Roman von Hermanit Wagner.
(Fortsetzung.)
Das war kern Schreck, der Reisner packte, das war eine Lähmung. Er wollte reden, aber die Stimme versagte ihm, und so machte er nur seltsame Bewegungen mit dem Munde. Und die Beine zitterten ihm, er war so- entsetzlich müde.
. Wo war doch ein Stuhl? Da. . . Er packte ihn nnd tvä've beinahe über ihn gefallen. Endlich saß er. Er fühlte den Schweiß, der ihrn aus allen Poren des Körpers brach Sv, das war also die Stunde, da dieser ferne Gläubiger kam, um mit ihm zu reden! ... .
Es ist ein böser Tag, dachte Reisner matt, er will mich fressen. Er sperrt den Rachen auf und will mich verschlingen. Gibt es eine Rettung? Neun Was kann ich noch tun? Was zu ttm, bleibt mir noch übrig?
„Hermann Reisner, "wer hilft dir?" fragte laut und kalt die andere Stimme.
Niemand, dachte Reisner, Zvenn ich mir nicht selbst helfe, — nnd das tue ich, ja, das tue ich jetzt!
Laut aber fragte er: „Was wollen Sie von mir?"
„Ich Null einem Begräbnis zuschauen," antworckete Behrens, „Ih rem Begrab ms, Hermann Reisner, denn ich bin eigens hierher gekommen, um Sie zu bestatten!"
„Sie kormnen zu früh," sagte Reisner, „ich bin noch Nicht tot."
„Mer sie liegen im Sterben."
Reisner lachte, nnd sein Lachen loar schattenhaft nnd krank. „Mau hat schon manchen totgefagt, und — —"
-er ist dennoch .gestorben! . . . Wer soll Ihnen
Helsen?"
Reisrier schwieg.
„I ch könnte Ihnen Helsen, ich allein. Aber ich tue es nicht. Daß ich es nicht tue, das ist meine Rache. Sie sind arm, bettelarm. Bon alledem, was Sie umgibt, wird in einigen Tagen nichts mehr Ihnen gehören. Was wollen Sie tun? Kommis werden? Ihre Gefängnisstrafe wird Ihnen sehr hinderlich sein. Wollen Sie Lebensversicherungen abschließen oder Vertreter vor! Weirl- und Zigarrenhäusern werden? Sie sind schon recht alt, alt und verbraucht. Biel Elend erwartet Sie. Und nicht nur Sie. Auch Ihr Kind, auch Ihre Frau. Haben Sic nicht auch deren Vermögen gestohlen, wre das so vieler anderer? Welche Namen soll rch Ihnen nennen? Es gibt so viele. Alle verwünschen Sie. Alle sind bereit, sich an Ihnen zu rächen. Erinnern Sie sich noch eines Mannes namens Gntzeit? Er hat sich erhängt. Und seine Frau ist schwindsüchtig geworden, während seine Kinder irgendwo dem Laster zntreiben. Sehen Sie imchts rricht die Gesichter dieser Leute? Und können Sie noch schlafen? Werden Sie überhaupt je wieder ruhig schlafen können?"
Reisner hörte die Anklage und schwieg.
Ja, es war die Wahrheit. Und doch war es wieder nicht die Wahrheit. Alles war verkehrt, verdreht. War er der Angreifer gewesen? Nein, Nein! Ihn hatte mau angegriffen, ins Gefängnis geworfen, weil er irrsinnig gewesen war, und ihn hatte man, als er aus dein Gefängnis kam, verachtet. Nur daß er diese Verachtung nicht erst abgewartet, sondern sich sogleich im vorhinein gegen sie zur Wehr gesetzt hatte. Durfte er sich etwa nicht wehren? Es war fern Recht, sich zu wehren! Und er tat es, tat es, bis zur letzten Minute!
„Schweigen Sie," brüllte er, „alles ist falsch!"
„Beweisen Sie das," sagte Behrens ruhig.
„Ich werde es beweisen, — Ihnen, allen! Sie glauben, daß ich tot bin! Ich tverde lebendig werden, lebendiger als je! Schon morgen! . . . Ich verachte Sie!"
„Ich verlache See!" höhnte Behrens. „Morgen lverden Sie am Boden liegen nnd roinseln. Ich habe Zelt."
„Gehen Sie!" schrie Reisner ihn an.
„Ja, ich gehe. Und Sie werden mich bettellr, zurück- zndommen. . . Denn ich habe Sie in der Hand."
Reisner sprang in die Höhe, um sich auf ihn zu stürzen. Doch seine Hände griffen ins Leere, Behrens tvar fort. Ä)ie Tür knackte leise hinter ihm ins Schloß.
Reisner wartete eine Weile, lauschte und verriegelte sodann feilt Zimmer.
Er ging zmn Schreibtisch und machte Licht. Die plötzliche Helle tat ihn: weh, uno er griff sich an die Augen.. Tue ich es? fragte er sich mechanisch
Es bedurfte keines weiteren Kampfes, es gab für ihn nur die Möglichkeit, es zu tun. Er hatte längst gewählt. Jetzt galt es nur noch, dre Sache gub zu machen.
Er stöberte in alten Dokumenten herum, bis er eines nnt der Unterschrift der Frau von Mansch fand. Er betrachtete es genau Es war nicht schwer, die Sache war zu machen. Und es blieb ihm wirklich keine Wahl.
Er verbrachte zwei volle Stunden damit. Er versuchte so lange, bis er sicher zu sein glaubte. Dann setzte er an. Es ging. Es war geschehen. " .
Er hielt die Unterschrift eine Armlänge von sich ab und prüfte sie. Sie war gut. Ein Verdacht konnte nicht auf-
kommen. Und wenn,-für ihn gab es jetzt kein Zurück
mehr!
Ob ich zu Lncie hinübergehe, dachte er, oder zu Lu?
Nein, er konnte es nicht.
Er war so entsetzlich müde. Wie gebrochen war er.
Er streckte sich aus und schloß die Augen
Er schlief. '
24. Kapitel.
Reisner schloß die Unterredung, die er mit dem Chef- Ingenieur gehabt hatte, indem er aufstand und sagte: „Die Sache ist also hoffnungslos?"
„Ganz," antwortete der Ingenieur trocken und nickte.


