Flieger über liondon.

Brüte Öonbötter Erzählung ans den Spätherbsttagen 1915.

Von Justus Schoenthal.

(Fortsetzung.)

Einen Augenblick schien es dem Minister, als habe sich Longfords Antlitz verfärbt. Dieser Brief War ihm doch Wohl überraschend gekommen.

Dann vernahm er die unverändert ruhige Stimme des jungen Offiziers:

Sind das alle Ihre Beweise?!"

Der Minister spielte seinen stärksten Trumpf auf.

Und ums sagen Sie zu diesem Brief, der unverkennbar feiern Ihrer Hand geschrieben ist?"

Er hielt dem Hauptmann das Schreiben unter die Nase.

Der große schwarze Stempel -des Zensors hatte da§ WortUndeliverable" quer darüber gedruckt.

Longford nahm das Schreiben in die Hand, überlas es gemächlich, besah die Unterschrift, hielt es gegen das Licht und meinte schließlich:

Gewiß, diesen Brief habe ich. geschrieben. Aber bei der Spionenfurcht, an der wir alle kranken, wird es Eurer Exzellenz vermutlich nicht schwer gefallen sein, in diesem Briefe eine hochverräterische Handlung zu erblicken."

Der Ministes wurde durch den unbefangenen und über­legenen Don einen Augenblick tatsächlich irre. Dann polterte er- grob hervor:!

Spielen Ihre Nolle vorzüglich. Hat leider kernen Zweck. Bin doch dahinter gekommen, Wieviel Geld soll das schöne Rotterdamer Fräulein hier in London zu er­warten haben? Bitte, lesen Sie doch im Briefe nach!" ,

1224 Pfund 10 Schilling!"

Sehr gut! Wolle,r Sie einmal Spaßes halber aus­rechnen, wieviel Schilling das im ganzen sind?"

Nach kurzem Besinnen versetzte der Hauptmann:

Wenn ich recht gerechnet habe 24 490."

Sie haben recht gerechnet. Wissen Sie auch, wieviel ausgebildete Mannschaften wir hier in London stehen haben?"

Wie soll ich das auswendig wissen? Vielleicht 30000.

Mann?"

Nun, auf den Mann genau so viel, wie das Fräulein Ilse Schilling von hier zu bekommen hat! Und mit Main Ehester, Glasgow, Liverpool, Belfast und, wie sie alle heißen Mögen, ist's dasselbe Spiel!"

Ganz erstaunt entgegnete Longford:

Ach, so ein merkwürdiger Zufall! Irren sich Exzellenz da auch nichts

Der Minister sprang hoch. Seine dunklen Augen schossen Blitze.

. ..Wessen erkübnen Sie sich, Herr . . .?! Halten Sie

mich für einen Zirkusspaßmacher? Nh durchschaue büß ganze Satirspiel. Glauben Sie, ich wüßte nicht, wozu Sie sich die Liste der neu angewwrbenen Mannschaften, die Be­richte der Ersatzkommandos usw. überiveisen ließen, Sie uno Ihr Spießgeselle, Bisoount Branch."

Beim Wort Spießgeselle richtete sich Longford straff auf.

Aber der Bisoount ist ja unschuldig wie ein Lamm!"

Da glätteten sich die Mienen des Ministers. Er legte dem Jüngeren die Hände auf beide Schultern.

Ich danke Ihnen. Dieses Geständnis ist mir wertvoll."

Longford preßte die Unterlippe unter die Schneidezähne.

Ich wollte natürlich sagen: er ist unschuldig wie ein Lamm und wie ich!"

Also bitte, bitte, Sie - verschlimmern die Sache nur. Für Sie ist der Fall ohnedies erledigt. Es spricht übrigens für Ihr persönliches Ehrgefühl, daß Sie gerade in dem Augen­blick aus der Rolle fallen, da die Ehre eines Unsch itol«am' gefährdet wird. Damit wären unsere Borverhand­lungen beendet. Sie wissen wahrscheinliche was Ihrer harrt?"

Wer, Exzellenz, ich bitte . . . der Schein spricht viel­leicht gegen mich . . ."

Langweilen Sie mich nicht mit törichten Versuchen! Der Schleier ist nun einmal gefallen. Reden wir lieber von Ihrer Zukunft! Sie sehen, daß ich trotz meiner Beweise px packte die Schriftstücke wieder sorgsam in die

Brieftasche-Sie nicht habe verhaften lassen, sondern

selbst gekommen bin. Das hat seine Gründe, Gründe schwierwiegender Natur, die Ihnen kaum unbekannt fern werden."

Longford nickte halb gedankenlos. Er war sehr unzu- ftieden mit sich selbst. Damit hatte er ja gerechnet, daß er verhaftet würde, und auch für diesen Fall noch einen Trumpf in der Hand behalten. Aber einfacher wäre es doch wohl gewesen/ sich nicht in so kläglicher Weise überrumpeln zu lassen. Ms das Stichwort fehlte, war er plump und dumm aus der Rollo gefallen. Er mußte noch einen Versuch wagen. War der Minister erst wankend in seiner Ansicht geworden, so fand er leichter Zeit, zur Flucht zu rüsten

Exzellenz, darf ich mir eine Frage erlauben? Wer spielte Ihnen diesen letzten Brief in die Hand, den ich meines Wissens schon vvr mehreren Tagen schrieb?"

Den Brief spielte ich mir selbst in die Hand. Nachdem ich mich von dem gefährlichen Inhalt des ersten Brieses überzeiigt hatte, den mir die Dame mit der Anzeige^in Ao- fchrift übersandte, brauchte ich weitere Beweise: Holland bat Ihretwegen 48 Stunden laug keine Polt erhalten, bi­st, ir endlich einen Brief von Ihnen nach Rotterdam gefunden hatten. . . Nun, und da hatte ich ja, wonach ich suchte.

U'w Sie glauben im Ernst nicht an die Hinterlassen-- schost des Walther Drooy, glauben wirklich, daß bteje®e!D« summen mir Maske für militärische Geheimnisse ftno r'