Samstag, den 2. Oktober
u. Ci t
ELLL
Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„O nein! Das nicht. Wenn man erst anfängt, so nach- Zudenken über sich — und ich Hab' ja nun Zeit genug dazu —, so merkt man erst, wie es wirklich mit einem steht. Ich war von heißem Mut früher, manchmal hart und ungerecht zu den Menschen. So Lst's denn wohl nur gut, daß es so gekommen ist. Jetzt mühe ich mich, diese Fehler abzulegen und meine Schuld gutz-umachen."
Gerhard Bert sch griff noch einmal nach ihren Händen, mit festem Truck.
„Nein, Mutter Reusch, nicht so henken! Nicht immer suchen nach einer Schuld bei jedem Unglück, das uns befällt durch blinden Zufall."
Doch da wandten sich ihm die lichtlosen Augen zu, und ernst klangen ihre Worte:
„Wäre cs wirtlich nur blinder Zufall — glauben Sie, mein Los wäre leichter zu .ertragen? Müßte sich da nicht der Trotz auflehnen und murren: Warum gerade mir solch Unglück — nein, lassen Sie mir lieber meinen Glauben!"
Gerhard Bertsch verstummte. Die Greisin aber hielt noch immer seine Hand. Jetzt fühlte jie leise darüber hin.
„Sie sind groß geworden und stark, Herr Bertsch. Und Glück haben Sie gehabt in der Fremde."
Ein Verwundern überkam ihn.
„Wie wollen Sie mir das anmerken, Mutter Reusch?"
Sie lächelte mit dem geheimen Stolz der Blinden.
„Oh, das lernt unsereins. Aber es ist keine Hexerei dabei. So aufrecht und fest wie Sie kehrt keiner heim, den das Glück draußen trog. Und nun wollen Sie wieder bei uns bleiben?"
„Ja, ich übernehme die Leitung von Zeche Christiansglück."
„Dann Glück aus, föcrr Bertsch! Aber vergessen Sie nie: Wer Bergwerk will bauen, muß Gott vertrauen."
„Und auf sich selber," fügte er hinzu, während er ihr fest die Hand drückte. Doch dann gab er sie wieder frei.
„Aber Sie müssen mich schon entschuldigen, mein Magen knurrt nämlich ungemütlich. Hoffentlich hat die junge Frau drinnen was Gut's für mich im Topf."
„Meine Schwiegertochter finden Sie dort im Hause nicht mehr vor. Die ruht schon lauge unterm grünen Rasen."
Er schwieg betroffen. Tann sagte er wieder:
„Ja, ja — wenn man zehn Jahre in der Fremde ist! — Da steht jetzt wohl Ihre Enkelin dem Hauswesen vor, die kleine Magri?"
„Die werden Sie auch nicht mehr wiedererkennen. Aus der kleinen Magri ist eine große Dame geworden." Sie sagte es in eigenem Ton. „Nun, Sie werden ja sehen. Aber um Ihr Essen will ich mich doch lieber selber kümmern
bei der Mamsell." Und die alte Fron erhob sich. „Die Magri läßt sich nämlich nicht allzuviel in der Küche blicken. — Danke, es braucht keiner Hilfe. Ich kenne ja jeden Schritt hier im Hause."
Noch in Gedanken trat Bertsch in das Herrenftübchen des Gasthauses ein. Einen anheimelnden Raum, überall Jagdtrophäen über den Holzpanelen. In der Ecke, hinterm grünen Kachelofen am Stammtisch, saßen zwei Herren. Ein kurzes, gegenseitiges Sichanblicken, dann sprang der eine drüben vom Sofa aus.
„Gerhard — also wirklich!"
Und freudig kam er ihm entgegen.
„Hannjörg, alter Kerl!" Froh drückte Bertsch Doktor Herling die Hand. „Wußte es ja zwar, baß ich dich hier antressen würde, hörte es schon unten in der Stadt, daß du dich hier niedergelassen — aber nun freut's mich doch? Aber der da? —" Und Bertsch toanote jetzt den Blick dem sitzengevliebenen Herrn auf dem Sofa zu. „Kennen tu' ich das Gesicht natürlich auch. Aber wer nur gleich?
„Na, doch der Steinsiefen! Wer sonst wohl?"
„Richtig — der Karl Steinsicfen! Aber wie sollte ich den auch wiedererkennen!" Und Bertsch lachte, wie er jetzt u dem andern Jugendgesährten herantrat. .„Wie kommst u denn zu diesem' Husarenbart? Siehst ja geradezu ge* jährlich unternehmend aus!"
In dem Gesicht Steinfiefens zeigte sich trotz des mar- tialisck-en Schnurrbarts etwas Verlegenes, Unbehagliches. Bertsch hatte dock) noch immer genau dieselbe unangenehme Art wie früher. Dieses lachend Ueberlegene. Und mit einem geheimen Widerstreben nur überlies; er seine Rechte dem andern, der ihn ungeniert musterte, wie mit einer geheimen Belustigung. Zum Donnerwetter, er war aber nicht mehr der dumme Junge wie früher, der sich von so etwas ein* schüchtern ließ!
Und so sagte er denn jetzt unwillig:
„Na, hast du mich nun lange genug angestarrt?"
„Holla — so energisch geworben?" Uno aus Bertschs Lachen klang wieder der Ton, der ihn nicht rec!>t ernst nahm. Steinsiefen lvoUte ärgerlich erwidern, doch der Eintritt des Wirts ließ ihn nicht dazu kommen. Schnell kam der bewegliche, kleine Mann heran.
„Sieh da — der Herr Bertsch! Also haben die Leute doch recht gehabt, die Sie schon heute morgen in aller Frühe bemerkt haben wollen."
„Scheint wohl so, ReuschHannes! Mr, wie geht's uns denn?"
„Danke, könnt' zehn Prozent besser sein!" Doch die lustigen, klugen Augen des Graukopfes straften seine Worte Lügen. „Aber sagen Sie: Jft's wirklich tvahr, Sie wollen wieder hierbleiben?"
Ein Nicken.
„Und ganz im Großen soll's nun hergehen auf Ehri- stiansglück? Di werden Sie wohl tüchtig ausränmen hier,


