Der Duoeköttel. *
Skizze von N ann y Lambrecht.
Es war noch Friede in der Welt, und die Gartenbüsche dufteten in den milden Juliabend.
Ich hatte das Fenster geöffnet, und da kamen sie, meine allabendlichen Gäste; es raschelte, flatterte, piepste in die Delle des Studierzimmers, irr rrnd wirr in dem Blenden, das ihnen den Tag vortäuschte. Und ein schwebender Schatten auf den Bücherschrank hinauf. . . Gurruck . . . und gab seine Besuchskarte ab.
An dem Trippelbeinchen blitzte etwas — ein Ring. Brieftaube? In dem Ring eingeschnitten: S. P. Bruxelles.
Es war ein rotbrauner Tümmler, eine feine schlanke Fliegerin. Man kennt das in Aachen. Aachen rückt in die Reihe der historischen Brieftaubenstädte: Lüttich, Antwerpen, Brüssel, Vcrviers. Und in Aachen hatte auch Reuter, bevor er seine Telegrapheir- agentur in Loiidon errichtete, ein Brieftaubennachrickpelibureau eröffnet.
Wer also in. den Zufall kam, eine Brieftaube an den Meistbietenden zu verschenken, der brauchte nur den Pitt in der Pont- strahe aufzusuchen. Ich machte mich daher auf den Weg zu dem Pitt.
Meister Pitt war Anstreicher in den „besseren Vierteln'. Wer also den Meister Pitt nicht in der Pontstraße fand, traf ihn zumindest in den Alleen des Lousbergviertels.
Das stolze alte Gemäuer des Ponttores ragte, die Lindenbäume der Alleen rauschten, aus den Vorgärtchen der Herrschafts- häuser die schwere Würze der Blumensträuche.
Und da sah ich's auch schon auf der steilen Leiter flattern- den weißen hemdartigen Anstreicherkittel, das guirlerrde Tampf- säulchen seiner Zigarre. Meister Pitt rauchte Zigarren, sogar mit Wickelband, Stück für Stück sieben Fenneke zum Aussuchen aus der gemischten Abfallkiste in einem Lädchen der Jakobsstraße.
Er salutierte mit dem Pinsel, stieg langsam von der Leiter herunter, stellte zunächst mal ein Verhör an, bevor er mein Geschenk genehmigte.
„Mit'm Schildchen, wa? Is nix."
„Aber gar nicht, Meister Pitt, rotbraun.
,,Tümmler, is jut," strich sich den graubuschigen, langgeschweiften Schnurrbart, hielt feierlich die Zigarre zwischen den Fingern, „Männchen odern'n Sei?"
„Weiß ich doch nicht. Meister Pitt."
„Ru hatse denn wenigstens die „fauße mariage"? Tat kann m'r sehen."
„Aber, Meister Pitt!"
Er schmunzelte, strich mit dem Pinselstock die kühngeschweifte Linie seines Schnurrbartes entlang.
„Tscha, wissen Se, so'n oller Duveköttel wie ich, läßt sich nix weismachen. Und besonders jetzt, wo einem' die Lütticher Halunken die Kau einrennen."
„Was ist denn wieder in Lüttich los?'
Dumme Frage. In Lüttich ist immer was los mit Tauben- ftug und Preisfliegen und Konkurs Paris—Berlin, Paris—Rom. Dann sieht man in den winkeligen Maasgäßchen und dort, wo die steilen Sttahentteppen hinauf zu den Höhen führen, die Männer die Röcke abwerfen, wild davonrenncn, die glühender: Gesichter erhoben, in die Luft starren, nro die Lieblinge ihren Stationen zusegeln.
Da trat Meister Pitt dicht vor mich, stach mtt seinen: Zeigefinger auf mich zu, zog die Schultern hoch und hauchte es wich- ttg heraus:
„Ich null Sie wat sagen: es jibt Krieg — urtter uns jesagt." Preßte die Lippen dünn, nickte mir bekräftigend zu und stiege wieder die Leiter hinauf, drehte sich um und nickte nochmals. Uiid da er glauben inochte, daß er denn doch etwas knapp mit der Weltgeschichte umging, stieg er wieder herunter und zückte von neuen: den Zeigefinger auf :nich.
„Ich will Sie dat klipp und klar beweisen. Erstens: wie war dat in der Rapoleonischen 'Zeit da vor Waterloo — da hamse in Aachen Brieftauben angekaust. Zweitens: wie war dat 1870 vor der Belagerung von Paris? Da hamse versucht, über die Taubenstationen Verviers und Lüttich Aachener Brieftauben drün*errüber zu schnruggeln. Ra und? Jetzt is Widder so'ne Seit wo uns die Kauderwelscher nicht von der Kau runterjehn Aber :ch sag L>ie dat vor den Kopp: so 'nem ollen Duveköttel uracht man n:x we:s. "
Jetzt stieg er endgülttg die Letter hinauf, jetzt wird er sich Nicht mehr umdrehen.
Und da schoß es- mtter der Leiter durch, und da zupfte ihm remand unverschämt an seinem Ktttel, schrie und gestikulierte ihn an, ein schmachttges, zappelndes, schwarzhaariges Männchen Lütticher. 7 ’
„Ah, da sein Ihr, Monsieur Roppenä, da sein Ihr, Ihr sern eine tzcheMann, eure sähr fteche Mann! Ihr 'abm nix * ie AK" D:e Scheköer: rvillen wir aben." Stob auf mich los. „Madame, er kann beoieiwil ville Geld, sähr vttle Geld « ^kaufen an mich die Schekken, aber er will nich geben,' F a ' a ,f daß er kann verkaufen nach Berlin u::d Spandau, aber das t e verrück, das He gm:z verrück. Mm: “ '
'o pAe, Pille GePe geben,
Hab' isch schon alles gekaufen von die Schwätzersohn^
Koppe von d:e Mann hier." Klopfte sich mtt der schmalen .Hand auf die Brust, fluchte sein sacredien, zappelte vor Unruhe und Wut.
Da steckte Meister Pitt wieder seinen Kopf durch die Letter-, sproffen, sagte gelassen von seiner Höhe herab:
„Nn hören Se bloß auf zu babbele und jehn Se doch mal zu in einem Schwestersohn, der hat auch Brieftauben."
„Oho, so? wo ise Schwätzersohn?"
Umständlich setzte ihm Meister Pitt auseinander, daß seine Schivcsler, d:e Bäbb Roppeney, den belgischen Bahnwärter gleich drüben über dem Grenz,ttich, im Deutsch-belgischen, geheiratet habe.
. . er ' der Pitt, genannt Duveköttel, weil er nu mal so vernarrt m seine Tauben sei, habe die Schwester des Bahnwärters geehelicht. Lo >e: denn seine Ehe quasi preußisch-belgisch gefleckt, was den, besonderen Vorteil habe, daß seine Kinder auf französisch ebenso nett ftuchen konnten rvie auf Oecher Platt. Und wie gesagt, Oer Bahn'warter habe einen bildschönen Tairbenschtag.
Ter redselige Mund des kleinen schwarzen Lüttichers klappte zu, d:e Augen schlossen sich, blitzhaft schlossen sie sich, als dürfe nun niemand mehr dort hineinsehen. Ein aufschreckendes Horchen zuckte über den schmächttgen Körper. Er wurde sehr liebenswürdig, lächelte, sagte:
„O,
Merci."
Schwenkte grüßend seinen Hut und ging.
Durch die Lettersprossen stierte Meister Pitt ihm nach. Seine Mundrmnkel zogen sich herab, daß der Schnurrbart nach unten abschweifte. Ern unruhiger Ausdruck in seinem pftfftgen Gesicht.
„Wenn der mich nur nich zu die Frau jeht."
Ter Lütticher aber ging zu der Frau. Äinjour und er habe gehört, daß sie seine Landsmännin sei. Warf sich unaufgefordert auf den Küchenstuhl, schmiß einen Lütticher Witz hin, summte den Reftain des Chansons, den man am Lütticher Karree nach der Polizeistunde summt — von den „schwarzen, schwarzen Strümpfchen . . Ja, und so, wie Landsleute sich in der Fremde beieinander zu Hause fühlen.
Das verdrossene Gesicht der Frau strahlte aiif. Zwar war ihr das Französisch wenig geläufig, man sprach in Deutschland Plattdeutsch, aber war sie denn nicht als junges Mädchen während des Sommers nach Lourdes als Verkäuferin in den Rosenkranz-. buden gewesen? Jetzt wird sie dem mal das Pariserische reden, da konnte der mtt seinem Lütticher Französisch drei Nasenlängen Zurückbleiben. ^
Sie redeten eifrig, sie redeten heiß. Und als der Lütticher ging, und als der Meister Pttt kam, da lag aus der Fenster- bank^Zigarrenasche.
Seelenruhig fragte er:
„Watt för'n Sorte rauchste denn?"
Ihre Blicke flitzten nach der Fensterbank. Ihr Mund kmtte auf und zu, und schnell glitt es ihr heraus:
„Ach, das ist so'n Mittel, weißte, ich rauche von wegen das Zahnweh."
Meister Pitt lachte in sich hinein.
„Wat lachste, Mann?"
„Ich han so mttig Freudche."
Ta lachte sie mit, aufgeregt lachte sie mtt. Der lachende Mann wurde ihr unheimlich. Und dann lief Meister Pttt die Galt über, auf den Tisch schlug er und schrie:
Ru jeähste kapott — Gott verzeih mich die Sund! Tat Franzuschc ivar bei dich!"
Sie blieb am Herd stehen, sah ihn unverlvandt an.
„Es ist kein Franzus, es ist ein Lütticher."
,Ejal, ich schineiß ihm raus!"
Ta nestelte sie etivas imter der Schürze heraus, trat an den Tisch, netzte den Finger, legte ein paar blaue Lappen auf. „Einhundert, zweihundert, dreihundert . . .
„Wat? Watt! Biste jeck?" *
„Ru schmeiß das raus."
„Ter Lütticher hat Dich Jeld gegeben?"
„Der Lütticher hat mich Jeld gegeben."
Er packte ihr Handgelenk.
„Für meine Preistaube, für das „Loftche"?"
„Für das „Lottche", das er nwrjen abholen kommen will." Er schleuderte ihre Hand iveg.
„Ich bring ihm um."
„Das tuste doch nich."
„Ich bring -ihm uni."
„Ebensoiveiiig, wie Du jetzt das Jeld rausschuuißt."
Er schlug mtt der Faust auf den Tisch, daß die Lampe klirrte er schrie s:e an, er tobte — aber er warf das Geld nicht hinaus.
Sie irickte uiib lächelte. Da stürinte er in die Kammer u,rd walzte nch un Bett die ganze Nacht, und hinter ihm stand einer und flüsterte: Du wirst dich hüten, so viel Geld zum Fenster binauszuwenen, uiid morgen kommt der Lütticher und hott die Preistaube ab. Was ist iveiter dabei? Verkaufst du nicht, dann verkaufen aridere. Geld stinkt nicht. Dein Tcttibchen geht nach
Frankreich.
x v „ . , Da warf Meister Pitt die Decke ab, sprang auf schlug um
kmn^n°dtt"BÄck l' dh H b . en f i Üft ?r ni>en 9 ~ ann packen. Bor seine» nei'er».
wie lick kann ™ * 1 >* n flatterten die blauen scheine. Moraen kani der Lnt-
wi« ich rann Wersen an dis ttcher, und er Mtzl cs, Kjerrgvtt, er jiihltt, daü er ihm nutz;


