„Dort soll ich ja auch hm! — Das heißt, meineAeundm Prack, davon - es hängt ab^r wieder von meinem Vatermb „Hang him!" knurrte Kürow, doch so leise, daß es Ruth Nicht hörte. Und dann fuhr er m ganz ruhigem und nüchter- neni Tone fort: „Ich meine, er kann Sie doch mch .tyr Leben lang für sich ausnntzen, - Wenn Sie m Berlin Vorteile erlviarten, so dar? er nicht Steine m Ihren Weg werfen.
„Aber er ist so Hilfslos ohne mich ,®r ist alt, Herr Kürow! Ich kann ihn doch nicht zwingen, seine geistigen Ar- beiten aufzugeben uni) einem Broterwerb nach zu gehen.
„Hm — zwingen kann ihn niemand. Aber er wrrd es alt* von selbst tun, wenn ihm nichts anderes übing bterbt. * ? . ..L ^ ftrfv _ verdonnern!
erstlchett Sie es nur — lassen Sie sich mcf)t Halten Sie ihm einmal stand/'
Verwundert hörte Ruth diese Worte. — Es' war genau dasselbe, was Franziska ihr schon so lange predigte. Mer diese beiden standen dem alten Manne fern — in ihnen sprach natürlich nichts für ihn, sie schuldeten ihm auch keinen Dank. Während sie - ja - wofür schuldete sie ihm eigentlich deii.Dank, von dem er so oft sprach?
Sie schüttelte den Kopf, ihr war gaiiz wirr und sremd LMiiiite. Und das Nächstliegende, Banalste ausgreifend, rief
sie aus: . . , .
„Ich muß nach Hause, es wird \ci viel zu spat! Bitte, Herr Kürow, lassen Sie mich jetzt allein gehen."
Er nickte und trat zurück:
„Morgen früh sehen wir uils, spätestelrs mittags, iiicht wahr? Und dann werden Sie mir eine andere Antwort — eine bestimmtere geben, nicht wahr'?"
Sie blickte mit warmen Augen zu ihm auf:
1 „Ich weiß es nicht," sagte sie ehrlich. „Mer ich hoffe es'. Leben Äe wohl bis morgen."
Ein Händedruck, der nicht enden wollte, schloß ihre Häiide zusammen. Dann eilte sie so schnell, als habe sie eine Pflicht versäumt, aus dem kürzesten Wege nach Hanse.
.Herr Stockton stano mit düster gefalteter Stirn am Fenster. Ruth sah mit Schrecken, daß er in übelster Laune war; sie kannte jeden Zug in diesem gefurchten Gesicht und wußte, wenn der Blick diese starre Härte hatte, dann gab es nicht nur schlecht Wetter, solidern Sturm.
„Sol" ries er aus, als sie hastig ointrat. „Das gnädige Fräulein kommt also doch noch heute nach .Hanse! Sie läßt sich herab, daran zu denken, daß ihr leider immer noch leberr- der Vater nicht in der Lage ist, sich eine Dienstbotenschar zu halten? Daß er so etwas Aehnliches wie ein Stück Brot noch hier und da nHtig hat? Und daß er noch nicht alle Würde so weit verloren hat, um tnit einent Korbe einkaufen zu gehen. Freilich, das wäre es gerade, was dir recht erschiene!"
„Vater," sagte Ruth ruhig, doch um eine Schattierung 'Nniger demütig als sonst, die seinem scharfeii Ohr sofort auffiel, „entschuldige, daß ich zu spät komme. Ich kann nicht iinmer auf die Minute zu Hause sein."
„Ach, was du sagst! Und wesyalb nicht, weitn ich. fragen darf? Ms du klein warst, da habe ich immer auf die Minute zu Hause sein Wunen, Uiu dir dein Essen *u geben oder dich! zu wartetr, wenn du krank warst, wie es \a nur zu oft vorkam! Du aber — nein, du Lärmst iiicht pünktlich sein! Das wäre zu viel verlangt! Recht so! Fahre nur so fort! DU machst ganz hübsche Fortschritte in letzter Zeit in der Nichtachtung deines Vaters!"
„Ach," sprach sie gequält, „sprich doch nicht so, Papa. Du weißt doch, daß es nicht stimmt! Ich bin ja sonst auch immer pünktlich, aber es kann doch vorkomnten, daß ich. auf- gehalten werde. Abendbrot hatte ich auch schon besorgt — es steht j>a alles in der Kammer bereit, braucht nur wnrmge- stellt zu Werden."
,tM) so, und das konnte ich ja längst getan haben, meinst du! Ja, gewiß — nächstens werde ich dir die Teller abwaschen und die Kohlen aus dem Keller holen, wenn du nur die Güte haben willst, mir ein Stückchen Gnadenbrot zu geben! Uebrrgens danke ich jetzt für jedes Essen! Ich habe genug! Jeder Bissen würde mir zu Galle werden,' nachdeni er in Undank mib Gift getaucht ist!"
Er hatte sich wie gewöhnlich in eine Wut hineingestei- gert, die er anfangs gar nicht empfunden hatte. Sein hageres. Antlitz war farblos, und seine tiefliegenden Augen flackerten.
Ruth blickte stumm zu Boden. Sie erwiderte kein Wort mehr, und doch merkte der alte Mann, daß es nicht die gewohnte flnterwürsigkeit war, die sie schweigen ließ.
Heimlich stieg nun in W) eine Unruhe empor. Mas
War denn mit dem Mädchen? Mas dächte sie, daß ihre Stirn sich so sonderbar spannte?
Er wartete, ob sie nicht endlich doch etwas äußern werde. Sie blieb aber in Hut und Mantel stehen, als habe sie selbst vergessen, wo sie sei. , ,
„Beliebtes vielleicht endlich?" knurrte er weiter. „Willst du an deine Pflichten gehen oder iiicht? Ist es am Ende noch nicht spät genug? Oder verfügst du von jetzt an eine spätere Abendbrotstnnde? Du hast ja nur zU befehlen — bist ja bie Herrin im Hause — ich werde mich natürlich. bescheiden sügeii — bitte — bitte!" Er stand vor ihr und verbeiigte sich eininal über das andere, ties und hastig.
Ruth sah ihil an lvie einen Fremden. Ein dumpfes Gefühl- des Widerwillens erfüllte sie, und zugleich die Erinne- rnng an Franziskas Vorschläge.
Es waVwohl das beste — hier mußte ein Eiibe gewacht werden. Ihr war'-s, als sei sie in dieser Stunde plötzlich aufgewacht, als hätte sie der ungerechte Empfang und alle-die Selbstsucht, die ihr hier.entgegenspra n g, nun auf eltv* mal ausgerüttelt.
Oder war es Hermanii Kürow, an den sie dachte?
Sie blickte an dem giftig biencrnbeit Alten vorbei, und der Sch alte ii eines Lächelns huschte um ihretr Mund. Dann schritt sie gelassen durch das Zimmer-, legte in ihrer Kammer ihre Sachen ab und ging in oie Küche, wo sie emsig und ge?, schickt zu hantieren begann. j
(Fortsetzung folgt.)
Blaue Stunde.
Skizze Von Bernhard F l e m e s - Ha mein.
Heinrich Larsen saß seit zwei Stunden in den Fichten, lehntck an einem harzduftenden Stamm Mid rauchte eine Zigarre nach der andern, hastig und kräftig paffend, wie es seine Art war, wenn er nachdachte. Ter blaue Ranch zog lustig gegen die Fuchsburg. Einmal fuhr ein roter Kopf Mit schmalen, glänzenden Augen aus dem Lock)>. Larseii griff nach der Büchse rmd stellte sie mißmutig irieder neden sich. Das Füchslein aber schnupperte nach der fremden, beißeiwen Luft mtb Verschwand. Mochte es! Er war ja eigentlich nicht der Füchse wegen chier, soiidern er wollte eine Stunde ruhig Nachdenken.
Er stand auf Und vertrat sich die Beine. Er wär sehr unzu- frieben mit sich, weil er,mm zwei Wochen ans dem Gute tveilhe und KN Frau Erna Hollenberg nicht das entscheideride Wort ge* sprachen hatte, das er sprechen wollte. Und iveshalb zögerte er? Lag lvirklich die Ursache darin, daß er die Gutsherrin selten allein traf, daß sie fast immer mit ihrer Stieftochter zusammen war? Torheit! Er war doch kein Kind, das sich solckie .Gründe suchte. Oder kam es daher, daß sie ihn oft so still und fragend ansah, als wollte sie sagen: An wen denkst Tu? Doch nicht aii mich?
Marsen warf die Flinte aus den Rückeir und zog die Uhr. Tie Frauen hatten versprochen, ihn abzuholen. Er tat ein paar rasche Schritte gegen die Schneise, um zu sehen, ob sie noch nicht kamen. Mer die Schneise knickte in der Mitte seitab und versperrte die Aussicht. Ta überkam ihn eine Unruhe. Er sehnte sich! nach Frau Erna, nach ihrem brauiren Haar, ibren Augen, die so hock^ inübig blicketi konnten und doch so viel Mite in sich bargeii, nach ihren kühlen, weichen Händen. Aber er sehnte sich auch — er konnte es nicht leugnen — nach der schlankhaften Mädchenhaftigkeit Renatens. Erklärte er sich Frau Erna, so gewann er auch Renate. Und sie um sich zu haben, ähnelte der Freude, die man an der ersten mattblauen Hyazinthe hat. Sie steht auf denk Fensterbrett und spinnt ihren Duft leise ins Zimmer, und doch ist es^ als durchdufte sie das ganze Haus, als fülle sie alte Räume mit ihrem lieben Blütenschein. Aber <— war diese Freude an Retiate wirklich so rein.platonisch, so — väterlich? Sie War acht Jahre jtknger als Frau Erna. Ter Altersunterschied war also nicht bedeutend.
- Er selber war üi der Mitte der Dreißiger, uiid seine zahlreichen Reisen hatten ihn brauil, sehnig -Uiid gespannt gemacht. Dyns Zweifel war er noch sehr jung! Doch — was sollten diese! törichten Gedankeii?
Und er machte eine energische abwehren.de Handbewegimg Und spraiig über deii rieselnden Bach auf die breite Fahrstraße, die in langer, sacht sich senkender Linie gegen die Felder strich. Unten beivegteli sich zwei Figürchien. Kamen sie, oder giiigen sie hinab?. Neüi, sie kamen. Es wären Frau Erua und Renate. Er erkannt« die letztere aii der weit ausholenden Armbewegung, mit der sie ihretr Bergstock auf veil Boden .ztr stoßen pflegte. Cr Wollt« ilyieu rasch entgegen gehen, besann sich aber uub steckte mit scheinbarer Gelassenheit eilte neue Zigarre an, sah sich ein paarmaj um und ging dann erst mit weiten, langsamen Schritten bergab« Bei der großen Eiche trafen sie zusammen.
„Nun?" fragte die Gutsherrin.
„Ihre Liiße werden sich noch eine Weite gedulden müsserst Der rote Lehlingel kanr nur einmal mit der Nasenspitze zuist Vorschein. Wir müssen graben."


