Königsträume.
Roman von Karl Busse.
'Nachdruck verboten.)
' 1. Kapitel.
Es tvar ein kalter Februartag des Jahres 1863. Auf der Chaussee, die, von Slupca kommend, bei Stralkowo über die preußische Grenze führte und nach Wreschen weiterging, schritt mit geschultertein Gewehr Peter Wroblewski dahin, der Fußgendarm. .
„Heilige Mutter Gottes?" brummte er in den Bart, „es wird eine Nacht, an der fein Christenmensch seine Freude hat, höchstens die Wölfe. Soll mich wundern, wenn keiner im Kreise erfriert. So viel Gesindel wie diesmal gab's lange nicht bei uns."
Die Finger waren ihm steif geworden. Mit den Zähnen zog er, so gut es gehen wollte, den rechten Handschuh ab und wärmte durch Anhauchen die kalten Finger. Dann rieb er sich die Ohren und schritt schneller aus. „Die warnre Stube ist besser als die Landstraße," murmelte er zwischen den Zähnen, „selbst wenn man ein Hauskreuz hat wie meines Vaters Sohn." Grimmig ließ er die Blicke über die winterliche Landschaft wandern. Links und rechts von der Straße eine weite Ebene, kaum unterbrochen von kahlen Bäumen, einsamen Gehöften, verwitterten Heiligenbildern. Der Schnee deckte die Felder: selten, daß hier und da in schmutzigen Strichen die dunkeln Ackerfurchen sichtbar wurden. Gnu paar Krähen flogen mit hungrigem Schrei auf; ihr heiseres Krächzen verhallte bald. Sie kämpften ein paar Minuten gegen den Wind und ließen sich dann von neuem nieder. Und nun blieb der „polnische" Wind, der Ostwind, Alleinherrscher und pustete über die schweigenden Felder.
Auch die Landstraße war leer. Vergebens spähte Peter Wroblewski nach einem Bauernwägelchen aus, das ihn mit- nehnlen konnte. So dankte er Gott, als in der Ferne das Gehöft des Taddäus Osiek sichtbar lvurde. Von dort war's bis zum Dorfe, in dem er stationiert war, noch eine gute halbe Stunde.
Plötzlich tauchte vor ihm auf dem Wege ein Karren aus. (Sin Mann zog ihn, der andere ging nebenher oder half schiebend wohl auch nach. Verwundert schüttelte der Fuß- gendarm den Kopf. Wo kamen mit einem Male diese Leute her? Sie mußten bis jetzt in dem Gehöft des Taddäus Osiek gewesen sein, sonst hätte er sie früher sehen müssen! Er fühlte nach dem Revolver, zog den Handschuh wieder an und .griff mit langen Schritten aus.
„He, Freundchen, einen Augenblick! Ich möcht' euch mal näher ansehen!"
Die Köpfe der beiden flogen herum Ueber das Gesicht des Jüngern schien ein Zucken zu gehen, ein plötzlicher Schreck Aber schon im nächsten Augenblick neigten sie sich demütig.
„Ah, der Pan Wachtmeister! Was befiehlt Euer Hochwohlgeboren?" ^ , ..
Bärbeißig blickte sie Peter Wroblewski an „Ihr serd Scherenschleifer?" Er deutete auf die Karre.
„Das sind wir. Pan Wachtmeister, arme Scherenschleifer. Der Winter ist hart, und das Geschäft schlecht. Vielleicht haben Euer Hochwohlgeboren ein Messer? Wollet befehlen, und es wird wie neu! Ein Glanz, sag' ich, spiegeln könnte man sich darin! Oder die gnädige Frau Gemahlin hat ein Scherflein? Es wird ja manches stumpf!"
Der Schleifer setzte den Tritt in Bewegung und hielt den Stahl gegen den Schleifstein. Aber grimmig wehrte der Gendarm ab. Er ergrimmte stets, wenn man von seiner
^ „^aßt^den Plunder! Eure Papiere will ich sehen. Seit wann ziehen zwei kräftige Menschen als Schereirsch leiser durchs Land?" '
„Seit sie keine Arbeit kriegen. Pan Wachtmeister! Es ist eine schlimme Zeit über uns gekommen."
Argwöhnisch musterte Peter Wroblewski den Sprecher enauer. Ein kühnes Gesicht, dunkle Augen, eine etwas erabgezogene Unterlippe. Die Kleidung war dürftig.
,Zhr heißt?"
„Wenzel Pollak."
„Und dieser t>a.?"
„Mein Bruder, Herr!" .
„Hm, die Papiere sind in Ordnung. Mo konnnt ihr her?"
Ms ob er sich kurz bedächte, ließ der Scherenschleifer die Klinge fallen, die er vorhin an den Stein gehalten.
„Der Bauer dort, Euer Hochwohlgeboren," er deutete auf das Haus des Osiek, „hatte Arbeit für uns."
„Mer ich sah eure Karre nicht vor der Tür."
„Warmn fragt Ihr, Pan Wachtmeister? Der Bauer hatte uns erlaubt, sie in den Schrippen zu ziehen. Der Wind ist kalt draußen."
„Es laufen viel Wölfe in Schafskleidern jetzt herum," brummte der Gendarm und gab die Papiere zurück.
„Ich versteh' Euch nicht."
„Hoho, Freundchen! Ich glaube, du kennst die Proklamation vom 22. Januar besser als ich."
„Vom Aufstand, Herr'?"' Mit rotem Gesicht ballte der Scherenschleifer die Faust. „Psia krew, ich Hab' sie gelesen, drüben! Und der Teufel ist los, wo man hinkommt Früher, wenn die Karre hielt, hatte man seinen Verdienst. Jetzt, wenn mein Bruder sammeln geht, bin ich froh, wenn er mit einer Schere am Drahtring wiederkommt. Gewehre, Pulver. Blei, das wollen sie! Mer die Sensen für die Russen sck-ärfen sie sich alleine. Ein Sensenhieb oder eine Russenkugel, das ist alles, was man drüben holen kann. Gott verdamm' den ganzen Aufstand!"
Peter Wroblewski zuckte die Achseln. „Geht mich nichts mi," knurrte er und strich sich den langen Bart. „Hier sind wir im Großherzogtum, und das ist preußisch."


