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Schultern zuckte. Dann kehrte er sich Plötzlich um und klopfte “min.- Ms die Schulter. „Sie haben recht, alter Freund. Tschammer, es muß anders werden, anders — anders!" — Das war alles. Und anders ist es auch nicht geworden. Hm — hm — mach' er was!"
Frau Nataly hatte die Hände gefaltet und sah starr auf den gelben, glitzernden Gartenkies. Der Inspektor passte vor sich hin.
(Fortsetzung folgt.)
General Zürft Uonstantin.
Eine Soldaten-Schnurre.
Bon Martin P r o s. k a u e r.
Wir hatten die Bahnhofswache in einer kleinen polnischen Grenzstadt. Tie Wlösung war gerade aufgezogen, und wir setzten uns in den ehemaligen Warteraun:, um uns ein bißchen aufzm- wärmen. Plötzlich ging die Tür auf, und mit strahlendem Gesicht, rosig glänzend wie ein requiriertes Ferkelchen, erschien unser alter Stubenkamerad aus der Garnison, der dicke Stibbeke — Stibbeke! Schm: bei dem Gedanken an ihn war auf allen Gesichtern ehr Lächeln aufgetaucht, denn alles, was es an dummen Streichen, schnurrigen Lügen und Aufschneidereien Mb, trug für uns seit den Tagen der Mobilmachung unfehlbar die Marke ,.Stibbeke". Wenn Stibbeke erzählte, stand die Welt still. Es gab nichts, was er nicht kannte, was er nicht schon gemacht hatte, und kein Abenteuer, in das er nicht verwickelt gewesen wäre. Aber trotz seiner faustdicken Schwindeleien hatten wir ihm ein gutes Andenken bewahrt, denn wenn uns, besonders in den ersten schwierigen Kriegstagen, eine traurige Stimmung befiel und es einmal so verdächtig still in der Mannschaftsstube loerden wollte, ivar der dicke Stibbeke mit einer Schnurre bei der Hand, bis alles lachte.
Ms wir dann ausmarschiert waren und ein Teil des Regimentes, dabei auch Stibbeke, in die Front getückt war, hatten loir oft an den lustigen Kerl mit der Münchhausen-Natur gedacht und gern gewußt, ob er überhaupt noch am Leben war. Und jetzt stand er hier, leuchtete rundlich wie die Sonne und hatte sogar den Silberraud eines Eisernen Kreuzes zwischen den Mantelklappen aufblitzen!
Rasch saß er zwischen uns, führte das große Wort lvie einst und wußte die merkwürdigsten Heldentaten zu berichten. Schließlich fragte einer airs der munde:
„Sag 'mal, Stibbeke, wofür hast du eigentlich dein Eisernes Kreuz bekommen?" >
„Richtig, Mensch, das mußt du erzählen," rief ein Gefreiter, „aber Wenns geht, Stibbeke, lüg diesmal nicht, erzähl die reine! Wahrheit!"
Stibbeke sah sich uni. „Was wollt ihr eigentlich? Ihr tut ja, als ob ich immerzu schwindele? Tann rede ich lieber gar nichts mehr!"
„Zier dich nicht lange," rief der Gefreite, „aber das sage ich dir, wenn du jetzt nicht wirklich die wahren Tatsachen erzählst, werke ich dir meine Stiebel an den Kopf!"
Stibbeke schüttelte wehrnütig den dicken Kopf.
„Wolle:: lieber nicht davon reden, Kinder, es ärgert mich noch heute, wenn ich daran denke!"
„Wieso?" fragten wir erstaunt, „das ärgert dich, daß du das Kreuz bekommen hast?"
„Na ja. Hindenburg hat mich nicht schlecht angeschnauzt!"
„Fang' an, Stibbeke, wir Und schon neugierig genug!"
„Meinetwegen!" brummte Stibbeke und steckte sich noch rasch eine neue Zigarre an.
„Also das war im Januar," begann er „lvio wir an der Rawka den Russen gegenüberlagen. Wir steckten ganz vorn in einem Erdloch als Feldtvache und paßten auf der: Feind auf. Eines Abends war es mächtig neblig. Da komNrt auf einmal unser Horchposten zurück und bringt so Stücker fünf Russen mit, die sich ergehen haben."
„Tu, Stibbeke, denk' an den Stiebel!" rief unser Gefreiter warnend dazwischen. Ter Erzähler warf ihm einen verächtlichen Blick zu und fuhr fort:
„Und der Feldwebel schickt mich und einen Unteroffizier mit den Gefangenen nach rückwärts zum Regiment. Die Russen sirrd ganz vergnügt und fangen au. mit dem Unteroffizier zu reden, denn er verstand russisch. Und er erzählte mir, was sie sagen. „TU, Stibbeke, der Lauselvitsch hier erzählt, daß dort drüben in Borczuchow der russischse Oberkommandierende, der Fürst Kon stantin, wohnt. Ta müßten unsere Batterien 'mal hinfunken!" Unser Russe redet immer »veiter und sagt, der General wohnt in der Billa vor dem Dorf, und er selber ist Bursche dort gewesen, aber er ist fortgelaufen, weil die Offiziere immer besoffen waren, und ihn verprügelt haben. „Na, denke ich, die Prügel haben dir nichts geschadet!", da kommt mir — wie der Blitz — eine Idee. Mir wird ganz heiß, aber ich sage nichts. Wir liefern nun imsere Gefangenen ab und marschieren zu unserer Feldwache zurück. Am nächsten Abend kommt ein Befehl: Feldwache 12 schickt Patrouille gegen .Borczuchow vor!
Das war mir ein Wink des Himmels. Ich melde mich freiwillig, nehme mein Rad, borge mir vom Feldwebel den Revolver und sause ab. Endlich bin ich grübelt bei den russischen Linien, mein Rad schmeiße ich ins Gras mrd krieche im Nebel vorwärts. Endlich, wie es Nacht ist, stehe ich vor Borczuchow. Ringsum ist nichts zu sehen und zu hören, ich tappe immer weiter und finde richtig die Billa, in der der Oberkommandierende, ihr wißt schon, der Fürst Konstantin wohnt!"
Du, Stibbeke, du sollst ausnahmsweise die Wahrheit erzählen!" klang ein Zwischenruf.
„Ta wohnte der General," wiederholte Stibbeke ernsthaft und unbeirrt. „Ich nehme meine Pistole zur Hand und klinke vorsichtig die Hintertür an — offen! Echt russisch!, denke ich, und schiebe mich langsam 'rein. Unten an der Treppe sitzt ein Soldat und schnarcht, oben an der Treppe schnarcht einer, mrd vor einer ^ür im ersten Stock noch einer! Es war das reine Dornröschenschloß. Na, mir war's recht, ich steige übler den Schnarch- posten weg, drücke auf die Dur und bin — im Zimmer des Generals! Das sah da schön aus! Weinflaschen, Schnapsgläser, Buddeln, alles durcheinander auf dem Tisch und Fußboden — und auf dem Bett liegt der General in Uniform und scUäft süß. Ich knipse Meine Taschenlarnlpe an und beleuchte ihn ein bißchen, dann stoße ich ihm sanft mit dem Revolver unter die Nase. „Herr Fürst," sage ich leise, „aufstehen!" Er rührt sich nicht. Ich gebe ihm lwch einen Puff:
„Hoppla, Herr General, Exzellenz, es ist höchste Zeit!" Da fährt er auf und sieht sich mit runden Kulleraugen ganz verstört jMtt, mit einem Male will er den Mund aufmachen.
„Pst, pst," sage ich, „Herr Fürst Augustin Konstantin und so weiter, hier wird jetzt hübsch ruhig geblieben!" Na also, endlich hat .ec meine sanfte Ueberredung begriffen, nur daß .ich ihm immer mit Meinem Revolver ans seinen Bauch zielte. Er steht auf, und ich schiebe ihn vor mir her und sage nochmal:
„Mso, Herr Fürst, Exzellenz in ihrem.eigenen Interesse — ganz leise! Sonst könnte ich Ihren: hochwohlgeborenen Bauch eine königlich preußische Kugel geraten!"
Wir tappen nun leise die Treppe 'runter, ab und zu muß ich ihm einen kleinen .Stupps ins Genick geben, und wir landeni auch glücklich auf der Straße.
„Nun Trab, Exzellenz," sage ich, „das hält schön lvarm!" Wir laufen beide ein bißchen, ich immer mit der Pistole an seinein Kopf, und so machen wir Laufschritt, bis endlich unsere Feldwache auftaucht. Hier gibt es natürlich ein Riesen auf sehen, undi ich Muß mit meinem Fürsten gleich weiter zum Regiment. Der Oberst fällt auf den Rücken, wie wir ankommen, setzt mich mit dem Rnssengeneral in ein Auto, und ab gehts zum Oberkommando. Wer ist gerade da? Hindenburg — unser Hindenburg !
Mein Oberst meldet sich und .schleppt mich und meinen Gefangener: znm Feld-marschall. Hindenburg sitzt am Schreibtisch und läßt sich alles erzählen, dann sagt er zu mir:
„Wie heißt du?"
Mir zittern die Knie vor Aufregung, aber ich sage:
„Stibbeke, Exzellenz, Landwehcmann Stibbeke!"
„Stibbeke," sagt Hiirdenburg, „komm' mal mit in das andere Zimmer!"
Wir gehen nebenan in die Strebe, Hindenburg Macht die Tiir zu, legt die Arme über die Brust und sieht mich an. Ich stehej stramm', aber :nir wird ganz brenzlich zumute. Endlich legt Hindenburg los:
„Stibbeke," sagt er, „Mißt du, was du bist? — ein Hornochse bist du — verstanden?"
„Zu Befehl," sage ich ängstlich.
„Du DumMkopf," sagt Hindenburg weiter Und lvird wülerrd, daß ihm der lange Schnurrbart zittert, „wie kannst du dir erlauben, den Fürste:: Konstantin zu sangen? Was fällt dir ein, mir meine ganzen Kriegs Pläne kaputt zu machen?" Ich starre den Fel d marschall ganz entgeistert an.
„Mensch, Stibbeke/" ruft er, „verstehst du denn noch nicht? Solange der Fürst Konstantin da drüben kommandiert, nrachen die Kerle nichts wie Dummheiten, mrd ich kann sie ohne Mühe besiegen, wie ich will, — alles ging so schön und leicht — und jetzt kommst du Dumnikopf und fängst mir den Fürsten weg! Wenn es das Unglück will, kommt nun dort drüben ein tüchtiger General, ein gescheiter Kopf an die Spitze, und wir können uns wieder mehr plagen!"
Ach Gott, ach Gott, mir fiel das Herz in die feldgranei: Hose::! Da klopfte inich Hindenburg auf die Schulter:
„Na heule nicht, Stibbeke, "sagte er, „du bist eiu tapferer Kerl, aber Strafe für deine Tulumheit muß sein! Jetzt bringst du mir den Fürsten sofort wieder zu den Russen herüber!"
„Exzellenz!" sage ich ganz erschrocken. Da stiitzt Hrnderrbnrgi die Hände auf seinen Degen und reckt sich ganz groß auf und sagt:
„Stibbeke, Halts Maul! Der Fürst mutz wieder rüber, elw sie womöglich einen neuen General ernennen, da hilft nichts! — Acht ung — still gestanden! Kehrt — marsch!"
Was wollte ich machen? Stumm und stramm niachte ich kehrt, ging raus und nahm nreinen Fürsten wieder beim Wickel. Draußen stand sckiou der- Adjutant von Hirrdenbnrg mit Hindenburg^ eigenem Auto; und ab gings, auf die russischen Stellungen zu. Na —• um


