Nr. 55
Zweites Blatt
Erscheint Irlich mit A»?»ah>ne des Sonntags.
Die ..«ichener zaiinllenblötter" werden dem .Anzeiger' viermal ivöchciitlich beigeleqt. dar „Ureiidlatt für den «reis Sieben" zweimal wöchentlich. Die „rondwirtschäftllchen öcit- Iragen" erscheinen monatlich zweimal.
Jahrgang
ietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Zreitag. 6. März
Rotatiourdruck »nd Vertag der Brnhl'sche» Univcrsttäts - Bnch- nnd Steiudruckeret. R. Lange, Gieße».
Redaktion, Expedition »nd Druckerei: Schul» slraße 7. Expedition und Vertag: e^ggil. Redaktion:Tel.-Adr.:AnzeigcrGleßeii.
hcfsiiche Zweite Hammer.
rb. Tarmstadt, ö. März.
9fm Regicrungstischc: Staatsnnnister Tr. von Ewald, Finanzminjftcr Tr. Braun, Minister des Innern ». >, om b c r g k, Staatsral Tr. Becker, Min.-Rat HöIzingcr. Geh. Lbsriinanzrätc Tr. R o h d e »nd 2 c i p.
Mchhem Präsident Köhler die Sitzung „nt 9.20 Uhr cr- össnct, wird die
allgemeine Aussprache über den Ttaatsvoranschlag
sortgesctzt.
Abg. Schott tnatl.) weist zunächst daraus hin. daß die allgemeinen Staatsausgabcn ,n ganz unverhältnismäßigcr Leise nn ^Sachsen bcqrisicn sind im Vergleich zu der Bevölkerung. Besonders sind die Kosten für die Schulen sehr erheblich in die Höbe gegangen, was besonders durch die kostipicligen Schulhai,snenoamen per ursacht wurde. Ter heimische Weinbau müsse beionders dadurch unterßützt werden, datz er gegen die Einführung der iremdcn Weine geschützt werde. Wenn inan nicht sür die Anlage neuer Weinberge Sorge trage, werde man schließlich nur noch mit alten Weinbergen zu tun haben, und dadiirch werde der ganze Weinbau noch unrentabler werdeii. Tie Eiuiühruug des Ertragswertes Ivürdc Redner sehr begrüßen. Tie Landwirtschaft habe aiich sehr unter der Einsührung srcmdcr Gerste zu billigen Zollsätzen zu leiden. Tic große 'Ansammlung der Kapitalien in den .Händen Einzelner verursache in den Mittelstandskreiscn große Abwanderungen und eine Schädigung der Landwirtschask durch die Landsliicht. Tein Antrag Ulrich aus Bewilligiing von öOOOO Mk. sür die Arbeitslosen Unterstützung könne Redner nicht zustimmen, weil die Arbeitgeber schon ohnehin diirch soziale Lasten schwer belrossen werden. Es würden auch immer »och Hunderttausende von ausländischen Ar beitcrn bcschästigl; man sollte dem Grundsatz huldigen, daß die deutsche Arbeit aiich den deutschen Arbeitern gehört. Roch den letzten Erhebungen durch die Viehzählung hat sich eine große Ber- iiiehrung des Viehbestandes auch i» Hessen ergeben. Tie Landsliicht nehme voil Jahr zu Jahr zugunsten der Industrie zu. Tic Arbeitslosigkeit in den Städten sei längst nicht so groß, wie inuuer bkliauvtet werde. Tie Arbeitslosenversicherung sei ein Experiment, das auSzuiührc» er der Regierung nicht raten möchte Zum Schluß bedauert der Redner, daß die schon ini vorigen Jahre sür die Landwirtschaft vvrgebrachten Wünsche auch in diesem Voranschlag nicht berücksichtigt worden sind.
Abg. Eißncrt -Soz.i bespricht noch einmal die Kompetenz konslikte in der Säualiiigsvilegc und Fürsorge in Ossenbach. Tic Mehreinstellung von 13000 Mk. sür die Jugendpslege bemängelt er. Tie Beschassung der zweiten Hiipothcken werde iininer schwieriger, nach seiner Ansicht inülsse der Staat eingreisen. Sehr bedenNich sei die Filialsteucr, nicht so sehr die WarenhauSstcuer. Tic Filialsteuer könne sehr leicht umgangen werden.
Ttaatsrat Tr. Becken-: Tic Regierung denke ßicht daran, Behörden ohne zivingeudc Gründe zii verlegen oder ganz aui- -zuhcbeii. Tie allgemcincn »lagen über das Elemeindeuinlageu gcsetz feien teilt ipilerschiedlich -,n behandeln Man erlebe es auch hier, daß sich ein Pilar Schreier liinstcllcii und behaupten, sie seien die Vertreter des Volkes. Teshalb könne inan wohl sage», daß die Klagen über das Gesetz durchaus nicht so berechtigt seien, wie stets gesagt werde. Richtig sei, daß vielfach sogenanntes Bau geländc i» der Röhe von Städten durch die Besteuerung »ach dem gemeinen Wert sehr hoch belastet lei. Auch bei der Gewerbe- betriebssteuer werde man ans geeignete Abänderungen bedacht sein müssen. Ein Urteil über die Wirkling des Genicinteuinlageii- gesctzes werde »lau sich in kurzem durch die im.Truck besindlsche Denkschrift bilden linnen. Ter Redner wendet sich daun gegen die Art, wie der Abg. Ulrich gestern die Steuerbehörde kritisiert habe. Dagegen müsse er schärfste Bcrtvahrung jm Rainen der Regierung einlcgen. Gerade die Steuerbehörde sei durch die lleberlästiiiig mit Steuergesetze» mit Arbeit .außerordentlich überhäuft worden, doch wolle er ieststcllcu, daß die Behörde niemals versagt habe. Auch sachlich seien die Ausführungen des Abg. Ulrich gegen die Besteuerung der Heimarbeiter nicht richtig gewesen. Das Obcrtandes- aericht habe sich in seiner Entscheidung über die Besteuerung der Portcseuillcr iit Ctfcitbncli sehr vorsichtig ausgedrückt und wolle sie nur von Fall du Fall gelten lassen. Tie ganze Frage ltzibc übcrbauvt nur Bedeutung sür die Gemeindesteuer, nicht sür die Staatssinanze». Man solle also nicht alles über einen Kämm scheren. ., , „ , ,
Wenn der Abg. Ulrich gestern von Leuten oeivrochen habe, die vor Hunger nachts iijcht schlafen köiincn. so sei das eine inehr als dichterische Uebertreibnng. denn cs handle sich »m Leiste, die znm nrindesten ein Einlomme» von 1300 Mark liabc». oll sogar eins bis über 3000 Mark. Ter sreigewordene Teil der Reichs- zuwachssteiier solle nach Ansicht dei< Ministerien der Fmanzci, und de» Innern vorläufig nicht für das Land iit Anspruch genommen werden. Ilnrichtia sei die Behaiiptung. daß die Verhält nisse nur der Besitzenden sich vcrbeisert hätte», auch die der iintercn Klaisen gehörten dazu, das bewiesen die gesteigerten Sparkassen»
""^Die Einnahmen aus der Landivirtschait ivürdcn allerdings nicht den Erwarrunaeii entsprechen, denn die Preise sür Getreide seien in den letzten Mouatcii herunlergegangen. wie fett fahren nicht liieir Der Rückschlag nui die Steuern sei deshalb »nausbleiblich. Bewundernd müsse inan dem Optimismus der Bauer» gegcnü'oer- stchcn Tie Reqicrung sei mit groster Porsicki! an die Lckiätziingcn aus dem Wehrbeitrag herangegaugcn uird man könne heute lagen, daß allerdings ein Mehr 'an Steuern sich ergeben werde, xai Ber- frf)Icn acgeu die Steuergesetze werde zu oft als Rotwehr gegen den Staat betrachtet. Jmmerbin diirse mau setzt nicht nur ooi> nesra»- danten sprechen, sondern es tiälten sich setz! Vermögen ergeben, die bisher noch nicht bestimmt sestzustellcn ioareu. Ebcmo feien die Deklaranten jetzt viel sorgsältiaer vorgcaangeii, während es bisher sehr schwicHig ioar. zumal die Ueincrci, Vermögen vollkoinnien richtig elMiischätzen Tie Dünsche aus Bcsrciuug der unteren Einkommenklasse »ou der-Besteucrung müstten angesichts der Schwrerig- keitcn des Budgets aus absehbare Zeit »nersüllt bleiben. Wenn der "Um Henrich gesagt habe, es sei nicrkwürdig. datz gerade die Besitzenden am ii, essteil schrieen, die von den -teuer» belrossen wurde» so sei das dock eine ganz italnrlicke Erfcheftniiig: gerade die scheelen am meisten, die zunächst von den -leucrn betrossen werde. Bon den politische,, Freunden des Abg. Tr Osann und de». Aba Ulrich dürfe man im übrigen wohl erwarten, daß „e alles daran setzen für eine bessere Behandlung der Bundesttaaten rm BnndeÄt zu wirken. Für den bedauerlichen Aussall van über ■100 000 Mark aus gewissen -iemvcln. die au, das Reich übernommen werden sollen, habe i»an im Bundesrat Tür He.i-n das notig' Verständnis Ter Ucbcrichuß »l der laufenden Verwaltung itche fest. Was an Mehrausgaben drohe, habe der sttnanznnm, er getzern sa schon erwäliist. aber man werde mrt aller.dkAmmthei.auch mit OfnÄrnf(imi rfffinm ntllllfH -i-lHC -i-ltlflC lOJITtf M6N IllCllt UnTOCr k-üug uehm k dazu mahne auch der Rückblick aus die Vergangen- b!it Man wisse doch, daß mal, fchon mehrcremalc lehr '„ innen Ho inuna n getäuscht worden ,ei Solche Enttauichungeu können auch in Zukunst nickt ganz ausbleiben. ,°enn man auch wsten dune, daß kleine Rückschläge überwunden werden können. Aus dreien Gründen müsse die Zurückhaltung der Regierung ,n der «eioldiiNgs --,'ch^nei, iteineswegs aber bereue die Regie- nina ibre^isberiaen Rackgaben: widersprechen müsse er aber der V-t,o,,vGna daü r - sich beider Beioldungsfrage um eine Macht s'r'kg khaLle ^T^ s.-he to Dcrsassuug entgegen, di- lediglich
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aus de» Weg der Verständigung verweise. Rachdem nun die grüßte Strecke Weg» durch das Entgegenkommen der Regierung zu rückgelcgt worden ist, sollte das Haus doch überlegen, ob die kleinste Strecke nicht durch ein Entgcgenkoniinen auch der Kammer erledigt werde» könnte.
Abg. Ulrich (Soz.l ivendet sich gegen die Aussührungeu des Staatsrats Tr. Becker in Tacken der Ofiendacher Heimarbeiter. Er habe bei seinen Ausiührungen einen ganz bcsttii»»- ten Fall im Auge gehabt, aus den Ttaatsrat Tr. Becker gar nickt eingegangen sei. Weiter erklärt der Redner daß er mit dem Ausdruck „Stcuersripc" keine kränkende Absicht gehabt habe, und kommt daun aut die gestrige Verteidigung des Cheiredakteurs des Regierungsorgans durch den Minister des Innern zurück, ieine .still! sei durchaus nicht inaßtoier gewesen als der Angriff. In den Verdächtigungen der Sozialdemokratie durch die Tarm- städter Zeitung liege zweifellos Svstem.
Abg. Henrich (F. Ppt. : mach! ebenfalls Einwendungen gegcii die Aussührungeu der Staatsrals Tr. Becker und toeist die Unterstellung zurück, er wolle durch seine Anregung über die Gcmcindestcuerzuschlägc den Steuerzahlern Sand in die Auge» streuen. Jm übrigen müsse er der Meinung widerspreche», daß in der Frage der Beamtenbesoldung den Lelircrn das gegeben werden sollte, was den Beamten genommen worden sei. Man müsse den Letnern in soweit gerecht werden, daß sie nicht schlechter behandelt werden als die Beamten. Dieser Fehler sei aber 1912 gemacht worden.
Staatsral Tr. Becker verwahrt sich gegen die Behauptung des Abg Henrich, daß die Regierung 'Anregungen von der Linken des Hause» lisch! svnipathisch gegenübcrstehe. Weiter habe er scstzustcllen, daß der Staatsminister nicht gesagt habe. Man habe den Beamien Abstriche gemacht, um diese Erparnisse den Lehrern zuzuwenden.
Tamil ist die Generaldebatte beendet.
In der S P e z i a I d c b a t t e zum Etat wird die Vorbemerkung des Budgets angenommen, ebenso die Reste aus den vorigen Jahren. Bei den Kanrcral- und Fvrstdomäncn stimmt die Sozialdemokratie nach einer kurzen Begründung des Staatsministcrs über die erhöhten Ordcnskostcn gegen das Kapitel.
Tie Kapitel Weinbaudomäncn, Bad Salzhauicn, Hol,Magazin zu Darmstadt. Kapitalzinsen nnd Sonstiges werden ohne Debatte erledigt. Es folgt Kap. 7a Braunkohlenbergwerk und Kraftwerk Ludwigsbosfnung.
Abg. Breidenback kBbd.l: Tie Grube sei noch immer ein großes Sorgenkind. Tie geringe Steigerung des Ucbcrschusscs gebe zu denken, wie überbauvt die einstigen Erwartungen Nicht IN hinreichendem Maße erfüllt seien. 112 Orte sind setzt in der Umgebung von Wölfersheim an das Kraftwerk angeschlosse» worden, nach den jetzigen Ausstellungen rechne nian mit über 2 Millionen Kilo- Ivattstunde»: ans seden Fall hat das erste Befricbssahr sehr günstig abgeschlossen. Bemericn wolle er. daß eine Vergrößerung des Kraftwerkes sür Bahnen usw. sehr wohl möglich. Der Redner macht dann Mitteilungen von Angrissen, die in einem Mainzer Blatt gegen das Kraftwerk erhoben worden sind nnd die nicht unwidersprochen bleiben dürfen.
Abg. Dorsch lBbd.l: Wenn die Abgcber des Geländes s. Zt. gewußt hätten, daß die Tirektion der Grube unter die Seilbahn auch noch eine Schienenbahn legen wollte, würden sic sich sicher gehütet haben, das Gelände abzugcben. Es sei dadurch jegliche Möglichkeit genommen, das Gelände z» bebauen. Zum Schluß machte er daraus ausmerksatzi. daß der leitende Beamte anscheinend ein Arbeitsgebiet habe, das ihm noch sehr viel freie Zeit lasse.
Abg. M o l t h a n sZtr.) niißt dem Artikel de» Mainzer Blattes keine Vedeutung bei. Zu wünschen sei es, daß der Direktor des Werkes an Ort »nd Stelle wohne. Auf die Tauer lasse sich der jetzige Zustand Nicht mehr ausrecht erhalten nach dem alten Spruch: Beuii die Katze nickt int Hause ist, tanzen die Mäuse aus dem Tisch herum. Eventuell sei der Neubau einer Dircktorwohuung ins Auge zu fassen.
'Abg. Ulrich (Soz.): Es liege gar keine Veranlassung vor, deni Verfasser des Mainzer Artikel», der ein ganz bestimmfes Interesse habe, gefällig zu sein. Tic gute Entwicklung des Werkes steht unbestritten fest.
Rach weiteren kurzen Aeußcrungen der 'Abg. I o u tz, B r c i - t c n b a ch inch Dorsch lehnt
Finanzminister Tr. Braun es ab, daß die soeben erzielten llcbcrschüssc des Werkes sofort wieder in Baukosten angelegt werden. Tic Mainzer Artikel seien aus Konkurrenziieid versaßt worden und deshalb hinfällig.
Ter Ausschnßantrag wird daraus angenommen. Schluß 1 Uhr. Nächste Sitzung Freitag 9 Uhr.
Aus den RrichLtagLausjchüssen.
: Berlin, 5. März.
Fm Bildgrt-Ailssch»,!
nnterhielt Man sich beim Voranschlag sür Südwestasrika über drn Zcntrumsanlrog, 9 Millionen aus den Ueberschüsse» von 1913 zur B e rmi nde r» n g des R cichs z u schu s > es zu verwenden. Die Sozialdemokratie stimmte zu unter Anzivcifc- tung der Eniwickelungstähigkeft des Lande». Ein Rational- liberal e II trat dem entgegen. Das Land sei durchaus cnt- wicklungstähig. 'Aut bei, Diamautensegeu habe mau früher doch nicht aercchnet. Auch die Schutztruvve sei tatsächlich zum Schutze des Landes vorbauden. Es sei nicht richtig, eine einmalige Einnahme der Kolonie wieder zum Nutzen des Reiches zurück- znverwcndcn. Man möge eine großzügige Wassercrschlie- ßung einleiten.
Ein Fortschrittler erklärte cs ebenfalls sür kleinlich, wenn tnan die Erträgnisse des Schutzgebietes zur Teckung eines Rcichsdesizits verwende. Es könne sich nur dar,»» Handel», soviel zur 'Abininderung des Zuschusses zu verwenden, als man als dauernden Ucbcrschust anschen kann. Dieser 'Ansckmuung
stimmte auch der S t a a t z sc kr t ä r zu. Ein Konscrvatlvcr
wrack, sich gleichfalls gegen den Zcnlrumsantrag aus. Tic Fort- schrittsvartci gab dann ihrem 'Anträge die Fassung: für
1913 ebensoviel an dem Rcichszuschust abzustreicken, wie cs sür
1914 in dem Voranschlag vorgesehen ist. Tic 'Abstimmung wurde ausgeietzt. Ein Sozialdemokrat bcanlraglc die Vermehrung der Zahl der Eingeborencn-Kommissare, um die Besitz- und Ar» beitsverhältniisc der Eingeborenen kontzrollicren zu könne». Ter Antrag wurde angenommen. Weiter iourdc bessere Fürsorge sür die Butchlcute gefordert. Ter Berichterstatter bcantraate die Schot- iung vermehrter rechtlicher Sicherheit sür die Rechtsanwälte und die Einsührung eines geordneten Rechtsganges sür Streitigkeiten über ötsentliche 'Abgaben. Ter Staalssekrelär äußerte sich zustim- mcnd und der Antrag wurde angenommen.
DerTuell-Ausschuß
verhandelte heute über die Frage, inwieweit Acnderungen des Straf-- geictzbuches >n den Zwcikamvtparagraphcn notwendig seien, ivcnn jemand durch ehrenrührige Handlungen oder ehrenrührige Behauv- rungcn über sich und seine Familie gckränft ist. Ein Zentrumsredner wollte jemandem, der sich solcher Verschlungen schuldig mache „nd dann zum Duell hcraustordcrc, nicht mehr die Möglichkeit zur Bekleidung eines 'Amüs zubftligen, ihm auch jede Vorgesctztenstel- lung entziehen. Ein Sozialdemokrat sordert durchweg obligatorische Strasbestimniungcn. Ein Nationalliberalcr stimmlc der vom Zen- lrum porgeschlagcncn Regelung, die bei frevelhaftem Verschulden an Stelle der Festungshaft Gesängnisstrase vorsieht, zu. Er wandte
sich aber gegen eine Gesängnisstrase von nicht unter drei Monaten. Ein Vertretcr des vreußischc» Kricgsministcrs verteidigte die ehren gcrjchilichcn Bestimmungen. Ein Fortschrilllcr glanbte, daß der Zentrumsantrag bei den heutigen Anschauungen nicht durchsührbar sei. Ein Konservativer hielt die jetzige» Bestimmungen über den Zivcikainvi sür ausreichend, war aber gleichwohl bereit, cinciil natio- nat^bcraten Anträge zuzustiinmen. der bet Zwcilämpien mit tödlichem Ausgang oder bei freventlichem Verschulde» oder anderen erschwerendc» Umständen Gesängnisstrase und eventuell auch Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte Vorsicht. Ter Ausschuß nahm einstimmig de» Grundsatz an. daß bei treveibastcm Verschulden an die Stelle von Feitungshast Gesängnisstrase trete» solle, ferner mir acht Stimmen gegen fünf Konscrvatioc und Rationalliberale, daß bei Vorliegcn einer ehrlosen Handlungsweise die bürgerlichen Ehrenrechte obligatorisch aberkannt werden sollen. Die Beschlüsse ^dcs Ausschusses solle» morgen rcoidicrl und iväler in Form eines Jni- tiativanirags an das Plenum gebracht werden.
Tkr Loniitalfsruhc-Ausschutz setzte heute die Verhandlungen über die Bcdürsnisgctvcrbe fort. Eft lag ein Antrag der bürgerlickien Parteien vor, in die gesctzlick>en Ausnahmen auch Fische. Fleisch »nd Fleischwaren hineinziinehmen. Ein Rationotliberaler trat weiter sür die Ziilassiing des Zigarren Handels zu den Bcdürtnisgcwerbcn ein. Ein Fortschrittler hielt eine besondere Bcrkausszcit sür den Zigarrenhandel nicht sür er- sordcrlich, da sich sederman» seine Zigarren am Sonnabend besorgen könne. Ein Sozialdemolrat sprach sich ebenfalls scharf geger die Einbezichimg der Zigarren unter die Bedürsnisoewerbe aus. Ter Einiguugsautrag der bürgerlichen Parteien tvurde angenom- nien. Danach ist in Perkanssstellen für Back- und Konditorwaren eine Beschäftigung bis zu l> Stunde», in denen sür Milch, Molke - reierzeugnisse. Fische. Fleisch und Fleischwaren eine solche von drei Stunden zulässig. Bezüglich der von den höheren Verwaltungsbehörde,, zuzulassendeii Ausnahmen wurde cbensatls der 'Antrag der bürgerlichen Parteien angenommen. Hierzu kommt der S 7. Abs. 2 der Regierungsvorlage. Danach ist sür Städte über 70 000 Einwohner de» höheren Vcrtvalt»ngsbcanile» die Möglichlcit ge gebe», für solche Gewerbezweige, deren vollständige oder teilweise, Ausübung crsordcrlich ist, 'Ausnahmen zu aeftatte», die nicht über 1 Uhr hinausgehen Minen. Tic näheren Bestimmungen über die. Ausnahmen trifft der BuudeSrat: sic sind dem Reichstage zur Keniitnisnahine mftzuteilen. Tann wurde der Antrag der bürgerlichen Parteien einsftmmig angenommc». wonach die Beschäsftgung an den ersten hohen Feiertagen, sowie am Karfteitag »nd am Fron- leichnamstage, soweit die beiden letzteren ortsgesetzlich als Festtage anerkannt sind, verboten wird, an den zweiten Festtagen, am Neujahrs- »nd Himmelsahrtstage die Beschäftigung aber den Bedürfnis« gewerbcn zugcstanden wird.
Deutsche Kolonien.
pf Ein Säuglingsheim in Dentsch-Ost« afrika. Die Leipziger Mission plant die Errichtung eines Säuglingsheimes am Kilimandsaro in gesunder Gebirgsgegend. Die große Sterblichkeit der Säuglinge und die durch heidnischen Aberglauben oit pcrnrsachtc schlechte Behandlung derselben, besonders der Mädchchi. hat die Erbauung eines solchen Heims als notwendig erwiesen. Der Plan hat sür uns in H esse n ein besonderes Interesse, Ivcil dort im Dienste der Mission eine aus dem D a r in st ä d l c r Diakonisscnhaus stanlmende Schwester Friederike S l c i n a ck e r tätig ist.
An» Stadt und £aitd.
Gießen, t>. März 191-1.
Rene Eiscnb<h»plänc in Lberhessen.
Vor einigen Wocbcn ivurde an dieser -teile berichte^ daß sich bet de» letzten Hcrbstm inövern ini Bogelsbcrg beim Rücktransport der Truppen ln ihre Garnisonen eine.inangel- hafte Bahiiperbindimg nach Fronlsurt bemerkbar gemacht hat, nnd ein Projekt dar^elcgt. das die etiva 13 Kilometer von einander entfernten Stationen B e r in uthshain und Birst ei n mit einander verbindeil soltte, ivoniit gleichzeitig eine bessere Verbindung mit Frankfurt durch den 'Anschluß an die Hauptstrecke aus Station Wächtersbach ge-, geben sei. Wenn nun auch gegen dieses Projekt, das schon! vor acht Jahren oustauchtc, in Bezug aus eine kürzere Fahrzeit nach Franlsnrt nichts cinznwendcn wäre, so ist cs doch in Anbetracht der nur sehr selten vorkommcndcn Truppentransporte aus dieser Gegend nicht von iveiterer ivirt- schastlickfcr Bedeutung, da die wenigen, meist prcußischeif Gemeinden, die an der tnrzen Strecke interessiert wären, nicht allzuweit von der Station Birstein oder Bermuthe-f Hain entfernt liegen.
Aus diesem Grunde scheint auch vorläufig von einer Aussühriing dieses Projekts 'Abstand genommen zu werden. Es ist jedoch seit einigen Jahren ein anderes Projekt ins Auge gefaßt worden, das eine Gegend erschließen soll, die bis jetzt »och recht weit vom Bahnoerlchr obliegt, aber eine recht ivirtschajtlichc Bedeutung hat. Dieses Projett fiihrt von Bahnhof Grebenhain —Erainselb über die hessischen Orte -Ober-Moos, Rieder-Moos, G u n z c n a u, Freien st ein au, A o l z m ii h l , San* desgrenze, Ulinbach nach Station Sälmünster — Soden, »ui lfter Anschluß an die Hauptstrecke F-ranksnrt— Bebra zu finden. Es ivärc somit einer größeren Anzahl hessischer nnd preußischer Gemeinden Rechnung getragen, die znm Teil recht erhebliche Wegstrecken bis zur nächsten Bahnstation zurückz-ulcgen haben »nd schon seit Jahren auf eine bessere Verbindung nach dem Sitze des Amtsl gericKts oder der Kweisbchördc bczw. Landratsamt harren.
Schon im Jahre 1900, als auf Bahnhof Elm größere Erdrutschungen oorkomen und der Balmhos gefährdet schien, tagte in Freiciistcinan eine Versamintfiiig preußischer und hessischer VerwaltungSbeainten um fiir Ausführung einer LollbahnvonWächtcrsbach über Birst ei n durch die hiesige Elegend nach Fulda bei den Regierungeif vorstellig zu werden. Ter Turchstich des Tiftelrasentunncls bei Schlichtern, womit die gefährdete Stelle aus Station Elm umgangen wird, hat jedoch den erioähnten Plan nicht zur Vollendung gebracht. Mit der Ausführnng des jetzigen Projekts Salmünster—Grebenhain ist noch ein weiteres Pro jekt im Gange, das von Fulda ansgelfend über Hans» w u r z in die genannte Strecke bei Radmühl bezw. Freiensteinau ernmürrden soll. Es wäre somit auch eine Möglichkeit geschaffen, fiir die Bewohner des Salztales sowohl nach der Frankfurter Seite, als auch nackf Fulda bequeme Fahrgelegenheit zu finden nfid den bei Ulm- bach befindlichen Basaliwerken ein besserer und billiger Transport ihrer Produkte nach beiden Richtungen gogebcf,.
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