Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Gr ab ein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Es war am Tage, bevor die Uebersiedeluug der Ge^ schwister nach Köln srattfinden sollte, da wurde MargaReusen noch einmal ein Besuch gemeldet: Karl Steinsiesen. Sie schwankte, ob sie ihn anneymen sollte: alte Räume waren ia schon kahl und ungastlich. Aber schließlich liest sie ihn doch vor. Er wollte sich wohl verabschieden von ihr.
Nun stand er vor ihr, seltsam unsicher. Setzte ein paarmal zum Sprechen an und schwieg doch !nieder. Sie selber mußte ihm sagen:
„Sie konnnen. mir Lebetoohl zu sagen."
„Ja, gewiß," uub schüttelte doch gleich wieder den Kopf.
Da sah sie ihn an und verstand plötzlich. Aber ihre schönen dunkeln Angen blickten kalt und leer.
Er gewahrte es und verfärbte sich. Es war ja der letzte Augenblick, der ihnl noch vergönnt war. Da trieb ihm die Furcht, sie Zu verlieren, die Worte ans die Lippen:
„Fräulein Marga, eh' Sie von hier fortgehen, für immer — erlauben Sie mir eine Frage —"
„Ersparen Sie sie sich lieber, Herr Steinsiesen. Es ist
besser." r
Er machte eine bittende Gebärde.
„Hören Sie mich doch an! Ich weiß ja wohl - da ist vielleicht ein anderer. Aber glauben Sw nnr's: Lieber haben als ich kann er Sie nicht. Bei Gott, das kann er nicht!"
Ein Aufsachen, so schneidend, dag er sie erschrocken anstarrte. Und plötzlich kam es über sie, all dik angesammelte Bitterkeit ihres zertretenen Stolzes. Eine dämonische Lust, dem, der da stehend die Hände zu ihr hob, wie zu einem Götterbilde, es laut ins Gesicht zu schreien, daß dieses Bild einen Sprung hatte - einen unheilbaren, tiefen Sprung. Mit einen: jähen Aufglühen trafen ihn ihre Augen.
„Und wissen Sie auch, daß ich diesem andern nur cm Spielzeug war, das er fortwars, nachdem —"
Der völlige Zusammenbruch in Steinsiefens Zügen ließ sie abbrechen.
„Ich sagte es Ihnen ja! Sie hätten mich nicht fragen sollen."
.Hart klang es zu ihm hin. Und dann wandte sie rhnl langsan: den Rücken. Zum Fenster trat sie hin. Nun würde er ja wohl gel-eilt sein von senrec Liebe —i der Narr.
Eine Weite blieb es still. Dam, aber hörte sie ihnr sich regen, und nun stand er hinter ihr.
„Marga —/' es würgte ihm in der Kehle —, „ich
hasse ihn wie den Tod? Hasse ihn solange ich denken kann. Und dich — dich lieb' ich, was auch geschehen!"
Sie stand unbeweglich und starrte zum Fenster hinaus. Ein verächtlicher Zug tag scharf um ihren schmalen Mund. Und doch — es war ihr, wie wenn ihr in ihrer Einsamkeit ein treuer Hund stumm seinen Kopf gegen das Knie drückte.
So hörte sie ihn flehentlich bitten:
„Laß das alles vergessen sein, uns nie mehr mit einem Wort daran rühren! Laß uns hinausgehen in die Welt, lo-cit fort. Nach Paris, Italien. Aegypten, oder wo sonst du willst und so lange dil willst. Ich kann das Geschäft ruhig einmal allein lassen. Und darin, nachher i wir können" in Köln wohnen, dn brauchtest ihnl nie mehr ju begegnen."
Da fuhr sie herum.
„Meinen Sie etwa, ich sollte mich verstecken darum?"
Alt der Hochmut von einst stammte ihm wieder entgegen aus dem erregten Gesicht, das ihm nie schöner erschienen war, als in dieser wachsfarbenen Blässe. Bestürzt streckte er die Hände nach ihr aus, hingerissen von seinem Begehren — ihr verfallen auf Leben und Tod.
„Um Gottes willen — wie kannst dn mich so mißverstehen? Ich dachte ja nur, es wäre dir lieber so. Aber ganz wie bu willst — alles, alles. Wenn ich dich mtü habe!"
Wieder jenes verachtungsvolle Ausiverfen ihrer Mundwinkel. Dann ein Achselzucken, und sie schritt an ihm vorüber — wortlos. Da klang es zu ihr hin, wie ein kaum noch verhaltenes Aufschluchzen:
„Marga — warum trittst du alt meine Liebe so unt Füßen?"
Ihr Schritt verlangsamte sich und hielt nun ganz an. So sarm sie vor sich hin, ihm immer noch abgeuurndt.
Nach dem Ausbruch ihrer Erbitterung war es mit einemmal ruhiger in ihr geworden. Tie alte, kühle Vernunft kehrte ihr zurück. Eine Entscheidungsstunde war das auch für sie. Der Mann da hinter ihr - ein Nichts, ein Schatten. Aber das, was er ihr bot!
Aegypten — das Leben in der großen Welt draußen, umgeben voll allen! Luxus. Genießen mit vollen Zügen, glanzen, herrschen, beneidet sein! Dahmleben in einem steten vibrierenden Rausch, wie es ihr ja von jeher vor- geschivebt. ehe der fremde Ton in ihre Seele geklungen war, den sie jetzt glühend haßte und verwünschte — abertausend- mal! Und das alles wollte sie hinwerfen? Warum? Wem zuliebe? Würde sie wohl je noch einmal einen Mann finden, der ihr das alles bot und zugleich so bequem war? Bereits jeder Regung ihrer Wünsck>e blindlings zu gehorchen?
Da war es entschieden. Langsam kehrte sie sich otem* siefen zu. . Ä „ t
-„Wenn ich Ihnen wirklich ein solches Glück bedeute — nun gut." .
Und ihre Hand hob sich ein wenig zu ihm hrn.
„Marga!"


