schlecht. Im Kruge führt man Mweilen aufrührerische Reden, man kritisiert die Regierung, ich habe es selber gehört. Früher genügte unser „Kreis-Anzeiger", jetzt liegt das „Berliner Tageblatt" mitten auf dem Tisch. Früher trank man sein Achtelchen Schnaps, jetzt gibt es im Kruge sogar Grüneberger Champagner. Wohin soll das führen, Durchlaucht? D,e jungen Burschen verlottern und die Liebschaften nehmen zu; es wächst auch die öffentliche Flegelei, man mokiert sich über den Zylinderhut des Herrn Beyfuß, und Kirche und Schule stehen nicht ulehr in dem rechten Respekt. Wohin soll daö führen? Ueberall fehlt der Herr. Die Administration ist gar nichts, sie flößt keinerlei Eherbietung ein, der Rentmeister ist kein Regent. Es muß anders werden. Und da ja nun, so Gott will, Euer Durchlaucht in den Stand einer auch sonst aussichtsreichen Ehe zu treten im Begriffe sind, so hoffen wir, daß die alten würdigen Zustände in Gotternegg zurückkehren werden—"
Als Bolko das Schulhaus verlassen hatte, beschäftigte ihn dieser Appell des alten Fürbringer noch lange. Das war ja ein ettvas wunderlicher Heiliger, mit mancherlei Schrullen nnd gewiß nicht allzu modern in seinen Ansichten und seiner Weltanschauung nach. Aber er war doch auch ein kreuzbraver Mensch, unb in dem einen hatte er gewiß recht: es fehlte hier der Herr. Es war nicht so, tvie es sein sollte. An allen Ecken und Enden fühlte man das Interregnum; von oben herab sickerte die Verlotterung durch; ihn selber kannte man kaum noch. Der alte Christian humpelte die Dorfstraße hinaus, vornübergebeugt und torkelnd, schon wieder angetrunken, ein Bündel Reisig auf dem Rücken, einen Weißdornknüttel in der Hand, auf den er sich stützte. Bolko erkannte ihn wieder. In der Kinderzeit war ihm der lahme Christian ein guter Freund gewesen. Man kuschelte sich da zur Tageswende hinter dem Steinsarg auf dem Gehöft des Burgmüllers nebeneinander, Otto und Bolko, und der lahme Christian mußte Geschichten erzählen; er kannte viele und schöne; er wußte Erschreckliches aus der Raubritterzeit, wie man auf den Nutheschlössern gehaust hatte mit Sengen und Brennen und täglichen Mordtaten, als sei es nichts, und die Kinder hielten den Atem an, wenn Christian begann: „Vor hundert Jahren, da lebte einmal..
„He, Christian!" rief Bolko, „bleib ein bissel stehen!..." Der alte Kerl erschrak, schaute blöde auf und blinzelte mit den trüben, rot umrandeten Augen zu dem jungen Fürsten heniber. „Kennst du mich noch, Christian?" fragte der. Da ging ein frohes Leuchten über das braune,' verhutzelte Gesicht mit den großen Backenknochen unb den weißen Bartstoppeln; er riß den zahnlosen Mund aus und stammelte: „Hä — hä... da kleene Bolko!..." Annemarie lachte laut; diese Nichtachtung fürstlicher Würde kam ihr sehr komisch vor; sie hob den zur Erde gefallenen Weißdornstock wieder auf und rtickte Christian das Reisigbündel in eine bequemere Lage. Auch Bolko lächelte, aber doch ein wenig verlegen; er wußte nicht recht, was er auf diese trunkene Naivität antworten sollte.
Nun gabelte sich die Dorfstraße. Die Burgmühle lag ein wellig abseits, nach den Wiesen zu. Mm, vernahm durch die nachmittägliche Stille das schrillende Geräusch des die Stämme teilenden Sägewerks. Rechts bis zum Wasser hin dehnte der Holzplatz sich ans. Es war ein weit vorgeschobener spitzer Winkel des Sees, der bis hierher reichte, mit Schilf und Binsen durchwucherl, und mitten in dern Grün lag eine Anzahl gefällter und schon behauener Baumstämme. Dte große Linde links verbarg mit ihrem ungeheuren Wipfel beinahe da? Wohnhaus; nur das hochaussteigende Ziegeldach schaute rot über das Grün hinaus. Unter der Linde standen ein Tisch und eine mit den Füßen in die Erde gerammte Bank; auf ihr saß Grete, hatte einen Flickkorb vor sich und stopfte Strümpfe. .
„Herr du mein Je!" schrie sie auf, als sie die Nahenden erkannte. Vor Annemarie hätte sie sich nicht geniert; aber da war ja auch der Fürst dabei. Rasch rollte sie die Strümpfe zusammen, fuhr sich glättend über das Haar, zog eine Nah- 1^7, her noch ein Faden hing, aus ihrem Mieder', rmpfte den Rock zurecht und erhob sich. Sie knixte tief vor Bolko und wurde rot. Und Bolko vergaß völlig seine herablassende Leutseligkeit; er fand die brünette Kleine aam reizend, schon durchaus erwachsen mit der rurrdeu Brust und den kräftigen Hüften, begrüßte sie herzlich, setzte sich neben sie auf die Bank und begann zu plaudern und zu scherzen. lLr rollte die Strümpfe auseinander und ließ sre flattern; Grete nahm sie ihm wieder fort; sie war nicht mehr
sangen und ging auf die Lustigkeit Bolkos ein, neckte ih'n> bewunderte seinen Schlips und die roten Schuhe und war sofort dabei, ihn auf den Holzhof und nach dem Steinsarg! hinter dem Hause zu führen. Das !var das Hauptgebiet der kindlichen Spiele gewesen. Sicher: im Schlosse mit seinen hundert Winkeln und halbdunklen Gängen spielte es sich prachtvoll; aber noch hübscher im Freien unb am schönsten auf den,. Holzhof, wo zwischen dem aufgestapelten Schlegelholz Pfaffenhütlein und Berberitzen wuchsen, wo man über die Bohlen turnen und auf den Stämmen im Wasser sich im Balancieren üben konnte.
„Grete," rief Bolko, „lebt denn der alte Schnauzerl noch?"
„Aber natürlich, Durchlaucht," antwortete Grete- „er ist bloß noch häßlicher geworden und hat seit zwei Jahren einen chronischen Halskatarrh!; wenn er bellenüwill, schnappt er erst nach Lust und räuspert sich, wie ein alter Mann, und bellt ei'/, so klingt es, als schreie ein kleines Kind..."
„Ich muß Schnauzerl Guten Tag sagen," rief Bolko wieder, „und dann gehen wir an die Schleuse! —"
Schnauzerl fuhr unwirsch aus seiner Hütte hervor, heulte Bolko an, aber dann schien es doch, als erkenne er den Jugendfreund, und das wütende Gebelfer tönte sich zu heiserer Freundlichkeit ab; er krümmte sich liebevoll und versuchte den Stummelschwanz in wohlwollende Bewegung zu setzen. Bolko vergaß Adel und Krone^ er sprang ww ein Junge auf dem Hose umher, es stand noch der alte Fauh baum an der Scheune und davor lag der Einbaum, aus dem die Kühe tranken, ebe sie in den Stall trotteten, es wuchs noch das Moos auf dem Dach der Remise, es hing die Wecb glocke an ihrem merkwürdigen Galgen gern st, es schwammen die Enten in dein kleinen ummauerten Pfuhl, es war wie in der Kinderzeit. Da stand auch noch der steinerne Sarg neben der Hintertür des Hauses; er sollte in einem wendischen Königsgrabe gefunden worden sein und aus eben dieser Zeit auch noch der Einbaum stammen. Annemarie kletterte aus den Steinsarg und baumelte mit den Beinen; Bolko setzte sich in den Thymian zu Füßen des Steinernen, und es kam ihm alles so sonderbar vor: daß er vor der Heirat stand, daß er Grete schon Sie nannte und daß sie so drall geworden! war, daß er in seiner ganzen Fürstlichkeit nun hier saß im duftenden Quendel, als warte er nur auf den lahmen Christian und eine ferner Raubrittergeschichten: „Bor hundert Jahren, da lebte eiumal..."
Das Fenster klang, und der Burgmüller rief: „Prinzessin, fallen Sie nicht herunter! Wenn die Durchlaucht
pardauz macht, kriege ich es mit der Madame zu tun_"
Gr sah nur Annemarie. Er stand in Hemdärmeln am Fenster, denn er hatte sein Mittagschläfchen gemacht; feilt bartloses Gesicht war rot, ein lila Schimmer lag um Kinn und Wangen, das weiße Haar sträubte sich wie eine Bürste und die Augen blickten freundlich. Mm mußte Bolko sich zeigen. Da war der Burgmüller sehr verwundert, aber es kam keine Verlegenheit über ihn. Er streckte dem Fürsten die Hand aus dem Fenster entgegen und sagte: „I Durchlaucht — na, ist's denn zu glaubeil! Seine Durchlaucht hucken allergnädigst vor meiner Hintertür und lücken den Enten zu, ulld Grete meldet mir nicht einmal den hohen Besuch! Durchlaucht, ich bitte um Verzeihung. Hier stehe ich nun in Hemdärmeln, aber ich ziehe sofort meinen besten Rock an und will Eller Durchlaucht in meiner guten Stube e.np- fangen. Ich weiß, wie es sich gehört..."
„Bleiben Sie in Hemdärmeln, Burgmüller," rief Bolko, „das Hemdärmlige paßt gerade zur Situation. Ich schno- verte Hennatsdunst aus der alten Erde und saß im Schatten des Wendensarges und ließ mir von bell Enten ettvas vorschnattern; es war so hübsch. Aber ich kolunle hinein, ich habe Ihnen verschiedenes zu erzählen..." Er lachte heiter über das ganze Gesicht; dennoch: Vieser Besuch bei deul Burgmüller wurde ihm herzlich fall er. —
Annemarie und Grete fetzten sich nebeneinander aus den Rand des Einbaumes.
„Er hat etwas Reizendes," sagte Grete und zerpflückte ein Gänseblümchen. „Ich habe ihn mir nicht so gedacht. Er hat etwas sehr Menschliches."
„Ja," antwortete Annemarie, „wem, er nicht näselt, ist er nett. Aber wenn er den Feinen spielt, könnte n,an tfito gleich eine 'runterhauen."
„Kriegt er denn nun seine Miß und bleibt Fürst von Gottes Gnaden?"
(Fortsetzung folgt.)


