Der blaue fluker.
Roman von Elfriede Schal-.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
__ "Das war einer von den längst gewöhnten russischen Ueberfällen, Herr Baron. Die Mädel wachsen einem so sachte über den Kopf. Sie dürfen das den Rackers nicht böse anrechnen."
Der Freiherr v. Rothkirch lachte noch immer vor sich hin.
„Drei Mädel? Kein Stammhalter?"
„Doch! Nebrigens nur zwei. Die Dritte — es war die, die so artig war, sich zu entschuldigen — gehört zu einem fremden Nest, Schulkameradin meiner Ilse, Lotte Wölflin."
„Das war —"
Rothkirch zog die Augenbrauen zusammen und sah starr vor sich hin. Die Lippen aufeinander gepreßt, hob er energisch den Kopf.
„Ich möchte Ihren Kindern beileibe keine Freude verderben. Sie hatten doch wohl eins von den kleinen Anliegen."
„Die Mädel wollen partout heute nachmittag mit mir in die Große Kunstausstellung. Mir paßte das schlecht. Da sollte eben noch einmal ein Erpressungsversuch in corpore gemacht worden."
Da stand Rothkirch rasch auf.
„Sie erinnern mich an eine böse Unterlassungssünde, Prosessorchen. Da können Sie sich wieder mal ein Bild von so einem richtigen ostelbischen Kartoffelbauern machen. Haha — wie sagte der alte Bebel gestern im Reichstag? — „Geborene Kulturfeinde!" Stimmt, oller Knabe! Das habe ich ja total verschwitzt bei den unmenschlich vielen Frak- tions- und Kommissionssitzungen. Meine Damen setzen mich ja auf Wasser und Brot, wenn ich ihnen nicht einmal vom Bildermarkt am Lehrter Bahnhof ein Krümchen berichte. Sie haben schon so wenig von dem, was man Leben nennt. Nehmen Sie mir das nicht übel, Herr Professor, wenn ich Sie alle kurzerhand einlctde, heute nachmittag meine Gäste im Ausstellungspark zu sei,: — ohne Rücksicht auf Ihre kostbare Zeit."
Professor Ladenburg wiegte den Kopf.
„Ich bin so frei — unter einer Bedingung freilich, Herr Baron, daß Sie mich nicht mit in die Säle schleppen. Ich bleibe bei meinem Schoppen Münchener sitzen. Mein Ae liest er und der junge Wölflin sind sachverständig. Die werden Sie gerne fuhren."
„Das ist ja großartig. Also — sagen wir, um fünf Uhr? Wo treffen wir uns? — Nein, ich lasse Sie in meinem Wagen abholen. Ist Ihnen die Zeit recht?"
Als der Freiherr den roten Flurteppich hinunterstteg, trat ein frischer Glanz in die tiefen Augen. Eine träumerische Milde lag über seinem Gesicht, und in einein fort nickte der Kopf, als wollte er zu etwas seine Zustimmung geben.
Er ließ sein Auto, das unten hielt, langsam Nachkommen und ging dem Postamt zu, wo er eine Rohrpostkarte verlangte.
„Herrn Ministerialdirektor Freiherrn v. Rothkirch, Berlin, Unter den Linden 4. Lieber Lothar? Bin heute nachmittag in Gesellschaft Ladenburgs mit den beiden Wölflins zusammen. Reise morgen abend. Enoarte Dich morgen vormittag Kaiserhof. Alex."
In einer Nachschrift "fügte er bei: „Mir ist heute, als stehe ich vor einem Sonnenaufgang. Du wirst das verstehen."
Tief aufatmend warf er das Schreiben in den Schütz Über der roten Glasscheibe und fuhr nach seinem Hotel.
8. Kapitel.
Gerhard Ladenburg machte ein süßsaures Gesicht. Ihm war eÄ höchst unlieb, den Bärenführer bei einem „Banausen von Kohl und Korn" zu machen.
„Nur in deinen: Geschäftsinteresse, Papa. Sonst brächten mich keine zehn Pferde in das Leinwandmagazin!"
Erich Wölflin wollte zum Abend Nachkommen. Er hatte genug an den Ladenburgscheu Reißbrettern zu schaffen'und man wußte, daß er sich von seinem Pensum nichts abhandeln ließ. Aber die Mädchen waren aus dem Häuschen über den netten Onkel aus der Polackei, der ihrem strengen Papa so rasch den Kopf zurechtgesetzt hatte.
Neidlos winkte Erich den beiden Roth tückischen Automobilen nach, die pünktlich um fünf llhr davonrollteni Ilse grüßte noch einmal lachend mit dem roten Sonnenschirm hinauf.
„Süßes Diirg!" flüsterte Erich und warf sich auf die Arbeit. Er hatte es kaum bemerkt, daß die Frau Professor ihm auf dem Rauchtisch ein Fläschchen Aßmannshäuser zurechtgestellt hatte.
„Nun lassen Sie sich die Zeit nicht- lang werden. Ich gehe ein Stündchen hinaus zu Taute Matchen."
Er begleitete die elegante, bewegliche Frau, die ihn wie einen zweiten Sohn bemutterte, zur Tür.
Die Rothkirchschen Pläne, in die ihn sein Lehrer schnell eingeführt hatte, forderten sein vollstes Interesse heraus. Es lag in ihnen eine stürmische Großzügigkeit. Mit Sorgfalt trug er die gegebenen Maße in das Blatt ein, änderte, fing von neuem au und setzte plötzlich einen dicken Blaustist- strich in den Lageplan, an der Stelle, wo das alte Herren-, haus stand. Es war ihm in dem begrenzten Raum, den die umfangreichen Scheunen und Stallungen festlegten, im Wege. Er schob es in den riesigen, verschwenderisch bemessenen Park hinein und vergrößerte mit wenigen kühnen Strichen das Hobgebiet, daß ein vollkommen neues Siedelungsbild entstand.
„Nein — das geht dem Meister temt doch wohl über die Hutschnur! Zunick, Octavio!"
Resigniert hob er die Reißnägel heraus und spannte ein neues Blatt auf das Brett. Die erste SklM faltete er zusammen und steckte sie in die Brusttasche.


