Königsträume.

Roman von Karl Busse. . *

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Sieh' dir das an!" rief Michael Laskowicz und nahm die Sense empor, die er gehämmert hatte.Der Rücken ist Eisen, das andere Gerbsdahl. Und hier ist der Hammer. Je stärker -er schlägt, um fto härter wird das Blatt nur. So ist's mit denen da drüben. Dreißig Jahre seit dem letzten Auf­stand haben die Russen den' Hammer geschwungen. WaS nicht zerschlagen wird, wird gehärtet. Und sie haben uns die Sensen so gehärtet, daß sie nun alles niedermähen. Wie sagt Jan Hebda, das Eichhörnchen?Der Sensenschwung geht durch die Welt!" .Hier jedoch ist alles ruhig, daß Gott erbarm'! Die Preußen schlugen zu sanft: es sind zu wenig hier hart geworden, und deshalb schlafen wir, während die Brüder kämpfen!"

Es war still. Dann pustete der Blasebalg. Im Feuer­schein stand die mächtige Gestalt des Schmiedes.Bruder!" sagte er finster,ich wollt', die Preußen hätten besser ge­schlagen, daß es jeden Rücken getroffen hält'."

Es denken nicht viele wie dul"

Nicht viele? Hunderte, Tausende, Zehntausende! Man soll nicht sagen, waS später kommt. Ich Hab' gestern nacht vom polnischen Adler geträumt; der lvar weiß-silbern, wie er ins Fahnentuch gestickt war, das ich als Junge gesehen, damals, als sie unter Michael Madziwill aus der Grochower Schlacht kamen und über die Weichsel gingen. War auch ein Februartag damals. llnd die Fahne mit dem Wler vergesst ich mein Lebtag nicht. Heut' nacht flog der weiße Adler wieder. Und ich denk' immer, mir hat geträumt, daß er mit dem schwarzen Wler gekämpft hat."

Der Fußgendarm blies sich laut in die Hände, ob­wohl ihm längst in der Schmiede nicht mehr kalt war. Und verlegen sagte er:Es wird spät, Freundchen. Und der Dienst ist schwerer als je. Du verstehst: ich möcht' nicht Grenzaus­seher jetzt sein. Puh, bei solcher Nacht: Was meinst du, wie die Soldaten frieren! Und dennoch: Es geht manche Kiste Gewehre über oie Grenze, hier und da. Und ich Hab' gestern einen Wagen getroffen, pst, mich geht's nichts an. Für die Grenze bin ich nicht bestellt. Und man drückt ja gern ein Auge zu, wenn andere dafür da sind. Machst du Feicrband?"

Michael Laskowiez hatte mit dem Dorn das Sensenblatt von neuem gefaßt.Bald, bald, Bruderherz, es ist noch nicht gerade genug. Muß mehr znrückgebogcn werden."

Die Sense?" fragte Peter Wroblewski.Seit wann sind die Sensen so gerade?"

Jeckn, seit wann? Vielleicht schneiden sie dann besser." jWas red'st du da? Getreide?"

Braucht nicht immer Getreide zu sein. Gut ist gut, kber besser ist. besser. Und ich sag' dir: mir ruckt's rn^en

Händen, als ob der Hammer bald nicht nur auf den Amboß schlüge."

Kopfschüttelnd wandte sich der Gendarm zur Straße. Freundchen," sagte er fast traurig,hxmnn trat ich eigent­lich bei dir ein ? Du bist mein bester Freund, und ich will eine halbe Stunde noch ruhig und vergnügt sein, ehe ich zu dem Satan von Weib nach Haus komm'. Sie ist ein ganz gutes Weib sonst, aber ein Satan. Und nun bin ich hier, he, und was hör' ich? Er schimpft, wettert und sagt tausend Dinge, die ich nicht hören darf. Selbst in der Sckmiede ist keine Ruhe mehr, es gab niemals eine härtere Zeit."

Er nickte einen Gruß und schritt davon. Michael Lasko- wicz lachte und rief ihm nach:Armer Spatz, du hast eine heftige Spätzin.*) Macht sie's zu arg, so gerb' ihr das Fell!"

Wer entsetzt wehrte Peter mit der Hand ab:Lieber drei Einbreck>er als diesen Satan!" Und mit einem tiefen Seufzer verschwand er im Dunkel. Nur der Hammerschlag begleitete ihn.

Sein Häuschen lag neben dem Schulzenamt. Es toar klein, aber aus Stein erbaut und in besserem Zustand als die Barocken des Dorfes. Durchs Fenster schien das freund­liche Lickt der Lampe. Wie gemütlich könnt' es hier drinnen sein, dachte Peter Wroblewski. Er drückte leise die Haustür aus und trat in den Flur. Im Finstern tastete er nach der Klinke. Schon aber ward die Stubentür aufgerissen, und Jadwiga, sein Ehekreuz, stand im Lichtschein auf der Schwelle. Sie war fein häßliches Frauenzimmer und nicht so alt, daß der Fußgendarm deshalb hätte verzagen müssen. Doch wenn man in ihre Angen sah, so begriff men, daß sie das Blitzen besser verstanden als den Sonnenschein, und wenn sie den Mund auftat, so erkannte man leichtlich, daß ein gar spitzes Zünglein darin waltete.

Sie erwiderte seinen bescheidenen Gruß nicht, sondern rief mit der hellen Trompetenstimme, die gleichsam als Kampfsignal jede eheliche Auseinandersetzung begann: Kommst bu endlich, mein .Hähnchen? Sieh', sieh, wie du den Wog findest. Den ganzen Tag treibt er sich 'rum, he, sagst du was? Der Dienst, natürlich der Dienst! Wer tveiß. wo du steckst. Es gibt schöne Dirnen im Kreis, und die unglückliche Frau sitzt zu Hause. Aber ich will's dir ein­tränken !"

Peter Wroblewski wollte einige Einwendungen machen, doch noch heller trompetete es:Ruhe, sag' ich dir, Rum­treiber!"

Und während er ergeben das Haupt senkte, schmetterte es kräftig weiter: Sie sei ein unglückliches Weib, sie wär' lieber in die Warthe gegangen, als daß sie ihn geheiratet hätte, trenn ihr das jemand vorhergesagt; das Leben sei eine Hölle für sie; den ganzen Tag sei sie allein, und so ging es kräftig und unermüdlich weiter mit Spitzen und Anspie­lungen, die der Gatte gar nicht verstand.

*) wrobl (voln.) -» Spatz. Anspielung aus Namen Wro­blewski.