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Zögernd förderte Nepomuk seinen Schatz ans Tageslicht, um ihn auf Verdaulichkeit für seinen nur vegetarisch dressierten Magen zu prüfen. Entsetzen: inmitten breiig »verkochter: Erbsen schwamm ein weißbläuliches Etwas, das sich, vorsichtig mit dem Lössel heraus­gefischt, als echter rechter Schweinespeck erwies, der obendrein zu lieblicher Verzierung sechs Borstenhaare und 'ein Stück Schlachthof­stempel trug.

Nepomuf Schluckebier starrte dies Phänomen so entgeistert an, als ob es die Grundlage einer ihm völlig unvorständlich>en Weltanschauung sei. Kalter Entsetzensschweiß gerann auf seiner Stirn.

Da klopfte ihn ein breiter Bursche auf die Schulter und sagte: Du, Kamerad, magst denSpatz" nit? Dann gib ihn her, ich kann ihn schon noch verdrücken." Damit nahm er ihn aber auch schon mit Daumen und Zeigefinger von Nepomuks Löffel und schob das entsetzlick>e Gebilde samt >Borsten und Schlachthausstempel zwischen zwei grinsend auseinandergesckwbene Zahnreihen. Nepomuk wand sich innerlich wie ein Wurnr bei diesem Anblick, schenkte dem Manne, der ihn so ungefragt Kamerad und du angesprochen, das ganze-Mittagessen und lief weit weg, um nicht sehen zu müssen, mit welcher Wonne der Beschenkte sich auch noch die zweite Ration in den Leib schlug".

Also betrüblich begann Nepomuk Schluckebiers militärisches Dasein. Und so betrüblich setzte es sich auch fort. Beim Einkleiden erwischte er die älteste Montur, auf der Stube den härtesten Stroh­sack, zur Ausbildung den stimmbegabtesten Unteroffizier der ganzen Koinpagnic. Wochenlang fraß er nur aus Wut und Verzweiflung Kaffee, Kommißbrot und Suppen in sich hinein, aus denen er sorgsam alles fleischliche entfernt hatte. Seine Eigenarten ließen ihn alle Anforderungen des Dienstes und Hänseleien der Kameraden doppelt empfinden. Das versetzte ihn in solche Stimmung, daß er behauptete, der ganze Weltkrieg sei nur ausgebrochen, um die Bosheit sämtlicher militärischer Objekte ausgerechnet an ihm, Ne­pomuk Schluckebier, auszulassen, der nach der Behauptung seines Unteroffiziers ein so unglaubliches Subjekt war, daß selbst die ehrsamste Granate aus Schreck bei seinem Anblick zum Ausbläser werden müßte.

Welche verborgensten Seelenregungen sollte unter sotanen Umständen Nepomuks Patriotismus entkeimen? Seine Seele war verschüttet, wie sein oberster Uniformknopf im Sande des Exer­zierplatzes verschüttet lag, als die große Parade stattfand und der unselige Schluckebier der ganzen Kompagnie als Muster ohne Wert vorgeführt wurde.

Und dennoch, so unwahrscheinlich es klingen mag: Nepomuk Schluckebier wurde Patriot. Daß dazu allerdings ganz un­gewöhnliche Umstände mitspielen mußten, bedarf keiner Frage chje'hr und deshalb sollen sie nicht länger verhohlen bleiben.

Ungewöhnliche Ereignisse warfen ihre Schatten voraus. An dem Tage, wo in Nepomuk Schluckebier ein neuer Mensch auf­erstand, der auch Fleisch und selbst Alkohol gelten ließ, der sich stolz und begeistert Vaterlandsverteidiger und Patriot nannte, an jenem weltanschauungsumwälzenden Tage, dessen ferneren Er­eignissen vorerst noch nicht vorausgegriffen werden soll, fiel Nepomuk Schluckebier beim Gewehrappell zum ersten Male nicht auf. Tie Seele seiner Braut als welche das Gewehr dem Soldaten bekanntlich zu geltem hat glänzte wie ein Kristalk- spiegel': darob glänzte das Gesicht des Feldwebels so zufrieden, daß selbst in Schluckebiers Seele ein Abglanz der Zufriedenheit; seiner Kompagniemutter hineinglitt und zum ersten Male die warme Helligkeit genauer Pflichterfüllung in ihr verbreitete.

Dies war des Tages glückverheißender Anfang. Neponmk sang daher auch wirklich einmal mit, als die Kompagnie zur ersten nächt­lichen Felddienstübung auszog, und fand, daß die Regimentsmufi.: voruauf doch etwas an sich habe, was bedeutend zwingender sei als Mandoline oder Gitarre bei den Ausflügen des Wanderklubs Durch dick und dünn".

Nachher, als fie in Schützenlinie im Walde lagen, ward's wieder ungemütlicher. Regen setzte ein und troff vom Helm mit dicken kalten Tropfen in den Nacken. Ter Waldboden war durch täglich niedergehende Herbstschauer aufgeweicht, das ab­gefallene Laub machte ihn glitschiger, kurzum, es war eine Si­tuation, gegen die Nepomuk Schluckebier ohne einen Augenblick Bedenkzeit einen noch viel härteren Strohfack eingetauscht hätte, als den feurigen.

Ter Halbzug, denn Nepomuk angehörte, lag auf dem äußersten rechten Flügel und hatte, wie das so üblich zu sein pflegt, bald die Fühlung verloren. Tie Sachlage war peinlich, - zumal wich­tige Feststellungen über den Feind gemacht worden waren, die unbedingt dem Regiment übermittelt werden mußten.

Ein Maün!" rief halblaut der Leutnant. Nepomuk, als der nächste, dem eine solche Bezeichnung zukam- rutschte auf den Knien zu ihm hin.

Sie sind's, Schluckebier? Kann man Ihnen denn einen wichtigen Auftrag anvertrauen?" zweifelte der Leutnant.

Zu Befehl, Herr Leutnant," versicherte Schluckebier.

Also dann sorgen Sie, unbemerkt vom Feinde, diese Meldung zunr Regimentsstabe hinzubringen. Ungeheuer wichtig. Darf unter keinen Unrständen in Feindeshand fallen. Verstanden?"

Zu Befehls .Herr Leutnant."

Nepomuk Schluckebier lvuchs mit der Wichtigkeit seines dluf- trages. Er erinnerte sich seiner jugendlichen Jndianerlektürc und

schlängelt^ sich bäuchlings durch regentriefendes Gebüsch. Tie Rich­tung war ihm vorgezeichnet. Weiter zurück wagte er sich auf­zurichten und huschte von Baum zu Baum. Der Feind mußte in unmittelbarer Nähe sein. Beim Knacken jedes Aestchens, beim Tropfenfall aus einem Blätterdache, dessen Stamm er angestoßen hatte, schrak er zusammen und bekam Herzklopfen.

Endlich war er an einer Schneise angelangt, der er un­bedenklich folgen konnte, da sie feindab führte. Aber noch nicht zehn Schritte war er gegangen, da tat sich ein Busch auf und eine Stimme rief:Halt!"

Das hören, Kehrt machen und fliehen war für Nepomuk eins. Hinter ihm ging ein unterdrücktes Fluchen los und schwer­wuchtende Schritte kamen ihm bedrohlich näher. Nepomuk flog, die wichtige Meldung durfte nicht in Feindeshand fallen. Ver­gebens, die Schritte blieben ihm dicht auf den Fersen.

Plötzlich lag vor Nepomuk ein großer Schmutztümpel, den er nicht überspringen konnte. Was sollte er tun? Sich ergeben, samt seiner Meldung in Feindeshand fallen? Ein Satz und er lag mitten im Tümpel drin, der ihn bis zum Halse mit schlammigem Brei zudeckte. Sein Gesicht lag im Kraut, das den Tümpelrand umwucherte. Seine Nase bekam eben iroch Luft und der Brei glitt durch seine Kleider hindurch bis auf die nackte, zusammenschauernde Haut.

Nun waren die Verfolger ebenfalls zunt Tünrpel gelangt. Zweie waren es. Er hörte sie reden, obgleich sein Herz immer wieder dazwischen hämmerte.

Der Kerl ist verschwunden," sagte der eine.

Unsinn, die Erde hat ihn doch nicht geschluckt. In der Nähe muß er sein. Still, hörst du nichts?"

I wo, nur der Regen platscht."

Ob er nicht gar hier in den: Tümpelloch liegt?"

Ja, wenn wir an der Front wären, dann schon. So müßte der Kerl ja verrückt sein. Tier Dreck und das kalte Wasser. Ten Blödsinn trau ich keinen: Halbideoten zu."

Ich auch nicht, sehen wir halt anderswo."

Teufel auch, daß der uns entgangen ist."-

Nepomuk Schluckebier .lachte das Herz in: frierenden Leibe ob seiner halbideotischen Schläue. Und doch, wären die beiden nicht bald gegangen, so hätte ihn das Frostgektapyer seiner Zähne ver­raten. Nepomuk hatte denn auch nicht den Mut, aufzustehen, und das war gut so, denn die beiden kamen noch verschiedentlich zum Tümpel zurück, wo sie seine Spur verloren hatten, und be- tonren immer, daß kein Efel so dumm sein könne, in dieser Jahreszeit ein Schlammbad zu nehmen. Endlich waren sie fort.

Nepornuk erhob sich, steif vor Frost, mit einer Schl amu: kruste bedeckt dick und schwer, daß er Mühe hatte, sein Selbst vor­wärts zu schleppen. Alles quatschte an ihn: vom Stiefel bis zum Helm.

Eine Viertelstunde irrte er noch umher, dann kam er zum Stabe.

Stolz auf seine Heldentat schlug er vorm Major die 'Hacken zusammen und überreichte ein völlig zerweichtes. Papier, das dick von Schlamm überzogen war.

Mensch, wie sehen Sie denn aus?" fragte der Major, und Nepomuk erzählte, wie er durch List und Aufopferung dem Feinde entronnen war.

War brav, mein Sohn," sagte der Major,im Ernstfälle: Eisern es Kreuz. Ab treten, vom Sanitäter einen Kognak geben lassen."

Eisernes Kreuz? Nepomuks unpatriotisches Herz tat unter der Schlammkruste einen hörbaren Ruck. Er warf sich in die Brust und empfand zunt. ersten Wale das Hochgefühl, sich um sein Vaterland verdient gemacht zu haben.

Das Jn-die-Brust-werfen legte aber neue Teile des Schlamm­bezuges auf seine .Haut und die nasse Kälte begann sein arn:eS Gebein dermaßen zu durchschütteln, daß er all seinen Ueberzeugun- gen znm Trotz den Sanitäter aufsuchte und um einen kräftigen Schluck Kognak bat.

Wie der Kognak aber aus der dickleibigen Feldflasche in seinen Magen hinuntergluckste und dort eine behagliche Wärme verbreitete, da ließ er nicht eher nach, his auch der letzte Tropfen, au seinen Bestimmungsort gelangt war :nrd Nepomuk Schlucke­bier, der Antialkoholiker, zu lieblichem Rausche hintüber sank.

Mso wurde Nepomuk Schtuckebier Patriot und einem na­türlichen Lebenswandel zugetan, der ihn den kategorischen Im­perativ seines Namens fortab nicht einural mehr als unangenehm empfinden ließ. _

Liner Diakonissin.

Liebe Freundin!

Ste schreiben mir aus dem Feld. Auf ein paar Sätze hin, die Sie von den: einstigen Jugendgespieleu in emer Ze:t::ng gedruckt lasen. Durch die Zeitung will er antworten, denn fern Dank sei, den Tank vieler aus der Heimat Ihnen zuzuwenden, d:e ut der Fremde Schmerzen füllt. .

Ich bräuchte Ihnen e:gentl:ch nur Ihren c:genen Brres zurück- zuschreibel:, die von stiller, ernster Güte durchwärmten Selten, um Ihnen den Spiegel meiner Eiupfmduugcn '.v:ederzugebcn.