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Erster Blatt ^.Jahrgang Montag.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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2 . März, 9 «
VeirrqSvrctsr
monatlich75Vl^menel« infjrltct) Mk. 2.20; durch Abhole- iu Zweigstellen
monatlich Go Pf.; durch dieVost NL 2.—viertel« jährl. ausschl. BesteÜq. Zeileupreis: lokallbPf^ auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantivortlich für den oolit. Teil: Aug. Goetz; für „Feuilleton", .Vermischtes" uud„Gerichts- faal": Karl Neurath; für ^ Stadt und Land": Kurt Beudt; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfatzt 10 Seiten.
Tagcskalendcr aus bem Jahre 1814.
2. Mä r z: ©encral ». Thümeu wirst die Franzosen in die Festung Soissons.
Die hessische Regierung und die Besoldungsvorlage.
Unser Darmstädter Mitarbeiter schreibt uns:
In der amtlichen „Darmstädter Zeitung" wird eine zweifellos amtliche Mitteilung „Zur Richtigstellung" veröffentlicht, in welcher man sich unter Bezugnahme auf den ! Artikel „Eine kritische Lage" gegen die darin enthaltene Behauptung wendet, daß die an, vorigen Donnerstag in der Zweiten Kammer abgegebene Erklärung des Herrn Staats- ! Ministers betreffs der Volksschullehrergebalte „völlig nbcr- t raschend" gekommen sei, und man nrit Recht habe annehmcn können, daß sich auch die Regierung einer eventuellen Einigung der beiden Ständckammcrn über die erhöhte Lehrer- besolüung anschlicßen wurde usw. Diese Darstellung wird in der offiziösen Mitteilung als „völlig unzureichend" bezeichnet und zum Beweis dafür werden mehrere Zitate aus früheren Ministerreden angeführt, nach denen „über die Haltung der Regierung zu der Frage der Volksschullchrcr bei den pbrigen gesetzgebenden Faktoren keinerlei Zweifel be stehen konnte". Der Verfasser des erwähnten Artikels sei , „offenbar über die Verhandlungen der letzten Monate wenig ; unterrichtet" gewesen.
! , Diese offiziöse Auslassung wird niemand niehr in Er- j staunen setzen, als die Mitglieder des Finanzausschusses der Zweiten Kammer, denen damit schwarz auf weiß bedeutet wird, sie hätten über die Haltung der Regierung „keinerlei Zweifel" haben können. Wir stellen demgegenüber hicrniit nochmals die Daffachc fest, deren Richtigkeit auch jedes einzelne Kammermitglicd bestätigen wird, daß am Donnerstag morgen, als der Herr Staatsminiscer mit seiner Erklärung in der Kammer erschien, nicht nur der Finanzausschuß, sondern das ganze Haus „völlig überrascht" war. Diese Neber- raschung kam auch in der Donnerstagssitzung nach Abgabe der Regierungserklärung dadurch zum Ausdruck, daß' die Kammer auf Antrag deo Ausschnßvorsitzcndcn sämtliche Anträge des Finanzausschusses einstimmig en bloc annahm und darauf unverzüglich die Sitzung geschlossen wurde, um den verschiedenen Fraktionen (Gelegenheit zu geben, sich sofort über das sensationelle Ereignis näher zu beraten.
Es ist auch „völlig unzutreffend", daß die Regierung „stets und insbesondere auch in den Verhandlungen des Finanzausschusses der Ziveiten Kammer" ihren ablehnenden Standpunkt bezüglich der Lehrerbesoldung betont habe. Sie hatte vielmehr schon in den von der „Darmst. Ztg." als Beweis für ihre Behauptung zitierten Aorten des Herrn Staatsministers vom 9. Dezember v. I. erklärt: „eine so weitgehende Verbesserung der Lehrerbczüge ist schon um deswillen nicht veranlaßt" -usw. tzind damit ebenso, wie später im Finanzausschuß und zuletzt auch in der
Tonnerstagserklärung sehr deutlich zu erkennen gegeben, daß sic nicht auf der strikten Annahme der Regierungsvorlage über die Lehrergchalte beharre, sondern mit sich reden lasse und zur llcbcrnahme der Vermittlerrolle zwischen den beiden Kammern bereit sei. Wenn das rechtzeitig und nicht erst am vorigen Donnerstag geschehen wäre, so würde unseres Erachtens nach die ganze Besoldungsreform längst unter Dach und Fach gebracht sein. Während die Regierung z. B. bei Beratung einer verhältnismäßig untergeordneten Sache, den Amtsgerichtsdirckkoren, im Finanzausschuß die kategorische Erklärung abgab, daß im Falle der Nichtbewil- ligung die ganze Besoldungsvorlage scheitern würde, ließ sie den Finanzausschuß über das- Maß ihres Entgegenkommens bezüglich der Lehrergchalte im Unklaren und machte auch bis zum Donnerstag keinerlei Vermittclungsvorschlöge.
Dem ini letzten Satz der „Richtigstellung" angedeuteten Wunsch, mit der Veröffentlichung solcher Mitteilungen zurückhaltender zu sein, kann sich der Verfasser des Artikels keineswegs anschließen; er ist vielmehr der Meinung, daß die Oeffcntlichkeit ein volles- Recht hat, sowohl über die Stellung der Kammern und der einzelnen Parteien, wie über die Haltung der Regierung und deren Begründung in wichtigen Fragen recht genau unterrichtet zu werden. Mit den Vorgängen vom letzten Donnerstag ist zunächst mir das erreicht worden, dag die ganze leidige Besoldungs- resorm liicht, wie wohl allgemein erwartet worden war, niit dem Schluß der vorigen Woche zur endgültigen Verabschiedung gelangt ist. Bis zu welchem Termin das nun angesichts der ain Dienstag beginnenden Budgetberatung geschehen wird und ob es überhaupt in diesem Landtag geschehen wird, steht sehr dahin.
Tie Erklärung, in der die Großh. Regierung zu der im vorstehenden Artikel besprochenen Frage amtlich in der „Darmst. Ztg." sich geäußert hat, lautet wie folgt:
Tie Großberzogliche Regierung bat stets und insbesondere auch in den Verhandlungen des Finanz- ansschusscz der Zweiten Kammer darauf hingemiesen, daß die vom Finanzausschuß vorgeschlagcnc Erhöhung der Bezüge der Bolks- fchnllehrcr über die Regierungsvorlage hinaus von ihr nicht gebilligt werde» könne. Tie gleiche Erklärung ist von den zustän digen Ministern im Plenum der beiden Kammern wiederholt abgegeben worden. So führte IN der Zweiten .Kämmer Staatsminister Tr. von Ewald am 9. Dezember v. I. ans:
„Fm Rahmen meiner allgemeinen Bemerkungen, möchte ich hervorhcben, daß die Großh. Regierung nicht in der Lage ist, der Erhöhung der Lehrergchaitc, wie sie Ihr Ausschuß Vorschläge, zuzustimmen: . . Wenn der Ausschuß über die Vorschläge (bei:
Regierung) für Lehrer lind Lehrerinnen weit hinausgchl, so muß die Großh. Regierung dem entschieden widersprechen:
.....Eine so weitgehende Verüesscrung der Lehrerbczüge ist
schon um deswillen nicht veranlaßt, weil sic über die vergleichsweise für die übrige Bcamienschait vorgesehene Ausbesserung weit hinausgcht. Sic ist auch stnanziel! nicht möglich . . .
In der Rede des Finanzministers Tr. Braun vom gleichen Tage findet sich u. a. folgende Stelle:
„Es muß daher in diesem Zusammenhänge nachdrücklich wiederholt werden, war Seine Exzellenz der Herr Staatsministcr gesagt hat, daß sich eine derartige Erhöhung in den Bezügen des Lehrcrpcrsonals schon auS finanziellen Gründen verbietet."
An derselbe» Stelle erklärte endlich Minister von Hombcigk am 16. Dezember v. I.: ,
„Nach deni allen, Ivas ich eben hier auSgcstihrt habe, möchte ich hier nochmals cmpichlen, im Interesse des Zustandekommens der ganzen Vorlage nicht über die Regierungsvorlage bezüglich der Lehrergchalte hinausgchcn zu wollen."
In der Sitzung der Ersten Kammer voni Hl. Februar 1911 äußerte sich Staatsministcr Tr. non Ewald folgendermaßen:
„Zu dem Gesetzentwurf über die Gehalte der Volksschullchrcr empjichlt ihr Ausschuß, den Brschlüiseii der verehrlichen Zwecken Kammer nicht bcizutrcten, vielmehr die Regierungsvorlage wieder herzustcllcn. Tic Großh. Regierung sieht in diesen Vorschlägen die Richtigkeit der Äaltung bestätigt, die sie selbst aus sachlichen und sinansicllcn Gründen, wie auch aus Rücksicht aus die übrige Beamtcnlchaft cinnehmrn mußte."
Nach diesen amtlichen Darlegungen konnte über die Haltung der Regierung zu der Frage der Volksscknckkrhrcrgehalte bei den übrige» gesetzgebenden Faktoren keinerlei Zweifel bestehe». Wenn der Vcriässer des eingangs erwähnte» Artikels etwas anderes bchauvtet, so ist er offenbar über die Verhandlungen der letzten Monate wenig »nteriichtet. Fm Interesse einer glücklichen Lösung der bestehenden Schwierigkeiten würden aber derartig unbegründete Behauptungen in der Oessentlichteit besser unterbleiben.
Eine Regierungserklärung über die parlamentarische Lage.
In der Samstags-Nummer der „Darnistädter Zeitung" finden wir folgenden amtlidjeit Rückblick über die parlamentarische Lage, worin fcstgestcllt wird, wie peinlich und scheid« sich das Scheitern der gesamten Besoldungsvorlage wirken müßte:
Ei» tieferer Spall scheint heule nur zwischen der Aussassimg der gesetzgebenden Faktoren darüber zu bestehe», wieweit die Bezüge der Lehrer über die ursprünglichen Vorschläge der Regierung hinaus ausgcbcssert werden dürfen und inüsscn. Bekanntlich hatte die Regierung vorgcschlagen, den Höchstgehalt der Lehrer, der seither 3000 mach dem sog. Propisorium der Fahre 1912 »nd 1919 aber 3330) Mark betragen hat, aus 3100 Mk. zu erhöhen und den penlionsiähigcn Anschlag der dem Lehrer bekanntlich grundsätzlich zustchendcn freien Dienstwohnung oder einer entsprechenden Mict- cntschädigiiilg) mit 100 Mk. zu belassen, so daß ein vensionsiähiger Höchstbezug von 3800 Mk. sich ergeben hätte. Tie Zwecke Kammer beschloß, den .Aöchstbargchalt aui 3800, den pensionssähigcn Anschlag der Wohnung auf 500 und damit den gesamten penssous- sähigen Bezug aus 1300 Mk. zu erhöhe». Trotzdem die Erste Kammer der Regierungsvorlage aus sachlichen und finanziellen Gründen uneingeschränkt zustimmtc, entschloß sich die Regierung zu einem Vermcktklungsvorschlag. Danach sollte die ausgcsetzte 12. Gehaltsklasse beseitigt, die ll. aber von den 3100 MI., die die Regierung ursprünglich vorgeschlagcn, aus 3600 Mk. erhöht und auch in der 10. Klasse, die von allen drei gesetzgebenden Faktoren aus 3200 Mk. scstgesetzt worden war, noch NX) Mk. ausgeictzl werden. Außerdem wurde deni Beschluß der Zweiten Kammer ioegen Erhöhung des Wohnungsanschlags auf 500 Mk. nachgcgeben. Dil Erste Kämmer hat diesen Anregungen trotz schwerer sachlicher Bedenken bereits zugcstimmt, während sich die Zweite Kammer bis jetzt dazu nicht hat entschließen können. Und doch komnlt dieser Kompromißvarschlag den Wünschen der Zweiten Kammer wie den Bestrebungen der Lehrcrschait selbst in weitem Maße entgegen. Einmal gibt er von der streitigen Tisserenz im Höchst b a r bezug (3100 zu 3800 Mk.) die volle Hülste mit 200 Mi., im höchsten penfionsfähigen Bezug (3800 zu 1300 Mk.) sogar volle drei Fünftel mit 300 Mk. nach: das bedeutet eine iveitcrc Zuwendung
Ausstellung im ©bcrl)c|fffcf?cit Uunstverein.''
Futurismus. (Frau; Marc.»
Gießen, 28. Fcbr.
Die Leitung des Oberhestischen KunstvereinS scheint in bester Geberlaune. Rach der samoscn Städtebau-Ausstellung bringt sie Gießen wiederum eine wenn auch in anderer .Hinsicht bedeutsame Sammlung, die bisher nur in Berlin, 'Amsterdam und Franksuri zu sehen war. Einer der hervorragendsten Vertreter der futuristischen Richtung, F r a n z 911 n r c, hat mit einer ansehnlichen Zahl seiner Bilder in der Kunstausstellung ain Brandvlatz seinen Einzug gehalten. Ein ganz Eigener und etwas ganz Eigenes, das einen! zuerst cntsremdlich den Atem benimmt, als sei es von irgend woher, auS einer unbekannten Welt, deren Existenz man nun erst spürt — ein Ahnen von ihr zittert ja in jedem Lebenden unbewußt — und deren Wesensart den in herkömmlicher Acsthetik (gedrillten schwer belastet. So belastet, daß er in Verwirrung gerät oder achsclzuckend lacht und damit die „Narretei" abtut. Mit diesem Abtun ist ja dos Publikum schnell bei der Hand, gleichviel ob es in der Frankfurter Äaiscrstraßc oder auf dem Gießcncr ScltcrSweg Marcsche Bilder sicht. So hat cs sich noch immer benommen. Man denke nur an das Auskommen des Impressionismus. Aber die meisten fühlen es nicht, welch schweres ernstes Wagnis oder siegreiches (wer weiß das?) Ringen, das in allen Künsten heute harte Effchüttcrungcn schlägt, sie hier streift: es ist ihnen ja wesensfremd — solch Ringe». Noch sind die Meinungen der Kenner nicht gcllärt, noch spricht sich beispielsweise ein Lovis Corinth gegen und ein Hans Thoma für diese sungen grüblerischen Enthusiasten aus. Nach dem durch Licht raumgestaltenden und die Schatten farbig aushellenden Impressionismus kam der Expressiv nismus, der die Farben als unmittelbare Lichtcrscheinung die Flächen austcilcn ließ. Ter Kubismus löst das Körperliche in Licht aus. das in priniitivstcn Formen gegeben wird, und der Futurismus macht auS den Dingen nichts als „Momcntvcrscsti- gungcn des fließenden Geschehens", wie Tr. Eoellen-Bonn in einem Artikel der „Frli. Ztg." vom 16. Januar kehr geistvoll ausiührte, setzt also Hcrallitische Weisheit in niutige Dat um. Er verachtet dos Gegenständlich-Ruhige und malt „lcbencffüllcnde Zeit, Rhythmus »nd Melodie des Geschehens", das er mit eigener
ff Der Oberhesjische Kunstvercin hat uns in seiner gegenwärtigen ?lusstcllung höchst dankenswerterweise die Bekanntschast mit einem der namhaftesten Futuristen vermittelt, so daß sich nun jedermann selbst ein Urteit über diese neueste Mode bilden linn. 8>r selbst müssen gestehen, auch aus die Gefahr hin rückständig -u erscheinen, daß wir uns mit dieser Art von Kunst nicht be- ireunden können, weil wir als die Hauptausgabe eines Künstlers ansebcn, sich in die Natur zu veffcnken, nicht aber, sie zu vergewaltigen und aus eine Formel zu bringen. Trotzdem geben wir im folgenden einem Kritiker das Wort der aus einem anderen Standpunkt steht, tu-? wir es für verdienstlich halten, . auch einmal eine andere Ansicht zu Wort kommen zu lassen, lins ist aber sedensalls eine einzige Federzeichnung von llbbelvhdc lieber als Marcs sämtliche Bilder. Tie Schrisrl.
Krast schaut. Und daß die Futuristen hierin alle andersgeartete Kunst vor und neben sich als abgetan erklären — was verschlägts? Die Feuergcister erheben eben das Problem zuni Gffctz, das ;a auch die eigene Energie sfftigt. Sollte ihre Kunst in kommenden Tagen keine Entwicklungsmöglichleit haben, so hätte sie doch sicher als Reaktion aus einen allzugrvßcn Naturalismus Gutes gewirkt. Eine andere Wesenheit des Futurismus scheint niir bedenklicher: nämlich das Hinansringcn dieser Kunst zu einer Mystik der Farben und des Gcstaltens in seiner Bedeutung. Damit wird das Geistige (s Kandinaln lieber das Geistige in der Kunst- so außerordentlich betont daß all- aiich nur mögliche Wesenheit der Form schwerlich koordiniert eine Kunsteinheit bilden, sondern wohl als subor- dinikit diese stören Ivird. Mit schncntwm Herze» sucht man die Urwcsenheit in den Dingen, der das Tier nicht ferner lieht als der Mensch Im Denken des Kindes, >m Tun der Barbaren, IM Blick des Tieres sieht man ein Stück jener verlorene» Urwesenheit (s Fritz Burger, Cszannc und Hodlcr) und trauert über den Zerfall der Kröste durch die .Kultur. Das sing schon bei Gauguin an.
Und diesem ist Franz Marc verwandt. Er ist zweisellos ein Künstler das zeigen seine Bilder au, den ersten Blick. Dieser Farbensinn, diese zeichnerische GcstalNingskrast, diese künstlmschc Kultur, bte ifm cklekrisch hier expressionistische, dort lubistische und da rein futuristische Ausdrucksmittcl wählen läßt. Er geht noch weiter wie Eözanne und überträgt das Mystische von der Farbgebung auch aus die Figur Der Aehnlichkeitsbezichung, der sinnlichen Einheit wegen in die Marc Organisches und Anorganisches bringt, mußte er Wcscnsmcrimale in Farbe und Gestalt, das anatomisch Per- svektivischc und statisch Richtige ovscrn. So erklären sich seine Bilder sürs erste Tie Farbentechnik i,t ungewöhnlich. Man schnür wie er die starken Farben nebeneinander baut und zum »roßen Klang eint, wie er sie schüttelt, alällel und wirst und die beschattet, ohne daß eine sichtbare Lichtaucllc slutct oder nur riefelt - Da ist ein Bild „Akt im Freien", das gleich die hohen Qualitäten Marcs zeigt. Die farbliche Struktur in Blau. Eielb und Rot erinnert an Cszannc, ist ebenso französisch wie die Flcssch- behandlunq der Körper und deren zeichnerische Gestattung. Nach diesem Bilde glauben wir ivohl, daß der Künstler auch „anders" malen könnte, wenn er wollte, und vermutlich nick» schlecht. Bon einer den Schauer beicclenden, sreicn, in unirdischem Akkord schwingenden Lebendigkeit und bei aller Lenchtkrast zarten Dustig- kcit ist das farbliche All dieses Gemäldes. Daneben der monumentale Ausbau des „Turmes der blauen Pferde", der tveaen seines Krastüberschusses einen, Michelangelo wohl hätte gefallen können AiiS schwerem satten Blau knetet Marc den Leib des in harten! dach großzügigen Konturen gehaltenen ersten Pferdes und türmt die drei anderen Pserde mck den eigensinnigen Kovi- sorincn darüber auf. Und zu dieser wuchtigen blauen Farbe der Tiere die schweren, doch matteren Töne der Umgebung und das tolle Leuchten des RcgenbogenS. Eck, großzügiges Bild sind auch die „Diriche". die eins mit der Natur scheinen. Das rote Geweih unterscheidet sich nicht von den Bäumen und traumhaft scheint die weiße Hirschkuh aus dem Boden zu wachsen. Der Bildausschnitt gibt bei aller Kargheit doch die Umgebung oenau. "Tie Angst des hasen" löst die räumliche Einheit aus. Köstlich
sind der im Sprung verdutzt verharrende Hund und der in seiner Todesangst seitlich znsammcngcducktc Hase. Die helle, in einem Brennpunkt vereinigte Farbenfkala links mag das große Bcdürfnis dcs Malers nach sarblichcr Auseinandersetzung mutwillig zu be- sricdlgcn suchen. Das überaus groß abgemcn'cne „Ticrschicksal" ist zweisellos gewaltig. Hier spiegelt sich der elementare Ausbruch der Natur, der im Chaos der Farben, der roten, grünen und blauen Töne gegeben ist, in der Tierseelc. Der Parallclisnius der vier gcnngstigt cmporsck>a»cndcn roten Rehe, das zeichnerische und im malerischen Ausdruck Eigenirastvofle deS blauen, lang- hälsigcn Tieres, das sich in zitternder Extase des Erschreckens vor deni zusannnenbrechenden Baumstamm cniporstreckt, und die links sein gestalteten, in einer Ebene verlausenden grünen T^r- köpse, die sich, eins als Gegenstück des andern, anfchauen, sind hohe nialerische Schönheiten. Expressionistisch >md kubistiich (kauernder Hirt, Landschaft und Kuh) sind die „Hirten" gemalt. Tie Akte erinnern etwas an schweizer Stilisierung, der ausgeprägte Farbensinn setzt die Valeurs hart und unvermittelt nebeneinander. Diese hohe Farblichkeit zeigt auch das „Kindcrbild". Vorbilder bei den Franzosen hat dann wieder das „Mädchen mit Katze" (auch in der Gcfichtsbildung). Alles ist in runde weiche Foriw.-n aufgelöst. Dazu dieses Grün lind Blau! Die zeichnerische Größe Marcs tritt in dem Bild „Springende Pserde" auffällig zutage. Er ist zweifellos ein Kenner. Man sehe sich einnial diese edlen, zum Sprung ansctzcndcn und landenden Pferde an. Und wie die ganze Landschast dieser Bewegung der Tiere folgt. Organisches und Anorganisches ilt so zu einer einzigen Wesenheit verwoben, die nngcbändi^tstc Bewegung in die gerahmte Fläche gebändigt. In vointillistlscher Technik sind die zarten Farben in lickitc, schwingende, tanzende, kreisende Teilchen, Atome versprüht. 0!ul sind auch die „Barbaren" mit dem Farbenvierklang der Urvölker (Grün, Rot, Bla» und Schwarz), der einen Ausdruck des Primitiven, Pesrcmdcndcn und Atcmranbendcn erzeugt: dieser braunrote Kerl mit dem breiten Mund und dem wcißkunturicrtcn Auge, der hohe blaue Schädel rechts, dahinter die anderen unheimlichen Gesichter: dazu links das grüne Acsschen. Zum Schluß seien i-doch auch Bilder genannt, die niir in jeder Hinsicht fremd bleiben: so die „Füchse", deren einzelne Bcivegnngen in der verschiedenen Gestaltung der Köpfe also rein futuristisch, gegeben siich, das ausgesprochen kubistische „Gebirge" mit Gletscher, die zu ertremeu „Wölfe", „Katzen" und „Kühe", sowie die beiden (stemälde .Der Waisersail" »nd „Tie ersten Tiere", die ganz der Mystik verfallen zu fein scheinen. — Mag man sich nun zu der neuen Richtuugl stellen, wie man will. Anerkennen muß man jedensalls, daß die Äusstcllungsleitung in Gießen jetzt Gelegenheit gibt, den Futurismus und einen ihrer Großen, Franz Marc, den „Maler der blauen Pserde", kennen zu lernen.
Keil. Ubbeloftde. Fries. Biedermann und Bader.
Der übrige reichhaltige Teil Per Ausstellung wäre besser in einem abgeichjossenen Raum für sieb untcrgcbrächt: das zur Der- tügung stehende Geschoß ist da doch nicht ganz zulänglich. Beginnen wir mit dem sungen, sehr talentvollen H. Keil-Franr- surt. Eine dlnzahl Koftümstudien sind famos in der Harmonie


