Des Kriegers Glück.
Eine heitere Geschichte von Paul' B'liß.
. . Nachdruck verboten.
Vor Arras war Herr Ulbert Bräunlich verwundet worden. Eine Granate hätte ihm den linken ArM verletzt, so schwer, daß er durch den starken Blutverlust ohnmächtig hinsank. Zlls er wieder bei Bewußtsein war, lag er bereits im Lazarett. Tie Operation war schon vollzogen, der Granatsplitter entfernt und der ganze linke Arm lag rm dicken Gips-Gaze-Verband. Ein paar Wochen mußte er so liegen bleibek, sehr zu seiner Qual. Doch als endlich per Verband angenommen wurde, da ergab sich das traurige M'snltat, daß drei Finger der linken Hand steif geblieben waren.. Nun wurde er nach Berlin geschickt, kam in eine der SamMelstellem wo er orthopädische Uebungen machen Mußte, um die halbgelähmte Hand dem Leber: zurückz'ugeiMnnen.
. Stundenlang saß er oft einsam im Tiergarten oder in anderen Parkalilagen und malte sich seine Zukunft in grauen Farben aus.
Heute hatte er sich aus der Bibliothek der Sämmelstelle ein Buch holen lassen, um nicht tvieder in solche guälende Grübeleien zu versinkelr.
Nachdenklich schlug er den Band auf und las den Titel. Der ließ ihn lächeln. Es war ein Roman von Luise Mühlbach. Wieder mußte er lächeln. Wer las heute noch etwas von der seligen Mühlbach!? Jedenfalls hatte ein Buchhändler seine alten Leibbibliotheks- bc stände hervorgesncht und sie der Sammelstelle gestiftet. Denn dieser vergilbte und stark zerlesene Band sah ganz so aus, als ob er ehemals eine Leihbibliothek geziert hätte.
Mit lächelnder Wehurnt hob er das Buch ans und begann zu lesen. Doch er kam nicht weit. Alles, was er las, interessierte.ihn doch so wenig, daß seine Gedanken bald wieder ihren eigenen? Sorgenweg fanden. Der Bakid fiel ihm aus der Hand.
Als der Band gefallen war, schob sich aus' der Mitte plötzlich ein Zettel hervor.
Albert Bräunlich zog das Blättchen heraus und las.
,,Jch bin eine Optimistin. Ich will meine Hoffnung aus emen glücklichen Zufall setzen. Vielleicht findet ein iunger Mann diesen Zettel, und vielleicht hat dieser junge Mann den Mut, mich zu befreien. Ich lebe und leide unter der Tyrannei eiitetf Ich möchte gar zu gern heiraten, aber ich> lerne fast gar keiiie Männer kenneir, weil die Tante rnich mit ArgUsangen bewacht. Ich bin eine „gute Partie", und ich glaube wohl, daß ich einen Männ recht glücklich machen könnte. Wenn sich also ein Mutiger findet, so wöge er nur vertrauensvoll nach Westende, Marienstraße Nr. 3, kommen und dort im Parterre nach Fräulein Lydia EberSbach fragen: bitte aber nur in der Zeit von zwei bis orcr Uhr, n>eil dann die Tante schläft. Ich hoffe!"
Gilbert Bräunlich Mußte, trotz seiner gränüichen StrmMUng, lachelii über den Utk, denn etwas anderes konnte es ja doch nicht sein, dann aber,,, als er den Inhalt noch einmal durchflog, fesseltg ihn eine Naivität, die ihm echt zu sein schien und da durchzuckte ihn plötzlich der Gedanke: Und wenn es nuii kein Ulk, sondern ernst gemeint wäre??
Er las die Zeilen nochnials und dann noch einmal. Dann) sami er nach. Und plötzlich stand er auf, ging in dm nächsten Zigarrenladen und erbat sich einen Einblick in des Mreßbuch.
Wirklich, da stand cs:
Marienstr. 3, part. Lydia Ebersbäch!
Kanin tonnte er sich beherrschen.
Wie eine frohe Botschaft klang ihm plötzlich! eine Stimme ins
~ wie euic helle Freude leuchtete es vor seinen Augen.
Natürlich mußte er hingehcn, mvchte daraus werden, was wollte!
Um zwei Uhr trat er den Weg an. Das Herz pochte ihm wre.einem Sekundaner, der sein erstes Stelldichein hat. Ms er mdlich die Klingel zog, zitterte seine Hand so stark, daß er alle rn-aft zusamniennehmen mußte, um Herr der Situation zu bleiben. Wünschcii öffnete und ftagte nach seinen
möchte Frchllein Ebersbäch, sprecheir; bitte, hier ist meine Karte, sagte er so ruhig, als es ihm nur iwöglich war.
„ Wtnge oder das alte Fräulein?" ftagte die Magd, indem
fie ihii ern wenig erstaunt Musterte.
'^^rz „mffchlosseii antwortete er nUr „Fräulein Lydia
.. ^agd ein wenig: „So heißen beide Damen,
die Tante Und die Nichte."
bitte, melden Sie mich deni jungen Fräulein und sagen Sie, bitte, ich käme wegen des Mühlbach'schen Romans."
Er mußte warten.
.... Dann kam die Magd zurück und sagte: „Das Fräulein läßt bitteik, wobei Sic ihn m den Salon führte.
. Mser ein trat und sich umsehen wollte, kam durch eine
Tur ein langes Mädchm, das ihn erstaunt NiUsteicke, aber mit wohlerzogener Mainer zum Sitzen einlub lind ftagte - , Dari rch erfahren, svas Sie zu uns führt?"
Er sah sie an mit unverhehlter Bewunderung, denn er fand, daß, ,re mcht linr )nng iind hübsch loar, soiideni daß sic auch
Eü™ üblicher Auniut aiisstraylte, der ilyn das
Merz pochen lieni .
^ Endlich begami er: „Ich habe den MühlbackKl>cn RomM, „Aphra Behg" gelesen, und ich bin dem Zufall dankbar, daß er mir dies alte Buch iu die Halid gespielt hat!"
Sie nickte lächelnd, sagte aber nichts.
Etwas unsicher begann er wieder: „Sie sehen also gnädiges Fräulein, daß Ihr Optimismus Sie nicht irregeführt hat, — es geschehen auch heilte iwch, Wunder, — inan muß, eben nur daran glauben!"
Darauf erwiderte sie lächelnd: „Verzeihen Sie, mein Herr, aber ich verstehe nicht, worauf Sie anfpielen."
. riß er sich zusammen und sagte: „Ich bin der Mutige,
gnädiges Framein! Und wenn ich Ihnen nicht mißfalle, so —," werter kam er aber nicht, denn sie erhob sich, und antwortete artig, aber bestimmt: „Ich glaube mein Herr, daß. hier ein Mißverständ- ms vorliegt."
„ nein. Nkchre GnMM," hetErte«. „Ich habe FhrM
Zettel gefunden!"
„Welchen Zettel? Ich weiß von keinem Zettel!"
„Was!?" — Einen Augenblick sah er sie prüfend cm, dantt entgegnete er heiter zwar, aber doch mit einiger Energie: , Sehen Sre, gnädiges Fräulein, das war nun nicht nett! Wemr man Non -nal so etwas tut, mUß man auch die Konsequenzen seiner! Handlung tragen! — Oder aber, >venn ich Ihnen denn absolut gefalle. Dann gesteheii Sie >ess wenigstens offen ein, dann empfehle ich nnch sofort wieder!."
Lächelnd antwortete sie: „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr-, V« liegt er» Mißverständnis vor. Ich weiß wirklich- vvn keinem Zettel!"
Nun wurde er mit einem Male kleinlaut: „Mso hat sich jemand anders mtt Ihrem Nameii einen sehr schlecken Scherz erlaubt! — Hier vitte, dies Papier fand ich heute in dem Roman— wobei ev ihr das Zettelche.i überreichte.
Höchst erstaunt las sie, las wieder, lächelte dann und' sagte endlich: „Das ist aber wirklich sehr sonderbar!"
. ~ a !* n klingelte sie, und als gleich darauf die Magd erschien, gab sie ihr leise emen Auftrag.
Mit einigem Befremden hatte er ihr ganzes Gebaven mit- angeiehcn, indessen loagte er nicht zu fragen, sondern wollte ab- warten, wie sich das Rätsel lösen würde.
Schon in der nächsten Miicnte wurde die Tür geöffnet und eine alte Dame trat ein.
„Liebe Tante," begann das Frcückein, nachdem sie vorgestellt hatte, dieser Herr hat hchrte diesen Zettel in einem alten Roman gesunden: wenn ich nicht irre, hast du das geschrieben, nicht wahr?"
Herni Mert Bräunlich wurde es plötzlich schwarz vor den ?lugen und das . ganze Gebäude seiner kühnen Hoffnungen sank m ein Vhfitß zusammen.
' '. Inzwischen hatte sich die alte Dame ihre Brille aufgesetzt und las nun den Inhalt des kleinen Pachers. Tann lächelte sie! mit leiser Wehmut Und sagte mit milder Stimme: o, ^ T>al> e ich einst geschrieben. Aber vor vierzig Jahren.
Jetzt durste es wohl zu spät seiii, mich ito-dji zu entführen. Sie hatten das Papier ftüher finden Müssen, junger Herr! Aber die alte Lante, die nnck) dereinst gefangen hier sesthielt, fft längst begraben, und, ime Sie sehen, bin ich mm selbst eine alte Tante ge- wordeii!"
. - ^Änreich^tnd kam die Nichte heran m ihr, umfaßte sie und rres: „Uber Du bist nur keine Tyrannin geworden Tantchen!"
Herr Bräunlich kam sich jetzt wirklich hier sehr überflüssig vor: er bat vielmals um Entschuldigung »md wollte sich cmpft'hlen.
„Aber Tantchen ließ ihn iiicht fort; er wurde zu.einer Taffe Kasfee emg-eladen. Und er blieb.
, als man erst beini K^iffcc saß, lvürde die Stimnumg
so traulm) mW gemütlich daß Herr Albert Bräunlich auch noch blieb, als länast der Kaffee aüsgetrunken^war.
^.natürlich Müßte er von seinen Erlebnissen inr Felde berichten, was er demi auch in ausgiebigster Weise tat, denn er sab. daß bewe Damen — vor allem aber das junge Fräulein — sehr rntei*cfficrt zlchorten. Aber auch von seiner schon verheilten Wmide sprach er, doch als' sie ihn dann bedmienr wollten, lehirtc er m lache, nder Verlegenheit ab, denn er hatte plötzlich die Hoffnung, daß sei ne Hand sicher bald wieder dirrchms gebmik chsfähig sein wrirde.
Und dann erzählte auch das' Tcuttchen vvn ihrer Jugend — !me sie einst für die Romane der Mühll'ach geschwüimit lcktte, mW gmc sie in schwäi-nierrscher Hofftrnng dereinst sehnekid auf ben Retter gelvartet hätte.
Tantchen so flott erzäMe, beobachtete Herr Albert Bräunlich unausgesetzt das junge Fräulein, an h'ni er immer Mehr Reize eiitdeckte. und dem er schließlich sogar schon ein wenig den Hof machte.
Ms er sich endlich empfahl, lud TantcktzUi ein, bald iMeder zu kommen, kvas er denii auch sofort hocherftnit verftwach- und als er fort kvar. . fragte die alte Dame ihre Nickte. E ihr Mw ftmge Mann gesagten habe, ivorauf die Kleine errötend antwortete: „O, gaiiz nett."
«. ,?.a lächette Tantchen stillvergnügt: bei sich aber dachte sie: Vittlekcht blklht der Mnnen das Glück, aus das ick vergebens hoffte!
cr wreder, bald sogar, mrd er fand das Glück, das Gluck der rer um mugen Liebe'


