Montag, den 25. August

CEEsSS

2er blaue Kuker.

Roman von Elsriede Schul).

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

12 Kapitel.

Mit Dietrich Rothkirch kam ein neues Element in den Broniner Kreis. Man konnte sich kaum einen gröberen Gegensatz als die beiden Brüder denken. Der zarte, leidende Waldemar ein Kämpfer um das bißchen Lebet:, der kraft-- strotzende Dietrich der Lebenssieger. Und sie zogen auch sonst an verschiedenen Strängen. In Charakter und Wesen grund­verschieden, lag zwischen ihnen unausgesprochen eine latente Spannung. Obwohl sie sich in der Gesellschaft beherrschten, entlud sich diese Spannung doch bei allerlei kleinen Diffe­renzen, und Frau Nataly von Rothkirch mußte dann mit ihrer milden, gütigen Art schlichtend zwischen sie treten.

Lotte Wölfliu nahm von: ersten Tage an Partei für die stille Natur des Jüngeren. Die sieggewohnte, etwas herrische Weise Dietrichs, die durch den kurzen Kommandoton des Gardeoffiziers noch verschärft wurde und nach Lottes Meinung in dem roten Husarenrock mit den goldenen Schnüren ein sprechendes Symbol fand, zwang sie halb un­bewußt zu einer merklichen Zurückhaltung. Dietrich von Rothkirch fühlte das bald heraus, und obwohl er in der leb­haften, stolzen und schönen Ilse Ladenburg eine natürliche Partnerin sah, wenn sie auch die nötige Distanz nie vermissen ließ, reizte ihn die kühle Haltung Lottes um so mehr. Ein leidenschaftlicher Verehrer de.r Frauenwelt, bemühte er sich um die Gunst der beiden Mädchen bei jeder Gelegenheit und zeigte sich von leinen besten weiten. Im stillen verglich er die reizenden Erscheinungen bis ins Kleinste, bis auf den Geschmack, den sie in Kleidung und Schmuck an den Tag legten, und ihre musikalischen und literarischen Neigungen.

Ilse Ladenburg mußte jeden Mann auf den ersten Blick fesseln. Aus den blitzenden dunkelbraunen Augen und der feingebauten hohen, weißen Stirn sprach südliches Tempera­ment. Das dunkle, leicht gewellte Haar umrahmte das edle Gesicht mit reichen, kunstvoll gesteckten Flechten. Die leicht geschwungene Nase, die kräftig gezeichneten Lippen sprachen ein rasches, kühnes Wesen aus, und über dem schönen, von der Sonne gebräunten Nacken lag ein offener Stolz. In den Linien des ganzen Körpers vereinigte sich sportgestählte Kraft mit beweglicher Zierlichkeit. Ilse war eine tüchtige Reiterin und saß herrlich im Sattel. Sie blieb hinter dem Husaren nicht viel zurück.

Bon ähnlicher Gestalt, etwas derber im Bau, war Lotte Wölflin, im übrigen aber dock) ihr Gegenstück. Aus ihren blauen Augen lachte jeinejimmer heitere Sanftmut. Das ganz hellbraun getönte Haar, das sich vor den kleinen rosigen Ohren und in dem kräftigen weißen Nacken in krausen Löck­chen ringelte, gab dem rundlichen und doch schön geschnitte­nen Gesicht mit der: srischroten Wangen und den: geraden

Naschen einen leichten, freien Zug, Die volle Büste mit dem prächtigen, breiten Halsansatz, die kräftigen Hüften, der feste und doch wiegende Gang verrieten eine stämmige Ge­sundheit. Aus den kurzen Aermeln sah ein weicher voller Arm mit einer festen, schlanken Hand, die sich mit einer natürlichen Grazie bewegte.

Zuletzt flog Dietrichs Blick zu Schwester Susanne, die in ihrer ganzen Anlage und auch in ihrem Wesen Lotte Wölflin auffallend ähnlich war und sich nur in dem kasta­nienbraunen Haar und gleichen Augen von ihr unterschied. In ihrem Temperament neigte sie ursprünglich mehr zu Ilse Ladenburg, aber das gedrückte Dasein, das seit Jahren auf Bronin lastete, hatte ihre frische Beweglichkeit eingedämmt, und ihre Wangen waren nur ganz- leicht gerötet.

Da wurde es dem Husaren schwer, einer von den dreien den ersten Preis zu reichen, und er lächelte bei sich:

Paris hatte es bei seinen drei Grazien wohl leichter."

Nach dem Abendessen wurde meistens musiziert. Das war der einzige Wunsch des Freiherrn, der sich sonst allen andern Wünschen gern unterordnete. Dann saß er in einem breiten Rohrsessel," bequem znrückgelehnt, und rauchte in glückseliger Behaglichkeit seine Havanna.

Waldemar, der in Jena und Heidelberg das Corpus juris studiert hatte, stimmte eins von den alten Studenten­liedern an, und die Charlottenburger Mädchen, die das hundertmal mit ihrer: Brüdern gesungen hatten, - fielen kräftig ein. Ilse und Lotte hatten ihre Lauten mitgebracht, und Waldemar holte die Gitarre dazu. Da klang das Gaudeamus igitur kraftvoll in den stillen Park hinaus, und Als die Römer frech geworden" löste bei den Kleinen, bei Eva und Trude, unbändige Heiterkeit aus. Dann mußte jeder ein -solo opfern. Auch der Freiherr ließ seinen Baß erklingen und bekam für seinenSchwarzen Walfisch zr: Askalon" einer: Blätterkranz auf das Haupt gedrückt

Das tvaren selige Stunden, und besonders Waldemars ernste dunkle Augen bekamen dann einen neuen Glanz.

Am glücklichsten war Frau Nataly. Sie hätte das alles ja nie für rnöglich gehalter:. Mitten in der größten Lust rann ihr einmal eine heimliche Träne über die Wange, die sie schnell fort tupfte, denn genau so war es in den ersten Jahren ihrer Ehe gewesen. Jetzt rvar alles, was zwischen damals und heute lag, in der nebligen Ferne verschwommen. Die gute alte Zeit fing an wieder aufzuerstel)eii.

Ir: die nächste Wockie siel der Geburtstag des Freiherrn. Der war auch die letzten Jahre immer in einem größeren Kreise gefeiert worden. Dietrich zuliebe, der^ain Montag zum Regiinent zurück mußte, sollte er aus den Sonntag ver­wiegt werden. Man wollte ein kleines Gartenfest geben. Das hatte Lotte bereits Erich mitgeteilt. Nun schickte sie ihn: noch ein Telegramm.

Wenn du kannst, komm doch zum Sonntag!"

Er reiste gleich ab und traf in Brvnin auf eine wahre Völkerwanderung. Der ganze Kreis schien sich ein Stelldich­ein zu geben. Den halben Hof füllten blanke Automobile^