Die vom Rauhen Grund.

Noma von Paul Grabein.

Copvrioht 1914 by ©retfjTeta & Co.. G. u.b.H.. Leipzig. Gesetzliche F-or- »nel für den Schuh des Inhalts tu den Vereinigten Staaten von Amerika.

(Nachbruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Zahlreiche Gäste und Neugierige waren schon herbei­geströmt von nah und fern, um dem grandiosen Schauspiel beizuwohnen, das sich dort vollziehen würde: erst die Sprengung eines ganzen Dorfes mitsamt seiner Kirche, dann das Anstauen der 'Wasserfluten an der Sperre; höher, immer höher, bis ein Riesensee entstehen würde, meilenlang, so breit wie das ganze, gewaltige Tal des Rauhen Grundes.

Unter denen, die in diesen Tagen gekomnrrn, war auch Eke von Selbach. Doch es war nicht Schaulust, die sie her­gelockt. Es galt den Abschied von dem Haus ihrer Väter, das mit dem ganzen Unterdorf nun eine Beute der großen Wasser werden sollte. Schon von Bozen aus, wo sie zuletzt geweilt, hatte sie ihrem Bevollmächtigten die nötigen Anweisungen wegen der Räumung brieflich erteilt.

Die Zeit, wo sie fern von hier gewesen, war still und ernst für Eke gewesen. Sic hatte auf ihr blondes Haupt den schwarzen Witwenschleier gelegt.

Schneller und anders, als sie beide cs gedacht, war so die Lösung ihrer zerstörten Ehe erfolgt, und ganz unvor­bereitet hatte es sie getroffen, schon wenige Monate nach ihrer Trennung. Drunten im kunstgewechten Florenz, wo sie im Anblick erhabener Schönheit alles Häßliche der Vergangen­heit zu vergessen suchte, hatte sie das Telegramm ereilt, das sie an das Bett des Sterbenden berief. Zur selben Stunde war sie in den Zug gestiegen, der sie imch Bordighera führte, aber dennoch war sie zu spät gekommen. So hatte sich das Auge schon geschlossen, das wohl noch einmal Frieden suchend in das ihre hatte blicken wollen, ehe es erstarrte vor den Schauern des großen Nichts. Nur von der aufgeregt jam­mernden, redseligen Padrona des kleinen.Häuschens inmitten üppig wuchernder Lorbeerbüsche und sanft wedelnder Palmen hatte sie das Nähere gehört.

Vor kaum vierzehn Tagen erst nxtrert sie zugezogen, droben von Nizza her, der Henr, der nun dort drinnen lag, so starr und stumm, und die Dame, die mit ihm war. Für seine Frau hatte sie sie ja gehalten, die schöne Fremde. O ja, schön war sie gewesen, bei der Madonna! Aber nicht aut zu dem armen .Herrn nein, nein, gar nicht gut! Gleich hatte sie es gemerkt von der ersten Stunde an.

Sie habe auch bald gewußt, warum es zwischen den beiden nicht stimmte. Nicht etwa, daß sie an der Tür ge­lauscht, io pfui, nie täte sie das! aber die Frenide habe so laut und heftig gesprochen, daß man es im ganzen Hause habe hören können. Um des Geldes willen habe es Unfrieden gegeben. Die beiden hätten wohl große Verluste gehabt, da drüben, an der Spielbank, und nun paßte es der

Dame nicht, hier ganz einfach und zurückgezogen zu leben Vergebens habe der arme Herr cutf sie ein gesprochen mi­seine r ruhigen Stimme, die immer so weich uud traurig geklungen hatte. Die schöne Fremde wäre dadurch stets nur noch mehr gereizt worden, und schließlich wäre es denn zu der Katastrophe gekommen. Die Signora habe heimlich ihre Koffer gepackt und tuäre davongefahreu, gerade in der Morgenstunde, wo der Herr innner seinen Spaziergang am Strand gemacht chabe. Als er daun wiederkehrte und das Haus leer fand- ckio mio!, ganz schrecklich wäre das gewesen Kein Wort habe er gesagt, ohne einen Laut wäre er in seif Zimmer gegangen, aber mit einem Blick . bei allen Heili­gen, nie in ihrem Leben würde sie diesen Blick vergessen! So -leer und trostlos. Hierauf habe er sich eiugeschlosseu in seinem Zimmer. Eine Weile habe sie ihn drinnen kramen und packen hören. Dann aber sei es still geworden, so schrecklich still, bis plötzlich d^r Schuß

Von neuem verfiel die Pcrdvon-a in ihr lautes, halb loses Gejammer. Da hatte Eke von Selbach sie sanft bei. feite geschoben und war ein getreten zu dem Toten.

Ruhevoll war der Ausdruck seiner Züge. Der eines Er- lösten. Um die Lippen stand es fast wie ein Lächeln. Als ob ihm im Scheiden alle Nichtigkeit menschlichen SehnenÄ und Wähnens voll bewußt gewesen wäre. Nun waren für ihn die Rätsel gelöst, um die wir Lebenden noch bangen.

Lange hatte Eke vor dein Toten gestanden, der ihr fremd gewesen, da er bei ihr war, und dem sie sich so nahe fühlte, nun er ihr entrückt war in ewige Fernen. Und am Tage darauf war sie ihm zur Grafit gefolgt, als einzige aus dem kleinen Friedhof, wo der linde Atem des blauen Sirdens die feierlich duftenden Zypressen fächelte und die Düfte von Oleander und Orangen die Gräber umschmeichel- ten. Hier war es gut ruhen für eine müde Seele, die sich nach Weichheit und Schönheit gesehnt in ihren Erdentagen.

Von der Frau aber, die ihn in den Tod getrieben, von Marga Steinsiefen, war kein letzter Gruß für ihn gekom­men. Sie war verschwunden, wie ein gleißender Meteor in schwüler Sommernacht. Nur einmal noch drang eine un­gewisse Kunde von ihr zu Eke. Bekannte von dieser wollten sie in Cannes gesehen haben. Seidenranschend und sinn­verwirrend schön wie immer, und in ihrer Begleitung einen sehr reichen, russischen Aristokraten, döachdem ihre Scher- düng ausgesprochen, würden die beiden sich heiraten ss flüsterte man es sich auf der Promenade beim Anblick der beiden zu und lächelte diskret.

Wie ein Traum, ein schwerer dunkler Traum, lag das alles nun schon hinter Eke. Der düstere Krepp, der ihren jungen Frauenleib so lange umhüllt, war wieder lichteren Farben gewichen, und mansch bewundernder Blick war ihrer vollerblühten Schönheit gefolgt, drunten in St. Moritz und dann in Bozen. Mer der herbe Ernst cufi ihrem Antlitz wehrte jede Annäherung ab.

' Und nun war sie wieder daheim. Freilich nur ein fluche