Und Moritz, der die Ohren gespitzt und alles gehört hatte, sagte trocken vor sich hin: „Ich werde üas schon diese Nacht besorgen!
Und er trollte sich zu seiner Kompagnie, die momentan gerade zur Artilleriedeckung kommandiert war.und lieh sich von einem Offiziersstellvertreter eine Generalstabskarte und suck-te dann den Südausgang von V.-Hem und die von dem General benannte Brücke, dann meldete er sich-lbei seinem Kompagnieführer. — ,,jca, Moritzche, was haste denn aus dem Herzen?" fragte der leutscllge Offizier, der den allzeit tätigen Bagabund a. D. gut leiden mochte.
„Ich möchte um Erlaubnis bitten, diese Nacht etwas unternehmen zu dürfen." ^ „ . . .
„Nanu??! Willst Du vielleicht cm Schwein requirieren?
„Nein, Herr Leutnamit, ich,will das ArtMerredepot der englischen schweren Mörser gasförmig machen!" . . , .
' „Junge, bist nicht gcsckreit! Das ist ein großer Plan, und dabei wirst Du mit flöten gehen!"
„Ganz egal, Herr Leutnant — aber ich schaifs! Und er cj> zählte seinen Plan. Da ließ 'ihm dev Kompagnieführer die gewünschteil zwei Handgranaten geben, und nun rückte Mvritz bei eiw- tretender Dunkelheit ab. —• Die ihm vom Leutnant angebotena Unterstübung von noch zwei oder drei Mann lehnte er ab. Zunächst pirschte er sich seitwärts, um nicht in das eigene Feuer zu kommen, und dann ging er rasch vorwärts. Das Gewehr quer über dem Nucken und in der Hand eine der gefährlichen Stielgranaten, so huschte er von Busch %n Busch, von Hecke zu Hecke. — D<r tauchte plötzlich vor ihm, hoch zu Rotz, ein Feldgendarm aus. „Hallo, Bürschlein, willst Du Dich vielleicht drücken?" ries der Feldgendarm und leuchtete dem einsamen Wanderer mit einer elektrischen Taschenlampe ins Antlitz. Beide, Moritz und der Reiter, stritzten. Das ivar ein merkwürdig Zusammentreffen. — „Aha, Freund Adoritz — der Bruder Straubinger aus meinem Bezirk!" lachte der Gendarm, der in Friedenszeit-en Brigadier in Gelder im Erzgebirge gewesen und den Bummler Moritz Schober recht uw hl kannte. „Und jetzt hast Tu wohl den Krentpel hier int Schützengraben satt, gelt? Und machst Dich dünne? Nee, Bürschchen, ich erkläre Dich für verhaftet und »oerde Dich zur Division bringen. Also marsch! Kannst Dich an meinem Sattel anhälten.
„Nee, verehrter RUicki (so war der Spitzname des Brigadiers unter den Angehörigen der Landstraßenznnst), jetzt gibts nischt mit Arretieren! Ich habe 'ne große Sache vor, da laß ick nur nicht stören! Also rücken Sie mit Jhsrnn Gaule!" „Spaß beiseite!. Sie sind arretiert!" Wetterte der Feldgendarm im Amtstorre. Mer da wurde der kurze Moritz ernstlich zornig. „Wenn S'.e mich nicht augenblicklich in Rnl)e lassen, schmeiß ich Ihnen so'n Dings vor die Bcene, daß ivir alle drei in Fetzen fliegen!", inw er hob dräuend eine der Handgranaten. Da hielt es Mncki doch für gebraten, davonzusprengen, und mm konnte Moritz ungehindert weiter pirschen. m
Nach zwei Stunden mühseliger Wanderung, oft m Mfahr, von einer Granate erwischt zu werden, gelangte er an die feindliche Linie. Und mm nahm er all seine Gaunerschlauheit vergangener Zeiten zusammen, wand sich durch die Posten wie eine Schlange, und hätte er englisch verstanden, er wäre gewiß manchem interessanten Kriegsgeheimnis ans die Spur gekommen, so nahe war er oft den feindlichen Stellungen. Endlich, endlich, es mochte schon gegen zwei Uhr nachts sein, da hörte Moritz das Müschen des Flusses. Er kroch, seine Handgranaten krampfhaft haltend, immer am Ufer entlang, mußte sich hier dnckm, wenn ein feinjdlicher Posten sich näherte, und mußte da einen Umweg machen, stellenweise sogar bis an die Hüften im Wasser waten, wenn er eine Feldwache zu umgehen hatte. Da ragte vor ihm etwas Massiges, Dunkles aus dem Düster der Nacht: die Brücke. And, ihm stockte der Atem, ans denr Brückenkopf, da hockte ein Posten lind spähta unablässig nach einem großen, schwarzen Schuppen, der dicht an der Brückenauffahrt erbaut war, offenbar das Munitionsdepot, das er so schmerzvoll suchte. Und jetzt, jetzt leuchtete ein riesengroßes, glühendes Auge auf, von dem Brückenposten dirigiert, und warf seinen grellen, kreisenden Schein über Brücke imd Flußufer und Schuppen, und Moritz warf sich 'jäh zu Boden und drückte sich'in das Ufergras und blieb regungslos liegen, seine beiden Handgranaten sorgsam festhaltend. Ter grelle Lichtschein flutete über ihn hin, bloß Sekunden, und für ihn doch eine Ewigkeit, dann schlich er tveiter, kehrte wieder zu ihm zurück und tanzte ans und nieder und tastete dann wieder weiter, und er lag, einem Toten gleich, unter dem mitleidlosen hellen Schein. Da, mit einem gewaltigen Bogen wandte sich der leuchtende Schweis über die Brücke und tastete nun das jenseitige Ufer ab. Husch, war Moritz hoch und mit ein paar gewaltigen Sprüngen war er dicht am Schuppen. Hier lehnte, faul und schläfrig, an der Tür wieder ein Posten. Ten inußte er beiseite schaffen, aber still und unbemerkt. Sorgsam legte Moritz der Handgranaten nieder, zog sein großes Dolchmesser und schlich sich bis dicht an den Posten. Aber so, wie der Mann stand, konnte er nicht unbemerkt hevankommen. Er nahm deshalb ein Sternchen und warf es über den Posten hinweg, so daß es mit einem linden Geräusch jenseits der Wache zu Boden siel. Das hörte der Posten, und er wandte sich suchend nach dem Geräusch und kehrte so einen Augenblick Mvritz den Rücken. —i Schwupp, nrie eine Katze saß der kleine Kerl dem Feinde am Halse, und im nächsten Augenblick. . . Geräuschlos ließ ihn Moritz ins
GraS gleiten. — Dann besah er sich den Schuppen. — Leichtfertiges Volk, die Engländer! dachte er. Bei so wichtigem Platze zwei Posten nur, einer auf der Brücke mit dein Scheinwerfer und der andere an der Tür des Depots. — Häßlich, jetzt kam der kielte Streifen laiigsam und tückisch wieder. — Mvritz lehnte sich in derselben Pose wie der überwältigte Feind an die Tür, stülpte sich noch schleunigst dessen Käppi auf und ließ den Lichtkegel an sich vorübergehen. — Tann riß er die Zündschnuren der Handgranaten heraus, schlich sich um das Holzgebäude bis dicht unter das einzige Fenster, was er entdeckt, zündete die Schnuren an und zählte bis einundzwanzig. — Dann schwupp, schwupp, sausten die beiden Handgranaten durch das Fenster und die nächsten Augenblicke lvar Schuppen und Gelände ein unsagbares Höllenchaos, ein immer und immer wieder furchtbares Krachen und Sprühen und Leuchten und Schütter« und himmelan zischten und sprühten Eisenstücke und Blcihagel und Balkenwerk und Gestein und im Umkreise von zwei Kilometer sprangen Fensterscheiben im Orte imd all die kleinen Bäume und das Gesträuch in nächster Nähe des Schuppens zwir-- belten entwurzelt durch die Lüfte. — Und die Detonation der End- zündung klang einer schrecklichen Kanonade, einem Gewitter im höchsten Stadilmi gleich. '
Und Anton Moritz Schober? !
Ter war, nachdem er die beiden Handgranaten in daS Mnnitionsdepot geschlendert hatte, rasend schnell zurückgesprnngen, und war doch höchstens fünf, sechs Sckzritt weit gekommen. Da hatte ihn ein unsagbar kräftiger Luststrndel emporgezwirbelt und davongetragen. Und als er, der kurze Moritz, zu sich kam, lag er, wie weiland der selige Mv-ses, im Schilf gebettet, fünfzig Schritt entfernt vom Orte seiner Tat. — Dicht an ihm vorbei rauschte der Fluß und vor ihm wölbte sich die Brücke. Es war dämmerndep Tag. Stimmen und Geschrei vernahm sein Ohr, — allerhand Soldaten in englischer Uniform wühlten und räumten an denk Schutthaufen des Schuppens, aber seiner war man noch nicht gewahr geworden. — Allmählich überlegte Moritz, was geschehen war, er befühlte sich. Ueberall hatte er Schmerzen, am meisten aber schmerzte sein linker Arm und seine rechte Kopfseite. — Die Beine schienen heil zu sein. — Sofort war ihm llar, Haß er sich hier ans dem Staube machen müsse, denn die Engländer würden ihm die Sprengung des Depots gewiß nickst noch mit einer Pfundnote lohnen, llnd so rappelte er sich auf und schlich davon, und noch ehe es so recht hell ans Flur imd Heide war, dnrchkroch er die deutschen Posten. — Und gegen acht Uhr morgens kam er bei seiner Kompagnie an, ganz erschöpft, blutend, aber stolz. Sein Konlpagnieführer führte ihn sofort zum Kommandeur und dort berichtete er seine Heldentat.
Der Truppenarzt stellte Oberarmbrnch fest und außerdem hatte er einen Schönheitsfehler bekommen: Das rechte Ohrwaschel ivar ihm abgerissen. — Wer am Abend desselben Tages war er nicht bloß Gefreiter, er war Unteroffizier und außerdem schmückte dt« silberne Friedrich-Augnst-Meda ille seine Brust.
vllchertisch.
— Der Deutsche Bund Heimatschuh läßt in Verbindung mit dem Roland-Verlag in Dachau bet München eine erste Serie H e t m n t i cb u u f a r t e n aus „A l t b a y e r n* erscheinen: Städtebilder, 12 Karten irt Mappe mit Begleitwort von Dr. Hans Karlinqer. 50Pfennig. Die historisch bedeutenden Kulturstätten AltbapernS sind hier in schönen Naturaufnahmen vereinigt: das stolze Regensburg mit seinem Dom und den charakteristischen romanischen Wehrtürmen: das an drei Flüssen gelegene unvergleichliche Passau: das prächtige Auasbnrg, die Stadt der Renaissance; Laitdshul mit St. Martin und der Bttrg TranSnitz; München mtt der Frauenkirche, Straubing, Landsberg und das wehrhafte Nörd- lmgen, sowie die alten, hellte noch ein geschlosseiles Bild lvie ein Merian'scher Kupier bietenden Städtchen Füssen am Lech, Wasser- blirq am Inn und Burghausen a. d. Salzach mit seiner in ganz Deutschland einzigartigen Herzogsburg. Die Ausnahmen stnd dem im gleichen Verlage zum Brei e von 25 Mk. erschienenen groben Bllderiverk mit eingehendem Tert von Dr. HanS Karlinqer ent- nolnmen, der ersten Monographie dieser Art über Altbayern.
-- K r o n e n - B ü ch e r, Band 20. „Lebenswend e", Roman von Walter von Molo (Kronen-Verlag. G. m. b. H., Berlin 8W 68), Preis 1 Mk. Walter von Molo ist der Verfasser von drei groben Schtller-Romanen. Im vorliegenden Roman toenbet sich Walter von Molo den Dingen unseres realen Lebens zu. Am natürlichen Beispiel zeigt er, wohin cs führt, wem» Kinder von uneinigen Eltern erzogen werden, wie über der Gewissen- Hastigkeit deS einen der Leichtsinn des anderen triumphiert.
Charade.
Du bist das Erste. Das Zweit' und Dritte Ist geaen alle gllte Sitte.
Ich bitte dich, das Ganze zu brechen
Und etwas zu sprechen. (Aufl. in nächster Nr.)
.Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer:
B a ch, Dach.
Schristleitungr Aug. Goctz. - RolationSdrnck und Verlag der Brühl'schen UniversitalS-Buch- und Steindruckerei, R. Lgngr, Giebels


