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^Int Himmel zerrann das letzte Wolkcnweiß. 'Nun lag er in ungetrübtem Glanze über der Welt und die Sonne um­spann ihn völlig mit ihren goldenen Reisen. Em Pfau schrie in der Ferne.

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Das Begräbnis in Emskirch war vorüber, eine große Feier, von der man noch lange sprach. Vor dem Mausoleum, dessen grünes Eisendach mit dem goldenen Kreuz sich unter bcn Wipfeln der Schwarztannen versteckte, drängten sich die Menschen' eine ungeheure Fülle, die sich von nah und fern eingefunden hatte, aus allen Gesellschastsschichten, der Ver­treter des Kaisers, ein Prinz aus dem regierenden Hause, und das kleine verhutzelte Männchen, das in Dombach die Kühe auf die Weide trieb. Schulter an Schulter berührten sich die Gegensätze. Unter dem trüben Grau langschleppender Regen­wolken schwirrte es bunt durcheinander: Offiziere aller Waffengattungen, Johanniter, Hofchargen, Professoren der Breslauer Universität, das gesamte Beamtenpersonal der Emskirchschen Güter, Leute in grüner Jägertracht, Berg­knappen in schwarzer Kleidung, bäuerliches Volk, Tagelöhner, Damen der Hofgesellschaft und schlichte Arbeitsfrauen. Es hatte leise zu regnen begonnen. Schirme wurden aufgespannt, man warf die Mäntel über; ein dicker Gutsbesitzer versuchte im Schutze seines Hutes ein Streichhölzchen zu entzünden, um sich eine Zigarette anzubrennen; die schwarzen Schleier der Damen wehten im Winde; eine Kammerzofe kniete vor ihrer Herrin nieder und steckte ihr die Schleppe auf, die im. Gedränge abgetreten worden war. Man sprach in gedämpfi- tem Tone; das Stimmengeräusch schwirrte aus und nieder, als höre man es aus der Ferne; nur dann und wann erscholl ein lautes Wort, der Befehl an einen Diener, ein rascher Anruf bei unvermutetem Wiedererkenuen, eine lebhaftere Be­grüßung. Von der Dorfkirche herüber erklang das Geläut der Glocken.

Vor dem Parkeingang hielt eine endlose Wagenreihe. Gruppen vereinigten sich, man drückte sich die Hände und nahm raschen Abschied voneinander. Hier ging es lauter zu. Man rief nach den Kutschern; schimpfende Stimmen ertönten, die Pferde wieherten, es kläfften die Hunde. Der Regen fiel stärker. Die offenen, zum Teil mit Krepp ausgefchlagenen Wagen wurden hastig geschlossen; die Damen rafften ihre Röcke zusammen: galonierte Diener eilten hin und her. Eine Deputation der Königskürassiere trat unter dem Kommando eines baumlangen Leutnants mitten auf der Straße zu­sammen.

Jost hielt Annemarie und Kola zurück.

Wollt ihr nicht wenigstens einen halben Tag in Gotternegg bleiben?" fragte er.

Es geht nicht, Jost," antwortete Kola, seinen Mantel­kragen emporschlagend,der verdammte Dienst . . ."

Annemarie lächelte und neigte den Kopf mit dem von Schleiern umwallten Trauerhut zu Jost hinüber.Es ist nicht so schlirmn," flüsterte sie;ich glaube, Kola möchte ein Zusammensein mit Lilian vermeiden. Er hat noch immer eine kleine Passion für sie. Er ist ein lieber Tauge­nichts. Aber ich erziehe ihn mir..." Dann schaute sie sich suchend um.Ist denn Velten nicht hier? Ick) hätte ihm so gern die Hand gedrückt!..."

Er drängte sich soeben an einem Kreise jüngerer, vor einem sehr alten General salutierender Offiziere vorbei. Im Mausoleum hatte Belten nur flüchtig über die Schul­tern der vor ihm Stehenden hinweg das Gesicht Anne­maries sehen können, von Tränen überflutet und halb unter dem schwarzen Schleier verborgen, der tief, über die Stirn siel und auch über das Kinn gezogen war. Jetzt suchte er nach ihr; er verzweifelte fast daran, sie in dem Gewühl der hastig ausbrechendeu Menschen noch zu finden, bis er plötzlich den grauen Kalpak mit dem Reiherstutz des in Uniform erschienenen Kola sah.

Fürstin!" rief er, Durchlaucht... o wie freue ich mich," und er beugte sich über die ihm entgegen gestrebte Hand und küßte sie.

Mein lieber Velten" lieber Freund," entgegneto Annemarie herzlich, da kann ich Sie doch wenigstens ans einen Augenblick sprechen..." Es war wirtlich nur ein flüchtiger Augenblick und es waren gleichgültige Worte, die sich die beiden Menschen unter dem unaufhörlichen Hin- und Hersluten der Menge sagten. Velten hielt seinen Regen­schirm über Annemarie; sein Herz klopfte stark und sein Auge versuchte in ihren Zügen zu lesen. Ihr Gesicht wär ein wenig blaß, die Lider waren noch von den Tränen gerötet,

aber der ganze Ausdruck zeugte von .Harmonie und Zrt- sriedenheit. . .

Fürst Kola drängte.Dnschinka," sagte er,fei mir nicht böse wir müssen uns beeilen, wenn wir den Zug er­reichen wollen..."

Sie drückte rasch noch einmal Veltens Hand, neigte den Kopf ein wenig vor und slüsterte:Ich bin so glücklich so glücklich, lieber Freund..."

Das war das letzte frohe Wort, das er von ihren Lippen hörte.

Graf Harro hatte Lilian an ihre große und schwere Kutsche geleitet, von deren Verdeckecken lange Tranerslore herabsieleu, die der Regen gegen das lackierte Leder schlug.

Fährst du nach Dombach zurück, Vetter?" fragte die junge Frau.

Ja, Cousine. Emit und Hanna haben das Bedürfnis allein zu sein. Uebrigeus habe ich eine Bitte an dich. Kann ich mit dir über Gotternegg fahren? Ich habe nur einen. - offenen Wagen da, und der Regen scheint sich noch mehr ein- zuspiunen."

Aber gewiß < ich freue wich über die Begleitung," ent- geguete Lilian, während Harro seinem Diener einen Befehl zurief, sodann der Fürstin in die Kutsche half und selbst ihr gegenüber Platz nahm.

Die Unterhaltung während der Fahrt war anfänglich ausschließlich dem Verstorbenen gewidmet, dem auch Lilian eine große Verehrung entgegeugebracht hatte.

Wir mußten uns erst nach und nach keuneu lernen," sagte sie,es ging mir mit ihm wie mit der ganzen Fa­milie: ich mußte gewissermaßen schrittweise versuchen, an .Terrain zu gewinnen. Und gerade bei dem .Herzog war das nicht so leicht. Er kam mir mit offensichtlichem Mißtrauen entgegen; diese Geldheirat Bol kos paßte ihm durchaus nicht. Aber es war weniger die Mesalliance der Geburt, die ihn störte, als der Geoanke an das plebejische Geld."

Ja, er war eine seltsame Natur," erwiderte Harro nachdenklich.Und daß er auch menschlich klein sein konnte, hat uns die Größe seines Wesens nur noch näher gerückt.

Er-war selber ein sehr genauer Verwalter; aber er haßte im Grunde genommen den Geldmarkt wie du ganz richtig sagst, als etwas Plebejisches aus tief eingewurzeltem aristokratischem Bewußtsein, 5as er beständig bekämpfte und das doch herrschend in ihm war. Ich weiß, daß ich ihm einen großen Schmerz bereiten niußte, als ich den diploma­tischen Beruf quittierte. Cmi! hat mir damals Mangel an Pietät vorgeworfen, und es fiel auch das Wort:Hättest du nicht abu-nrten können!" Das habe ich jahrelang, getan. Schließlich aber erschien mir dies Warten häßlich und unehrlich und wie eine Spekulation aus den Tod des Vaters. Papa hatte bei seiner Rüstigkeit bm Neunzig nahe kommen können und auch ich wurde nicht jünger. Ich schleppte mich nur noch durch einen Beruf, der mir nicht behagte und da sagte ich mir: auch du hast dein Leben und tat den Schritt."

Und bereust ihn nicht?"

Nein. Ich habe von Jugend aus kaufmännische Nei­gungen gehabt. Ein gewisses Handelstaleut giu§> ja auch dem Vater nicht ab. Es mag im Blute liegen. Mein Ur­großvater hat für die halbe Kavallerie Friedrichs des Großen die Pferde geliefert aber das darf inan heut ilicht mehr wissen. Ich sauge faktisch jetzt erst au, mich meines Daseins zu freuen und auch meiner Freiheit. Es ist Unsinn, dem Geldverkehr den Makel krämerischer Klein­lichkeit anhasten zu wollen. Im Gegenteil, es liegt ein großer Zug in der Beherrschung des Mammons, den man zum" Sklaven und zum .Hörigen macht, wo er sonst überall in der Welt der Triumphator ist. Versteh mich recht: allein der Ruf der Firma, der ich angehöre, schließt aus, daß ich je an,wüster Agiotage Gefallen finden würde. Mer schon das geniale Spiel der Berechnung, die Mwägnng der Wahr­scheinlichkeit im Verhältnis zum Risiko, die Aufstellung der Möglichkeiten und die Prüfung der tatsächlichen Fak­toren alles das hat einen eminenten Reiz. Es ist bei aller klugen und kühlen Vorsicht der Reiz kühner Wag^- . halsigkeit. Es ist etwas Eigenes..."

Lilian hätte nicht selbst eine Kau fmaimst achter sein müssen, um das nicht begreiflich zu finden. Sie fühlte auch eine verwandtschaftliche HinneigUiig zu Harro, eine große Sympathie für diesen ruhigen, selostvewußten, sich immer gleich bleibenden Manu, dessen aauzes Sichgebeu ihrer eigenen Wesensart entsprach. und doch berührte es sie säst