Nr. 66 Zweites
Erscheint täglich mi: Ausnahme der Sonntags.
Die „Gießen» Z-milienbiätt»" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „KnUMatt für den Kreis Kiesten" zweimal wöchentlich. Die „kindwirlschastlichen öeit- sragen" erscheinen monatlich zweimal.
Dlatt 164. Jahrgang
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oderhessen
Donnerstag, 19. März 1914
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jcheu UniversitätS - Buch- und ©teiiibcucferet.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: d£51. Redaktion: 112. Tel.-Adr.:AnzeigerGleßen.
hessische Zweite Kammer.
srb.) Tarmstadl, 18. März. Am Regierungsttsch: Finanzminister Dr. Brau» Staats rat Tr. Becker, Süiscrt, Ministerialräte Hölzrnqer schlievhakc. Tr. Weber, (cä:cr S,aalsminister Tr. von Ewald. Mlnnter des Innern v. Hon, dergk
Präsident »öl,ler eröffnet die Sitzung mn 9> . Uhr Das Laus setzt die
Haushallsberatung
beim Ministerium des Innern fort. Zneril spricht Abg U r stade r. Bp und lvende, (trf, gegen die Abgg. »oiell-Aiigenrod und Torfch, die sich mit ,h,n bcschäsligt hätte», bevor er überhaupt das Wort «.grisscn Imbe. Er hält ihnen entgegen, dast der Liberalismus schon viel für den. Bauen,stand getan habe durch die Ab ichafsung der Hörigkeit und die Erlämpsuna staatsbürgerlicher sstechte. ^,n der Gegenwart sei der sortschr. Abg .Henrich der Urheber und Verfasser des ersten Antrags qeivese», der die Ltaatshilfe sur die Gcnoiftnschoiten forderte. Tic Fortschr. Volksvarrei habe <mn» allen Forderungen für die Genossen,chastcn zngestimntt ftfttzt Hobe wieder die vielgrschmähte dcmosratiicke Presse den Finger au» Miststände in der Taniernngsaktion gelegt Tie Frankfurter Zeitung babc schon lange vor dem Ausbruch der »ftisis gewarnt, aber man habe es ibr als Feindschaft gegen d.rs land -nnrtsedoitliche Genossenschaftswesen ausgelegt. Der Abwanderung der landwirtschaftlichen Arbeiter könne nian nur wirksam enl- gegcntreten dadurch, daß man ihnen die begründete Hoffnung verschafft, sich eniporzuarbeiten, zu Neinen Lauern zu werden. Ticsc Hoisnung sei aber in (»egenden mit ausgedehntem tftroß- grundbcjitz und Fideikoministwcscn sehr gering. Er sordert des- !»lb innere Kolonisation auch in Dessen im Interesse de« Bau crnstandeS, in, Interesse der nationalen Sicherheit nur müssen uns durch Bancrnsiedlungcn von den ausländischen Arbcttskrä, len unabhängig wachen, da „ns Rußland durch Sl>errung der Grenze im Kriegsfall das Einbringen der Ernte unmöglich mg chcn kömic, im Interesse der Steuerkrast UN» Wehrkraft und im Interesse der »ichtiandwirlschastlichen Bevölkerung. Handel und Gewerbe hätten an einem zahlreichen Bauernstand viel mehr Verdienst als an Grostgrunddesitzcin mit ausländischen Saison arbeitern. Auch viele städtische Berusskreise hätten schwer zu ringe». Er bespricht nim die frage des Handwerkerstandes und die Vorschläge ihn, zu helfen, des Gastwrrtestandes. der Daus bciitzer und empfiehlt die Milderung des Klavierstemvels, des »onzcssionsstenipcls. des Besitzwechsclstempels. Auch in der Frage der zweite» vvvotheke,, müsse durch die Städte und den Staat cttoas geschehen. Er und seine Freunde seien bereit, wenn dw -Notwendigkeit nachgewiesen werde — für die weitergehenden A»~ tsordenmgen für drc Landwirischaslskanlnicr zu stimme», er erwarte »aber, dast auch der Bauernbund für den fortschrittlichen Änttag iDeerdt zu Gunsten der Handelskammer und für weitere Maßregeln <äu Gunsten des städtischen Mittelstandes eintrcte. Tic Groß .gründbcsitzer an der Spitze des Bundes der Landwirte seien in der inneren Kolonisation nicht mit dem Herzen dabei. Er iührr da für eine ganze Reihe von Betversen an. Ter Freiherr von Wangenbein! nivlle die Bauern auf die Moore und Heidcilächeu tveisen. Bei der Aufteilung von großen Gütern wolle der Bund .der Landwirte große Restgüler erhalten und möglichst nur Ar- tz«icrstetlen und nickt 'Bauerngüter schassen. Tic Entstehung des deutschen Bauernbundes beweise die Unzufriedenheit der norddeutschen Bauern mit der Haltung des Bundes der Landwirte in der inneren »olonfsation. Bon den Führern des Bundes der Landwirte in Hessen tröffe er, daß sie sich gegenüber der nord deutschen Leitung ihre Selbständigkeit >vaIrren und mit ihm vor gehen in der Fideikonimißirage zu Gunsten der Bauern.
Zum Schluß Ivendet tick der Redner gegen die Haltrmg des Abg. Osann in der Bestätigungsftagc. Taraus, ball Osann den Rückgang des konservativen Gedankens bedauert, aber kein Wort dagegen gefunden babc, als gesagt wurde, die Freie Bereinigung hessischer Nationallibcraler habe wieder ihr Unwesen getrieven. schließt der Redner, daß sich die naiioimllibcrale Parteileitung noch mehr »ach rechts lvende» wolle, wenn Osann auch er Ilärc, mau wolle hübsch vorsichtig die Mitte halten. Hoffentlich ciwciic sich die neu gegründete hessische konservative Parier als Magnet, der alles anziehc, was rechts gerichtet ist. Eine reinliche Scheckung sei im Interesse der politische» »larheit zu wünschen. Im Bauernbund erleide der konservative Gedanke hoi- fentlick noch mehr Stöße, wie durch die Rede des Abg. Brauer, und der vorhandene demokratische Zug trete stärker iiervor.
Abg. Tr. Fulda (Soz.) erklärt: Die ganze hessische Politik. nicht nur die der Regierung, wird von dein Grundsatz ge
leitet: „Quicta non movere". Anläßlich der jüngsten Stadt- verordiietcnwadlen in Osfenbnch ist gerade von der ionicrvaiiven Presse »ist Recht daraus l,ingewiesen worden, daß selbst das reine Mchrheitsvrinzip auch seine großen Schattenseiten hat. Tie einzige Konsegnenz dieser Anickaunng ist doch dann die (fm sübrung des Proportional,vahlsystems, aber die Regierung hat bald darnach in einer offiziösen Auslassung der Darmst. Ztg. »klärt, das in Hessen nicht an die Einführung des Provor- tionattvahlrechts zu^ denken sei. Ter Redner geht nun sehr ausführlich ans die Frage des Bestärigungsrcchts näher ein. Tic Regierung Hobe sich durch die Bestätigung des Beigeordneten Eistnert mit ihrem sonstigen eigene» Verfahren in Widerspruch gesetzt. Abg. Tr. Osann habe ,a Recht, wenn er sag,', daß die Regierung das Bestätigungsrecht habe und daß es nicht »Nt auf Papier stehe. soliden, and, gegebenen Falles angewendet werden soll. Ties Reckt dürsc aber nickt einseitig gegen eine Partei angewendct werden: es würde dadurch nicht nur gegen den be stätiglen Gewählten ei» großes Unrecht ansgeübt, sondern auch ein großer Teil der Wähler brüskiert, indem man ihm gewissermaßen das Wahlrecht nehme. ..Welchen Eindruck muß es denn machen, wenn man sich an höchster Stelle über Recht und Gesetz hinwegsctzt?" (Präsident Köhler unterbricht den Redner und »oeist diesen Satz als unzulässig zurück.) Tcr Redner beklagt dann, daß der jetzige Leiter des Schul- und Bildungswesens direkt Bildnngsbestrcbungcn verbindert. indem er z. B. dem Lehrer Jung lwrbietc, in Gewerkschaftsversaminlungen Vorträge zu halten. Das sei derselbe Geist, den der Minister des Innern erkennen ließ, als er aus die Veteranen von 1870 Hinweis, der sog. Kricgervereinsgeist. Es seien doch damals nicht nur Kricger- vereinler. sondern auch Sozialdemokraten mit im Krieg gewesen. Tie Regierung habe zu dem vorjährigen Verbondstag der „Hassia" in Hirschhorn sogar einen besonderen Vertreter entsandt: wenn sie so weiter ihre Vertreter überallhin schicke, sei cs sehr natürlich, wenn in Heften eine halbe Million für Tagegelder ausgegeben werde. Tie Militäeanwärler würden von der Regierung sehr bevorzugt. In Gießen habe man von der Stadtverwaltung verlangt, daß sic mehr Miluäranwärter anstcllen solle und das Ministerium habe dies Verlangen bestätigt. Erst das Vcrwal- lnngsgerichl habe dann entschiede», daß die betressendc Verfügung des Ministers wieder aufzuhcben sei. Tie Militäranwärter würden auch, obgleich ganz ungeeignet, vielfach zuni »riminaldienst verwendet, und sogar in den Dienst des Unternehmertunis gestellt. Bei dem Hungerstreik in der Lnngenhcilanstalt Sandbach sei nicht nur das Essen, sondern auch manches andere Monien.t Veranlassung gewesen, z. B. Nichtbenrlanbung zum Weihnackts- sest. Tes nbcnds kalter Aufschnitt mit Kartofsclsalat irr ,a sehr sckön, aber weniger schön sei, wenn der ganze Aufschnitt aus zwei Scheibcheu Rotivurst besteht.' Redner bemerkt zum Schluß, seine Partei habe diesmal in der wichtigen Bcsoldungssragc der Regierung derausgeholsen und das Gesetz gerettet. Ob das aber auch bei andern Gelegenheiten geschehen »verde. würde sich seine Partei jedenfalls noch sehr überlegen, jo lange man sie nicht nach dem Grundsatz behandele: ..Gleiches Reckst für alle!"
istach einer Panse spricht Abg. B reibe »back (Bbd.). Er beichäitigt sich mit den Verhältnissen der Gießen» Kliniken. Es fehle dorl besonders in den Kliniken an Raum für Patienten dritter Klasse: es sei auch bedauerlich, daß noch keine größeren Mittel für Radium und Metsotoriui» bewilligt worden seien. Tcr Redner weist dann daraus hin. daß sich die Ausführung der- im vorigen Voranschlag bewilligten Waschküche nicht als zweckmäßig erwiesen habe und begründet einen Antrag, die für diese Waschküche bewilligten Mittel siir die Erricktung einer Baracke für aseptische »ranke bei der Frauenklinik zu verwenden. Redner wirst dann einen Rückblick ans die 10jährige Enttvickelung des Gicßener Landwirtschaftlichen Instituts. Die Frage, ob die Gründung dieses Instituts richtig ,var, beantwotte sich schon dnrck das außerordentliche Anwachsen der Bcinchszisfer. Weiter erörtert Redner den schon von Pros. Gisevius in Gießen angeregten Gedanken, hie Landwirtschaftliche Versuchsstation in Tarmstadt mit dem Landwirtschaftlichen Institut in Gießen zu verbinden. Die imt vielen Opfern errichtete »reisstraße zwischen Friedberg und Bad Nauheim sei für Lastsuk» werk verboten, nickst nur während des somn,erlichen Fremdenverkehrs, sondern auch im Winter, mas absolut unverstäudlick, sei. Weiter wünscht Redner die Errichtung einer neuen Deckstation in Oberlicsscn. In Beircss des Verlaifts des Gutes Beitershcim batten sich wollt die Bewohner an die slcksckie Adresse gewandt (Zürns: Pros, llrstadt. Abg. Ulrick.: Das ist doch eine sehr gute Adresse. Heiterkeit. ). Ter Redner bespricht dann noch verschiedene obcchcssiickie Einzeliälle.
Abg H a r t m a n n Soz.) erklärt als Kleinbauer aus dem Odenwald, dast nach seiner Auffassung die Lcbensmittclzölle für
den Kleinbauernstand mehr schädlich als nützlich wirken. Man habe in Hessen seit der Einsührung der Hochichutzzollpolckik etwa 8000 Bauern weniger zu verzeichnen nick dazu eine große Ticnstbotcn not. Tie Einführung des ErtragswerteS würde nur eine Prämie für die Faulheit sein. Wenn scmand ei» Gut von etwa l00 Morgen schlecht bebaue, so habe er event. weniger Ertrag als eist arbcit- sainer Besitzer von nur 100 Morgen Tcr Redner geht dann cin- gebenü aift den Ttrcikvoriall in der Lungenbeilanstalt Sandbach ein nick bemerkt, daß die darüber in der Darmst. Ztg. erlassene Richtigstellung der Anstallsdircktion ihn nickst habe bcsricdigcn können. Als Redner in seiner drastische» Weise die dortigen Verhältnisse schilderte und die ganze Schuld den Beamten der Anstalt zusckwb, für welche die Anstalt überhaupt nur da zu sein scheine, erhob sich im Hause wiederholt lauter Widerspruch Redner ging in seinen Behauptungen und Bemängelungen der Anstattseinrichtungen so weit, daß er einzelnen Beamten direkte Bestechungen vorwars. was Vizepräsident »orcll als unzulässig zuriickwies. Als s. Z. der Großberzog die Anstalt besichtigte, habe man über Nach! alles Un schöne verdeckt nick diesem nur das gezeigt, was sich sehen lasse» konnte. Weiter weist der Redner aus seiuen früheren Antrag in - beircss des Höchster »lostersonds hin und verlangt, daß die Verwaltung dieses Fonds der Standcshcrrschast entzogen und dem Staat übertrage» werde. Nachdem der Reittier vom PräsidciUcn ersucht worden ist, die weiteren Ausführungen über den Kloster ionds bis zur Verhandlung seines Antrags zu verschieben, wendet er sich noch gegen die Verwendung der Mittel für die Jugend- vslege u. a. in.
Minister des Innern v. H o n> b e r g k entgegnet dem Vor redner, daß die Lungenheilanstalt Sandbach aus dem Fonds der Versicheinngsgesellschaften errichtet worden ist nick die Aussicht darüber in höherer Instanz dem Rcichsvcrsicherungsamt zustebt. Tie ganze Angelegenheit hätte daher nicht vor den hessischen Landtag, sonder» vor den Reichstag gehört: die Regierung habe damit gar nichts zu tun. Tic Behauvtung des Vorredners, daß sich verkappte Gendarnien als Beamte dort unter die ausrührerischen Patienten gemischt hätten, weise er alz unwahr zurück. Tic Gerckar me» waren aus Regnisition der Verwaltung da, weil beiürckstel worden war. daß größere Ruhestörungen eintreten würden. Tic Gendarmen erschienen in Zivil und nur dem taktvollen Einschreiten derselben ist cs zu verdanken, daß ernstere Vorkommnisse verhindert wurden. Obwohl uns nicht die Aufsicht über die Anstatt zu stcht, muß ich doch den leckenden Arzt, Herrn Tr. Lipv. gegen, die unerhörten Vorwürfe und die Darstellung, als ob ihm die ganze Anstalt nicht besonders am Herzen liege, cntschteden in Schutz nehme». Er lebt nur für die Anstalt und widmet ihr seine volle Tätigkeit. Tcr über den Höchster Klostersonds cingebrachle Antrag des Abg. Hartmann ist ckn Ausschuß bereits beraten worden und er hat auch aus Ersuchen weiteres Material beigebracht, dessen Prüfung aber ein genaueres Aktenstudium criorderl. Tcs- balb hat auch die Antwort der Regierung noch nicht erfolgen können. der Antrag wird aber jedenfalls ordnungsnräßig behandelt werden. (Zuftinimung.)
Tcr vorgerückte» Zeit wegen wird daran» die Tcbättc um 1> Nhr abgebrochen.
Nächste Sitzung: Heute nachmittag 3h« Uhr.
Nachmittagssitzung.
Am Rcgicrungstische: Minister des Innern v. Humbergk, Ministerialräte Tr. Kratz, Hölzingcr, Schltephakc.
Präsckent Köhler erösinct die Sitzung um 3>/i Uhr. Das Haus ist nur von zirka 20 Mitgliedern besetzt. Tie .Htuishalksberatung
wird Ulit der Debatte über das Ministerium des Innern fortgesetzt.
Abg. Wiegand (Zcntr.) erörtert zunäckist das bekannte AuS- scbreiben des Heppenheimer »reisamts, in welchen! eine unmoralische Gewohnheit beschränkt werden sollte, nämlich die Ver abreichung von Speisen und Getränken vor Wahlen. Tie Ge- mctndebeamten hätten nun die Agitation für oder gegen Tritte in diesem Sinne verholen. Redner spricht den Wunsch aus, daß die Regierung etwas mehr Interesse aus die Ausbrcituna des Fernsprechdienstes in den Landgemeinde» enigegcnbringe. Wegen der großen Opfer sei in seinem Kreise noch ein großer Teil von Orten ohne Anschluß. Ein foldjer liege auch besonders im Interesse des Sicherheitsdienstes. Redner hofft, daß sich vielleicht nach dieser Seite eine Erleichtcrnng in finanzieller Hinsicht ermöglichen läßt. Weiter erkennt der Abgeordnete, nachdem er seine Ausiüdrnngcn i» Bezug auf die »reisändcrung bis zu diesen, Kapitel zurnckgestellt hat, dankbar die Fortschritte im Wohnungswesen au, wodurch die Tuberkulose wesentlich eingeschränkt wurde. Er bittet die Regierung, dafür zu sorgen, daß die gemeinnützigen Bau» gcnossenschasten nick»l durch Kreisoerbände beengt oder ringe
von Sen deutschen Zeitungen und ihrem Archiv.
Man schreibt uns: Tic Preise ist die Zunge der Zcrt. Be» der Vielgestaltigkeit der deutschen Stammesnatnr spricht diese Stimme in unzähligen Tonarten zu uns. Bieltausendsach verschieden ist der Inhalt der „Zeitung", welchen die Millionen deutscher Leser täglich mehr oder weniger gründlich in sich ausnehmen.
Tabes ist der deutsche Zertungsleser gegenüber seinen englischen oder französischen „Berussgenossen" schon in einer Aeußerlichkeit günstiger daran. Wer einmal z. B. die Times in der Hand gehabt hat, weiß, wie verwirrend und nnübersichtlich ihre Spalten au» das Auge cindringe».
Untersuchungen von Tr. S ch a ck >v i tz i» Stiel, die »ni letzten Jahr auch die Presse vielfach beschäftigten, haben nun ergebe», daß ein durchichnittlrcher Zeitungsleser in Tentschland etwa 3000 Augenbcwcgungcn zur „Bewältigung" der täglichen Zeiwng ma cken muß, der cngiische dagegen be, genau derselben Wortzahl 7000. Woher kommr das? Tie deutsche Druckschriit sihaftt deutlichere, leichter erfaßbare Worlbilder als die lateinische Truckschrist. Das Auge erfaßt darum die Wörter rascher und mit weniger Rucken. Ta nun gerade die Hänfrmg der Neinen Augenbcnw- gungen vhpiiologisch das Auge besonders angreift nick unter Uinstände» schädigt, so ist die Ersparnis an Zeit »nd Gesundheit für das vicllciende deutsche Volk sehr bedeutend „nd der Segen der deutsche» Trucklchrift nicht hoch gcmig anzuichlagen. Ratitt- lich hängt die absolute Zabl der nötigen Auacnbcwegungen auck davon ab, wieviel jedermann täglich liest. Brr einem besonders eifttgen Leser kan» der Gewinn an Augcnbewcgnngen durch deutsche Druckschrift bis zu 10 000 Bewegungen täglich ausmachen, -tann hat die deutsche Zeitung vor den ausländischen im allgemeinen auck den Vorzug bcaucmerer imd M>erstchthcherer ttor- male Wer aber hilft, aus der täglich voruberrau,chcnd-cn Flut der ^rihmaen das dauernder Erinnerung und späteren Nach- schlaaen« Würdige herauszuheben und aufzube,vahren? Wer nicht täalidi eine aut ausgestattete Lesehalle besuchen kann, crbält vo'n'den'»mchhgsten Artikel,,..^ m Deutschland encheinen, nur eine mehr oder tveniger znsallrge Ausnmhl zu Gencht. Wer ordnet und sichtet dies Chaos für den Gelehrten, darr Loltttker. den Kaufmann und Industriellen den nach eurem obicftiven 11chrrhfirf strebenden Staatsbürger i
Tflä 0 Problem ist alt und und mel beiprochen. --ctt dem letzten Iabr scheinen wir seiner Lösung näher zu kommen. Mehrere "Beranstalttinqen srnd ins Leben gcruscn worden, diesem '■ttteif in dienen Vh’» ihnen empfiehlt lick wohl am nirttten, Lis in Bettin-Srealitz erscheineicke „Deutsche Zciiungsarcknv". Es will die Z^tung »ckbt ersetzen, sondern ergänzen. Tic rund 10 000
ircrtvollsten Artikel, die wädrcnd eines Jahres in der gesamten deutschen Preise erscheinen, sind hier in streng »nparieiischer Ausivahl »ach wiftenickastlichen Gesickstspunk en, unter Ausschei dring altes dessen, was nirr für den Augenblick Bedeutung hat, gcianimelt, gcsichlct, mit Registern u. I. ». versehen. Au» diese Weise ist eine Ouctle ersten Ranges zur Zeitgeschichte entstanden. Keine össcnllichc Bibliotln:k oder Lesehalle iteirb di-s Zentral- „archio" der deutschen Publizisnk mehr entbehre» inolle»: aber auch vielen Privatperioneu. die irack einem schnellen und selbst ständigen IIeberblick über die Tagesfragen, nach einem Spregelbilb der viclgkstaliigen offentlicfren Meinung verlangen, wurde hier ein langgehegics Bedürfnis gestillt. Ter Verlag gibt »edcrmann Gelegenheit, durch Probenummern »ich von dieser gewaltigen Orüiiungsarbeit zu überzeugen, die hier von einem Punkt aus für das ganze deutsche r-vrack:gebiel ^und die Kolonien^ geleistet wird. Fast die gesamte deutschsprachige Presse unterslürt das Nn- iernehmen durch Zustellung der Zeitungen, deren Lrrgrnalnum- mern vom Verlag (Steglitz Bergstr. 93 aujbewabrr werden, iiin so allmählich eine riesige Biblioihek zu bilden, die für den künftigen Geschichtsschreiber unserer Tage eine Fundgrube wird. Wir Heutigen aber dürfen uns treuen, nun endlich in dem täglich erscheiirenden „Zeiningsarchiv" die Auswahl aus diesem Rie- senstos» zu besitzen, deren jeder bedarf, der die Presse der Gcgenlvart wirklich kennen null. R. G.
Wer lv a r die „eiserne Maske"? Eine durch eine Reihe inleressanier Einzelheiten beglaubigte neue Deutung des berühmten Rätsels der „eisernen Maske" veröfseittlicht der bekannte Pariser 'Akteniorscher und Konservalor der National-Bibliothek E. Lalost in einen, neuen Werke, das soeben in Paris erichicnen ist. Immer wieder bat sich die Forsckmng bemüht, zu ergründen, wer jene gel>cimnisvolle Pcriönlichkci! gewesen ist, die an, Befehl des Sonnenkönigs im Geiängnis hinter einer eisernen Maske dachnlcbtc, bis sie 1703 in der Bastille der Tod erlöste. Zahllos sind die Versuche einer Fdcntisiziernng: nack>einander glaubte man in der „eisernen Maske" Monmoulh. den natürlickfen Sohn Karl II. zu erkennen, dann den Sohn Cromwells, dann einen älteren Bruder Ludwig XIV., daraut einen Znnllingsbruder des Sonnenkönigs: und die Liste der Deutungen ließe sich ins Endlose sortsetzen. Drei Hnvothcien aber eroberten ernstere Beachtung. Tas waren die Versuche, die nsernc Maske mit dem Fälscher und Schwindler Jacaucs Stuart de la Clochc zu idoittiii- ziercn, dann mck dem diplomatischen Abb« Prtgnan, und schließlich mit dem interessanten Abenteurer Roux de Maricklv, der als ein Vorkämpfer des protestantischen Glaubens austtat. In
seinem Werke weist Lalon nun noch, daß alle diese bisher ausgestellten Htzpotlicien sowohl durch die Talsackien als durch Indizienbeweise widerlegt werden und gibt eine Deutung, die in der Tot durch das beigebrachte Material größere Wabrichcinlick- feit beanspruchen dar». Danach war die eiserne Maske ein Geist licker Nomens Tanger: und „eie ganze Bedeutung des Oleheim- niises lag aller Wahrscheinlich leck nach viel mehr in den Tmgen, zn denen er verwendet worden war, als in »einer Persönlichkeit selbst." Tie Ebarnktereigensckiaften Tangers und der „eisernen Maske" stimmen überein: beide iverden als ruhig, gedatdig und »romm geschildert. Wer Tanger cigentlick: war, wußte mau selbst zur Zeit des Sonnenkönigs kaum, der Name Tanger war nur angenommen. Auf besonderen Befehl des Königs wurde der Geist liehe von dein Hauptmann de Vauroy verhaftet und zunächst in der Festung Pigncrol einqckcrkert. Nun ist cs möglich, bei allen danialigen Häftlingen der Festung die Pcrfönlichkcit fcstzustelleu: nur Tanger vvrschlvindet und daiür erscheint die „eiserne Maske". Der Befehl zur Verhaftung Tangers bestimmte nicht, daß der Geistliche verhör! iverdcn sollte: dagegen wird mit dem allergrößten Nachdruck betont, dast Tanger mit niemand, absolut mit niemand — gleichviel wer es auch sei — zuiamniengcbracht irerden dürft. Laloßs Htzpothese wird weiter durch den Umscknd gestützt, daß Louvois den, Kaniniandantcn von Pigncrol ausdrück lick schriftlich die Ermächtigung gibt, dem Gelungenen ein Gebetbuch und sogar ein Brevier zu geben. Tie eiserne Maske blieb stets dem damaligen Kommandanle» von Pigncrol M. de Saint-Mars unterstellt; als Saint Mars nach Ezilcs versetzt wird, folgt ihm die „eiserne Maske", sie iolgt ihm nach den Margareten Inseln und schließlich nach der Bastille, wo der geheimnisvolle Gefangene starb. „Wenn Sie wüßten, was Ludwig XV. über dieses Rätsel gesagt hat, würden Sie ftbau. daß cs sehr wenig interessant ist."
— T c s G a st w i r t s R a ch e. Rudstard Kipling erzählte kürzlich von den unangenehmen Eriahrungen, die er i» einem Hotel in Kanada machen mußte Er war mit dem Gasthaus gar nickt zufrieden und wollte doch nicht scheiden, ohne seinem geärgerten Herzen Luit gemacht zu haben. Er ließ »ich also, bevor er ab- rciftc. den Gastwirt kommen und sagte zu ihm: „Ich „»ächte Ihnen nur sagen, daß von allen Hotels unter der Sonne, in denen ich ft abgestiegen bin, keins an Mangel an Komiorr und schlechter Lei- iung sich mit dem Ihrigen vergleichen läßt." Höchst entrüstet zog sich der Gastlvirt zurück, und als Kipling dann um die Rechnung bot, »and er als letzten Posten anigeictzt: „Für Frechheit - drei Dollar."


