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Nv. 59

Erscheint tS-ltch mit Aufnahme be3 Sonntags.

Die ..«tetzener ZamiliiNblitter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, daL llreirblatt liir den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Dierandwlrltchastlichen -Zeit-

sragen" erscheinen monatlich zweimal.

164. Jahrgang

Mittwoch, 11. März 1914

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gderhessen

Rotationsdruck und Verlag der Brühuschen Unwersitäls - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuld straße 7. Expedition und Verlag: e^©51, Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.

Mb Deutscher Reichstag.

232. Sitzung. Dienstag, den 10. März 1914.

Am Tische des Bundcsrats: Dr. Sols.

Präsident Dr. Kaempf erösfnet die Sitzung um 2 Uhr.

Kurze Anfrage.

Abg. Dufsner (Zentr.) sragt an:

Ist der Reichskanzler bereit, der vom Reichstage an­genommenen Resolution, nach d-r gemäß § 22 des Kali- »es etzcs als vierte Ausgangsstation für die Berechnung der «rachtcn Colmar i. Elsaß sestzusetzen sei, Folge zu geben und die Bcrostcntlichung der Verordnung im Reichsgesetzblatt so rechtzeitig erfolgen zu lassen, daß die Sommer, und Herbst- abschlusse der süddeutschen Landwirlfchast >n Kali aus der etrachlbasis Colmar i. Elf. erfolgen können?

UntcrstaatSsekretär Richter: Für die Berechnung der Frachten kann die Festsetzung einer vierten im Elsaß gelegenen Ausgangs- station erst ,n Erwägung gezogen werden, sobald die elsässischen Kaliwerke m der Lage sind, den Bedarf zu decken. Das ist zur Zeitnoch nicht der Fall. Gegenwärtig haben zwei Schächte nur eine gemeinsame Fabrik und sind nicht imstande, zu liefern. In der Annahme, daß >m lausenden Jahre 1914 noch einige elsässische Werke BeteiligungLzissern erhalten und daß eine zweite größere Fabrik eröffnet werben kann, wird voraussichtlich in der zweiten Hälfte des Jahres 1914 eine vierte Ausgangs- jtation im Elsaß festgesetzt lverden können.

Der kolonialetal.

(Dritter Tag.)

Abg. Schwarze-Lippstadt (Zentr.):

Wenn man so schwere Vorwürfe erhebt, wie Herr Henke, dann sollte man wenigstens den Versuch machen, sie zu beweisen. Herr Henke hat nur beweis lose Behauptungen ausgestellt. Er hat die Pflicht, Tatsachen anzuführen. Er hat aber nur Einzel- fälle verallgemeinert. Die gute Entwicklung der Kolonien ist zu erheblichem Teile der Fürsorgetätigkeit der Missio­nen zu verdanken. Sie haben erst die Eingeborenen zu praktischer Arbeit erzogen. Das sollten wir durch eifrige Förderung der Missionen anerkennen. Wenn man Bahnen erst bauen wollte auf Grund von Rentabilitätsberechnungen, dann könnte man lange warten. Durch die Bahnen soll ja erst der Handel entwickelt werden. Die Missionen erziehen die Neger erst zu nützlichen Menschen, und zwar nach dem Grundsätze ora et Isbora. Eine bessere Be­handlung der eingeborenen Arbeiter verlangen auch wir. Die Arbeiter müssen die Erlaubnis haben, ihre Frauen zum Arbeitsort mitzunehmen. Dadurch wird schon eine bessere Ernährungsart gewährleistet. Wir sind auch für kleine Ansiedlun- gcn, für Eingeborcnenkulturen. Notwendig ist eine Verbesserung der sanitären Verhältnisse. Auf jeder Station sollte ein landwirt­schaftlicher Assistent angestcllt werden, der dafür sorgt, daß die Schwarzen lernen, rationelle Landwirtschaft.zu betreiben. Der sozialdemokratische Vorwurf, daß der Reichstag kritiklos zu allem Ja und Amen sagt, ist ganz unberechtigt. Das oeweisen die weitgehenden Verhandlungen in der Budgctkom- mission. Die Missionsschulen müssen den RegicrungS- fchulen völlig gleichgestellt werden. Auch die sozialdemoiratischcn Wähler verstehen die Haltung der sozialdcmokratifchen Fraktion in Kolonialfragen nicht mehr. (Sehr richtig!) Die Entwicklung der Kolonien geht vorwärts. Es sind alle Aussichten vorhanden, daß es in Zukunft noch besser wird. (Beifall.)

Mg. De. Paasche (Natl.):

Nach diesen Darlegungen brauche ich die Behauptungen der Herren Henke nicht mehr richtig zu stellen. Die Rede des Vorred­ners klang doch anders als die des Abgeordneten Erzberger. Ich freue mich aber, daß auch Herr Erzberger am Schlüsse der Schwarzeschen Rede Bravo! rief. (Heiterkeit.) Ec scheint es also doch nicht so schlimm zu meinen. (Heiterkeit.) Jedenfalls ist im Zentrum die kolonialfrcundliche Stimmung sehr stark. Die Sozial­demokraten machen eine herausgcsuchte Opposition gegen die Behandlung der Eingeborenen und verlangen einen schwarzen Bauernstand. Ich nenne diese Opposition absichtlich herausgcsucht", denn die praktischen Verhältnisse liegen ganz an­ders. Es klingt ja recht schön, von einem schwarzen Bauernstand zu reden. Aber von solchen schwarzen Bauern kann tatsächlich nicht die Rede sein. Die Neger arbeiten nur, wenn die Not sie treibt. Am liebsten bummeln sie herum, gehen aus die Jagd und nehmen allenfalls Trägerdienste an. Wenn die Neger in den Plantagen angesiedelt sind, dann können die Missionen erst ihre segensreiche Tätigkeit beginnen. Heute haben wir in den Kolonien einen Handel von .Hunderten von Millionen. DaS ist nur möglich durch die Plantagcnkulturcn. Ileberall kommen neue Kulturen auf. Das alles können Bauernkulturen nicht leisten. Darum können wir die Plantagen nicht schlechterdings verbieten.

Wie wurden in der Kommission die Verhältnisse in schreck­licher Weise geschildert! Das Gruseln konnte einem den Buckel herunterlaufen. Das schien ja ganz so, als hätten wir die Un­kultur ins Land gebracht. (Sehr richtig ! b. d. Soz.) Ach gehen Sie doch wirklich einmal hinaus, dann werden Sie ganz anders belehrt werden. (Sehr richtig!) Das Unglück ist, daß die Arbeiter solange auf der Landstraße herumliegen müssen, ehe sie zur Arbeitsstätte kommen. Aus rein menschlichem Interesse sollten Sie mehr Eisenbahnen bauen, damit der eingeborene Arbeiter auch Frau und Kinder nntnehmen kann. Für diese Ar­beiter muß eine weitgehende Fürsorge einsetzen. Wenn die OvamboS z. B zum Diamanten suchen benutzt wer­den. so darf man sie nicht mit nackten Leibern herumlaufen lassen, sondern niuß ihnen wenigstens Decken besorgen. Man sollte dafür sorgen, daß die Arbeiter auf den Plantagen wirklich heimisch wer­den. Natürlich kann man nicht jedem Arbeiter ein freies Eigentum au Grund und Boden überweisen, wonach die Neger auch nicht verlangen, weil sie gar nicht das freie Land neben der Plantage bestellen können. Die Neger sind froh, wenn sic sich ausruhen können, nachdem sie die Arbeit aus der Plantage geleistet babcn. Biele der Arbeiter kommen auch von selbst in die Höhe ebenso wie ja auch bei uns so mancher, der sich früher selbst die Schuhe geputzt hat, später einen eigenen Diener dazu hat. sHeiterkeit.) ^ , . . ... . . . ,

Ein gewisser Zwang zur Arbeit >,t in den Kolo­nien ebenso nötig, wie er ja schließlich bei uns auch vorhanden ist. Denten Sie nur an den Schulzwang. Man sollte deshalb nicht jeder Forderung, die -u» den Kolonien laut wird, in übertriebenem Humanismus das Wort reden. Wenn wir politische Kolonisation treiben, müssen wir auch für die sorgen, die die schwere Pionierarbeit leisten. Gewiß wird man die Mißitande.

wie sie nach dem eigenen Zugeständnis des Staatssekretärs z. B. in Kamerun bestehen, beseitigen. Aber man sollte nicht alle Schuld auf die Weißen schieben. Vielfach wälzen Neger ihre Lasten auf die Frauen und Kinder ab. Tns wird allmählich besser Wersen, wie es bei uns dank der höheren Kultur auch viel besser geworden ist.. Auch i n sanitärer Beziehung ist ja auch schon manches geschehen. Leider herrscht die Syphilis noch bis zu 90 Prozent. Warum wendet man das Salvarsan nicht in stärkerem Maße an? Auch in der Bekämpfung des Alkohols ge­schieht bis jetzt noch viel zu wenig. Der Konsum an Sekt und Branntwein ist ja etwas zurückgegangcn, aber er ist immer noch fünfmal so stark als in Europa. (Hört, hört!) Ter Staatssekretär muß dafür sorgen, daß der Alkoholverbrauch weiter zurückgcht, aus den in erster Linie die K o l o n i a l s k a n - dale zurückzuführen sind, die ja jetzt erfreulicherweise schon seltener geworden sind. Tie Wälder müßten allmählich verjüngt uns verbessert werden. Dazu bedarf eS tüchtiger Forstleute. Wir haben zur Kolonialvcrwaltung vollstes Vertrauen. (Beifall.)

Mg. Naumann (Vp.):

Der Ncgierungsrat Zache nennt den Reichstag eine Schar wohlmeinender, aber in die Verhältnisse gänzlich uneingeweihter Männer! Der Reichstag kann nicht in allen Einzelheiten Be­scheid wissen. Einige Abgeordnete stehen aber so mitten drin in dieser Arbeit, daß sie es mit jedem anderen Kolonialintcressen- ten aufnehmcn können. Ter ganze Reichstag hat aber nur die Frage zu beantworten, bis zu welchem Maße er eS der Be­völkerung gegenüber verantworten will. Millionen für die kolo­nialen Zwecke auszugeben. (Sehr richtig!) Das Ideal der K o l o n i a l i n t e r e s s e n t e n ist die Aufforderung an den Reichstag: Lerne zahlen, ohne zu reden! (Heiterkeit.) Und an den Staatssekretär: Schaffe Geld und störe uns nicht! (Erneute Heiterkeit.) Dann machen die draußen was sie wollen. Gegen­über den Wünschen der Pflanzer muß man seststcllcn, daß ein beträchtlicher Teil der kolonialen Einnahmen nicht mehr ans den Händen der Weißen stammt, sondern schon von den Schwarzen kommt, und dann überschätzt man den Einfluß des Reichstags. Der Reichstag und die Gouvcrnementsräte sind nur gutachtliche Körperschaften. Nun ist der Wunsch nach einer Neichslands-Verfassung für die Kolonien laut geworden. Aber wenn schon Elsaß-Lothringen eine etwas schwierige Leistung war, wieviel mehr gilt das für die Kolonien.

Zwei tatsächliche Posten für die Kolonien haben wir zu buchen: die kolossalen Diamantenerträge und die Vollendung der Tanganjikabahn. Das erfüllt uns mit Freude. Lindequist und Rechenberg wurden als Förderer genannt. Aber einen hat man in der Reihe vergessen: Dernburg! (Sehr gut!) Er gehört absolut in die Reihe hinein! Er stand 1908 hinter dieser Bahnvorlagc. Für die Belebung der einheimi­schen Stimmung zu Gunsten der Kolonien hat er Außer­ordentliches getan. (Beifall links.) Die Pflanzer haben viel ge­leistet. Aber wenn dann das Endergebnis ein Minus der Be­völkerung an sich ist, dann nützt alle gute Personalbeurteilung nichts, dann muß man feststellen: Hier müssen Zivilisationsfchler vorlicgen! (Sehr richtig!) An dem Rückgang der Bevölkerung läßt sich nicht zweifeln. Wenn es wahr ist, daß in Kamerun 80 000 Mann als Träger ständig unterwegs sind, dann kann man sich die Folgen für Kultur, Gesundheit und Sitte vorstellcn! DaS neue Systeni reißt die Eingeborenen auö den alten Gewohnheiten. Jede neue Bahn reißt neue Leute heraus. Bei der Tanganjikabahn wurden 13 000 farbige Arbeiter verwen­det, bei anderen afrikanischen Bahnen noch 6000. In Ostafrika wurden auf diese Weise im letzten Jahre von 3X« Millionen 140 000 Mann mobilisiert. Diese wirtschaftliche Mo­bilisierung macht vier Prozent der Gesamtbevölkerung aus. das bedeutet gegenüber Deutschland das Vierfache der militärischen Einstellung.

Der Staatssekretär ist mit einer gewissen freundlichen Ab­sichtlichkeit (Heiterkeit) aus die Einzelheiten der Resolutionen nicht eingegangen. Er sieht diese anscheinend als Theorien an. Und doch sind cs schwerwiegende Fragen. Man h^nke an die klimatische Anpassung der Eingeborenen, die von höheren Bezirken in Tropcngegendcn koinmen. Dann die Idee des Arbeiterdorses. Wie lange hat es gedauert, ehe die alten Germanen, die den Acker von den Frauen bebauen ließen, zu diesem arbcitsvollen Volk geworden sind, zu diesen Sechs- tage-Arbeitern. Der Neger soll nun aus einmal Sechskage- Arbeiter werden! Unsere Kultur läßt sich aus diese Gebiete nicht ohne weiteres übertragen. Dernburg har gesagt, die Produk­tion der Eingeborenen ist zurzeit das Rückgrat des ostafrikanischen Wirtschaftslebens. Das hat man ihm vielfach übel genommen, aber es steckt ein gutes Stück Wahrheit darin. Ein großer Um-- schwung ist in der Beurteilung der Missionen ein- getretcn. Die Entwicklung hat der Mission zürn fluten_ Teil recht gegeben. Man kann den Eingeborenen nicht mit Philosophie oderMarx" kommen, man muß etwas herausgreifen aus dem historischen Vorrat der Konfessionen. Neben den bewunderns­werten Missionsschulen sind die Regicrungs schulen grundsätzlich notwendig. Das Wort Schutzgebiet muß ein wirkliches Mcrkwort der Schutzgebiete werden. Wir sind kolonialfreundlich, aber nicht absolute Freunde dessen, das vorhanden ist, sondern dessen, was wird und kommt! (Beifall.)

Mg. Noske (Soz.):

Aus den Reden der bürgerlichen Parteien klang eine gewisse Resignation. (Widerspruch.) Man hörte nicht so überschtvangliche Reden wie früher. Wenn eine Besserung in den Kolonien zu ver­zeichnen ist, so ist das der s ch a r f e n s o z i a l d e m o k r a - lischen Kritik zu verdanken. (Widerspruch.) Die Verwaltung hat angefangen umzulernen, ebenso die bürgerlichen Parteien. Man nähert sicb allmählich den Anschauungen, die wir seit Jahren hier vertreten. (Heiterkeit und Widerspruch.) So s ch a r f e A n k l a g e- reden wie vor zehn Jahren sind heute nicht mehr notwendig. (Hört! Hört!) Von uns ist der Vorschlag, die Kolonien weg- zugebcn, oder sich selbst zu überlassen, niemals gemacht worden. Der Reichstag darf das ihm zustehcnde mäßige Kontrollrecht nicht preisgeben. Dr. Paasche bedauerte, daß keine Gelder zu kolonialen Informationsreisen von Reichstagsabgeordneten zur Verfügung stehen. Na, wenigstens werden für eine Kronprinzenreisc nach Afrika nächstens Mittel verlangt werden. Die Paradies­vögel in Neuguinea bedürfen des Schutzes. Ein Schießverbot für mehrere Jahre ist erforderlich

Nach den Grundsätzen der Verwaltung würden wir noch bis 1930 Sklaven haben. Jetzt wird noch vor deutschen Behörden regelrechter Menschenhandel abgeschlossen. DaS widerspricht allen sittlichen und moralischen Empfindungen. Dieser Schand­fleck der deutschen Kolonialpolitik muß beseitigt werden. Eventuell müssen ein paar Millionen zum Loskaus be­willigt werde». Togo ist absolut keine Mufterkolonie. aber man

scheint tatsächlich dort kulturell vorwärtszukommen, und zwar ohne Plantage. Was hat man in erster Linie nach den Kolonien gebracht? Gefängnis und Prügel! Und das Gefängnis bedeutet soviel wie Todesstrafe. Die Prügelkultur nimmt zu. In Ostafrika ist im letzten Jahre in 8057 Fällen die Prügel­strafe verhängt worden im Namen des Reichs, ich weiß nicht, ob un Namen des Kaisers. Insgesamt ist in 51000 Fällen den Menschen das Fell zerfetzt worden. Das ist empörend, wie die Eingeborenen karbatscht werden.

In Südwestafrika scheint sich die Latifundicwirtschaft in ihrer erschreckendsten Form zu entwickeln. An der Spitze stehen zwei Missionsgesellschaften, die also neben dem Beten das Zusam- menraffen von Bode neigen tum nicht vergessen. Auch hier zeigt sich wieder, daß die Kirche einen guten Magen hat. Tie sanitären Verhältnisse reizen durchaus nicht zur Ansiedlung und die Hoffnungen des Staatssekretärs auf eine reiche Besied­lung sind illusorisch. Bei vielen Ansieolern ist eine kaum zu übcr- bietende Gcmütsrohheit vorhanden. Unsere Bestrebungen nach besserer Behandlung der Eingeborenen verhöhnt und verspottet man in unglaublicher Weise. Sie besitzen die Unverschämtheit, die von uns eingestellten 6000 Mk. zur Heranbildung eingeborener Handwerker zu streichen. Natürlich haben wir dafür eine viel größere Summe beschlossen. Die dauernde Verhinderung der Seßhaftigkeit Eingeborener werden wir stets bekämpfen. Das Schulwesen darf nicht alleinige Sache der Mission bleiben.

Wir sind natürlich nicht prinzipielle Gegner der Bahn bauten. Ich bcdaure außerordentlich, daß meine Frak­tion noch nicht den Bahnbauten zustimmen kann, weil die Regie--» rung es uns unmöglich macht. Zu diskutieren ist nicht, ob Bahnerc! zu bauen sind, sondern ob die Kolonien schon Bahnen brauchen, und ob der Bau unter menschenwürdigen Zuständen vollzogen, werden kann. Heute besteht noch die Besorgnis, daß Unruhen und Aufstände entstehen infolge eines Bahnbaues. Diese Besorgnis ist gewachsen, seitdem die Kommission die von uns ge­stellten Vorbedingungen für den Bahnbau abgelehnt hat, insbeson­dere die geforderte Unterdrückung des Arbcitszwanges und die Regelung der Arbeitsverhältnissc. Bei den Bahnbauten werden- Zwischenunternehmer allerschlimmster Sorte beschäftigt, die in schlimmster Weise die Arbeiter drangsalieren und auf die Arbeits­ordnungen pfeifen. Wir wahren uns gegen die geradezu frivole Opferung der Schwarzen bei solchen Bauten. Ehe mit dieser Wirtschaft nicht Schluß gemacht wild, können wir den Bahn-i bauten nicht zustimmen.

Abg. Erzberger (Zentr.):

Cs besteht gar kein Unterschied zwischen meinen Ausführungen und denen meines Freundes Schwarze. Ich habe lediglich etwas, deutlicher gesprochen. (Große Heiterkeit.) Meinungsverschieden-, hei'ten über die Kolonialpolitik existieren nicht im Zentrum. Ich hoffe, daß uns der Staatssekretär im nächsten Jahre in einer viel längeren Rede alles auszäblen kann, was für die Einge­borenen getan worden ist. An seinem guten Willen zweifle ich nicht. Für uns Katholiken ist es aus prinzipiellen Gründen un­möglich, in eine reinliche Scheidung der Missionsgebiete nach verschiedenen Konfessionen zu willigen, denn die katholische K i r ch c i st c i n c W e l t k i r ch e. Eine solche Abgrenzung würde auch dem geltenden Kolonialrecht widersprechen. Außerdem würde sie praktisch undurchführbar sein. Wenn die Missionen beider Konfessionen friedlich nebeneinander arbeiten, dann wird auch die Gefahr des Islams mehr zurückgedrängt werden. Wir fordernl auch für die Kolonien die Freiheit des religiösen Bekenntnisses

Damit schließt die allgemeine Aussprache.

Es folgt die Abstimmung über die Resolutione n der B u d g e t k o m m i s s i o n.

Sämtliche Resolutionen werden augevom-, men. Sie verlangen eine erhebliche Verstärkung der ärztliches Versorgung unserer Schutzgebiete, besonders im tropischen Afrika,, ferner die Sicherstellung von Leben, Freiheit und Eigentum deo Eingeborenen durch eine alsbald zuerlassende kaiserliche Verord- nung. Die Anbauverpflichtungen der weißen Erwerber sollen ein-, geschränkt, und für iede Plantage soll Land für Arbeiterdörferi reserviert werden. Im Interesse der Erhaltung der Eingeborenen bevölkcrung sollen die Arbeiter-Anwerbungsverordnungen ge­ändert werden, so daß der staatliche Arbeitszwang in jeder Form ausgeschlossen ist, die Arbeiter angcsiedelt werden, die Frauen von! den eingeborenen Arbeitern nicht getrennt werden, die Abgabe vow Regierungsländereien zur Anlegung von Plantagen von der Er» richtung eigener Bauerndörfer für die Arbeiterfamilie abhängig ge^ macht wird.

Heber die Sterblichkeit der eingeborenen Arbeiter auf kolorna- len WirtschastSunternehmungen sollen regelmäßig Erhebungen dem Reichstag übermittelt werden. Zur Verminderung der Sterb­lichkeit sollen eingeborene Arbeitskräfte nicht nach (Hegenden mit! anderen klimatischen Voraussetzungen geschafft werden dürfen. Eingeborene sollen nicht in solchem Umfange zu Arbeitsleistungen herangezogen werden, daß darüber ihre eigene Wirtschaft und ihr Familienleben zugrunde geht. Plantagen sollen nur im richtigen Verhältnis zur tatsächlich vorhandenen Bevölkerung zugelassen werden. Der Arbeiterschutz für weiße und farbige Arbeiter ist aus. zubauen, die Arbeiterverhältnisse sind zu regeln. Bei wesentlichen Aenderungen der Etats sollen die Gouvernementsräte in die Lage versetzt werden, dazu Stellung zu nehmen. Die Etats der Schutz­gebiete sollen auch in der Form, die sie von den Gouverneuren und den Gouvernementsräten erhalten haben nebst den Verhandlungs- Protokollen dem Reichstag vorgelegt werden.

Slbg. Erzberger (Zentr.)' bemängelt, daß das Gebiet der Kongoakte noch in leine Karte eingezeichnct ist.

Staatssekretär Dr. Sols:

In die neueste Auflage des kleinen KolonialatlnS wird daS Gebiet eingezeichnet werden.

Der Etat für das Reichskolonialamt wird erledigt.

Mittwoch 2 Uhr; Etats der einzelnen Schutzgebiete, Luft« vcrkehrsgesetz.

Schluß 634. Uhr.