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in verblaßter Schrift auf Elfenbeintafeln, die an den Gestellen mit Draht befestigt waren. Das gute Fahr achtundsiebzig war in den besten - Schloßabzügen vertreten, zum Teil in Doppelslaschen, aber auch mancher frühere Jahrgang harrte noch'der durstigen Lippe, so ein neunuudsechziger Vquem und ein Burgunder von achtuiü)fünfzig, ein prachtvoller Chambertin. Drüben lagen die Mosel, die der verstorbene Fürst besonders liebte, Auslesen der berühmtesten Berge wie Tropfen da und Rauenta
heimer vom Kieselberg unb köstliches Förster Freuird stück ans den besten Jahren. „O Bacchus/' rief Annemarie, „Bolko, komm an die frische Luft, ich bin total benebelt!"
Bolko nickte, es ging ihm ähnlich. Er warf noch einen Blick nach links: da lagerten die heilen Weine aus Spanien und Portugal, der Ungar, der Kognak, die Liköre und sonstigen Spirituosen, auch ein Fäßchen Früh-Whisky, aber er hatte genug. Er bezeichnete Behfuß ein paar Flaschen für das Diner am Abend, schlang seinen Arm um den Hals Annemaries und ging.
Mit Wonne atmeten beide die erquickliche Herbstluft ein: Annemarie jauchzte taut auf. „Behfuß," sagte Volke, „ich sehe, es ist alles im Schlosse soweit imstande, tute es nur sein kann. Ich bin außerordentlich zufrieden mit Ihnen und ich hoffe, daß Sie mir auch weiterhin, in so Gott will besseren Zeiten, ein treuer Beamter sein werden. . . ." Damit gab er Behfuß die Hand. Der knickte wie ein Fedennesser zusammen. Er war auf das Höchste beglückt, es zog auch etwas wie das Ahnen eines jungen Frühlings durch feine hoffende Seele. Freilich, als alter Legitinnst hätte er es schon lieber gesehen, es wäre eine aus deutschen! Fürstenadel als neue Herrin ins Schloß gezogen. Aber immerhin, in Amerika gab es so wie so keinen Adel — und dann das ungeheure Geld.... Die Zeiten des alten gnädigen Herrn konnten wiederkchren, es konnte wieder die Sonne aufgehen über Gotternegg, und vielleicht nicht lange mehr, da mußte Mutter das Stanniolpapier von der Stickerei der Jntendantcnuniform vorsichtig ablösen und die gedrückten Schöße neu ausbügeln. . . . „Mutter," sagte Behfuß zu seiner dicken Frau, als Bolko und Annemarie sich verabschiedet hatten, „ich hält' es ja gar nicht mehr geglaubt. Ich hatte ja schon abgeschlossen und war darauf vorbereitet, zuguterletzt noch einmal von meinem Zivilver- sorgungsLhein Gebrauch zu machen: dann hätten wir vielleicht als Chäusseegeldeinnchmer oder als Museumsportier oder auch als Logenschließer an irgend einem Hoftheater den Nest unserer Tage verlebt —' und, mein Gott, es war' auch gegangen. Aber so lohnt sich mein Anshalten — nein, es lu i rb sich erst lohnen. Ich glaube nicht an Ahnungen, aber mir schwnmmert von Großem. Es soll an das Uebernatürliche grenzen, das Geld, das die durchlauchtigste Braut mite bekommt. Dagegen habe ich nichts: doch aus eins kannst du dich verlassen, Auguste, je größer der Reichtum, nur so niehr werde ich hier die hohe Würde walten lassen. Das bin ich meinem verstorbenen gnädigen Herrn schwdig, und was an nur liegt: es soll kein demokratischer Zug in die Hausordnung von Gotternegg kommen. Nämlich, solange ich auf me mm Posten verbleibe. . . . Sei so gut, Mutter, und hole Zumal meine Uniform heraus; ich habe immer Angst, die Galons an den Hosen könnten schwarz geworden sein . . ." jmb Plötzlich siel er im Uebermaße seines Hoffnungsjubels semer behäbigen Gattin um den Hals und rief: „Ach, Alte, welche Seligkeit, wenn ich diese Uniform wieder aulegen darf! Ich kann nlich ja fügen — wir haben /ianches Bittere durch- aemacht und ertragen, aber das Schlimmste war doch immer, du lieber Gott, der Mangel an rechter Etikette: denn du und ,ch, wir gehören nun einmal zum Hofe . . ."
erwiderte Frau Behfuß kopfnickend, „wenn rnan von äugend auf an das Parkett gewöhnt ist, dann fällt es einem schiver, sich in den niederen Sphären zurecht- zusinden. . . '
Inzwischen waren Bolko ulid Anneinarie über einen Wieieupsao hinab zum Dorfe gegangen. Den Pastor Fre- femus fanden sie im Garten der Pfarrei, wo der alte Herr, einen riesigen, etwas ungefügigen Strohhut aus dem Kopfe, Mit einem Spaten ein Blumenbeet nmgrub. „Herr, du mein ott. vtef er, und wischte sich die Hände an einem roten wschentuch ab, „ist es beim die Möglichkeit . . . Bolko —
Durchlaucht — guäbiger Herr . . Er hatte die drei xnrstenkinber getauft und eingesegnet, er führte auch den
Titel eines Schloßpfarrers zu Gotternegg und durfte sich sogar — aus alten Zeiten her — Propst nennen, wenn er wollte, eigentlich „Bnrgpropst zunr Götzen": aber das tat er nicht. Die Gotzenburg lag in Trümmern, und in der Schloßkapelle war seit langen Jahren nicht mehr gepredigt wor- den; die Administration hatte die Zulage zu seinem Gehalt gestrichen, sie strich, ivo sie konnte. Da lebte der kinderlose und verwitwete Alte denn in unendlicher Bescheidenheit in seinem kleinen Hanse, bebaute seinen Gürten eigenhändig und war auf seine Weise ein glücklicher Philosoph. Er hatte nur einen einzigen Feind ans der Welt: und das war das Konsistorium. Mit dem lag er ewig in Hader; grobe Briefe kamen und gingen zurück. Nie stimmten die Abrechnungen, der Pfarr- und Kirchenkasse, denn in seiner weichen Gutmütigkeit verborgte der Pastor häufig Gelder an arme Leute, die das Zurückgebeü vergaßen, und beließ Hypotheken, die zweifelhaft waren. Er tat das im Namen Gottes und mit des Hinnnels Segen, aber das Konsistorium verlangte reale Unterlagen und klingende Zinsen, und so riß denn der Kampf nicht ab. Schließlich blieb Fresenius nur noch im Amte, weil Fürst Herrfurth zuweiten ein gutes Wort für ihn einlegte und weil man das hohe Alter des Pastors berücksichtigte.
Man ging im Garten auf und ab; Bolko hatte erklärt, er hätte Fresenius nur die Hand drücken wollen, er könne sich nicht lange aufhalten, er wolle auch noch Fürbringev und den Burgmüller besuchen. In Wahrheit fürchtete er etwas die Geschwätzigkeit des alten Herrn, der sich gern in Erinnerungen erging und die Satzwendung bevorzugte 3 „Gott, wenn ich noch daran denke, wie damals..." und dann iam eine höchst gleichgültige Geschichte aus den vierziger oder fünfziger Jahren mit langatmigen Einzelheiten. Einen großen Wunsch hatte Fresenius: er hoffte noch Annemarie konfirmieren und den Durchlauchtigsten Fürsten trauen zu dürfen; dan'n wollte er gerne sterben. In Bezug auf die Eilisegnnng Annemaries gab Bolko ohne weiteres seine Einwilligung; er hoffte auch, seine Braut werde mit der Trauung in der Gotternegger Schloßkirche einverstanden sein, und fügte hinzu: „Vielleicht kann man beide Feiern verbinden. . ." Da jubelte der alte Pastor förinlich und seine verblaßten Angen wurden lichter, während er die Hände über der Brust faltete und anhub: „Gott, Durchlaucht, wenn ich, noch daran denke, luie damals . . ."
Aber Bolko hatte durchaus keine Zeit mehr, die Geschichte anznhören. Er wollte weiter. Fresenius begleitete die Geschwister noch bis ans die Dorfstraße und schaute ihnen lange ilach. Er sah wehmütig aus und sein Blick war umschattet: dann seufzte er, ging in seinen Garten zurück und murmelte: „Dasselbe kecke und frische Gesicht, wie der Selige in seinen jungen Fahren. Gott, wenn ich noch daran denke, wie damals. . ." Und er griff wieder nach seinem Spaten, aber seine Lippen bewegten sich immer noch, als erzählte er sich heiinlich Geschichten und Erinnerungen. — *
Das Haus des Kantors lag etwas zurückgebaut von der Straße. Eine alte Akazie stand vor der Tür und trug iit den höchsten Zweigen einen Starkasten. Zur Schulstube führte der Weg über den Hof. Es war da ein schmaler! Pfad, förinlich blank getreten von den Hunderten von kleinen Füßen, die ihn alljährlich benützten. Ein bissiger Gänserich schnatterte Bolko in giftigem Eifer an; ein gurrendes Taubetipaar saß auf dem Dache deö Schlages. Der Kompost- hänfen hatte bereits seine Bestimmung erfüllt. Auf der Steile seines Entstehens unb Werdens befand sich jetzt eine fortifikatorische Anlage: eine Auftürmung von gelbem Sand mit Befestigungslinien im Zickzack; vor dem Eingang zur Schul st übe stand ein roh gezimmertes Schilderhaus, nur für zehnjährige Wachtposten berechnet. Es war unbesetzt; eine dicke gelbe Henne lief gackernd davon; sie hatte im Schilderhaus, wo sie sich unbeobachtet wußte, ein Ei hiuter- lassen. Den militärischen Zuschnitt in diesem Lehrgebäude bekundete noch mancherlei. Im Hausflur au der Wand hing eine große Garnisonskarte des preußischen Kriegsheeres von 1834; Fürbriuger hatte sie einmal vom Oberförster Jannasch zum Geschenk erhalten, der sie wiederuin bei sich auf dem Boden gefunden hatte; die untere Ecke rechts war von den Mäusen abgeknabbert worden. Die Tür geradeaus trug ern Pappschild mit der Aufschrift „Zur Waffenkam- iner"; auf eine Kellertür hatte des üantofs Hand mit Kreide geschrieben „Kasematten". Es herrschte hier ein soldatischer Geist.
(Fortsetzung folgt.)


