Flieger über London.
Eine Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 1918.
Bon Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
„Das ist-" Aber er beherrschte sich und quälte sich,
mühsam lächelnd, die Worte heraus: „Das letzte Angebot mutz ich entschieden ablehnen. Aber ich will versuchen, über die 100 000 Pfund Schweigegeld — so habe ich wohl rocht verstanden — nachzudenken und bitte um eine Frist von — sagen wir drei Tagen."
Der Herr des britischen Kriegsamts preßte die Lippen zusammen.
„Versuchen Sie beileibe nicht, zu entfliehen! Vollkommen unmöglich! Ich lasse ständig Ihr Haus überwachen, Lebend kämen Sie nicht heraus! Und bedenken Sw eines: Wenn Sie ablehnen, kann ich Ihnen das Leben nicht erhalten."
Longfords Haltung straffte sich aufs neue.
„Ich glaube noch imnrer, daß Eurer Exzellenz noch weniger mit meinem Tode als mit der Vermeidung eines Skandals gedient ist."
„Wissen Sie es so bestimmt, daß es einen öffentlichen Aufruhr geben wird?" fragte der Minister mit gekünsteltem Gleichmut.
„Ganz bestimmt!" — Er schloß seine Briefmappe aus und wies auf das zusammengerollte Kopierbuch.
„Und glauben Sie iur Ernste, mich mit Papier schrecken zu können, das Sie in Ihrem Schreibtisch verschlossen halten und das mir durch die erste Haussuchung in die Hände gespielt werden könnte?"
Longford lachte.
„Seien Sie unbesorgt. Die Urschrift liegt wohlverstaut an einem sicheren Orte und" — fügte er in übermütigem Torie hinzu — „bei jemand, der davon Gebrauch zu machen wissen wird, wenn die Stunde kommt. Wie gesagt, Exzellenz mein Leben steht vorläufig in Ihrer Hand; aber ich lveitz meinen Kopf sicherer denn je zuvor auf meinen Schultern sitzen."
Der Minister erhob sich.
„Ich will Ihnen diese Ueberzeugung nicht rauben." Es klang sehr überlegen, wie ier das sagte. „Leben Sie wohl!" M Eine steife Verbeugung, und er schritt zur Tür. Dort wendete er sich nochmals um und drohte streng mit dem Finger. „Sie werden das Haus nicht verlassen, wohl gemerkt! Schützen Sie einstweilen Krankheit vor!"
Jln nächsten Augenblick war Longford allein. Er lächelte sein und setzte gemächlich seine Stummelpfeife in .Brand. Dann lehnte er sich mit Behagen in den Großvaterstuhl und zog das Kärtchen hervor, das ihm die Mvrgenpost gebracht. Er überlas die unverfänglichen Zeilen noch einmal:
„Für Ihre bisherigen wertvollen Bemühungen in der Uachlatzsache meines Onkels danke ich Ihnen bestens. Am
Donnerstag oder Freitag abend wird Mynheer van 3. In dringenden Geschäften nach London kommen: ich habe iyM Ihre Wohnung angegeben und persönliche Grüße für Bk aufgetragen. Sie tverden ihn also wahrscheinlich in den nächsten Tagen sehen.
Mit den herzlichsten Grüßen von uns allen
Ihre dankbare Ilse DrovV.
Er lächelte zufrieden in sich hinein.
„Mynheer van Z. . . .!" flüsterten seine Lippen.
„Mynheer van Z. . . .! Also so eine Art fliegender Holländer!" und er summte die Melodie des Spinnerlied- chens aus dem Fliegenden Holländer vor sich hin:
„Summ und brumm, du gutes Rädchen, munter, munter,
dreh' dich um . .
14. Kapitel.
Entsiegelte Geheimnisse.
Der Minister aber fuhr in tiefen Sinnen zum Kriegs»» amt zurück.
E!r war nicht klüger denn zuvor. Nur eines wußte er. Dieser Longford oder wie er heißen mochte, durfte nicht leben bleiben. Sein Leben bildete eine stete Gefahr für das Bestehen des Reiches.
Wenn nur . . . wenn nur der gefürchwte Skandal nicht wäre! Der Skandal war schlimmer als der Tod dieW Menschen. _ '
Ob man ihn nicht vielleicht doch fliehen lassen sollte?
Aber würde er drüben in Deutschland reinen Mund halten? Würden nicht die Zeitungen sich um jede Silbe aus seinem Munde katzbalgen? War er stark genug, die persönliche Eitelkeit zu bekämpfen? Nein, gewiß nicht! Er würd« sein Ehrenwort geben, zu schweigen und würde es brechen, brechen müssen. Denn er war jung und hatte gerechten Anspruch aus die öffentliche Anerkennung, zumal er gänz Gng> fand übertölpelt hatte. Mer was wußte er von diesen Den-» scheu? Sie >wcrveu ja ans anderem Holze geschnitzt. Ihre Ls- bensanschauung ivar anders, der ganze Denkvorgang voE- Zog sich anders bei ihnen. Ob sie besser waren? — Vesser? Warum nicht gar? Sie waren nicht besser und nicht schlechter. Nur -anders! Sie vernachlässigten die Deinen und nächst- liegenden Ziele und handelten nur unter der Hypnose des letzten und höchsten Zieles. SWchvandler waren sie, große Kiüder, die in ihrer Unbekümmertheit ohne Klügeln und Wägen Und Zaudern das Rechte trafen, Leute, die arbeitete« Um des Werkes willen und aus Freunde an der Arbeit, niM um sich hinterher eine Rente zu kaufen oder andere für sich arbeiten Zu lassen. Sie waren unberechenbar.
Und doch und trotzdem! DiÄs Land mußte vom Erdboden verschwinden! Wußte! . . . das heißt, wenn erst die Möglichkeit des SkanbM beseitigt war.


