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sttva 1280 am Sübturm der Westfassade tätiget Meisters Eriviu in freier Weise. (Ter am Nordtnrm emsetzende Baubeginn der ganzen Westfassade fällt ins Jahr 1276): Zwischen d-ie drei Strebepfeiler, die die Münsterfront den inneren drei Schiffen entspre^rrd rhythmisch gliedern, werden die lief eingestuften Sprtzbogenportale gestellt. Tie hohen abschließMden Giebel, „die Wimperge^', über ihnen werden — im Gegensatz zu dem Bauritz, der' hier drei gleiche große Mebel vorsieht — in Blocht« und Höhe kräftig voneinarÄev unterschieden: dadurch wird das Haupt Porta! über die kleineren Seitenportale beherrschend herausgehoben. Ter ganzen Wand darüber wird bis zu dem das Erdgeschoß abschließenden Ballustraden-- gesims ein höchst elegant gearbeitetes, sehr seines Maß- >md Stabwert vorgelegt, das ganz einzigartig, wie eine zarte Harfen- bespannung wirkt. — Mit Anfnahme der Möse, die der Plan B nicht zeigt, griff Erivin auf den Bauriß A tmd damit auf das Vorbild von Notve-Dame in Paris zurück. —
Mit dieser Fassade, die also keineswegs eine geniale Er--; findrmg des gertialen Meisters Erwin ist, und mehr noch mit den tont Bauhütte zu Banhütte wandernden Rissen drang die klassische Formensprache der französischen HockMtik in Süddentfchland ein. Tills persönlich? Verdienst Meister Erwins besteht, abgesehen von der individuellen Attsführuttg zmd Verbttidimg der Plärre A rtnd B, in der -- nnfvanzösischett —- Beränderrmg des Höhen- und Breitenverhältnisses: diese Fassadensoche haberr nicht die elegante Schmalheit und Schlankheit der französischen Hochgotik. In ihrer seßhaften Breite zeigen sie gewisserntaßen eine deutsche Proportion. Aber diese war schon durch den Querschnitt des Langhauses, das zwischen 1250 und 1275 errichtet Ivar, als zwangsläufige Voraussetzung gegeben, also durchaus riicht freier persörtlicher Eattschtuß.—
Somit war Erwin weder ein genialer Baumeister, der seine Zeit als schöpferische PersönlicWeit überragte, noch ein bewußt oder auch nur unbewußter deutscher Künstler in seiner Kunst. — Wie so häufig bei wachender geschichtlicher Erkenntnis gilt es hier, eine fromuve Legende zu zerstören. Fast ttitx zufälligerweise bat die Geschichte rars gerade den Namen Er-vins aus der großen Reihe der SdemmehAtgeschlechter des Straßburger Münsters überliefert. an den datrn der juirge Goethe und die .Romantik d«l überschwängliche Vvrstellrutg eitles persönlich großen Meisters alt- dsutscher BaMmst arrkrrüpfen. Tas beroußte Deuttchtum pflegten in jenen Tagen des hvhen Mittelalters nur ganz einzelne, geistig Mrserlefer«, wie der ritterliche Sänger Waltlier von der Äogeb» rveide, die Mnige und Fürsten sogar am wenigsten, denen es damals vor allem auf Mehrung ihrer HauSmiacht, selbst auf Koste»! des Reiches, mckam. An der llebernahme, Schöpfitng oder Ber- bveitutrg eines geistigen Deutschtums konnte einem schasienSeifri- gen Handwerksmeister des 14. Jahrhunderts aber deshalb nichts siegen, als gerade die gesamten künstlerischen tmd technftchen Fortschritte nur «Ns der Fremde, aus Frankreich, zu holen loaven, imd als überdies die gesainte gesellschaftlich? und ästhetische Kultur sich nach Westen orientiert hatte. — Baukunst ist immer eine rmindividnslle Kunst, in der der Schöpfer völlig hinter seiner Schöpfung zurücktritt, zumal im Mittelalter, wo strenge zünftige Gebundenheit der Entwicklung von Persönlichkeiten durchaus zuwider war. Unsere deutschen Dome sind von großen Geschlechtern in langsarner, zäher Jahrhintdertarbeft errichtet »oorden, sie sind ober nicht «ns der persönlichen Jrrspirntion einzelner Kunftgxnies heraus geboren! —
In der Kunstgeschichte kommt es nur darauf an. die Ereignisse so zu erkennen, tvie sie rvaren, nicht aber, wie sie edle oder ferttünen* tute, stets parteiisch voreingenvmmMe Msichten darzustellen beliebst! —
Wilhelm vusch und ich auf dem Dache.
Zu seinem 10. Todestag, von Ludwig Beil.
Mein Elternhaus, das in einer kleinen, lustigen Studenten-« stadt im Hessischst steht, birgt unter seinem Gipfel einen düsteren, von braimem Gebälk unhemtlich durchkreuzten Bodenraum, der mir beute »roch als der allerschönste Apfettthalt erscheint, den es gibt. Wetrn man da hinauf 'u-ollte,, tnnßte {matt erst eine gräuliche Lnkentür mit der Schulter in die HÄM stenmten, als Gegengewicht rollte ein Backstein an einem dünnen Seile herab, und baumelte einem dann gerade vor der Nase. Die Guillotine nannte ich diesen Apparat, und noch jetzt beim Mederschreiben, zischt es mir wie ein eiskalter Schnitt oder Schlag in dün Mcken. trotzdem datnals mit der Luke nie etwas anderes passiert war, als oaß.sier in meiner MantcGe die fcemb«n£ grausamen Scharrer vor einer Mordmaschi n e, die so still da stand, erregte.
Jnmrer des Mittags, rrach deni Esstzu, wenn der Vater auf denr roten Plüschsofa schnarchte, die Mujtter über dem Flicken rneineri Sonntagshoserr eingenickt voar, die ältere Schwester aufronsch und die Gesellen unten in der Werkstelle auf gelben Hobelspänen schliefen, schlich ich hinauf, ein mächtiges Puch unter denr Mm. Die Lnftntüp kreischte, der Backstein kam drohend ans d-Aü Dunkeln herab, ich stieg in den heißen Sonnnerbrode-n hinein, der mit denk betäubendes 'Dunst, der von der Hitze cmsgeplatzten alten Datntenbalken, der ge- trockneten Birnen und Pflaumen, die da oben auf Darren lagerten, und den» zum Htr,sticht reizenden Staub die Sinne und das abend-« r
Neuerliche Bütt des Maberr erhitzte. Dort lag eine alte KaffemMe per Großmutter, nift einer »EnderfchönLn Düessrngftippel, ein verblichenes Kissen .mA orittitakischer PerWckevei, nicht twnüger als vier schroere, geschnitzte Eich^rtruhsn, die ich nienrals aufgÄvcM habe, standen nebeneinander Mt der Wand: ich weiß heute noch nicht, tvas sie enthalten. In Papier eingepackt, lagen sorgfältig an- einaridergeschichtet, Vaters neu« Sägeblätter; lvickelte ich sie jedoch aus, damt tvaven es furchtbare Hunnenfchwerter, und ich verfang beim Anblick des nackten, grausta.m-bla.nkm und gezähnten StaWl ganz in eine düster«, farbenschwÄende, lychentallsche Welt.
In der Nähe des einzigen, sehr engen Dachfensters lagert eimj ganze Nüenge toter jKvMoeiUinge «und Bienen. Besonders diese Hattert etwas Gvanertvolp-Llnsgedörrles das warert alles Wlder^ die Len wahrhaft afrikanischen Genuß dieser heißen Einsamkeit e» höhten. Da fühlte ich mich wohl. Da war es schön, sich auf den Bauch zu legen, und ans pem Staube des Bodens, mitten zwischen den toten Kohlweißlingen innd verttockneten Bjienerr schlug ich das» schrvere Buch auf. Es waren siirchtbar ernste, toild-erregende Drnge> die sich da laS und sah: schrecklich, wie die Schrmpsflasche da auf dem Tisch stand mrd die doch eigerrttich so gttte HÄene auf den Krtien langsam zu ihr hirrrutschte, roie die Wasche immer größer tvurde undl di? rarnntr Mxgen der Helene sich in furchtbarer, Angst erweiterten- während sie näher, Lnm^tr nähi.'r rächte rund dairrt, o Grauen, drei Flasche Mtsetzte und trank, lvirklich trank von etwas, was so uveinfach dagestanden hatte, aber in dieser Einfachheit so entsetzlich drohend« durnpf, und schwarz wirkte, und wie sie nachher verbrennen rnnßttf und ihre dünne SLele vom Teufel wie ein kmtm noch gestialthaftep Schleierfetzen, auf so ettoas lvie eine Heugabel gespießt, aus dem Schornstein geschleift wurde tutd — der Rest toar nicht mehr zu ge-, brauchen. Das schien mir das Fürchterlichste, was einem MirdckM< passieren konnte. Ich weinte lnicht, aber ich schwitzte glaAhellck Tropfen, die mir über das pbnsterheiße Gesicht liefen, und meiq Herz schürg heftig, während mein Mem schwer mrd angstvoll ging!.
Ich schleppte einen alt«! Rohrstuhl nttt zerrissenem Sitz hierbei, und nun kam eine schvierigchSack^. Wusammen mit dem dicken Band kam ich nicht durch die schmale Oeffmmg düs Dachfensters, ihn zuerst aufs Dach legen und dann nachklettern, Mntz» »ebensowenig, da er über die Schuber in den Hof gerutscht wäre. Es blieb mrr keimt Wahl, als ihn aurf pelwkSttlU M legen rmd erst einmal mich hindurch-! znzwängen. Dann tauchte ich von oben, beide Schenkel rechts und links gegen die eiserrte FensterfUbung gestemmt, kopfunter in die schwüle Atmosphäre des Bodenraumes hinab und angelte das> Btrschalbum vom Sttthl mit in meine luftige .Höhe über den Dächern.
Hier saß ich nun, hatte nie gedacht, daß Schi^erplatten s» groß seien, und stützte die Beine nnt den vom Klettern zer^ schundev.en Kniescheiben zum Sckmtz gegen das Abrutschen an de» Schornstein, dluch den hatte ich mir rrie st groß vovgü'teWp In seinem Schatten las ich, ganz allein über der sonnenbrütettdar Stadt, immtteii der flimmernden Dächer und fernen blaudunstigen Berge mft weißem Wio8kengetnrnve dahinter. Ich kleiner Junge mit meinem großen Buch auf den Knien.
Kam,dann der Abend, st eMangerr hier oben die Glocken Vitt reiner, .ich hörte unten im ganzen Haus die Mutter nach mir rufen und schimpfen, FabEirerren stießen ihren dumpfen Hall über di« Stcärt, und ich saß da oben tmd lächelte und ließ nnr dtz< nackten.Beine, die Hände und das Buch darunter von der tvarmm Abeiidstnne vergolden. . .
So Hab ich WAHekm Busch gelesen, nein getrunLen, und merkwürdig, ^habei bin ich rocht ernst geblieben, das rein Spatz- Hafte ist mir erst viel später bewußt geworden, vielleicht i» Gegensatz.zu den meisten Kindern.
Jetzt tst der Meister zehn Jahve tot
Und ich bin, nackü ebi-nstviel fjarteu Jahren, in diesem Winter zarm ersten Male toieder in der Heinrat gewesen. Das StädtchM war tief verschneit, als ich anLrm, ich erfuhr, baß das alte Brrschz album.einem mir Nnbestrirntert geliehen worden war, der es nicht wieder Kurückgebracht hatte, nnd als ich nach dem Essen gan^ beim- lich ans den eiskalten Booen kvoch, kmrschte wohl die Gucklotmiü »roch. Mich lagen die toten Schntetterlinge noch da, aber meine! Schultern waren schotr zu breit für das Dachfenster geworderr — und das kalte Hans an der „Schoor", dem alten Stadtgraba^ war das Haus tneiner Jugend nicht mehr.
Grilppknrätsel,
attb alst a!Sv anfa denh derrv dscha egin eise etßt eret erwä evor fft gier irrrme rtden nekr »rgen mem ntun ollen otver rast rund schwe stsei rmdk waSb zeit.
Vorstehende Buchstaben sind so zu ordnen, daß sie in stnn- gernäßem Zrisarnmenhang gelesen einen Vers von Julius Sturm ergebe,;.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auslösung des Rösselsprungs in voriger Nummer.
Minuten zerstören,
Was Jahre erbautem Mirtuten turs bringen,
Was Jahre nicht brachten. ..
Schrrstleirnug: W. Meyer..— ZrvillingSrunddrrtck der Brühl'fchen Nnw.-Buch- und Steindruckerel. ist. Lange, Gießen.


