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Hellen Schnee laufen. Mer noch tonnte er sich nicht weiter Wagen. Und so hoffte er auf die Dämmerung!.
Ter Schnee lieh nach. Aber eine starke russische Kavallerie- Abteilung hielt die vier Oesterreicher fest hinter ihrer kargen Deckung. Die Glieder wurden ihnen steif. Tenn der Schnee deckte sie zu, und erheben konnten sie sich nicht. Das Auge wollte müde werden. Slber der Feilst» war unruhig, zeigte sich hier und da und zwang sie zum wachen.
Ta entschloß sich Tübinger, die Nacht auszuharren und am Morgen vorzugehen. Sie deckten sich gegenseitig mit ein paar Zweigen zu und wachten. Tübinger wußte, was er wagte. Mer er blieb. Sie teilten sich in ihr bißchen Brot und Kaffee, denn ihr Gepäck hatten sie bei der Truppe gelassen. Und morgen gab cs ja auch wieder etwas, wenn sie zurückkamen.
Sie schossen in Zwischenräumen die ganze lange Nacht. Und die Nüssen schienen wirklich zu glauben, daß ihnen eine ganze Kompagnie gegenüberliege. Tenn sie blieben, wo sie waren und knallten in die Nacht hinein.
_ Der Morgen kam müde. Und mit dem Licht kam wieder der Schnee. Tübinger wartete zwei, drei Stunden. Die Luft blieb dick von beit rieselnden Flocken.
Ta mußten sie zurück. Denn der Hunger und die Kälte waren ärger als die Russen. Aber in dem tveichen, tiefen Schnee gab es gar kein Kriechen. So mußten sie laufen. Auf einen halblauten Pfiff ihres Führers sprangen sie auf und sprangen zurück, so gut e£ die steifen Beine erlauben wollten.
Tie Russen sandten ihnen Salven nach. Die klangen halb ärgerlich, halb wütend. Und die vier schleppten sich wie Lahme über die naßkalte Decke. Prasselnd jagten ihnen die Kugeln nach. Ta fielen zwei von Tübingers Leuten. Der Schnee deckte sie zu. Und das Blut färbte ihn, daß er aussah wie offene, blühende Rosen.
Tie beiden andern trieb es toeiter. Flüchtig Wateten sie in der weißen Wolle.
Tübinger griff nach seinem Bein, durch das ein jäher Schmerz ging. Aber er sprach kein Wort. Er schleppte sich vorwärts in einem dunklen Trieb.
Doch das Bein wurde schwächer.
„Faß mich!" bat er leise den müden Begleiter. Ter packte ihn um den Leib und zerrte ihn mit. So kamen sie in einen schützenden Wald. Dort sanken sie gleichzeitig auf einen Stein nieder, als hätteit die Seelen sich vorher verabredet.
Tübinger schloß die Augen. Die brannten ihm vom Feuer des Blutes.
Tann stürzte und stolperte er weiter, müde, blaß und hungrig. Er Nwchte sich keine Rechenschaft geben, ob er seine Pflicht getan hatte. Wie ein Rad, das weiter Muß. weil eine Kraft hinter ihm ist, trachtete er vorwärts. Weg und Richtung waren ihm gleich. Dort hinten irgendwo ntußten seine Freunde sein, das ahnte er. Er zählte u^cht die Stunden und maß nicht die Straßen, sondern trottete blind nrit seinem wunden Bein. Er fühlte den Schmerz nicht, denn das Blut war heiß in allen Fasern. Nur bisweilen ging ihm die Kälte wie ein Schauer über den Leib. Schwer trug er an seinem Körper. Aber das Geioehr hing ihm unversehrt über den Rücken.
So wanderten die beiden den ganzen Dag. Ueber Aecker, die unberührt iur Schnee lagen: durch Wälder, in denen die Zweige und Aeste unter der Last brachen; durch ein verlassenes Dorf. Die beiden wunderten weiter. Keiner fragte wie weit; keiner fragte wohin. Mer sie fühlten es dumpf.
Doch als die Dämmerung wieder kam, stolperten sie von einer Höhe herunter in ein kleines. Dorf, in dem Menschen waren. Menschen. Ja, Soldaten.
Auf der Straße stand ein deutscher Bagagewagen; die Pferde zugedeckt.
Tübinger und sein Kamerad erreichten den Wagen und klammerten sich wie Ertrinkende an die vereisten Räder. Sie fühlten keine Freude und keine Ermattung.
'Aus dein dunklen Holzhaus trat ein deutscher Soldat.
„Woher kommst du, Kamerad?"
Tübinger hob leicht den Kops, und sah den Deutschen an und schwieg.
Ter Deutsche sah die Ermattung seiner beiden österreichischen Kameraden, nahm sie beim Arm Und zerrte sie hinein in die warme Kate. Ein Weib mit schmutzigem Haar und rotem Tuch saß auf einem Schemel und schaukelte eine Wiege. Der polnische Bauer stand am Herd und probierte eine alte Pfeife. Vom Fenster erhob sich! ein anderer deutscher Kamerad und half die beiden Oesterreicher hineinziehen.
Da waren die beiden Deutschen und die Polen geschäftig, jenen das müde Leben wieder zu wecken. Man legte sie neben den Ofen, nahm ihnen die Röcke vom Leib, verband Tübinger die Schußwunde und suchte ihnen etwas warmen Kaffee einzulöffeln.
Derweilen wurde es Mend. Der Pole entzündete auf dem Rande des Rauchfanges ein Licht, warf ein paar Stücke Tannenholz in das Herdfener und paffte weiter. „Dobje!" grinste er und zeigte auf den Herd uird die beiden Kranken.
Sonst sprach keiner ein .Wort in dein engen Raum. Es lvar cme fast heftige Stille.
Der eine deutsche Soldat, eilt blonder Mann in den besten Jahren, beugte sich über die beiden Oesterreicher und suchte zu helfen. Der andere im braunen Bart sah prüfend die verblichenen Heiligenbilder lmter der Decke.
Langsam kam den beiden Oesterreichern Kraft und Besinnung wieder.
Tübinger hob den Oberkörper und stützte sich auf beide Arnie.
„Schönen Tank, Kameraderi," sagte er leise und blickte dann feinen Gefährten an.
„Erhol dich man," ermahnte der blonde Deutsche Tübinger und gab ihm wieder warmen Kaffee.
Am späten Abend saßen die Vier zusammen und sprachen mit leiser, müder Stimme von ihrem Schicksal.
Die beiden Deutschen hatten mit ihren Wagen in dieser Richtung ihre Truppe gesucht, hatten sie aber verfehlt in dem Schneegestöber der berden letzten Tage. Nun warteten sie auf durchreitende Patrouillen, unr ihr Regiinent zu erfragen.
Der Wagen wurde auf dar Hof gefahren, ganz nahe in den Schutz des Hauses. Tie Pferde blieben angeschirrt. Die beiden Deutschen wachten und horchten.
Tie Nacht war klar. Ter schwarz-blaue Himmel trennte sich scharf von den weißen Wäldern. Tie Sterne blinkten wie tausend silberne Augen.
Plötzlich fuhr über Hof uitb Straße das Knattern eines Maschinengewehrs. Tak tak tak tak tak! in abgerissenen Sätzen. Tie Pferde bäumten sich vor dem Wagen. Die beiden Deutschen sprangen durch die Tür hinaus. Da knatterte das Gelvehr wreder.
„Die Oesterreicher!" hauchte der Blonde.
Sie rannten wieder hinein, packten die beiden österreichischen Kameraden Und zogen sie zum Wagen, hoben sie hinauf, und gleich darauf preschte der Wagen in wildein Bogen um die Ecke. Klatschend schlugen die Kugeln gegen die Wände der Häuser und die Balken des Wagens.
„Jessen! Bist du getroffen?" schrie den Kutscher der bärtige Kamerad an, als der die Zügel aus der Hund ließ. Dieser grift sie auf und jagte weiter über .die dunkle, schneeige Straße.
Fritz Jessen war eilte Kugel durch die linke Schulter gegangen, so daß ihm der Arm schlaff herunter siel. Mer er biß die Zähne aufeinaitder, sah kurz nach den beiden Oesterreichertt, die hinten auf dem Wagen sich an die Taite und Riemen klammerten und spähte wieder durch die Dunkelheit voraus.
Endlich ließ der Führer die heißen Pferde langsam gehen. Denn sie waren aus der nächsten Gefahr heraus. Nach fünf Stunden unentwegter Fahrt durchfuhren sie die deutschen Vorposten, die eine Höhenstellung der deutschen Regimenter sicherten.
Iw nächsten Dorf nahmen sich ein paar Sanitäter der Verwundeten an, und kurze Zeit später darauf sichren sie mit einer Kolonne toeiter zurück dent Lazarett zu. Sie sprachen nicht miteinander. Nur dann uitd wann ein karges, notwendiges Wort. Beiden schloß die Ermattung den Mund.
Ter Lazarettzug brachte sie zusammen in ein deutsches Lazarett.
Da lagen sie nun unter weißen Decken in einem' großen, hellen Raum und schliefen.
Am Väorgen fühlten sie die Wohltat des Schlafes. Es Ivar seltsam, sauber zu sein und ohne Müdigkeit. Der Kaffee schmeckte ihnen wie ein lieblicher Wein.
Sie saßen im Bett wtd sprachen miteinander. Das erste Mal. Sie hatten ein Bedürfnis zu sprechen, auch die Seelen wollten frei werden und sich erholen.
Der Oesterreicher war gesprächiger. Der blonde Deutsche hörte dein munteren Kameraden gern zu. Die Schwester lächelte, wenn sie vorbeiging.
Am anderen Tage begann der Oesterreicher von sich zu sprechen, von seinem Zuhaus und seiner Heimat. Da wurde auch der Deutsche lebendiger. Das Wort Heimat weckte ihn. Er empfand cs wie einen süßen Ton. So seltsam hatte ihn das Wort nie berührt wie hier.
Ter Oesterreicher erzählte von seinen Bergen, die bmtt seien von hundert Farben und milde wie der Mai. Und die Häuser liegen wie Spielzeug am Mhang. Die Dörfer sind heiter und die Menschen leicht. Und der Mend hört ihrem freien Singen so gern zu.
Fritz Jessen horchte und horchte. So war sein Dorf nickst, dort oben in der holsteinischen Ebene. Seine Leute waren anders. Tie Häuser breit und schwer wie Felsen int Sturm. Kein buntes Land, aber satt von Schönheit und Farbe. Nttr das Singeit der Mädchen auf der abendlichen Dorfftraße war dasselbe.
Und doch so verschieden es war, hörte er gern die Worte des Oesterreichers. Denn es !var die Heinrat, von der jener erzhälte. Dasselbe deutsche Land, derselbe freie Acker.
Am Abend sagte Fritz Jessen zu dem Oesterreicher: „Weißt du, das ist doch schön, wenn man nach langer Zeit ivieder einmal von seinem Dorf und Haus sprechen darf. Ja, das ist schön."
Dabei schaute er mit großen Augen durch das Fenster ins Grüne, als wollte er seine Sehnsucht hinaustragen inS Freie.
Tübinger wollte ihm danken für das, was er ihm getan hatte.
Jessen wehrte ab. „Was ist denn los? War das denn viel?"
Und nach einer Pause.


