Flieger über London.
Bülte Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 191Ü. Bon Justns Schoenthal.
(Fortsetzung.)
An den Wänden hingen einige minderwertige Bilder im Gibson-Stil, daneben ein paar Karikaturen von Fsicien Mops... In weißem Rahmen prahlte ein langgestrecktes
Aquarell, das, nicht eben tollte. Unter dieses Jagdstü
mackvoll, einen Jagdzug dar- war eine Ottomane gerückt.
wer die ein dickes Ersbärenfell gebreitet war. Das paßte, wie Longford feststellte, zwar nicht recht zur sonstigen Einrich- )ien aber in allen Abtönungen den per-
tung ific.
oem Ganzen lagerte eine Wolke scharfen Moschus duftes.
)er Bewohnerin zu kennzeichnen. Ueber
des Raumes, schi öulrchen Geschmack dc ^ lc
„Wie finden Sie das alles?" fragte Lady Edith. Aber sie wartete die Antwort nicht ab, warf sich aus den Diwan Und rief aus:
„Wissen Sie, Kapt'n, hier kann ich, ungebunden leichtsinnig wie ein Backfisch sein."
Es sollte spöttisch, fast selbstironisierend klingen; aber der Spott vermochte nur schrver die heimliche Erregung zu verbergen, die in ihrem Herzen zitterte.
Longford tat einen Schritt auf den Diwan zu.
Wie ein Kätzchen lag sie da, in daZ Eisbärenfell geschmiegt. Ihm war, als tänzelte er am Rande eines abschüssigen Felserrs. Er mußte die Augen schließen.
Sein Hirn durchzuckte der Gedanke, daß sie den Diener «ortgeschickt, um dies Meinsein herbeizuführen, daß sie ihm di« Wohnung gezeigt, um zu beweisen, da!ß ihr Alleinsein jetzt niemand stören könne, daß ... sie ihn .. . liebe.
Und die gelockerten Zügel seiner Nerven glitten schlaff $u Boden . . .
Das junge Weib sah plötzlich, wie seine Augen ein seltsam wildes Feuer aus strahlten. Etwas Raubtierartiges, was ihr schaurig und schön zugleich erschien, glomm darin auf. Sie empfand eine Sekunde lang, bangend und freudig Zugleich, etwas von jenem Urweltsgeheimnis, das den Mamr tzum Weibe zieht... Da umfingen sie schon zwei sehnige Arme, und heiße Lippen, die Lieoesworte stammelten, such- len bebend die ihren.
Mer die Liebesworte, die jauchzend an ihr Ohr klangen, Wurden in einer Sprache gesprochen, die nicht die ihre war!
„Du, Süße, du! Du, Süße!" I
Das war doch — bei Gott ! das war ja deutsch !
Sie befreite sich gewaltsam aus seinen Armen Urtd spra ng hoch,
„Kapt'n, Sie sprechen ja deutsch?!" ,
Er richtete sich auf Und faßte au seine Stirn. Um immelswillen, was hatte er getan?! — Aber ganz ruhig m es von seinen Lippen:
«Sie irren, Myladys Ich habe nicht deutsch gesprochen!"
Sie sah ihn mit weit aufgeriffenen Augen an.
„Leugnen Sie nicht! Ich habe es deutlich gehört: „MH, Süße, du! Du, Süße!" — Sie sagten es wohl fünf-, sechsmal."
Ihr dämmerte etwas von der furchtbaren Tragweite der Worte auf.
„Sind Sie ein Deutscher?"
„Mylady..." In seinem Ton Mwehr und HÄhN.
Doch sie ließ ihn nicht zu Worte kommen.
„Ja, jetzt ahne ich alles, jetzt weiß ich es: Sie sind ein . . . deutscher Offizier, ein deutscher Spion!"-
Sie zwang ihre Stimme zum Flüstern.
„Aber, Mylady, ick) muß doch sehr bitten."
„Sagen Sie nichts! Sagen Sie mchts! — Ich werde Sie ja nicht verraten. h ffinde es ja himmlisch. Ueber- wälttgend, berauschend finde ich das! . . . Aber Sie müssen mir jetzt alles erngestehen, wer sie sind und wie Sie oaÄ alles enrgefädelt haben . . . Was müssen Sie für wundei> volle Nerven haben!"
Er nahm auf einem Polstersessel ihr gegenüber MaK mrd sah sie offen an. .
„Ich verstehe von alledem, was Sie sich zusammen reimen, nicht das Mindeste, Lady Edith!"
„Sie spielen ihre Rolle ausgezeichnet! Ich weiß aber?, daß Sie ein Deutscher sino und lasse mir rttchts einreden ..« Bitte, bitte, machen Sie mich zu Ihrer Vertrauten. Ich will Ihnen sogar helfen, wem: es in meinen Kräften steht.
. . . Das ist ja herrlich . . . herrlich, wie Sie da ganz Mg- land eilten Stretch spielen!"
„Da Mylady so sehr itt mich orangen, will ich auch mit dem wahren Grund nicht länger zurückhalten. Ja, ich habe deutsch gesprochen!"
Ihre Augen leuchteten voller Genugtuung.
„Ich habe nämlich drüben in Ottawa eiwnal ein deutsches Mädchen geliebt, wenn Sie es durchaus wissen wollen.
. . . Soll ich noch mehr sagen?"
Mer er fühlte, daß seine Morte nicht überzeugend wirkten.
Einen Augenblick nur zweifelte Edith; dann sagte sie spöttisch: „Die Ausrede, die Sie da erdacht haben, ist nicht übel. . . Aber was würden Sie httt, rvenn ich von der Geschichte dem Minister erzählte?"
Er erblaßte. „Das werden Sie nicht tun, tveil Sie sich datnit selbst unsterblich blamieren würden. . . . Und wenn Sie es doch täten, würde ich nur aussagen können, lvas ich Ihnen schon sagte. — Ick» bedanre, daß Sie einem britischen Offizier nicht mehr Glauben schenken."
„Sie sind ja niemals britischer Offizier gewesen? Ich glaube Ihnen nichts! Gar mcksts glaube ich Ihnen!"
Er tat entrüstet. „Mylady, wenn Sie meine Glaubwürdigkeit anzweiseln, muß ich dieses Haus verlassen."
Im nächsten Augenblick befand sie sich allein.
Sie hörte, wie seine eiligen Schritte Über den Gang sich der Treppe zu entfernten.


