dem Menschen aut einmal ein Gut cr- schlossen wurde, das seinem Sein, seinem Leben und Schaffe,i mächtige Antriebe zu bieten vermag. Diesen sehr seltenen Fall erleben jetzt die Bcmcker des Städtischen Kunstinsti» tuts in Frankfurt am Main, in dessen Plasrikeniamm- lung seit den Ostertagen ein mittelalterliches Altar- Werk zu sehen ist, von dem man nicht ohne tiefftc Ergriffenheit gehen kann. Es ift eine Alabastersckinitzerei, eine Mittelgruppe mit dem Golgathadrama, Christus, die beiden Schächer an den Kreuzen, darunter Magdalena, die beiden Marien, der blinde Longinus, der Vauvtmann von Kapernaum und der Mann mit

dem Essigsckwamm, dazu in zwölf Einzclsigurcn die zwölf Apostel, gleichsam als Zeugen »nd als Verkünder der untaßbaren Be­gebenheit. Irgendwo IN Italien, hört man, ist das Wert aus- getaucht, dank einem glücklichcu Zutall, dank der 360 000 Mark, die die Stadt Franksnn dem schnell zuvackcnden Swarzenski t,r witligle, ist es gelungen, diesen Altar, der schon den W-g nach Amerika gehen sollte, in Europa zu behalten

Kunstgcschichtlich weist das Werk nach der Wende vom 11. zum 15. Jahrhundert, einer Zeit, die mit dem Burgunder tzol eine gewaltige Entscsselung der Kräfte erlebte. So Kostbares, so stilvoll Äiisgereistes, so vornehm Elegantes damals auch ent­standen, so sehr schlt es auch der heutigen Wissenschaft nach an Anhalisrnnkten für die Individualität, die sehr weit im Stil­vollen der Zeit auszugehen bestrebt war. Als die Franksnrter Altargruvpe zuerst allstauchte, glaubte man nach dem Urheber in jenem burgundischcn Kreis suchen zu müssen, bis mehr und mehr die Meinung sich bekräftigte, daß es sich nur um einen de nt scheu , um einen in seiner Wirksamkeit noch, kaum er- tannteu m i t t c 1 r h c i n i s ch e n Meister handeln könnte. Zu dem Altar in Lorch, zu diltarsigurcn in Schwerte ergeben sich aut einmal geheimnisvolle Beziehungen imd man ahnt in dem nicht fcststcllbarcn Plastiker so etwas wie eine Grüncwald-Natur ein halbes Jnhihundert vor der Geburt (tzrüncwalds. Doch, mag die Wissenschast an derlei Fragen ihren Sckiarslinn üben, diescs Werk gehört zu den Schüvftmgen,, die auch ohne alles Vorwisscn itrre Wirkung nicht verschlcn. Es ergreift durch einen kaum zu sassendcn Formgehalt, durch eine Eleganz, durch eine Natürlichkeit, eine Glut der Empftndung, die, über die Jahrhunderte hinweg lodernd, geblieben ist. Welche Zartheit, welche wehmütige Ucbcr' Icgenheft umspielt diesen sterbenden Christus, wie vom Wunder betroffen steht der aus der Umnachtuna erwachende Blinde, wie vom Sckimerz durchwühlt kauert die fassungslose Magdalena am Fuße pes Blutgerüsts. Seltsam auch der bildnerische Reichtum der Avostelftgurcn, die durch ihre Enbleme, ihre reich und sorgsam durchgcbijdelc Kleidung höchst weltlich anmuten und doch wiederum in der jedesmal anderen Art, wie das große Ereignis sich in ihnen widerspicgelt, wundersam vergeistigt sind. Es ist elwaS, was man so wenig wird vergessen können, wie jene antike rhei­nische Pieta des Frankfurter Ltebig-Vouses, jenes lieblich iung- iräulichc Figürcken, das als ein erschütterndes Dokument der mütterlichen Liebe den zerschundcnen, den halb schon in Ver­wesung übergcgangencn Leib desGckreuzigten in ihrem Schoße Hali.